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Jahrgang 2016 Nummer 8

Wöchentlicher Anschlag

Wahlplakate der Weimarer Republik

»Wählt Liste 6 [Bayerische Volkspartei]«, 1932 (Plakat Nr. 6230); in cremeweißem Rahmen bildliche Darstellung in Weiß und Graustufen, gedruckt bei G. J. Manz AG, München; 70 mal 52 cm, unten links Stempel »Stadtrat Traunstein«.
»Gegen Papen, Hitler, Thälmann«, 1932 (Plakat Nr. 6233); auf rotem Grund abstrakte Darstellung in Schwarz, Weiß und Rot, gedruckt bei Vorwärts Buchdruckerei, Berlin; 21 mal 30 cm (Flugblatt-Format), oben rechts und unten links Stempel »Stadtrat Traunstein«.

Wahlplakate sind heute inhaltlich und vor allem grafisch gesehen in aller Regel eines: langweilig, zumindest, wenn man die »staatstragenden« Parteien betrachtet, die sich inzwischen alle in der Mitte der Gesellschaft verankert sehen und dort um Wählerstimmen ringen. Das lächelnde Porträt eines Kandidaten / einer Kandidatin, eine leicht verständliche, allen eingängige Botschaft, dazu das Parteilogo – der Klassiker schlechthin. Pointierte Aussagen, markige Sprüche oder gar Angriffe auf den politischen Gegner? Fehlanzeige! Man möchte doch souverän, sympathisch und vor allem für jedermann wählbar wirken. Als Peter Hinze, der damalige Generalsekretär der CDU, 1994 den Mainstream verließ, seine »Rote-Socken-Kampagne« gegen die PDS startete und das entsprechende Plakat(1) präsentierte, war die Aufmerksamkeit (und auch die Aufregung) groß, der Ertrag hingegen eher bescheiden. Manfred Güllner, der Geschäftsführer des Forsa-Instituts, erklärte dazu im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 kurz und trocken: »So eine platte Kampagne kann man heute nicht mehr fahren.«(2)

In der Weimarer Republik war dies anders. Dies heißt nun keinesfalls, dass man damals eine »platte Kampagne« nach der anderen inszenierte. Diese einseitige Einschätzung würde einer Epoche, in der eine junge Demokratie sich letztendlich vergebens dem wirtschaftlichen Niedergang und dem Zugriff totalitärer Bestrebungen entgegenstellte, in keiner Weise gerecht. Vielmehr erlebte das politische Plakat eine Blütezeit, die es vorher nicht gekannt hatte und nachher nie mehr erfahren sollte.

»Gleich nach der Novemberrevolution wurde das Land nicht nur mit amtlichen Plakaten überschwemmt, vor allem die politischen Parteien bemächtigten sich dieses Mediums. In einer ereignisreichen Zeit des politischen Umbruchs, in der es weder Rundfunk noch Fernsehen gab, [...] kam Plakaten eine besonders große Bedeutung zu. Aber nicht nur die turbulenten Ereignisse trugen zu ihrer Vermehrung bei, sondern vor allem die Tatsache, daß die Zensurbestimmungen nun zum größten Teil weggefallen waren. Das Plakat war als schlagkräftiges Agitations- und Propagandamittel in der geistigen Auseinandersetzung und im politischen Kampf, vor allem in den Wahlkampfschlachten, bestens verwendbar.«(3) Zahlreich sind die Namen bekannter Künstler unter den Gestaltern. »Prägnante Symbole, martialisch eingesetzt von allen Parteien, charakterisieren eine Gesellschaft am Abgrund.«(4) Einige herausragende Beispiele dieser in jeder Hinsicht besonderen Anschläge finden sich auch in der städtischen Sammlung. Zwei davon hat der Verfasser als pars pro toto zur näheren Betrachtung ausgewählt. Beide datieren auf das Jahr 1932 und spiegeln somit die Situation kurz vor dem Ende der Republik wider.

Da wäre zum einen das Plakat der Bayerischen Volkspartei (BVP)(5) mit der Aufforderung, ihr das Vertrauen zu schenken: »Wählt Liste 6«. Warum, das erklärt eine Zeichnung, deren konkrete Bildsprache klar und unmissverständlich ist. Vor der beeindruckenden Kulisse schneebedeckter Berge steht auf einem Felsplateau ein Bayer wie aus dem Bilderbuch: kräftig gebaut, in weißem Hemd, kurzer lederner Wichs, Kniestrümpfen und genagelten Haferlschuhen, auf dem Kopf einen Trachtenhut, das markante Gesicht von einem kräftigen Schnurrbart geziert. In der Linken hält er die weißblaue Rautenfahne, die ausgestreckte Rechte gebietet barsch vier aufgestiegenen Eindringlingen Halt mit den (ihm als Sprechblase in den Mund gelegten) Worten: Bayern den Bayern! Brüllend unterstützt ihn der bayerische Löwe in seinem mannhaften Tun. Bei den Abgewiesenen handelt es sich um die politischen Gegner, unschwer erkennbar anhand ihrer Kleidung, der ihnen beigegebenen Attribute und ihrer nicht hinnehmbaren Forderungen. Es sind dies (von links nach rechts) der Kommunist, ein »kleiner Verbrecher« mit Hammer, Sichel und Stern auf seiner Schiebermütze (Alles muss hin wern’n!), der Sozialdemokrat mit Schnauzer und Ballonmütze, darauf die drei Pfeile der Eisernen Front(6) (Dem Einheitsstaat), der ostelbische Adelige und Großgrundbesitzer mit Monokel und Kaiser-Wilhelm-Bart in Frack und Zylinder (Alles den Ostelbiern!) sowie der Nationalsozialist in Gestalt eines SA-Mannes mit Hakenkreuzen auf Koppel und Armbinde (Bayern ist uns Wurst). Der Kommunist ballt wütend die Fäuste, der Sozialdemokrat umarmt ihn mit der Rechten und zeigt mit seiner Linken auf ihn als Bruder im Geiste, der Ostelbier deutet auf Bayern, das er in Besitz zu nehmen gedenkt, der SAMann dagegen auf sich und bringt so zum Ausdruck, was ihm allein wichtig ist. Der Reihe nach sind die Gesichter voll Wut und Hass, verzerrt und mit weit aufgerissenen Augen, arrogant bzw. egoistisch und hart. Was bleibt dem aufrechten Bayern da anderes übrig, als »seine Volkspartei« zu wählen?

Dem gegenüber bedienen sich die Sozialdemokraten in ihrem Aufruf »Gegen Papen, Hitler [und] Thälmann« der Abstraktion, allerdings einer leicht verständlichen.(7) Drei parallele, jeweils von einer Faust geführte Pfeile treffen die Sinnbilder der politischen, ja weltanschaulichen Antipoden: die Krone, stehend für den monarchistisch gesinnten »Herrenreiter« Franz von Papen (1879 bis 1969) und dessen erzkonservatives Umfeld, das Hakenkreuz, Kern des Parteiabzeichens der NSDAP(8), und den Sowjetstern, Platzhalter des Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann (1866 bis 1944). Die drei Pfeile waren das Emblem der »Eisernen Front«, eines Bündnisses von SPD, Reichsbanner, Allgemeinem Deutschen Gewerkschaftsbund, Arbeitersportverbänden und Allgemeinem freien Angestelltenbund.(9) Sie werden unterschiedlich interpretiert, stehen wie in unserem Beispiel für die Gegner der Front, die drei Feinde der Demokratie – Monarchisten, Nationalsozialisten, Kommunisten – oder die drei Pfeiler der Arbeiterbewegung – Partei, Gewerkschaft, Reichsbanner – und damit deren politische, wirtschaftliche und physische Kraft. Aber auch »Aktivität, Disziplin und Einigkeit im Kampf gegen den Feind« und »Kampf für Wahrheit und Freiheit, Ordnung und Frieden, Brot und Recht« sind durchaus gängige Lesarten.(10)

Als Verleger dieses Plakats zeichnete Richard Hauschildt (1876 bis 1934) verantwortlich. Der gelernte Buchdrucker und spätere Journalist war Soldat im 1. Weltkrieg, 1919 bis 1924 Abgeordneter im Preußischen Landtag und Mitglied des zentralen SPD-Parteiausschusses; von März bis August 1933 war er im KZ Oranienburg in Schutzhaft. Nachdem seine Frau eidesstattlich versichert hatte, dass er seinen Wohnort Strausberg, eine Stadt in Brandenburg, wo er von 1929 bis 1933 auch als stellvertretender Bürgermeister amtiert hatte, verlassen und Berlin nicht mehr betreten werde, kam er frei und ließ sich als Handelsvertreter für Seifenprodukte in Kassel nieder. Dort wurde er weiterhin polizeilich überwacht und zu Verhören vorgeladen. Aus Verzweiflung nahm sich Hauschildt am 6. Dezember 1934 das Leben.(11)


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
1) Dargestellt war eine Wäscheleine, an der an einer grünen Klammer eine rote Socke baumelte. Der Slogan lautete: »Auf in die Zukunft ... aber nicht auf roten Socken!«. Die Kampagne griff die kurz zuvor in Sachsen-Anhalt gebildete, von der PDS tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung als warnendes Beispiel auf. In vergleichbarer Weise wurde sie 1998 mit den »Roten Händen« wiederholt – mit ähnlich geringem Erfolg.
2) Vgl. http://www.wikiwand. com/de/Rote_Socke.
3) Siegfried Wenisch: Plakate als Spiegel der Weimarer Republik. Ausstellungskatalog der Staatlichen Archive Bayerns Nr. 36, München 1996, S. 9.
4) Siehe: Wahlplakate in der Weimarer Republik – Ein Archiv für deutsche Wahlplakate der Zeit von 1919 bis 1933 (http://www.wahlplakate-archiv.de/).
5) Sie hat nach 1945 in der CSU ihre Nachfolgerin gefunden.
6) Diese Symbol wird im zweiten Plakat näher thematisiert.
7) Nachweis des Plakats: http://www.spd.de/spd_organisationen/neumitglied/service/bilder/.
8) Gemäß der wohl nicht zutreffenden Parteilegende war es von Hitler selbst entworfen worden; vgl. http://peter-diem.at/Buchtexte/hakenkreuz.htm.
9) Die Eiserne Front wurde am 16. Dezember 1931 gegründet als Reaktion auf die Zusammenarbeit von NSDAP, DNVP, Reichslandbund, Alldeutschem Verband (ADV) und Stahlhelm in der Harzburger Front. Ziel des Zusammenschlusses war die Mobilisierung aller republikanischen Kräfte zur Verteidigung der Weimarer Republik.
10) Vgl. Günther Gerstenberg: Eiserne Front, 1931-1933, in: Historisches Lexikon Bayerns (https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Eiserne_Front,_1931-1933). Entwickelt wurden die drei Pfeile von Carlo Mierendorff (1897-1943, deutscher Politiker für die SPD, Sozialwissenschaftler und Schriftsteller) und Sergej Tschachotin (1883-1973, russischer Mikrobiologe und gesellschaftlicher Visionär, Chefideologe der Eisernen Front).
11) Horst Klein: Richard Hauschildt (1876-1934). Spuren eines sozialdemokratischen Lebens und Kampfes für eine bessere Welt, Strausberg 2011.

 

8/2016