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Jahrgang 2016 Nummer 7

Wöchentlicher Anschlag

Die Einführung der Mark vor 140 Jahren

»Bekanntmachung [zum] Vollzug des Reichsmünzgesetzes«, 1876 (Plakat Nr. 691); altrosa mit schwarzer Schrift, gedruckt bei A. Miller, Traunstein; 31 mal 46 cm, gut erhalten.

»Wohl die teuerste Frucht des Reichsbaumes ist für Bayern das neue Geld.« So lautete am 31. Januar 1876 die Schlagzeile der patriotischen Zeitung »Das bayerische Vaterland«. Seit der Reichsgründung 1871 war das Bestreben, Maße, Gewichte und Währung zu vereinheitlichen, in vollem Gang. Nur sehr widerstrebend führte Bayern als letztes Land des neuen Kaiserreichs zum 1. Januar 1876 die Mark ein. Die Umstellung offenbarte anfangs zahlreiche Mängel; es gab nicht genug Münzen, es fehlte an Kleingeld und die Umrechnung war nur schwierig zu bewerkstelligen. Die Bevölkerung reagierte erwartungsgemäß mit Unmut, da man (nicht ganz zu Unrecht) vermutete, dass viele Handwerker, Kaufleute und Geschäfte die allgemeine Verwirrung zu einer Preiserhöhung nutzen würden. »[...] selbst der Verleger der Neuesten Nachrichten erlangt für sein Käspapier eine erhöhte Abonnements- und Insertionsgebühr«, lästerte die »Neue Volkszeitung« am 12. Januar 1876 gegen die Konkurrenz.(1)

So verwundert es wenig, dass der Umtausch auch bei uns nur schleppend vonstatten ging. »Obschon die Einlösungszeit der alten Münzen seinem Ende naht, so sind trotz aller Bemühungen [...] noch so viele derselben in Umlauf, als wenn sie gefließentlich zurückbehalten würden. Aber wer nicht hört, muß fühlen! [...] Wer mit der Geldumwechslung bis zum Monat April oder gar die letzten Tage desselben abwartet, hat sich selbst zuzuschreiben, wenn er bei Amt stundenlang warten muß oder dort wegen Mangel an neuem Geld einen Haftschein erhält und erst nach mehreren Tagen sein baares Geld bekommt.« Eine deutliche Mahnung erging auch an diejenigen, welche es in Betracht zogen, ganz auf das Wechseln zu verzichten und statt dessen auf den Metallwert setzten, da »bei den kleinen Münzen, welche schon bei der Prägung mit einem weniger edlen Metall vermischt und außerdem meist recht abgenützt sind, nicht blos einige Kreuzer vom Gulden, sondern ein Drittel, vielleicht die Hälfte des Werthes verloren gehen wird«. Aber die Behörden beließen es nicht bei Ermahnungen mit dem gestreckten Zeigefinger der Obrigkeit. Sie handelten rasch und trafen konkrete Vorkehrungen: »Zur Bequemlichkeit des Publikums sind neue Geldumwechselstellen errichtet zu Siegsdorf, Bergen, Chieming, Vachendorf, Unterwessen, Reit im Winkel, Schleching, Grabenstadt, Haslach und am Magistrate Traunstein.«(2) Auf Letztere weist die oben abgebildete »Bekanntmachung« hin und nennt die »bis auf Weiteres« geltenden Geschäftszeiten »in den Parterlokalitäten des hiesigen städtischen Rathhauses«: Samstag von neun bis 12 und 14 bis 16 Uhr, sonntags von zehn bis zwölf – Bürgerfreundlichkeit anno dazumal!

Der Leitartikel des Traunsteiner Wochenblatts vom 11. Januar 1876 wirft einen getragen-humorvoll, im Stil der damaligen Zeit formulierten, ausführlichen Blick auf »Die neue Währung«. Er verschweigt nicht die Vorbehalte und anfallenden Probleme, er ruft die Geschäftemacher zur Ordnung, aber er lobt auch die seriösen Handwerker und Gewerbetreibenden, namentlich die »Bräuer und Bäcker der größeren Städte, [die] mit lobenswerther Redlichkeit vorangegangen« sind, und stellt unmissverständlich fest, dass »unsere veränderten vaterländischen Verhältnisse [...] als erste Nothwendigkeit die Herstellung der Einigkeit auf wirtschaftlichem Gebiete gefordert« haben. Insgesamt zieht dieser lesenswerte, in Auszügen wiedergegebene Beitrag ein positives Fazit.(3) Wer Parallelen zur Umstellung auf den Euro im Januar 2002 entdeckt, liegt sicher nicht ganz falsch:

»Noch kurze Zeit, dann wird der ehrwürdige Gulden von seinem erhabenen Sitze im süddeutschen Verkehrs-Leben herabsteigen und sein sechzigtheiliges Dasein zu Gunsten des kleineren hunderttheiligen Markstückes in den Schmelztiegel der nationalen Münzstätten legen. Ein erhabener Tod für die große Idee der Einheit und des Fortschrittes! In unabsehbaren Schaaren begleitet ihn das Heer der Sechser, Groschen und Kreuzer, bedeckt mit den Merkzeichen einer langen Wanderung durch zarte und rauhe, reine und schmutzige Menschenhände. Wenn sie sprechen könnten, was wüßten sie alles zu erzählen! Zu wie vielen guten und schlechten Thaten haben sie herhalten müssen! Vielleicht ist’s besser, daß sie ihre Geheimnisse mit zur Scheidestätte(4) nehmen, denn sie könnten so manches ausplaudern, was für die Menschheit gerade nicht schmeichelhaft wäre. Zudem würde ihr Gefühl für die undankbare Welt nicht besonders sympathisch sein, dann man hat den alten Burschen schon lange nicht mehr das Recht eingeräumt, das sie vordem zu Ehren gebracht hatte. Wer hätte schon seit vielen Jahren noch eine Maß der braunen Gottesgabe um einen Sechser erkaufen können, obwohl besagte Münze in vielen Fällen nur mit dem Namen Maß Bier bezeichnet wurde. Wie viele Schmähungen musste sich ein so fleißiger Zwischengänger(5) gefallen lassen, wenn er einem getäuschten Handlanger als Trinkgeld zukam und dieser noch ein paar Kreuzer zulegen mußte, um den frommen Wunsch zu realisiren.(6) Und gar der Kreuzer! Der letzte Kreuzer war immerhin noch ein Trost, denn man konnte sich, ohne in Verlegenheit zu gerathen, anständiger Weise darum ein Stück Brod kaufen, während die Bäcker Deutschlands lange daran studirten, welche kleinste Quantität Brod man mit der größten Anzahl Pfennige zusammenbringen und dem Publikum darbieten könne.(7) Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. [...]

Nun kommt aber doch ein Punkt, der einer kleinen Erwägung würdig sein dürfte. Es ist dies das epidemisch auftretende Abrundungsfieber! Fast jeder, der etwas in den Verkehr zu bringen oder zu leisten hat, ist versucht – natürlich nur der Bequemlichkeit des Publikums zu Liebe –, Preis und Handarbeitsentgelt abzurunden.(8) Weist der zu Ehren gekommene Faullenzer ein Reduktionsergebnis von 12 Pfennig auf, dann macht man flugs 15 Pfennige daraus, 18 Pfennig macht man zu 20 Pfennig – kurz, man will das Dezimalsystem so zu Ansehen bringen, daß dem Consumenten vor Rührung darüber das Wasser zu den Augen herauslaufen könnte. [...] Preissteigerungen, durch die Marktverhältnisse hervorgerufen, sind natürliche Erscheinungen und können nicht unterdrückt werden. Preiserhöhungen der Abrundung, Bequemlichkeit und der Faulheit zu Liebe kann sich das Publikum nicht gefallen lassen und wenn’s nur ein Pfennig wäre, denn 100 Pfennig = 1 Mark etc. [...]

Im Allgemeinen aber sagen wir den süddeutschen Münzveteranen gerne Valet [= Lebt wohl] und bewillkommnen die stattlichen, blinkenden Rekruten von Herzen, denn sie sind die beredten Zeugen für die zur That gewordenen Einigkeit der deutschen Nation.«


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
1: Vgl. Internetportal »Königreich Bayern 1806 - 1918« des Hauses der Bayerischen Geschichte: Schützenscheibe zur Einführung der Mark (https://www.hdbg.eu/koenigreich/web/index.php/objekte/index/id/1182).
2: Zitate aus Artikel im Traunsteiner Wochenblatt v. 13.2.1876, S. 1.
3: In der historischen Rückschau gilt die Periode der »Goldmark« von 1871 bis Ende Juli 1914 als relativ geldwertstabil.
4: Ort des endgültigen Abschieds.
5: Ausgeprägte Kleingeldmünze.
6: Diese Passage bezieht sich auf den Bierpreis, der sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf 6 Kreuzer eingependelt hatte, ein Betrag der als sog. »Sechser« als Münze ausgeprägt wurde. Erhöhungen des Bierpreises wurden in Bayern stets ausgesprochen kritisch gesehen und im Extremfall mit öffentlichen Zusammenrottungen und Krawallen beantwortet (Münchner Bierrevolution im März 1844).
7: Hier wird auf den Brotpreis, vor allem das bei der weniger wohlhabenden Bevölkerung beliebte »Kreuzerbrot« Bezug genommen. »Wir vermissen also die dahier so sehr gewöhnten halbe[n] Kreuzerbrode, was für manche Eltern, welche so ein Kreuzerbrod an 2 Kinder vertheilen konnten, jetzt unangenehm ist.« (Traunsteiner Wochenblatt v. 4.1.1876, S. 1)
8: Der alte Sprachgebrauch ist missverständlich. Gemeint war, dass man eine Zahl durch Hinzufügen auf die nächste runde Zahl brachte, die Preise somit nach »oben anglich«, also aufrundete.

 

7/2016