weather-image
12°
Jahrgang 2016 Nummer 10

Wöchentlicher Anschlag

Die Reichstagswahlen am 5. März 1933

Die Plakatwand an der Klostermauer an der Ludwigstraße, Detailausschnitt, Juli 1932. (Stadtarchiv Traunstein, Büttner-Chronik, Bü 5 u. 6)
»Nimmer wird das Reich zerstört – wenn ihr einig seid und treu«, 1933 (Plakat Nr. 6239); Porträts von Hindenburg und Hitler, Schrift rot und cremeweiß, gedruckt bei Franz Lück, Berlin; 83 mal 118 cm.
Durch SA verblutet«, 1933 (Plakat Nr. 6244); beige, Schrift rot und schwarz, oben links Foto von Erwin Berner, gedruckt bei Neudrag, Leipzig; 50 mal 70 cm, leicht beschädigt.

Gegen Ende der 1920er Jahre konnten keine stabilen Regierungskoalitionen mehr gebildet werden. Reichskanzler Heinrich Brüning (1885 bis 1970) war von März 1930 bis Mai 1932 auf die Notverordnungen des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg angewiesen, welche die normale Gesetzgebung zunehmend ersetzten. Nachdem Hindenburg ihn hatte fallen lassen,(1) spitzte sich die Lage zu. Innerhalb von nur acht Monaten wurde drei Mal zur Wahl eines neuen Reichstags aufgerufen: am 31. Juli und 6. November 1932 sowie am 5. März 1933.

Die Wahlkämpfe wurden unerbittlich und mit großer Härte geführt. Eindrucksvoll belegen dies die verwendeten Plakate. Eine Wand an der (im Mai 1939 abgebrochenen) Mauer der Traunsteiner Klosterkirche an der Ludwigstraße zeigt, neben vereinzelter »normaler« Werbung, Aufrufe aller Parteien zur Wahl im Juli 1932. Bemerkenswert sind vor allem zwei Beispiele, deren Bildsprache noch heute beklemmend wirkt. Beide sind im Detailausschnitt gut zu erkennen. Auf dem Plakat »Wir Arbeiter sind erwacht« (links) hat sich vor industrieller Kulisse, dominiert von einem gewaltigen Hakenkreuz, »eine als Jude erkennbare Figur [...] die Presse sprichwörtlich in die Tasche gesteckt und gibt der SPD die Politik vor. Als Symbol heimtückischer Gewalt hat ein Kommunist bereits seinen blutigen Dolch gezogen. Unter dem riesenhaften Arbeiter hält Heinrich Brüning als Vertreter des Bürgertums weiter an Notverordnungen fest. Einzig die NSDAP vertrete noch die wahren Interessen der Arbeiter, so dieses NS-Propagandaplakat«.(2) Dagegen tritt die Bayerische Volkspartei (rechts) »Für Recht und Freiheit« ein. Nationalsozialismus und Kommunismus sind die erklärten Gegner einer »Kämpfergestalt, die dem Arbeiterhelden der Arbeiterparteien ähnelt. [... Sie] versucht, ein mehrköpfiges, als Diktatur bezeichnetes Schlangenungeheuer, das auf zweien seiner Hälse mit Hakenkreuz bzw. Hammer und Sichel versehen ist, zu erschlagen. Mehrköpfige Ungeheuer nach der Art des siebenköpfigen apokalyptischen Drachens oder der neunköpfigen griechischen Hydra wurden von konservativen Gruppierungen öfter verwendet, um die besondere Gefährlichkeit einer Bedrohung drastisch vor Augen zu führen«.(3)

Mit der »Machtergreifung« am 30. März 1933 hatte Hitler sein Ziel erreicht. Als Reichskanzler führte er eine Koalitionsregierung von NSDAP, Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) und Stahlhelm, wobei neben ihm zunächst nur zwei weitere Nationalsozialisten Regierungsämter bekleideten. »Machtergreifung« ist ein inzwischen mehr als nur umstrittener Begriff, der den tatsächlichen Vorgang verschleiert. Die Nationalsozialisten hatten die Macht keineswegs aus eigener Kraft »ergriffen«, sie war ihnen von der Kamarilla um Hindenburg zugeschoben worden. Neben General Kurt von Schleicher und Franz von Papen sind hier dessen Staatssekretär Otto Meissner und nicht zuletzt sein »in der Verfassung nicht vorgesehener Sohn« Oskar als Hauptschuldige zu nennen. Die erzkonservativen Kräfte gedachten, Hitler mit ihrer klaren Mehrheit im Kabinett »einzurahmen«, für ihre Zwecke auszunutzen und bei Bedarf wieder zur Seite zu schieben. Ein verhängnisvoller Irrtum! Schon in den wenigen Wochen bis zur Reichstagswahl am 5. März 1933, der letzten, an der mehr als eine Partei teilnahm, zeigten die Nationalsozialisten ihr wahres Gesicht. Der Wahlkampf war von Übergriffen auf die politischen Gegner, insbesondere auf KPD und SPD, geprägt. Daneben setzte bereits die staatliche Verfolgung ein. Dabei kam Hitler der Reichstagsbrand vom 27. auf den 28. Februar 1933 zugute. Mit Hilfe der tags darauf erlassenen Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (»Reichstagsbrandverordnung«) wurden die Grundrechte außer Kraft gesetzt und die Strukturen der KPD praktisch zerschlagen.(4)

Das für diesen Beitrag ausgewählte Plakat der NSDAP aus der städtischen Sammlung(5) kennzeichnet im Vergleich zu dem am Anfang beschriebenen ein völlig anderer Stil – grafisch wie auch inhaltlich. Es bedient sich nicht der propagandistischen Illustration, sondern der nüchternen Porträtfotografie. Es bleibt sachlich und zeigt wie kaum ein anderes, wie geschickt die Nazis ihre Propaganda inszenierten und steuerten; ein Faktum, das man bei der Beurteilung der damaligen Zeit niemals außer Acht lassen sollte. »Nimmer wird das Reich zerstört – wenn ihr einig seid und treu.« Diese Aufforderung(6) richten Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg direkt an das Volk. Der jugendliche Hitler im Vordergrund sieht dem Betrachter direkt in die Augen; er wirkt ernst und nachdenklich, aber auch entschlossen. Hinter ihm und – kaum merklich, aber dennoch klar erkennbar – über ihm überblickt Hindenburg von der Seite gewissermaßen das Gesamtgeschehen. Von beiden erkennt man auf schwarzem Hintergrund, der den Ernst der Lage zusätzlich hervorhebt, wenig mehr als die markanten Gesichter. Die Botschaft ist klar. Der greise Generalfeldmarschall, »Held von Tannenberg« und als Reichspräsident zu einer Art »Ersatzkaiser« der Deutschen hochstilisiert, genoss in weiten Teilen des Volkes hohe Anerkennung und war die unantastbare Autorität der Konservativen. Er stand für Verlässlichkeit und Integrität. Und er steht hinter Hitler, um ihm als väterlicher Berater den Weg zu weisen, aber auch, um ihn zu kontrollieren. Darum: Wer Hindenburg verehrt und ihm vertraut, der wähle ohne Bedenken Adolf Hitler.(7)

In vergleichbarer Art und Weise konzipiert ist das Gegenbeispiel abgebildete Plakat der KPD »Durch SA verblutet«.(8) Erwin Berner, geboren am 7. Dezember 1911 in Berlin, Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes (KVJD), war am 2. Februar 1933 von dem SA-Mann Fritz Krause in Neukölln erschossen worden. Während seiner Beisetzung »demonstrieren Tausende Antifaschisten – Sozialdemokraten, Kommunisten und Parteilose – für die Einheitsfront von SPD und KPD. Es ist eine der letzten legalen antifaschistischen Demonstrationen in Berlin. Der Todesschütze wird identifiziert, festgenommen und nach sechs Wochen amnestiert. Nach seiner Freilassung erpresst er von den Belastungszeugen 250 Reichsmark Schweigegeld«.(9) Auch hier ist die Botschaft unmissverständlich. Die Kommunistische Partei dokumentiert ein von Nazi-Schergen begangenes Verbrechen und lässt keinen Zweifel daran, dass dieses oder ein ähnliches schlimmes Schicksal allen Gegner bevorsteht, sollte die NSDAP ihre Macht festigen. Die Konsequenz: »Antifaschisten! Wählt Kommunisten«.

Bei der Wahl selbst konnte die NSDAP stark zulegen. Mit 43,9 Prozent der Stimmen wurde sie die deutlich stärkste Partei, verfehlte aber die angestrebte absolute Mehrheit und war auf eine Koalition mit der Deutschnationalen Volkspartei angewiesen. In Traunstein (31,3 %) musste sie sich hinter der Bayerischen Volkspartei (34,1 %) sogar auf Rang zwei einreihen; es folgten SPD (13,6 %) KPD (10,6 %) und DNVP (7,3 %). Wir wissen heute, dass alle Anstrengungen, Hitler aufzuhalten, vergebens waren. Möglich wäre es zu diesem Zeitpunkt bei einem verantwortungsvollen Zusammenwirken aller politischen, gesellschaftlichen, militärischen und wirtschaftlichen Kräfte noch gewesen. Stellvertretende für die zahllosen Opfer der nächsten zwölf Jahre sei Ernst Schneller (1890 bis 1944), Lehrer, Reichs- und Landtagsabgeordneter (in Sachsen) genannt, der für das thematisierte KPD-Plakat als Herausgeber verantwortlich zeichnete. Schneller wurde schon am 27. Februar 1933 verhaftet, zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt und anschließend in das KZ Sachsenhausen überführt. Am 11. Oktober 1944 wurde er zusammen mit 28 deutschen und französischen Antifaschisten von einem SS-Kommando erschossen.(10)


Franz Haselbeck

 

Anmerkungen:
(1) Hindenburg ernannte am 1. Juni 1932 Franz von Papen zum Reichskanzler, der schon am 3. Dezember 1932 durch General Kurt von Schleicher abgelöst wurde.
(2) Lebendiges Museum Online (LEMO); https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/wahlplakat-der-nsdap-1932.html.
(3) Siegfried Wenisch: Plakate als Spiegel der Weimarer Republik. Ausstellungskatalog der Staatlichen Archive Bayerns Nr. 36, München 1996, S. 120-122.
(4) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Reichstagswahl_M%C3%A4rz_1933.
(5) Nachweis: https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/pli04835.
(6) Das Zitat stammt aus dem Gedicht »Frühlingsgruß an das Vaterland« des Dichters Max von Schenkendorf (1783-1817), der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte.
(7) Den »Tag von Potsdam« am 21. März 1933, ein Festakt des neu gewählten Reichstags (mit Ausnahme der Angeordneten von SPD und KPD) inszenierten die Nationalsozialisten nach genau demselben Muster: Hitler in Cut und Zylinder (einer seiner äußerst seltenen Auftritte in dieser Gewandung), reicht dem in militärischer Uniform erschienenen Hindenburg die Hand und verneigt sich dabei unterwürfig.
(8) Nachweis: https://www.deutschedigitale-bibliothek.de/item/INGTVYF-2YDEI5VZJFMXIKI4L7PP3JU3E.
(9) Kreuzberger Gedenktafel für Opfer des Naziregimes (http://www.museumsmedien. de/xberg-ged/person.php?id=66).
(10) Vgl. http://www.etg-ziegenhals.de/Ernst_Schneller.html.

 

10/2016