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Jahrgang 2016 Nummer 11

Wöchentlicher Anschlag

Die Bildsprache der nationalsozialistischen Propaganda

»Viehmärkte im Jahre 1935 in Traunstein« (Plakat Nr. 698); braunbeige mit schwarzer Schrift, oben links Stadtansicht mit Viadukt, gedruckt bei Buchdruckerei Ed. Leopoldseder, Traunstein; 25,5 x 37,5 cm.
»Hinein in die Deutsche Arbeitsfront«, 1934 (Plakat Nr. 6196); beige, unten und rechts weiße Schrift auf rotem Grund, links Kohlezeichnung, Druck und Verlag von Dr. Selle-Eysler AG, Berlin; 135 x 99 cm.
»Gesunde Eltern – gesunde Kinder«, 1934 (Plakat Nr. 6211); beige, Schrift rot und schwarz, mit Kohlezeichnung, herausgegeben von der NS-Volkswohlfahrt (Reichsführung), Berlin; 29,5 x 42 cm.
»Opfert zum Kampf gegen Hunger und Kälte«, 1933/34 (Plakat Nr. 6210); beige mit roter Schrift, Hakenkreuzfahne und statuenhafter männlicher Figur, Druck und Verlag Deutscher Lichtbilddienst GmbH, Berlin; 83,5 x 114 cm, leicht beschädigt.

Nach der Machtübernahme machte sich das Regime unverzüglich an die systematische Gleichschaltung sämtlicher Bereiche des öffentlichen Lebens. Die politische Gegnerschaft wurde verfolgt, ausgeschaltet oder gewaltsam ruhig gestellt. Abweichende Meinungen wurden unterdrückt, ihre Verbreitung nicht mehr zugelassen. Auch in der Bildenden Kunst hatten die Nationalsozialisten klare Vorstellungen und setzten diese um, skrupellos und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. In »Mein Kampf« hatte Adolf Hitler schon früh verkündet, dass es angesichts der »krankhaften Auswüchse irrsinniger und verkommener« Künstler Aufgabe sein müsse zu »verhindern, dass ein Volk dem geistigen Wahnsinn in die Arme getrieben werde«. Die »hässliche Kunst« gehöre in »ärztliche Verwahrung«, in eine »geeignete Anstalt«, da sie eine Gefahr für den gesunden Verstand des Volkes darstelle.(1)

Für die als dekadent empfundene Kultur der Moderne hatten die Nazis nur tiefe Verachtung übrig. Avantgardistische Stilrichtungen lehnten sie pauschal als »undeutsch« und »typisches Judenprodukt« ab. Das Regime bekämpfte alles »Artfremde« und förderte eine »sittliche Staats- und Kulturidee«. Kunst und Kultur waren seit 1933 nicht mehr autonom, sondern standen im Dienst von Staat, Volk und Rasse. Makellose Frauen und Männer dienten als Propaganda für die Ästhetik des nordischen Menschen. Sie symbolisierten Schönheit, Reinheit, Anmut und Stärke und sollten die Überlegenheit des »arischen Herrenvolkes« demonstrieren. Während moderne Kunstrichtungen in der Weimarer Republik weitgehend auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen waren, erhielt die NS-Kunst breite Zustimmung in der Bevölkerung. Trotz der angekündigten »neuen Kunst« brachte die NS-Zeit in Form und Stil aber kaum originäre Werke hervor. Im wesentlichen knüpfte sie an die an Tradition und Geschichte orientierte Heimatkunst des Kaiserreiches an.(2) Alles das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Plakatkunst. Plakate ohne jede NS-Symbolik gab es praktisch nicht mehr. Ausgenommen waren lediglich einige wenige Bekanntgaben, die das normale Tagesgeschäft betrafen, etwa die Ankündigung der »Vieh- und Jahrmärkte im Jahre 1935 in Traunstein« (Beispiel 1). Eine klassische Stadtansicht wie auf einem historischen Stich, dazu die Markttermine untereinander aufgelistet, das Ganze schwarz umrahmt, mehr nicht. Das nahezu unvermeidliche Hakenkreuz, eine völkische Parole, die typische Nazi-Kunst sucht man zumindest hier vergeblich – eine absolute Ausnahme, wie gesagt. Bei Plakaten, die NS-Institutionen oder Aktionen des gleichgeschalteten Staates bewarben, war das undenkbar. »Gesunde Eltern – gesunde Kinder« (Beispiel 2) fordert dazu auf, die bevölkerungspolitischen Aufklärungsschriften der NS-Volkswohlfahrt zu) lesen.(3 Zu sehen ist die ideale deutsche Familie, wie sie die Ideologie der Nazis propagierte: Vater, Mutter, beide noch jung, und vier Kinder, alle kräftig, alle gesund, alle fröhlich lachend und bis auf ein Mädchen alle blond (und vermutlich auch blauäugig). Als Künstler signierte Franz Theodor Würbel, geboren 1858 in Wien, Porträtmaler, Illustrator und Lithograf, der von 1928 bis 1943 in Berlin als Gebrauchsgrafiker nachgewiesen ist und unter anderem Plakate für die Olympischen Sommerspiele 1936 entwarf.

»Hinein in die Deutsche Arbeitsfront!« (Beispiel 3) legt dem deutschen Unternehmer nahe, dem Beispiel seiner Arbeiter und Angestellten zu folgen. Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) war am 10. Mai 1933, wenige Tage nach der Zerschlagung der Gewerkschaften, entstanden. Im Oktober 1934 wurde sie offiziell der NSDAP angeschlossen. Sie war nach dem Führerprinzip in Bezirke, Gaue, Kreise, Ortsgruppen, Betriebs-Gemeinschaften, Zellen und Blöcke hierarchisiert. Ihr Ziel war »die Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen. Sie hat dafür zu sorgen, dass jeder einzelne seinen Platz im wirtschaftlichen Leben der Nation in der geistigen und körperlichen Verfassung einnehmen kann, die ihn zur höchsten Leistung befähigt und damit den größten Nutzen für die Volksgemeinschaft gewährleistet«.(4) 1942 war diese Zwangsvereinigung mit 25 Millionen Mitgliedern die größte Massenorganisation im Deutschen Reich.(5) Das Plakat zeigt einen Arbeiter und einen Unternehmer, die sich die Hände reichen, beobachtet von ihren Kollegen bzw. Standesgenossen. Ernste, entschlossene Männer blicken sich aufrichtig in die Augen. Ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit erfährt allein durch ihre Kleidung Ausdruck; in ihrer Physiognomie unterscheiden sie sich nicht. Gemeinsam für Deutschland, so lautet die einfach zu entschlüsselnde Botschaft, die ein Hakenkreuz in einem Zahnrad mit 14 Zähnen begleitet. Das offizielle Symbol der DAF war reichsweit auf allen Betriebsfahnen Teil des Alltags der arbeitenden Bevölkerung. Gestaltet wurde dieser öffentliche Anschlag von Herbert Rothgängel (ca. 1891 - 1962), Maler, Zeichner und Illustrator; ab 1920 bis 1940 entwarf er zahlreiche politische Plakate. Wenig überraschend ist seine Mitgliedschaft in der Reichskammer der Bildenden Künste.(6) Sie war am 1. November 1933 als eine von sieben Abteilungen der Reichkulturkammer ins Leben gerufen worden und hatte fortan die Aufgabe, Kunst zu fördern, die der damaligen Gesinnung entsprach – und alle Richtungen zu unterdrücken, die ihr entgegenstanden.

»Opfert zum Kampf gegen Hunger und Kälte« (Beispiel 4), so der Aufruf des Winterhilfswerks (WHW) 1933/34. Vor einer Hakenkreuzfahne gibt eine nackte, statuenhafte männliche Figur, in der Linken eine Feuerschale, Münzen mit ihrer rechten Hand. Das im September 1933 als Nothilfeaktion gegründete WHW nahm als Apparat und im Spendenaufkommen rasch gewaltige Ausmaße an. Es wurde zu einer der bekanntesten und den Alltag bestimmenden Erscheinungen im NSRegime.(7) Einen ähnlichen Bekanntheitsgrad muss man auch dem ausführenden Künstler attestieren. Ludwig Hohlwein, geboren am 27. Juli 1874 in Wiesbaden, Grafiker, Architekt und Maler, zählte zu den prominentesten und stilbildenden Vertretern der Reklamekunst. Schon 1924 umfasste sein Schaffen 3000 Titel, sodass es bis heute unmöglich ist, sein Werk in seiner Gesamtheit abzubilden. Die Liste seiner Auftraggeber liest sich wie das A-Z der deutschen Wirtschaft. Neben seinem Plakat zur Weltausstellung in Brüssel 1910 soll an dieser Stelle nur der Mönch der Franziskaner-Brauerei als eine seiner bis heute bekanntesten Arbeiten genannt werden. Nachdem er 1931 das Angebot, in die USA zu emigrieren, abgelehnt hatte, trat Hohlwein 1933 der NSDAP bei, von der er bereits zuvor zahlreiche Aufträge erhalten hatte. Ähnlich dem Fotografen Heinrich Hoffmann prägte er das visuelle Erscheinungsbild des Dritten Reiches. Im Zuge der Entnazifizierung erhielt Hohlwein, als Vorteilsnehmer des Regimes politisch belastet, bis Februar 1946 Berufsverbot. Danach nahm er seine Arbeit in einem kleinen Atelier in Berchtesgaden wieder auf, wo er seit 1944 lebte und am 15. September 1949 auch verstarb(8) – ein außergewöhnlicher Künstler, der sich »bereitwillig für die politische Propaganda der Nationalsozialisten [hatte] einspannen«(9) lassen.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kunst_im_Nationalsozialismus.
(2) Dieser Absatz nahezu wörtlich aus: Lebendiges Museum Online (LEMO), Einleitung zum »Kapitel NS-Kunst und Kultur« (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/kunst-und-kultur.htm).
(3) Nachweis: https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/ns-volkswohlfahrt-um-1934.html.
(4) Verordnung über Wesen und Ziel der DAF, § 2, von Hitler am 24. Oktober 1934 unterschrieben.
(5) Lebendiges Museum Online (LEMO); https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ns-organisationen/deutsche-arbeitsfront.html.
(6) Vgl. https://lot-tissimo.com/de/i/4251282/herbert-rothgaengel-erstaunensoldat-auf-bluehender-sonniger-sommerwiese-unter-strahlend-blauem.
(7) Lebendiges Museum Online (LEMO); https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ns-organisationen/winterhilfswerk.html.
(8) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Hohlwein.
(9) Zitiert aus Lebendiges Museum Online (LEMO); https://www.dhm.de/lemo/biografie/biografie-ludwig-hohlwein.html.

 

11/2016