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Jahrgang 2016 Nummer 17

Wöchentlicher Anschlag

»Gold zerschlägt Eisen«

»Gold zerschlägt Eisen«, 1914-1918 (Plakat Nr. 6225); beige, Schrift blau, oben farbige Allegorie, gedruckt bei E. Nister, Nürnberg; 88 x 118 cm, leicht beschädigt.
Motiv der von Professor Arthur Kampf, Direktor der königlichen Akademie der Künste in Berlin, gestalteten Urkunde, mit der freiwillige Spender belobigt, Unwillige hingegen öffentlich gebrandmarkt werden sollten. (Stadtarchiv Traunstein, Anlage zu A 830/1)

April 1916: Seit knapp zwei Jahren tobt der I. Weltkrieg, geschuldet einer verantwortungslosen Politik von »Schlafwandlern«.(1) Am 22. Februar hatte der deutsche Angriff auf Verdun begonnen. 700 000 Soldaten ließen in den nächsten vier Monaten auf beiden Seiten ihr Leben, an der Situation änderte sich so gut wie nichts. Im Osten startete die Armee des Zaren eine Reihe von Offensiven. Weit über eine Million gefallene Russen waren am Ende des Jahres das einzig zählbare Ergebnis, militärische Erfolge blieben auch hier aus. Die Fronten waren festgefahren. In der Heimat, egal in welcher, waren Verlustmeldungen an der Tagesordnung, die Angehörige und Freunde in tiefe Trauer versetzten. Längst schon war auch bei uns die anfängliche Euphorie, sollte sie überhaupt vorhanden gewesen sein, in Ernüchterung, ja Betroffenheit und Angst umgeschlagen.

In diesen historischen Kontext muss man das vorliegende Plakat des Stadtarchivs einordnen, das 1916 sicher auch in Traunsteins Straßen zu sehen war. Auf den ersten Blick kann man mit ihm wenig bis gar nichts anfangen, weder mit dem Bild noch mit dem Text. Aufklärung schafft das Bayerische Armeemuseum in Ingolstadt, wo ein identisches Exemplar in der sehenswerten Dauerausstellung »Der Erste Weltkrieg« im Reduit Tilly gezeigt und auf der Internetpräsentation unter »Sammlungen – Ausgewählte Objekte – Gemälde und Grafiken« beschrieben und erklärt wird.

»Auf dem Plakat hat ein goldener Hammer, dessen Stiel in den damaligen deutschen Nationalfarben gehalten ist, die eiserne Kette gesprengt, mit der eine weibliche Allegorie des Friedens gefesselt war. Sie selbst ist goldfarben dargestellt und kann jetzt enteilen, um die goldene Friedenspalme zu überreichen, die sie in der Hand hält.

Das internationale Währungssystem der Zeit vor 1914 beruhte auf dem Goldstandard: Die Zentralbanken waren verpflichtet, Banknoten auf Verlangen in physisches Gold umzutauschen. Die Notenbanken mussten beträchtliche Goldreserven halten, um ihrer Einlösungspflicht Glaubwürdigkeit zu verleihen. Das bedeutete allerdings nicht, dass die umlaufende Geldmenge den Wert des Notenbankgoldes nicht überschreiten durfte. 1914 genügte es, wenn der Goldvorrat ein Drittel der umlaufenden Geldmenge deckte. In Krisenzeiten vertrauen die meisten Menschen mehr dem physischen Gold als dem auf Papier gedruckten staatlichen Versprechen, dieses gegebenenfalls in Gold einzutauschen. Deshalb kam es in Deutschland schon in den Tagen vor der Mobilmachung (1. August 1914), als sich die Zuspitzung der politischen Krise bereits abzeichnete, zu massiven Goldabhebungen. Um einem weiteren Schwund der Goldreserven vorzubeugen, wurde bei Kriegsausbruch der Umtausch von Geldnoten in Gold eingestellt, und das nicht nur in den kriegführenden Staaten, sondern auch in mehreren neutralen Ländern. Trotzdem versuchten die kriegführenden Staaten an der Fiktion eines Goldstandards festzuhalten. Der Krieg galt ja nur als vorübergehende Unterbrechung des normalen Wirtschaftslebens. Außerdem war es aus psychologischen Gründen wichtig, den Anschein einer starken Währung aufrecht zu erhalten, um deren Außenkurs zu stabilisieren.

Ein wirklicher Ausgleich der ungeheuren Geldmengenvermehrung, die der Krieg erzwang, war unmöglich. Um die Drittelparität wenigstens formal aufrecht zu erhalten, wurden bestimmte Schuldpapiere des Reichs als dem Gold gleichwertig und somit deckungsfähig erklärt. Die Reichsbank bemühte sich weiterhin, ihre Goldvorräte zu erhöhen. Die größte Goldmine, die es auszubeuten galt, war der private Goldbesitz im Inland. Öffentliche Appelle an den Patriotismus veranlassten viele Bürger, dem Staat ihr Münzgold, Schmuck und Uhrenketten etc. gegen Papiergeld zu verkaufen. Dennoch hielten es viele für klüger, ihr Gold zu behalten. Neben Papiergeld gab es für die Überlasser Ersatzstücke aus Eisen mit patriotischen Aufschriften, die über den Verlust hinwegtrösten sollten.«(2)

Die örtliche »Goldankaufshilfsstelle « befand sich im Gebäude der Realschule an der Marienstraße. Wie erfolgreich diese tatsächlich arbeitete, darüber gibt der entsprechende Akt(3) leider keine Auskunft. Es findet sich lediglich ein Randvermerk, wonach für Goldwert 10 286 Mark, für Silberwert 201, insgesamt also 10 487 Mark, vereinnahmt und der Hauptstelle bei der Vereinsbank in München zugeführt wurden, allerdings ohne eine Angabe über den Zeitraum, der dieser Abrechnung zu Grunde lag. Insgesamt waren »die täglichen Einlieferungen von Goldmünzen bei den Reichsbankanstalten [...] nicht voll befriedigend. [...] Das Reichsbankdirektorium regt[e] deshalb an, bei den Gemeindebehörden, namentlich in den ländlichen Gemeinden und den kleineren Städten, Urkunden nach dem anliegenden Entwurf aufzulegen und durch sämtliche Haushaltungsvorstände der Gemeinde unterzeichnen zu lassen. Die Haushaltungsvorstände hätten hiernach in feierlicher Form zu versichern, daß sie Goldmünzen nicht mehr im Besitz haben. Die Reichsbank glaubt, dass, wenn diese Urkunden mit den jeweils gesammelten Unterschriften an den zum Aushang amtlicher Bekanntmachungen benutzten Stellen ausgehängt werden, die noch Widerstrebenden sich den dadurch auf sie ausgeübten Druck schwerlich werden entziehen können. Dieser Druck ließe sich nach Ansicht der Reichsbank durch die Bestimmung verstärken, daß nach Ablauf einer angemessenen Frist diejenigen Haushaltungsvorstände, die ihre Unterschrift endgültig verweigern, unter einem entsprechenden Hinweis von amtswegen in der Urkunde vermerkt werden.«

Nennung der edlen Spender bzw. Bloßstellung der Unwilligen: Es scheint, dass diese Maßnahme in Traunstein nicht zur Anwendung kam.(4) Im Gegensatz dazu griff das Plakat den allgemein stark gewachsenen Wunsch nach Frieden auf. Mit der Ablieferung seiner Wertsachen leistet jeder Einzelne, so die suggestive Botschaft, einen wichtigen Beitrag, um den Krieg baldmöglichst zu beenden. Tatsache ist: Wer seiner vaterländischen Pflicht, gleich, ob aus freien Stücken oder unter gesellschaftlichem Zwang, nachgekommen ist, hat sein Gold niemals wiedergesehen. Dennoch hätten viele, denen das sinnlose Völkermorden zwar keine materiellen Werte, dafür aber einen oder mehrere nahestehende Menschen genommen hatte, nur allzu gerne mit jedem von ihnen getauscht.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013.
(2) https://www.armeemuseum.de/de/sammlungen/ausgewaehlte-objekte/gemaelde-und-grafiken/61-sammlungen/objekte-des-monats/754-objekt-plakatgold.html.
(3) Stadtarchiv Traunstein, Akten 1870-1972, A 830/1: Goldankauf durch die Reichsbank, hier Goldankaufshilfsstelle Traunstein 1916-1917. Das folgende Kapitel basiert auf diese Quelle.
(4) Die abgebildete, dem vorzitierten Akt als Anlage beigegebene Urkunde wurde nicht verwendet; Hinweise auf Nachbestellungen bei der Reichsdruckerei in Berlin finden sich nicht.

 

17/2016