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Jahrgang 2016 Nummer 18

Wöchentlicher Anschlag

Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges

Plakat 1: »Achtung! Bevölkerung des Kreises Traunstein«, 1945 (Plakat Nr. 4814); rot mit schwarzer Schrift; 30 mal 44 cm, Nachdruck.
Plakat 2: »Traunstein wird übergeben«, 1945 (Plakat Nr. 4812); gelb mit schwarzer Schrift; 42 mal 30 cm.
Plakat 3: »Wird die Stadt Traunstein bei Feindbedrohung verteidigt oder nicht?«, 1945 (Plakat Nr. 4813); grün mit schwarzer Schrift; 44 mal 30 cm, Nachdruck.

Traunstein, Ende April 1945. Die Luftangriffe auf den Bahnhof am 18. und auf das Umspannwerk an der Wegscheid am 25. des Monats hatten über 100 Menschenleben gefordert. Nun mussten auch die Letzten den Ernst der Lage erkennen. Der Krieg war verloren, das Ende nur noch eine Frage von Tagen. Zurückflutende Truppenverbände und versprengte Einheiten prägten das tägliche Bild. Flüchtlinge, Evakuierte, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sowie mehr als 5000 verwundete Soldaten bevölkerten die Stadt.(1) Unsicherheit, Angst und zum Teil auch Verzweiflung hatten ihre Bewohner erfasst. Drei Plakate, kurz hintereinander angeschlagen, dokumentieren eine verworrene, (lebens-)bedrohliche Situation. Gerd Evers, den Lesern dieser Serie bereits hinlänglich bekannt, hat sie in seinem Standardwerk »Traunstein 1918 bis 1945« ausgezeichnet thematisiert. Ihn will der Verfasser daher hier ausschließlich zu Wort kommen lassen:(2)

Die entscheidende Frage bestand nun darin, ob Traunstein gegen die von Rosenheim her auf der Autobahn vorrückenden amerikanischen Truppen verteidigt werden oder zur offenen Stadt erklärt und kampflos übergeben werden sollte. Die Fliegerangriffe der letzten Wochen hatten zur Genüge verdeutlicht, welches Schicksal die Stadt bei einer Verteidigung und erneuten Bombardierung zu erwarten hatte, zumal in diesem Falle auch die Pläne zur Sprengung von Brücken und Straße bzw. Eisenbahnlinien in Kraft treten müssten. Vorgesehen waren nicht nur die Autobahnüberführungen bei Bergen und Siegsdorf, sondern auch innerhalb des Stadtgebietes insgesamt 14 Stege und Brücken, darunter auch der Eisenbahnviadukt.

Unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung zum nationalsozialistischen Staat waren in den letzten Monaten und Wochen viele Militärs und Zivilisten zu der Einsicht gekommen, dass der Krieg verloren war und weitere Opfer letztlich sinnlos sein mussten. Vielfach lassen sich daher auch die nun folgenden Handlungen der militärischen und politischen Kommandostellen unmittelbar aus der gegebenen Situation erklären. Verzögerung und hinhaltender Widerstand wurden eingesetzt, um die als widersinnig erkannten Befehle nicht zur Ausführung kommen zu lassen und zugleich auch nicht in offenen Konflikt mit dem Treueeid und den befehlshabenden Dienststellen zu geraten. Mit dieser Taktik verhinderte der Kommandeur des Grenadier-Ersatz-Bataillons Hauptmann Konrad Hirschmann zunächst die Sprengung der Autobahnbrücken. In ähnlicher Weise verfuhr der Standortluftschutzleiter Josef Michael Graf, der bis zuletzt die Auslösung des Feindalarms hinauszögerte. Auch der Stabsarzt Dr. Josef Gerner entzog durch Untauglichkeitsbescheinigungen und eigenmächtige Entlassungen kriegsfähiger Soldaten den Kampftruppen den entsprechenden Nachschub.

Gegenbeispiele aus dem Bereich der Wehrmacht zeigen einerseits den fanatisierten Offizier, der in verzweifelter und rücksichtsloser Einsatzbereitschaft zum Verteidigungskampf entschlossen war, eine Haltung, wie sie ein General(3) auf einer von Hauptmann Hirschmann beschriebenen Lagebesprechung am 1. Mai 1945 offenbarte, andererseits den militärischen Fachmann, der zwar die Sinnlosigkeit des Endkampfes erkannt hatte, aber nicht zu irgendwelchen Gegenmaßnahmen oder Ungehorsam bereit war. Der Ende April zum Kampf-Kommandanten von Traunstein ernannte General Konrad Barde dürfte dieser Gruppe zuzurechnen sein. Denn nach den vorliegenden Berichten traf er zwar alle Vorbereitungen zur Verteidigung der Stadt, hoffte dabei aber, dass es zu keinen Kampfhandlungen kommen werde.

In der Zwischenzeit war von außen her der erste Anstoß zur Entscheidung und zum Widerstand erfolgt. Am 28. April 1945 verkündete der Führer der Freiheitsaktion Bayern, Hauptmann Dr. Rupprecht Gerngroß, über den Sender Erding die Befreiung Münchens von der nationalsozialistischen Herrschaft und setzte damit ein Zeichen zum Aufstand gegen die Fortführung des Krieges und gegen die Politik der verbrannten Erde (Plakat 1). Der Aufruf führte zwar in Penzberg und Altötting zur Verhaftung der führenden Nationalsozialisten, doch in den meisten oberbayerischen Städten und Kreisen blieb er – abgesehen von der Erregung in der Öffentlichkeit – ohne unmittelbare Wirkung, weil einerseits die Nachrichtenverbindungen weitgehend zerstört waren, andererseits der Aufstand der Freiheitsaktion sehr schnell niedergeschlagen wurde.

Sicher war es den oppositionellen Kräften in den oberbayerischen Provinzstädten nur schwer möglich, sich ein genaues Bild von den Ereignissen in München zu machen, doch lässt sich gerade aus ihrem zögernden Verhalten am 28. April 1945 mit einiger Sicherheit schließen, dass es entgegen einem anderslautenden Bericht keine fest organisierte Widerstandsgruppe in Traunstein gab, die »ungeduldig auf das Zeichen zum Losschlagen« wartete.(4) Für die Existenz einer solchen Gruppe gibt es außer den – in Teilen zudem widersprüchlichen – Aussagen der beteiligten Personen keine gesicherten Belege. Die Protestkundgebungen gegen die Inhaftierung des katholischen Stadtpfarrers Joseph Stelzle(5) und die Entfernung der Kreuze aus den Schulen(6) haben einen allgemein religiösen Hintergrund und sind nur bedingt als politische Widerstandsaktionen zu werten. Es ist denkbar, dass sich im Rückblick die heimliche Kritik an den bestehenden Verhältnissen innerhalb eines begrenzten Personenkreises zu konspirativer Entschlossenheit und organisatorischem Zusammenhalt verdichtete.

Unbestritten bleibt dennoch, dass in den nachfolgenden Tagen von einzelnen Traunsteiner Bürgern unter erheblichem persönlichen Risiko der energische Versuch gemacht wurde, auf die Entscheidung zugunsten einer kampflosen Übergabe der Stadt Einfluss zu nehmen. Am 30. April 1945 versuchten der Rechtsanwalt Dr. Karl Merkenschlager und der Oberzahlmeister Dr. Kuttner Kreisleiter Josef Wallner(7) zu überreden, sein Amt niederzulegen und die einstweilige Leitung der Geschäfte Merkenschlager zu übertragen. Obwohl auch noch der Bataillonsführer zu den Verhandlungen hinzugezogen wurde, konnte Wallner sich nicht zu einer abschließenden Entscheidung durchringen. Er erklärte sich aber mit der Veröffentlichung eines Plakatanschlags einverstanden, der die kampflose Übergabe der Stadt ankündigen und die Bevölkerung zur Ruhe auffordern sollte (Plakat 2). Zur gleichen Zeit wurde auch Bürgermeister Georg Seufert von diesem Vorhaben in Kenntnis gesetzt, der seine Unterstützung zusagte. Das von Karl Merkenschlager und Forstdirektor Dr. Otto Geiß unterzeichnete und in der Druckerei Miller hergestellte Plakat wurde noch am gleichen Tag ausgehängt. Damit war der erste öffentliche Eingriff in die Entscheidungsgewalt der Partei und der Wehrmacht vollzogen. Das Gegenplakat des Standortkommandos »Wird die Stadt Traunstein bei Feindbedrohung verteidigt oder nicht?« (Plakat 3) brachte weder Klarheit noch eine Beruhigung der Situation, sondern steigerte, ebenso wie die kurzfristige Bewaffnung der Hitlerjugend, die Erregung in der Bevölkerung.

Schließlich versammelten sich am Abend des 1. Mai vor dem Rathaus Hunderte von Traunsteiner Frauen, die für eine kampflose Übergabe der Stadt demonstrierten und in Sprechchören riefen: »Wir wollen, dass die Stadt nicht verteidigt wird.« Nahezu zeitgleich erschien in Traunstein ein aus drei Offizieren gebildetes Armee-Feldgericht, das die Hintergründe des Plakatanschlags untersuchen sollte und ein Hochverratsverfahren gegen die Unterzeichner einleitete. Offensichtlich bewahrten die Zeugenaussagen des Oberstaatsanwaltes Dr. Karl Weidinger und des Volksgerichtsrats Dr. Karl Müller die Angeklagten vor sofortigen Strafmaßnahmen. Eine weitere Verfolgung unterblieb, da sich das Feldgericht schon am nächsten Tag aus Traunstein abgesetzt hatte. Auch das Bataillon wurde auf Befehl des Heereskommandos am 2. Mai größtenteils entlassen; der Resttrupp wurde in Richtung Alpen in Marsch gesetzt, sodass Traunstein am 3. Mai von Kampftruppen vollständig entblößt war. An diesem Tag wurden schließlich die vorbereiteten Sprengladungen entfernt.(8) Die Übergabe der Stadt an die einmarschierenden Amerikaner konnte ohne Blutvergießen erfolgen.(9)


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Fritz Stahl: Vor 70 Jahren - Kriegsende in Traunstein. Vortrag bei der Gedenkfeier im Rathaussaal am 6. Mai 2015 (unveröffentlichtes Manuskript, abrufbar unter: http://www.vdk.de/ov-traunstein/ID164848).
(2) Gerd Evers: Traunstein 1918-1945. Ein Beitrag zur politischen Geschichte der Stadt und des Landkreises Traunstein, Grabenstätt 1991 (Neuauflage 2003), S. 132-135. Die Passage wird im vorliegenden Beitrag, etwas gekürzt, formal leicht überarbeitet und mit Anmerkungen versehen, ansonsten wörtlich wiedergegeben.
(3) Den Namen erwähnt Hauptmann Hirschmann nicht.
(4) Karl Merkenschlager (und andere): Damit Traunstein nicht verteidigt wird, in: Chiemgau-Blätter Nr. 18 v. 3. 5. 1975, S. 1-4.
(5) Moritz Metze: Joseph Stelzle. Ein Leben zwischen Pfarralltag und Schutzhaft (Schülerfacharbeit), Traunstein 2008 (Stadtarchiv Traunstein, WA 136).
(6) Karl Nedwed: Vom Kruzifixerlass zum Schulstreik. Im Jahre 1941 sollten alle Kreuze aus den Schulklassen entfernt werden, in: Chiemgau-Blätter Nr. 21 u. 22 v. 26. 5. u. 2. 6. 2012, jew. S. 1-5.
(7) Josef Wallner (1904-1981), Schlosser, 1937-1942 Bürgermeister von Ruhpolding, 1940 zunächst kommissarisch und ab 1943 endgültig NS-Kreisleiter als Nachfolger von Dr. Anton Endrös.
(8) Oswald Schlager: Dynamit unter Traunsteins Brücken, in: Chiemgau-Blätter Nr. 47 vom 25. 11. 1950, Seite 1-3.
(9) Oberst Hans Brendel, vormals Kommandant des Grenadier-Ersatz- Bataillons 387, und General Konrad Barde, seit dem 26. April Standortbereichsführer von Traunstein, nahmen sich daraufhin am 3. bzw. 4. Mai in ihrer Dienststelle im Kernschloss das Leben.

 

18/2016