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Jahrgang 2016 Nummer 9

Wöchentlicher Anschlag

Die Ermordung Kurt Eisners und der Anschlag auf Erhard Auer

»Vom Rathaus wurde heute die rote Fahne gehißt«, 1919 (Plakat Nr. 569); beige mit schwarzer Schrift, gedruckt bei Buchdruckerei A. Miller & Sohn; 24 x 32 cm (Flugblatt-Format), beschädigt.
»Eisner ermordet – Auer schwer verwundet«, 1919 (Plakat Nr. 1114); beige mit schwarzer Schrift, herausgegeben von Landes-Soldatenrat, Ministerium für militärische Angelegenheiten, Stadt-Kommandant und Polizeipräsident von München; 23,5 x 31,5 cm (Flugblatt-Format), beschädigt.
Die »Revolutionsfahne am Rathaus, 24. Februar 1919«. (Stadtarchiv Traunstein, NLB 124).

»Vom Rathaus wurde heute die rote Fahne gehißt, um zu dokumentieren, daß hier in Traunstein keine gegenrevolutionären, monarchistischen Bestrebungen geplant sind. Dadurch soll allen Mißverständnissen und Erregungen der Boden entzogen werden. Zu irgend einer Beunruhigung besteht kein Anlaß.« Was war geschehen?

Wir schreiben Montag, den 24. Februar 1919. Drei Tage zuvor war Kurt Eisner auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtags auf offener Straße erschossen worden. Eisner, am 14. Mai 1867 in Berlin geboren, von Beruf Journalist und Schriftsteller, ein radikaler Pazifist, eher intellektueller Weltverbesserer denn Politiker, war der führende Kopf der radikalen Umwälzungen in Bayern. In der Nacht zum 8. November 1918 hatte er den »Freistaat Bayern« [»frei von Monarchie«] ausgerufen und das herrschende Königshaus der Wittelsbacher für abgesetzt erklärt. Daraufhin wurde er vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der neuen Republik gewählt. Sein Sekretär Felix Fechenbach hatte ihn aufgrund der feindseligen Stimmung und verschiedener, in den vorausgegangenen Tagen bekannt gewordener Morddrohungen noch gewarnt und dringend geraten, den Weg durch den rückwärtigen Eingang des Hotels Bayerischer Hof zu wählen, was er mit der Bemerkung ausschlug: »Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen.«(1) Bei sich trug Eisner das Manuskript seiner Rücktrittsrede, Konsequenz aus dem für ihn und seine Partei dramatisch schlechten Wahlergebnis. Die »Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands« (USPD) hatte lediglich 2,53 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können.(2) Zwei Stunden nach diesem feigen Mord schoss Alois Lindner, ein Mitglied des Revolutionären Arbeiterrats (RAR), aus Rache von der Zuschauertribüne des Landtags auf den Innenminister und SPD-Vorsitzenden Erhard Auer, den er zu Unrecht als Hintermann des Attentats vermutete.(3) Eine Notoperation des berühmten Chirurgen Professor Ferdinand Sauerbruch rettete Auer das Leben.

Es lag auf der Hand, dass als Reaktion auf diese Anschläge Unruhen in diesen politisch völlig ungeordneten, ja hochexplosiven Tagen nach dem Ende des I. Weltkriegs drohten. Das galt es unter allen Umständen zu verhindern, nicht nur in München, auch auf dem »flachen Land«. Die gemäßigten Gruppierungen in Staat, Politik und Gesellschaft setzten dazu alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel ein. »Durch ruchlose Mörderhände wurde der Ministerpräsident Eisner ermordet, der Minister Auer schwer verwundet. [...] Sofort muß das Volksgericht die Untersuchung und strengste Bestrafung vornehmen. An das Volk im Bürger- und Soldatenrock ergeht die Bitte, die Ruhe jetzt zu bewahren. Geht in eure Wohnungen, die Straße ist gefährlich. Ab 7 Uhr abends darf keine Zivilperson auf der Straße sein, die öffentlichen Lokalitäten haben ebenfalls um 7 Uhr zu schließen.« Soweit in Auszügen der Text des abgebildeten Flugblatts. Laut eines handschriftlichen Vermerks auf seiner Vorderseite war es »am Samstag, den 22. Februar 1919 abends gegen ½ 6 Uhr von einem Flieger über Traunstein abgeworfen« worden.

Ruhe, das war nun die erste Bürgerpflicht. Und um diese zu gewährleisten, entschlossen sich die Verantwortlichen der Stadt Traunstein mit dem äußerst umsichtig und taktisch geschickt agierenden Bürgermeister Dr. Georg Vonficht(4) an der Spitze zu einem ungewöhnlichen Schritt. Werfen wir dazu einen kurzen Blick in das Buch »Traunstein 1918 - 1945« von Gerd Evers: »Die Nachricht von der Ermordung Kurt Eisners und dem Attentat auf Auer rief in Traunstein erhebliche Aufregung hervor. Das Traunsteiner Wochenblatt erschien an diesem Tage in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben, die den jeweilig aktuellen Nachrichtenstand aus München wiedergaben. Das Blatt konstatierte eine Hochspannung wie in den bewegtesten Tagen des Krieges und richtete seinerseits einen Aufruf an die Soldaten, ruhig Blut zu wahren und jegliche Aktion zu unterlassen, da sonst die Gefahr eines Bürgerkrieges bestehe. Die Befürchtung bestand einerseits darin, daß die Ereignisse in München als Signal für eine Gegenrevolution verstanden werden könnten, und daß andererseits im Gegenschlag eine Radikalisierung der Revolution erfolgen könne. Offensichtlich waren sich alle politischen Kräfte der Stadt in der Beurteilung der kritischen Lage soweit einig, daß sie gemeinschaftlich gegenzusteuern versuchten. Am Rathaus wurde die Rote Fahne gehisst, um nach außen zu dokumentieren, daß keine monarchistischen Umsturzbewegungen im Gange seien.«(5)

Eine Fotopostkarte mit »Poststempel vom gleichen Tage« hielt dieses Ereignis fest. Der Stadtchronist Franz Büttner, dessen Aufzeichnungen eine unverzichtbare Quelle für diese bewegten Zeiten darstellen und im Stadtarchiv erhalten sind, hatte diese an sich selbst adressiert und dabei die Beschriftung und vor allem die Fahne als (laienhafte) Retusche der Schwarz-Weiß-Aufnahme hinzugefügt. Letztendlich waren die Anstrengungen der Männer um Dr. Vonficht am 24. Februar und auch in den darauffolgenden Wochen des Jahres 1919 von Erfolg gekrönt. Traunstein konnte, im Gegensatz zu – um ein nahes Beispiel zu nennen – Rosenheim, die unruhigen Tage der Räterepublik ohne größere Verwerfungen meistern und unbeschadet in den (zumindest für einige Jahre) sicheren Hafen der Weimarer Republik steuern. Wer hier Genaueres wissen möchte, dem sei die Lektüre der hervorragenden Arbeit von Gerd Evers, dem besten Kenner der Traunsteiner Zeitgeschichte, dringend empfohlen.

»Strengste Bestrafung« – das hatte man für den Mörder Eisners gefordert. Wie man dem Täter, dem völkisch-nationalistischen Studenten Anton Graf von Arco auf Valley, tatsächlich begegnete, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Maßstäbe der damaligen Justiz. Zwei Schüsse, abgefeuert aus nächster Nähe, in Rücken und Kopf: Klarer kann ein Mord kaum sein. Tatsächlich verhängte das Gericht am 16. Januar 1920 das Todesurteil, obwohl die Tat »nicht niederer Gesinnung«, sondern »glühender Liebe zum Vaterland« entsprungen war. Diese mit den Motiven des Mörders sympathisierende Aussage des Richters Georg Neithart(6) veranlasste den Landtag schon am darauffolgenden Tag, Arco zu lebenslanger Haft in der Festung Landsberg am Lech zu begnadigen. Er durfte dort nach Belieben ausgehen und Besuche empfangen, tagsüber arbeitete er als Praktikant auf einem benachbarten Gut. Bereits im April 1924 wurde er amnestiert. Weniger großzügig zeigte sich die Bayerische Regierung gegenüber Eisners Witwe und den beiden Töchtern, denen die übliche Unterstützung für Hinterbliebene von Staatsbediensteten verweigert wurde ...


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
1) Nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Eisner#Ermordung_Eisners.
2) Die USPD hatte sich 1917 von der SPD als Reaktion auf deren Kriegspolitik (»Burgfriedenspolitik«) abgespalten. Auf Kurt Eisner kann in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen werden. Festgestellt werden muss lediglich, dass die öffentliche Darstellung ihm lange Zeit kaum gerecht wurde; vgl. Bernhard Grau: Kurt Eisner (1867-1919). Eine Biografie, München 2001.
3) Es kam daraufhin zu Tumulten im Landtag; der Major Paul von Jahreiß versuchte Lindner zu ergreifen und wurde getötet, ein (möglicherweise zweiter) Attentäter erschoss den konservativen Abgeordneten Heinrich Osel.
4) Zu Vonficht siehe den 4. Beitrag dieser Serie in den Chiemgau-Blättern v. 23.1.2016 (Widerstand gegen die »Neuheidnische Feuer-Bestattung«).
5) Gerd Evers: Traunstein 1918 - 1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Traunstein, Grabenstätt 1991 (Neuauflage 2003), S. 22.
6) Georg Neithart (1871-1941) leitete auch den Hochverratsprozess gegen Adolf Hitler und seine Mitverschwörer im Frühjahr 1924 – eine juristische Farce. 1937 wurde er von Hitler mit einer persönlichen Dankesurkunde in den Ruhestand verabschiedet.

 

9/2016