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Jahrgang 2016 Nummer 13

Wöchentlicher Anschlag

Ein »Kunst«-Plakat für den Georgiritt

»Georgi-Ritt Traunstein Ob[er]b[ayern]«, 1913 (Plakat Nr. 1413); beige mit schwarzer Schrift, oben Linolschnitt, Farben Blau, Grau und Grün, gedruckt bei Buchdruckerei Leopoldseder, Traunstein; 48 mal 66 cm, beschädigt.
Exlibris des Historischen Vereins für den Chiemgau, um 1910. (Original Heimathaus Traunstein)
Postkarte, gestaltet von Adolf Kunst, mit rückseitigem Text (Bild unten), 1916. (Stadtarchiv Traunstein, DOK 55).
Rückseitiger Text der Postkarte.

Am 17. Dezember 1891 hatten der Stadtpfarrmesner Oswald Fürst, maßgeblich unterstützt von seinem Bruder, dem Kunstmaler und Heimatforscher Max Fürst(1), den St. Georgs-Verein gegründet. Sein satzungsgemäßer Zweck war und ist es, »den von Alters her am Ostermontag jeden Jahres abzuhaltenden [...] neu arrangierten Wallfahrtsritt nach Ettendorf, Georgi- Ritt genannt, zu erhalten und dafür zu sorgen, dass derselbe stets in feierlicher und würdiger Weise stattfinden kann«. Die Gründerväter bezogen sich auf einen für das Jahr 1785 verbürgten Hinweis, wonach zu Ettendorf der gewöhnliche Ritt und ein von den Bauern bezahltes Amt stattgefunden hatten, und auf den Eintrag in einer Rechnung der dortigen Kirche St. Veit und Anna, dass man 1762 am Ostermontag die Pferdt zu gesegnen hiehero gebracht hatte. 27 Idealisten organisierten 1892 »in dekorativer Beziehung deutlich verschönerter Weise« einen Umritt, an dem bei »etwas derber, kühler Temperatur« immerhin 176 Pferde teilnahmen.(2)

Das Interesse der Bevölkerung und die Zahl der Teilnehmer stiegen rasch an. Der Traunsteiner Georgiritt machte sich auf den Weg, zu dem zu werden, was er heute ist: Ein, wenn nicht der Festtag des Chiemgaus mit Tausenden von Zuschauern aus nah und fern und einer Rekordzahl von 480 Pferden (2011). Um das zu erreichen, war »geschicktes Marketing« erforderlich. Und hier waren die Verantwortlichen schon in den ersten Jahren nicht untätig. Die Redaktionen der lokalen Zeitungen wurden zu umfangreicher Berichterstattung ermuntert, Reklamemarken in mehreren Serien aufgelegt, eine Publikation erarbeitet(3) – und natürlich durfte auch ein Plakat nicht fehlen. Lesen wir dazu ein wenig im Traunsteiner Wochenblatt vom 22. März 1913:

»Zu dem heurigen Georgi-Ritt hat Herr Regierungsbaumeister Arch[itekt] Adolf Kunst, Professor an der Münchner Bauschule, ein künstlerisch hervorragendes Plakat entworfen, gezeichnet und in Linoleum geschnitten. Dasselbe zeigt uns in lieblichen Frühlingsfarben das Ettendorfer Kirchlein, hinter dem sich in wuchtiger Darstellung die gigantischen Bergeshäupter erheben. Der nordwärts hinter der Kirche stehende Beschauer nimmt [...] einen am Hügelrande stehenden Standartenreiter wahr. Dieses farbenfrohe Stimmungsbild umschließt ein auf sattes Grau abgestimmter Rahmen, der neben Schriftfeldern [...] St. Georg und St. Leonhard in mittelalterlicher Darstellung zeigt. Dem St. Georgs-Verein, dem Herr Kunst, der sich bereits als feinsinniger Künstler auf dem Gebiete des Linoleum- Schnittes (insbesondere Exlibris) einen guten Namen geschaffen hat, diese wertvolle Schöpfung als Geschenk überließ, wird dieses sein neues Wahrzeichen – als Willkommensgruß an unsere auswärtigen Festgäste in des Chiemgaus näherer und fernerer Umgebung – alljährlich in der Woche vorm Georgi-Ritt mit Stolz zum Anschlag und Aushang bringen.«

Es stimmt, dass unser gezeigtes Plakat über einen langen Zeitraum in Verwendung blieb.(4) Richtig ist auch, dass der Münchner Architekt Adolf Kunst (1882 - 1937) sich im Jahre 1913 anschickte, zu einem weithin anerkannten Gebrauchsgrafiker aufzusteigen. »Kunst rechnet man den Landschaftern zu. Insbesondere seine alpinen Motive werden bis heute geschätzt. Geschaffen hat er mehr als 400 Exlibris und seine bevorzugte Technik war die Radierung. Holz- und Linolschnitte hat er aber ebenso verfertigt wie wenige, dafür wunderhübsche Farblithographien. Bekannt ist er zudem für seine humorigen Remarquen [= Anmerkungen] in den Vorzugsdrucken, die ihn fast auf eine Stufe mit den Meistern des Genres, Héroux und Winkler, stellen.«(5)

Was aber hat einen jungen, aufstrebenden Münchner Künstler dazu bewogen, dem Traunsteiner St. Georgs-Verein ein hochwertiges Plakat zu schenken? Diese Frage führt uns zu Josef Angerer (1882 - 1918). Sein Name ist dem geschichtsbewussten Traunsteiner nach wie vor geläufig, war er es doch, dem man das Heimathaus in den Räumlichkeiten der Gastwirtschaft »Zum Ziegler« am Stadtplatz, seinem Geburtshaus, verdankt. 1919 legte die auf seinen Wunsch hin erfolgte Schenkung nicht nur den Grundstein für das heutige Museum, sie sicherte der Stadt auch ein bauliches Wahrzeichen von bleibendem Wert.(6) Angerer hatte von 1902 bis 1906 in München an der Technischen Hochschule Architektur studiert, zusammen mit Kunst und einer Reihe weiterer grafisch überaus talentierten Kommilitonen.(7) Die so entstandenen freundschaftlichen Verbindungen ließ er nie abreißen und pflegte sie auch nach der Rückkehr in seine Vaterstadt intensiv. In den wenigen Jahren ab 1909, die ihm in seinem allzu kurzen Leben noch verblieben und in denen er sich mit Leib und Seele für eine Vielzahl kultureller und gesellschaftlicher Projekte ehrenamtlich engagierte, war ihm dieser Kreis oftmals mit »grafischen Freundschaftsdiensten« behilflich. So kommt es, dass bei genauerem Hinsehen zahlreiche Traunstein-Darstellungen dem Architektenzirkel um Josef Angerer zugeschrieben werden können.(8) Am bedeutendsten unter ihnen war wohl Adolf Kunst. Seine Freundschaft manifestiert sich in einigen bemerkenswerten Arbeiten, darunter auch ein Exlibris für den »Historischen Verein für den Chiemgau«, Angerers Lieblingskind, wie man mit Fug und Recht behaupten darf. Und auch der Georgiverein erhielt sein »Kunst«-Plakat.

Gewiss, no jokes with or about names – über Namen macht man sich nicht lustig, ein ungeschriebenes Gesetz, nicht nur für Journalisten. Und der Autor hätte sich auch niemals getraut, sich dieses allzu platten Wortspiels zu bedienen, hätte es der Namensführende vor fast genau 100 Jahren nicht selbst getan, auf einer von ihm gestalteten Postkarte(9), adressiert an Josef Angerer, abgestempelt am 26. Juli 1916: »Meine Karte von Schöngeising(10) wirst Du erhalten haben. Anbei mein neues Kunst-[unterstrichen] Werk. Dein Adolf Kunst.«


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Max Fürst, geboren am 15.11.1846 in Traunstein, verstorben am 30.8.1917 in München, Kunst- und Historienmaler, Heimatschriftsteller, Mitbegründer und Ehrenmitglied des St.-Georg-Vereins, Ehrenbürger der Stadt Traunstein. Seit 2002 verleiht der Historische Verein einen nach ihm benannten Preis an Persönlichkeiten, die sich um die regionale Kultur und Geschichte verdient gemacht haben.
(2) Traunsteiner Wochenblatt v. 19.4.1892, S. 2.
(3) Georg Schierghofer: Der Oster- oder Georgiritt in Traunstein, Traunstein 1911.
(4) In der Sammlung des Stadtarchivs findet sich ein weiteres Exemplar aus dem Jahr 1926 mit dem »Fest-Programm für das 400-jährige Lindlbrunnen-Jubiläum in Traunstein« (Plakat Nr. 860).
(5) Siehe http://www.antiquariat-rieger.de/EXL-KUENSTLER/exl-Kue-Kunst.html. Bruno Heroux (1868-1944), deutscher Maler, Grafiker, Schrift- und Exlibriskünstler; Edouard Winkler (1884-1978), deutscher Maler, Zeichner und Grafiker.
(6) Franz Haselbeck: Vom Wirtshaus zum Museum. Die Geschichte des »Zieglerwirtshauses« und seiner Besitzer, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 1990, S. 3-20.
(7) Paul Neu (1881-1940) kann als weiteres Beispiel für einen Studienfreund Angerers genannt werden, von dem sich Traunstein-Grafiken erhalten haben und der ein anerkannter »bayerischer Künstler, Gestalter und Illustrator« wurde; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Neu.
(8) Siehe hierzu: Franz Haselbeck, Das grafische Werk des Münchner Architekten Klemens Thomas (1884-1914). Bemerkenswerte Zeugnisse der Traunsteiner Stadtgeschichte an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg, in: Oberbayerisches Archiv 139/2015, S. 146-221.
(9) Das »Bulgarische Rote Kreuz Amberg« war eine im Verlauf des I. Weltkriegs für wohltätige Zwecke benagelte Figur; vgl. Franz Haselbeck: Der »Eherne Wehrschild« der Stadt Traunstein. Das Benageln von Kriegswahrzeichen – ein heute nahezu unbekanntes Massenphänomen, in: Chiemgau-Blätter 2014, Nr. 22 u. 23.
(10) Sie zeigt ein Aquarell der Kirche von Schöngeising, Lkr. Fürstenfeldbruck; vgl. https://www.postales24.de/ww33553-schoengeising-kuenstlera-kunst-p-12510-34.html.

 

13/2016