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Jahrgang 2016 Nummer 12

Wöchentlicher Anschlag

Stadt-Theater in Traunstein

»Faust und Gretchen«, 1886 (Plakat Nr. 646); beige mit schwarzer Schrift, gedruckt bei A. Miller u. Sohn, Traunstein; 24 mal 37 cm, auf der Vorderseite mit Kritzeleien verunstaltet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte das Theater in Traunstein Konjunktur. Ein erster, noch zaghafter Anhaltspunkt für diese Behauptung findet sich in einem Vereinsakt, der die Gründung einer Gesellschaft namens »Räuber« 1879 dokumentiert. Sie wurde zwei Jahre später in – nomen ist omen – »Frohsinn« umbenannt. Man beabsichtigte, sich »durch wöchentliche Zusammenkünfte [...], Gesang, deklamatorische Vorträge und heiteres Spiel [...] zu unterhalten und aus den eingehenden Beiträgen besondere Unterhaltungen zu veranstalten«. Zu diesem Zweck riefen die Mitglieder wenig später »ein Gesellschaftstheater gleich der hiesigen Liedertafel« ins Leben. »Als Lokal zur Abhaltung der Vorstellungen wurde von Herrn Prantl, Bierbrauer dahier,(1) dessen Saal gemiethet.« Über den Erfolg der »frohsinnigen Bemühungen« schweigen sich die Quellen aus.(2) Fakt aber ist: Das Interesse war vorhanden und es wurde schon bald mehr als befriedigt.

Verantwortlich dafür war das »Stadt-Theater Traunstein«. Leider gibt es zu seiner Entstehung weder eine historische Abhandlung noch aussagekräftige Unterlagen.(3) Allerdings spricht allein schon die Tatsache Bände, dass sich im Zeitraum von 1885 bis 1895 allein 55 Plakate nach dem Muster des hier gezeigten in der städtischen Sammlung finden. Und dies ist mit Sicherheit nur ein Bruchteil der tatsächlich gedruckten »Theaterzettel«. Denn im Verlauf der Saison – von Oktober bis April – wurde im Traunsteiner Wochenblatt, wie wir gleich sehen werden, alle paar Tage über das Theater berichtet. Kaum war eine Vorstellung gelaufen, schon wurde die nächste angekündigt. Diese rasche zeitliche Aufeinanderfolge überrascht aus heutiger Sicht ungemein. Doch halten wir uns vor Augen: Das Kino hielt erst um 1910 hier Einzug,(4) die Geburtsstunden von Hörfunk (1923) und Fernsehen (1935 bzw. 1952) lagen noch in weiterer Ferne. Demgegenüber stand eine bürgerliche Gesellschaft, die in einer Phase der politischen Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs auch in der Provinz ein angemessenes Kulturprogramm erwartete. Öffentliche Vorstellungen waren die einzige Möglichkeit, sich diesen Wunsch zu erfüllen.

Gespielt wurde im Saal »Zum Löwen«(5) sowie im Höllbräu-Keller(6). Es ist an dieser Stelle nicht der Ort, sich ausführlich mit dem Theater, dessen Ensemble, dem Programm und seinen verschiedenen Aufführungen zu befassen. Das kann und sollte zu gegebener Zeit an anderer Stelle geschehen. Werfen wir stattdessen einen kurzen Blick auf die Saison vor 130 Jahren und lassen dazu einige Ankündigungen und Kritiken in der örtlichen Presse Revue passieren.(7)

Dienstag, 16. März: »Das am Sonntag aufgeführte Drama Der Glöckner von Notre Dame(8) konnte dießmal bei gedrängt vollem Haus zur Aufführung gebracht werden. Nicht nur Hr. Direktor Moosbauer (als Glöckner) und Frl. Wagner (als Esmeralda), sondern alle Darstellenden boten alle Kräfte auf, ihre Rollen mit Verständniß durchzuführen und wurden mit Beifall belohnt. Man merkte sichtlich, welche Wirkung ein volles Haus hervorzubringen vermag. – Heute Dienstag zum Benefiz für Herrn Direktor Moosbauer Faust und Gretchen, Tragödie in 5 Akten von Goethe. Hr. Moosbauer verdient kräftige Unterstützung, möge ihm ein volles Haus werden!« Donnerstag, 18. März: »Die [...] Benefiz-Vorstellung für Hr. Direktor Moosbauer war nicht so vollzählig besucht, wie man erwartete. Wir glauben, daß wohl die Wahl des Stückes Ursache gewesen sein mag. War man auch überzeugt, daß die Gesellschaft stets bestrebt ist, fast Unglaubliches zu leisten, so war denn doch dieses Stück für eine kleine Bühne zu großartig angelegt. Aus der Dichtung war fast nichts gestrichen, und so dauerte die Aufführung volle 4 Stunden, was auch nicht Jedermanns Geschmack ist. Herr Wagner als Faust war unübertrefflich, meisterhaft in allen seinen Handlungen, nur sprach er etwas zu schnell, man konnte seinen Worten kaum folgen. Herr Direktor Moosbauer (Mephisto), Herr Sparr (Famulus), Frau Direktor Moosbauer (Gretchen) waren wie gewöhnlich in ihren Leistungen ausgezeichnet, wie sich ebenso die untergeordneten Rollen dem Ganzen anpassten. – Auf allgemeines Verlangen [folgt am] Freitag der Geigenmacher von Mittenwald, Charakterbild aus dem bayer. Oberland in 3 Akten. Da Volksstücke und Possen viel beliebter sind als andere, so hofft man auf ein volles Haus.«

Samstag, 20. März: »Der Geigenmacher von Mittenwald – das gestrige Stück – erzielte auch zum Zweitenmale ein gut besuchtes Haus. Solche Volksstücke vermögen immer eine stärkere Zugkraft zu üben, als selbst die besten anderen Stücke. Die Hauptrollen waren durchweg in guten Händen und wurden trefflich durchgeführt.« Dienstag, 23. März: »Heute [...] findet das Benefiz für Herrn und Frau Hauch statt. Da sich dieselben stets als fleißige, tüchtige Mitglieder bewährten, so zweifeln wir nicht, daß an diesem Abend ein gut besuchtes Haus die Benefizianten erfreuen wird. Ein gutes Benefiz ist eine Lebensfrage für den Schauspieler, und besonders in der diesjährigen Saison, wo durch die vielen Faschingsveranstaltungen der Theaterbesuch so sehr beeinträchtigt wurde; hoffen wir nun, daß die geehrten Theaterfreunde durch zahlreichen Besuch die Benefizianten entschädigen werden. Zur Aufführung kommt das allgemein beliebte Charakterbild s’Lorle oder die Frau Professorin [...] von Charlotte Birch-Pfeiffer.«(9) Donnerstag, 25. März: »Das Dienstag zur Aufführung gebrachte Volksstück s’Lorle [...] war endlich einmal mit außerordentlichem Besuch beehrt und das Theater voll besetzt, wozu wir den Benefizianten gratuliren. Gespielt wurde wie immer ausgezeichnet und ohne Tadel. – Heute [...] Die schöne Klosterbäuerin oder der Lawinensturz, Charakterbild in 4 Akten von Prüller,(10) worauf wir aufmerksam machen [...].«

In dieser Manier ging es weiter, bis am 18. April Der Trompeter von Säckingen die Saison beendete: »Eine Novität gab der anderen die Hand und hatten wir noch in keinem Jahr ein so gutes und reiches Repertoirs. [...] so sehen wir mit Spannung dieser Novität entgegen, welche am 17. November 1885, also vergangenen Herbst, bei überfülltem Hause und riesigem Erfolge am kgl. Residenztheater in Berlin zum Erstenmale aufgeführt wurde. Möge ihr auch hier der gleiche Erfolg blühen und Herr Direktor Moosbauer durch den Trompeter von Säckingen lustige Weisen bei seinem Abschied in seiner Kasse klingen hören.«(11) Wir halten fest: Nicht jedes Stück überzeugte restlos oder erfuhr die gewünschte Wertschätzung, nicht immer war der Besuch so, wie man es sich gewünscht hatte.(12) Aber dennoch verfestigt sich der Eindruck, dass die 1880er und 90er Jahre den Brettern, die so manchem schon damals die Welt bedeuteten, eine goldene Zeit beschert hatten. Wobei man eines nie vergessen darf: Es war eben auch eine andere Zeit ...


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Der Prantl-Bräu war ein Vorgänger der Brauerei Schnitzelbaumer.
(2) Stadtarchiv Traunstein, Akten 1870-1972, A 135/3-65: Gesellschaft »Räuber«, später »Frohsinn«, zu Unterhaltung und Theaterspiel, 1879-1881.
(3) Die Akten des Stadtarchivs über den »Städtischen Theaterbetrieb« erstrecken sich auf den Zeitraum 1916-1934 (A 313/1), zum »Original Traunsteiner Bauerntheater« auf 1909-1924 (A 313/3-1); vgl. Mario Heinrich: Heute hat jeder Volksgenosse das Bedürfnis nach kulturellem Genuss. Volksbildung in Traunstein am Beispiel Theater von 1919 bis 1933, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 20/2008, S. 88-107.
(4) Stadtarchiv Traunstein, Akten 1870-1972, A 132/2-1: Anträge auf Erteilung von Konzessionen zum Betrieb von »Kinematographentheatern«, 1910-1913.
(5) Die im Stadtarchiv verzeichneten Gaststättenkonzessionen weisen diese Wirtschaft im Haus Ludwigstraße 5 (auch als »Rannerwirt« bekannt) von 1885 bis 1972 nach.
(6) Äußere Rosenheimer Straße 7 (Viehhandlung Weiß), um 1800 entstanden, 1963 geschlossen.
(7) Die zitierten Berichte sind dem Traunsteiner Wochenblatt des Jahres 1886 entnommen.
(8) Stadtarchiv Traunstein, Plakat Nr. 654.
(9) Stadtarchiv Traunstein, Plakat Nr. 649.
(10) Stadtarchiv Traunstein, Plakat Nr. 641.
(11) Traunsteiner Wochenblatt vom 17. April 1886, S. 2.
(12) »Leider war das Theater äußerst schwach besetzt, so daß nicht einmal die Kosten gedeckt werden konnten, und dieses Stück verdient wahrlich ein volles Haus, darum Wiederholung. [...] das Theaterpersonal kann von der Luft nicht leben, und wenn man gute Kräfte wünscht, müssen sie auch unterstützt werden.« (Traunsteiner Wochenblatt vom 6. März 1886, S. 1).

 

12/2016