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Jahrgang 2016 Nummer 21

Wöchentlicher Anschlag

Freiwillige Sanitätskolonne Traunstein oder: Die Stadt und ihre Turner

»Freiwillige Sanitätskolonne – Meldestelle bei Unfällen & plötzlichen Erkrankungen «, 1906 (Plakat Nr. 629); beige mit schwarzer Schrift, oben ein rotes Kreuz, Herausgeber: Freiwillige Sanitätskolonne Traunstein, Druck: Carl Werkmeister, Traunstein; 39 x 53 cm.
Die Halle des Männerturnvereins an der Güterhallenstraße 1904 (Architekturzeichnung). (Stadtarchiv Traunstein, PK 224 u. LB 101)
Die Halle des Männerturnvereins an der Güterhallenstraße 1957 (Luftaufnahme), im Bild oben rechts. (Stadtarchiv Traunstein, PK 224 u. LB 101)
»Gib – sonst können wir nicht mehr helfen«, 1949 (Plakat Nr. 2217); Rotkreuzhelferin mit Sammelbüchse, Herausgeber: Bayerisches Rotes Kreuz, Druck: Etiketten- und Plakatfabrik Augsburg, vorm. F. Burger; 41 x 59,5 cm, beschädigt.

»Der ergebenst Unterzeichnete gestattet sich, einen verehrlichen Stadt-Magistrat die ergebenste Anzeige zu machen, daß von hiesigen Männerturnverein eine Freiwillige Sanitäts-Kolonne gegründet wurde, zu welcher sich bereits 38 Mitglieder (35 aktive, 3 passive) gemeldet haben. Bei der am 14. currentis [des laufenden Monats] stattgefundenen Ausschusswahl wurden folgende Mitglieder in die Führung (Vorstandschaft) gewählt: Franz Xaver Renner, Südfrüchtenhändler [sic], als Kolonnenführer. Als Kolonnenführer-Stellvertreter und Abteilungsführer: Werkmeister Joseph, Hofphotograph. Kassier und Schriftführer: Weinmann Cassian jun. Material-Verwalter: Kroher Hans, Kaufmann. Sektionsführer: Blattl Martin, approbierter Bader; Schenk Michael, approbierter Bader; Muhr Georg, Zahntechniker. [...] Gleichzeitig gestattet sich die Kolonne, an den verehrlichen Stadt-Magistrat das ergebenste Ansuchen zu stellen, den Krankentransportwagen im städt. Feuerhaus am Maximiliansplatz unterbringen sowie an den städt. Telephonanrufstellen ein Plakat mit der Rufnummer anbringen zu dürfen.«(1)

Am 18. Mai 1906, fast auf den Tag genau vor 110 Jahren, hat dieses Schreiben, wie es damals so schön hieß, Bürgermeister und Magistrat »zur Kenntnis gedient«. Das Einstellen des Krankentransportwagens und die Bekanntgabe der Telefonnummer wurden genehmigt, ebenso die im Oktober nachgereichten Vereinsstatuten.(2) Was sollte man gegen ein derart ehrenvolles und wohltätiges Engagement auch einzuwenden haben, das noch dazu in Eugen Rosner einen honorigen und einflussreichen Gönner hatte?(3) Rosner finanzierte »in Unterstützung dieses Gedankens« den angesprochenen Krankenwagen aus seinem Privatvermögen unter der Bedingung, dass sich »die zu gründende Freiwillige Sanitätskolonne an den Kreisverband der Bayerischen Freiwilligen Sanitätskolonnen [anschließt] und einen selbstständigen eingetragenen Verein mit seinem Sitze in Traunstein bildet«.(4)

Schon drei Jahre später, am 6. Juni 1909, führten die Traunsteiner zusammen mit den Kolonnen aus Rosenheim und München eine großangelegte militärische Sanitätsübung anlässlich der bei ihnen abgehaltenen »IV. Versammlung der Führer und Ärzte der Freiwilligen Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz des Regierungsbezirks von Oberbayern« durch.(5) Die »allgemeine Anerkennung«, die ihnen durchweg ausgesprochen wurde, gipfelte in einem geradezu hymnischen Lob aus der Landeshauptstadt: »Darum, Du dem Ernste unserer Zeit wie in sonstigen neuzeitlichen Dingen so auch hier Rechnung getragen habendes, unvergleichlich[ es] Traunstein! Du bist um Deine tüchtige Sanitätskolonne [...] wahrlich zu beneiden – zu beneiden ganz besonders aber um Deinen kerndeutschen, hochsinnigen und edlen Mäzen dieser Sanitätskolonne, Herrn Rentier Rosner, sowie um ihre unermüdlichen, talentvollen Führer und Deine tüchtige, sachbegeisterte und darum so fähige Kolonnen-Mannschaft. Ehre ihnen allen und höchste Hochachtung vor Dir, Du hochsinniges, edles Traunstein!«(6)

Der militärische Hintergrund dieser Veranstaltung wird beim genauen Studium ihres Verlaufs mehr als deutlich, die herannahenden Kriegsereignisse warfen ihre Schatten voraus, und der damalige Sprachgebrauch ruft beim heutigen Leser eher zweifelndes Stirnrunzeln als Bewunderung hervor. Dennoch, und daran besteht kein Zweifel: Der Boden für eine erfolgreiche Entwicklung des Rot-Kreuz-Gedankens in Traunstein war bereitet.

Nicht übertragen lässt sich diese Feststellung jedoch auf den Männerturnverein. Er war am 3. November 1903, einem Dienstag, von 50 Mitgliedern ins Leben gerufen worden, sehr zum Missfallen der alteingesessenen Turner von 1864: »Nicht unsympathisch ist uns die Gründung eines zweiten Turnvereins im Allgemeinen, aber im Besonderen kann es uns nicht gleichgiltig sein, dieser Gründung mit den Händen im Schoße zuzusehen; verlangt doch die Vorstandschaft des neuen Vereins nichts Geringeres, als die Mitbenützung der [städtischen] Turnhalle, ein Zustand, der nach Lage der Umstände schon im Vornehinein als unhaltbar bezeichnet werden müßte. [...] Die in diesem Gesuche unter anderem enthaltene Begründung, es seien auf einen Schlag 50 Mitglieder des Turnvereins aus- und zum Männerturnverein übergetreten, rief in der abgehaltenen Turnratsitzung gerechte Entrüstung hervor, ist doch diese Behauptung – gelinde gesagt – eine offene Unwahrheit.« Tatsächlich waren es nicht einmal zehn Überläufer, von denen einigen »nach erhaltener Rüge wegen ungebührlichen Benehmens« der Austritt ohnehin nahegelegt worden war.(7)

Die »neuen Männer« erkannten rasch, dass gegen die im Bürgertum verankerten und zudem eng mit der lokalen Feuerwehr verbundenen »alten Turner« nicht anzukommen war. Die Reaktion der Vorstandschaft um den »Sprechwart« Clemens Rappolt bzw. seinen Nachfolger Carl Werkmeister war erstaunlich. Noch 1904 begann man mit dem Bau einer eigenen Turnhalle an der Güterhallenstraße, wenig später war sie bereits fertiggestellt. Der staunenden Konkurrenz gelang dieses Kunststück erst 1921 mit der Franz-Eyrich-Halle in der Au.

Wer hier den Beginn einer sportlichen Erfolgsstory wittert, liegt leider falsch. Genau so rasch, wie er aufgetaucht war, verschwand der Männerturnverein wieder. Ab 1907 schweigen die Akten. 1911 treten der Rechtsanwalt Georg von Heeg und der Brauereibesitzer Hans Steiner als Eigentümer der »ehemaligen Männerturnvereinshalle« auf; bis 1913 wird dort vorübergehend ein Kino betrieben. 1920 erwirbt Martin Zaunbos das Gebäude und erweitert es zu einer Maschinenhalle.(8) Es scheint, als hätten Werkmeister und seine Getreuen in der Sanitätskolonne ihre eigentliche Berufung gefunden; an einem »Sommeranturnen«, wie man es 1904 veranstaltet hatte, oder ähnlichen Aktivitäten, hatte man hingegen das Interesse verloren.

Dem Männerturnverein nun die Hauptrolle in der Geschichte des Traunsteiner Roten Kreuzes zu verleihen, wäre ein zweiter Fehler. Das Plakat der Rotkreuz-Helferin beim Sammeln von Spenden zeigt den wahren historischen Hintergrund, denn: »Ein Großteil der Arbeit des Roten Kreuzes wurde am Anfang vor allem von Frauen getragen.«(9) Und nicht anders war es bei uns, wo sich am 5. November 1880 »nach dem Vorgange anderer Städte [...] für die Distrikte Traunstein und Trostberg ein Frauenverein als Zweigverein des bayerischen Central-Frauenvereins gebildet« [hatte].(10)

Auch die aktuelle Homepage des Kreisverbandes verweist auf diesen Umstand und gibt überdies Auskunft über die Ursprünge der internationalen Rot-Kreuz-Bewegung: »Der Schweizer Henry Dunant fand sich vor 150 Jahren unerwartet inmitten eines Schlachtfeldes in Solferino [zehn Kilometer südlich des Gardasees] mit Tausenden von Toten und Verwundeten, um die sich niemand kümmerte. Dunant errichtete ein Behelfshospital in der Kirche des italienischen Dorfes und sorgte vor allem mit Hilfe vieler einheimischer Frauen und Kinder für die Sterbenden und Verletzten. Geprägt durch diese Eindrücke gründete er 1863 mit Mitstreitern in Genf das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Heute ist das Deutsche Rote Kreuz mit über fünf Millionen Mitgliedern eine der größten nichtstaatlichen Organisationen. In Landes- und Kreisverbänden, Ortsvereinen und Rotkreuz- Gemeinschaften sind 300 000 ehrenamtliche Helfer organisiert, wobei alle Strukturen sehr stark föderal und demokratisch geprägt sind. Angesteckt von den Ideen Henri Dunants gründete sich 1880 [...] in Traunstein ein Frauenzweigverein, der sich der Wohlfahrtspflege widmete.«(11)

Wie dominant die Rolle der Männer am Ende des 19. Jahrhunderts noch war, belegt allein die Tatsache, dass die Vorsteherin des Frauenzweigvereins, die Landgerichts-Präsidenten-Gattin Elise Mayr, bei der Auflistung des gewählten Komitees mit einer Ausnahme nicht den Namen der jeweiligen Frau, sondern deren Mann nennt. Es waren dies »die Frauen: Oberst von Brückner, Bezirksarzt Gessele, Brauerei- und Realitätenbesitzerin Huber(12), Landgerichts-Präsident Mayr, Kaufmann Rappolt, Oberamtsrichter Schaupp und Landgerichts-Direktor von Wening«. Damals ein alltäglicher Vorgang, den die Jugend von heute bestenfalls als »schräg« einordnen würde. Führt man sich vor Augen, dass bis 1957 Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemannes kein eigenes Konto eröffnen und erst seit 1977 ohne dessen Zustimmung aus freiem Entschluss einer Arbeit nachgehen durften, relativiert sich das Ganze.

Eine »etwas schräge« Besonderheit findet sich auch in der Biographie des Grafikers, der für das Bayerische Rote Kreuz 1949 das Sammelplakat gestaltet hatte. Anton M. »Koli« Kolnberger, am 21. Februar 1906 in Reisbach/Niederbayern geboren, 1940 bis 1945 Soldat, verstorben 1976, war sicher ein begabter Zeichner. Immerhin hatte er an der Technischen Hochschule, der Kunsthochschule und an der Universität München studiert, 1931 das Staatsexamen für das Zeichenlehramt abgelegt und danach einige Jahre am renommierten Wittelsbacher Gymnasium unterrichtet. Ab 1938 arbeitete er als freischaffender Künstler. Doch damit nicht genug, er trat auch als Autor in Erscheinung, aber nicht als Anwalt der schönen Künste oder mit einem Fachbuch für grafisches Gestalten. Stattdessen erschien 1948 sein Science- Fiction-Roman »Auf unbekanntem Stern« mit eigenen Zeichnungen; er wurde 1985 als Ullstein-Taschenbuch neu aufgelegt.(13)


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Schreiben v. 17.5. 1906, in: Stadtarchiv Traunstein, A 544/1-1.
(2) Protokoll der Magistratssitzung v. 18.5.1906.
(3) Zu Rosner vgl.: Traunstein - Bayerisches Graz in: Chiemgau-Blätter Nr. 3 v. 16.1.2016.
(4) Vertrag zwischen Rosner und dem Vorstand des Männerturnvereins Karl Werkmeister v. 12.5.1906, in: Stadtarchiv Traunstein, A 544/1-1.
(5) Stadtarchiv Traunstein, Zeitgeschichtliche Sammlung DOK 175, darin detaillierter Plan zur Übung.
(6) Traunsteiner Wochenblatt v. 10.6.1909, S. 1.
(7) Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-83: Gründung des Männerturnvereins, 1903-1907.
(8) Stadtarchiv Traunstein, A 602/1 Nr. 123: Bauakt Güterhallenstraße 2, 1907-1981. Nach 1945 war dort der Bauhof des Landkreises untergebracht. 2007 wurden die Gebäude abgerissen und das Areal mit dem Praxiszentrum an der Wasserburger Straße neu bebaut.
(9) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Rotes_Kreuz#Geschichte.
(10) Schreiben v. 27.11.1880, in: Stadtarchiv Traunstein, A 544/1-2/1.
(11) http://brk-traunstein.de/ueber-uns/serie-150-jahre-rotes-kreuz/ein-klassischesrotkreuz-gwachs-als-vorsitzender.html.
12) Walburga (»Wally«) Huber, Besitzerin des Höllbräus, war zu diesem Zeitpunkt bereits verwitwet.
13) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_M._Kolnberger.

 

21/2016