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Jahrgang 2016 Nummer 5

Wöchentlicher Anschlag

1928 – Bayerische Nordische Skimeisterschaft in Traunstein

»Bayerische Skimeisterschaft in Traunstein«, 1928 (Plakat Nr. 628); beige, obere zwei Drittel Holzschnitt, unten braune Schrift, gedruckt bei Leopoldseder, Traunstein; 54 x 71 cm, leicht beschädigt.
Zieleinlauf der Langläufer nahe der Haferlbrücke, 1928. (Stadtarchiv Traunstein, PK 1363)
Blick über den Wochinger Spitz auf die Bürgerwaldschanze, 1956. (Stadtarchiv Traunstein, LB 1227; www.Luftbild-Bertram.de)

Nordische Skiwettkämpfe, ausgetragen in Traunstein! Wer heute auf eine solche Idee käme, würde wohl kaum ernst genommen werden. Denn, seien wir ehrlich: So sehr man sich auch bemühen würde, es würde so ziemlich an allem fehlen, was das strenge Reglement des Verbandes vorschreibt, sprich an den passenden Wettkampfstätten – und zumeist auch an Schnee.

Vor knapp 90 Jahren, als Skisportler noch Pioniere waren, da war dies freilich noch ganz anders. Gerade einmal drei Jahre zuvor hatte man eine Sprungschanze gebaut, am Hang des namensgebenden Bürgerwaldes zwischen dem Schwimmbad und dem Weg nach Abstreit. Viele ältere Leser werden sie noch vor Augen haben. 14 000 Mark betrugen die Kosten, die zu einem Großteil aus freiwilligen Spenden der Bürgerschaft finanziert wurden, 40 Meter war die Weite, auf die sie maximal ausgelegt war.(1) Damit war man in der Lage, größere Wettbewerbe durchzuführen. Und erstmals geschah dies 1928, am 28. und 29. Januar.

Natürlich stand das Skispringen im Zentrum des Interesses. Es war eben immer schon spektakulär, seine Protagonisten galten als typische »wuide Hund«, und so strömten zu den besten Zeiten Tausende von Zuschauern zur Traunsteiner Bürgerwaldschanze. Kein Wunder, Liveübertragungen mit endlosen Interviews im Vorfeld, Superzeitlupen und ausschweifenden Expertenmeinungen im Nachgang gab es (leider?) noch nicht, man musste schon selbst vor Ort sein, um das Spektakel mitzuerleben. Lassen wir also den damaligen Zeitungsbericht einmal etwas länger auf uns wirken.

»Der Auftakt zur Skimeisterschaft war [am Samstag] der Langlauf. Gewählt war das Terrain um den Hochberg, mit dem Start Hochberg und Ziel Haferlbrücke. Die Langlaufstrecke betrug 18 km, die Kurzlaufstrecke 10 Kilometer. Die Schneeverhältnisse waren die denkbar ungünstigsten. Der Schnee war pappig und stellenweise hinderten die Maulwurfhügel und die schneefreien oder sehr dünn schneebedeckten Flächen. An die Skifahrer waren daher die höchsten Anforderungen gestellt und die Überwindung der Strecke kostete große Schwierigkeiten. [...] Ernst Krebs (München) war in bester Form und erreichte die beste Zeit des Tages. Ebenfalls gut zeigte sich aus unserer Gegend Plenk Anton von Ruhpolding, der den vierten Rang in der ersten Klasse erringen konnte. Der Nachmittag verlief ohne Unfall mit Ausnahme einiger Schwächeanfälle von Skifahrern. [...]

Nach Mittag [am Sonntag] setzte eine wahre Völkerwanderung ein zu der mit so großen Opfern erbauten Sprungschanze am Bürgerwald. Es mochten wohl bei 2000 Menschen gewesen sein, die trotz des einsetzenden Schneegestöbers und des eisigen Windes mehrere Stunden ausharrten. [...] Es ist nicht zu verkennen gewesen, daß der herrschende Sturm die Leistungen der Einzelnen beeinträchtige. Es wurden aber trotzdem schöne Ergebnisse erzielt. Aus unserer Gegend gefielen besonders Helzensauer von Traunstein (35 Meter), Zeller Josef (36 und 32 Meter), Bogner Willy (30 und 24 Meter). Das beste Resultat im Sprunge erzielte der Kufsteiner Blomseth mit 36 und 33 Meter, den schönsten Sprung hat zweifellos Dr. Baader(2), Freiburg, gestanden. Stürmischen Beifall fanden die Doppelsprünge. Die Sanitätsmannschaft brauchte fast gar nicht einzugreifen [...]. Möge der Stern, der über diese Tage der Bayerischen Skimeisterschaft leuchtete, auch weiterhin den Weg in die Zukunft weisen, zur Ertüchtigung unserer Jugend und zum Heile unseres deutschen Vaterlandes. Unserer Skiabteilung Traunstein ein dreifaches Ski Heil.«(3)

Wer jetzt aber etwas aufmerksamer gelesen hat, wird in Bezug auf den »leuchtenden Stern« doch etwas zweifeln. War da nicht von »schneefreien oder sehr dünn schneebedeckten Flächen« die Rede? Und das Datum des zitierten Artikels verwundert ebenfalls: 13. Februar 1928. Tatsächlich hatte der Wettbewerb um zwei Wochen verschoben werden müssen. Der Grund: Schneemangel! »Wie wunderlich doch dieser Winter ist. Eben wird bekannt gegeben, daß die Bayerische Skimeisterschaft infolge von Schneemangel auf »unbestimmte Zeit« verschoben werden muß. Und es gibt Leute, die an einen richtigen Winter überhaupt nicht mehr so recht glauben wollen.(4) Die Natur scheint ihnen recht zu geben.«(5) Obwohl es in der Erinnerung früher immer nur schneereiche und strenge Winter gab, scheint die Realität doch zumindest so manches Jahr eine andere gewesen zu sein. Und so lagen »schwere Tage« hinter der Skiabteilung. Die Schanze hatte man mit herbeigefahrenem Schnee belegt, und ein »Bangen um den Bestand des Wetters und ein beständiges Himmelaufwärtsschauen, ob sich denn gar nicht ein Schneewolke zeigen wolle«, hatten die Tage der Vorbereitungen begleitet. Jedoch – Ende gut, alles gut.

Diese stets gern genommene Floskel galt nicht für die Bürgerwaldschanze. Nach dem Krieg hatte man sie noch einmal ausgebaut und modernisiert. Weiten an die 60 Meter waren jetzt möglich. Das Eröffnungsspringen am 10. Januar 1950 verfolgten über 10 000 Zuschauer. Und bei den Chiemgau-Meisterschaften 1965 stellte der Berchtesgadener Helmut Kurz mit 61,5 Meter einen phantastischen Schanzenrekord auf – leider »für die Ewigkeit«. Fortan nämlich verflachte das Interesse mehr und mehr, bis 1972 der Bau der neuen Straße nach Siegsdorf den Abriss der Schanze erforderte.

Das Plakat der Meisterschaften von 1928 gestaltete im Übrigen der 1919 aus Annaberg in Sachsen zugezogene Fotograf Kurt Meiche (1885-1951), selbst ein begeisterter Bergwanderer und Skifahrer. Sein Nachlass, der zahlreiche bemerkenswerte Landschaftsaufnahmen enthält, befindet sich im Stadtarchiv. Das Motiv, ein über der Stadtsilhouette schwebender Skispringer, diente 2003 der Einladungskarte bzw. dem Plakat zur Ausstellung »Öffentlicher Anschlag« als Vorlage. Das »Jahrbuch« des Historischen Vereins 2009 zeigt es auf seiner Titelseite.


Franz Haselbeck

 

Anmerkungen
1: Zur Bürgerwaldschanze siehe: Katharina Breimann, Die Geschichte des Skispringens in Traunstein, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 21/2009, S. 38-64.
2: Er erhielt hierfür den »Damenpreis«, so bezeichnet, weil ihn die Damen der Skiabteilung Traunstein gestiftet hatten.
3: Traunsteiner Wochenblatt vom 13.2.1928, S.3: »Die Bayerische Skimeisterschaft in Traunstein« (Auszüge).
4: Der Verfasser, der diesen Beitrag am 18. Dezember 2015 schrieb, fiel zu diesem Zeitpunkt in Bezug auf den heurigen Winter auch bereits stark vom Glauben ab.
5: Traunsteiner Wochenblatt vom 28.1.1928, S.3: »Seltsamer Winter« (Auszüge).

 

5/2016