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Jahrgang 2016 Nummer 4

Wöchentlicher Anschlag

Widerstand gegen die »Neuheidnische Feuer-Bestattung«

»Neuheidnische Feuerbestattung«, 1913 (Plakat Nr. 630); beige mit schwarzer Schrift, gedruckt bei der Oberbayerischen Genossenschaftsdruckerei, Traunstein; 62 mal 84 cm, beschädigt.

Als im Sommer 1999 die Planungen für ein Krematorium neben dem städtischen Waldfriedhof öffentlich wurden, regte sich Widerstand, nicht nur vereinzelt und nicht nur in der unmittelbaren Nachbarschaft. Mögliche Umweltbelastungen wurden ebenso aufgeführt wie ethische und moralische Bedenken derer, die einen Verfall der Friedhofskultur befürchteten. In zahlreichen Leserbriefen taten Gegner ihre Argumente kund: »Wir brauchen kein Krematorium! Nicht jetzt und auch nicht mittelfristig und vor allem nicht hier, nahe dem dichtest besiedelten Wohngebiet der Großen Kreisstadt Traunstein.« – »Wer könnte es den Haidforstern verdenken, wenn sie mit Sensen und Sicheln ausrücken würden? Hier hat die Stadtverwaltung die unabdingbare Pflicht, klar und deutlich »nein« zu sagen. Zum Wohle der Stadt und zum Wohle aller Bürger.« Aber man konnte auch positive Meinungen lesen: »Ein uneingeschränktes Ja zu dieser Anlage, und das in Traunstein!«(1) Letztendlich gelang es den Verantwortlichen mit dem damaligen Oberbürgermeister Fritz Stahl an der Spitze, die Wogen zu glätten, das Projekt gut zu kommunizieren und in ruhige Bahnen zu lenken. Im Mai 2001 konnte »Europas modernste Feuerbestattungsanlage«(2) den Betrieb aufnehmen. Damals ein Politikum ist das Krematorium heute eine als Selbstverständlichkeit akzeptierte Einrichtung, die überhaupt nicht mehr wegzudenken ist. Aktuell beträgt der Anteil der Urnenbestattungen im Traunsteiner Waldfriedhof 78 Prozent!(3) Was kaum noch jemand weiß: Vor gut einhundert Jahren hatten Rat und Verwaltung mit dem jugendlichen – und noch unerfahrenen – Bürgermeister Dr. Georg Vonficht(4) an der Spitze schon einmal die Errichtung eines Krematoriums in Traunstein erwogen.

Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung. Angeführt von Stadtpfarrer Josef Dannegger und vorbehaltlos unterstützt von der katholischen und BVPnahen Oberbayerischen Landeszeitung blies die gegnerische Front zur Attacke. Allein schon die Argumentation des abgebildeten Textplakats lässt an deren Entschlossenheit keinen Zweifel aufkommen: »Die katholische Kirche verbietet es ihren Angehörigen unter der Strafe der Exkommunikation, d. h. Verweigerung der heiligen Sterbesakramente und der kirchlichen Beisetzung, sich nach dem Tode verbrennen zu lassen.« Dass es sich hier selbstredend nur um eine »neuheidnische« Idee handeln konnte, darauf verweisen als einziges grafisches Element links und rechts dieses Wortes je zwei Hände mit ihren ausgestreckten Zeigefingern.

Der Aufruf, zur für den 19. Januar 1913 angesetzten Protestversammlung »in Massen« zu erscheinen, hatte durchschlagenden Erfolg. Das Traunsteiner Wochenblatt, gegenüber seinem Konkurrenzblatt deutlich um Objektivität bemüht, berichtete zwei Tage später: »Der Hofbräuhaussaal war total überfüllt, es mußten sogar viele Leute wieder umkehren. Daß eine große Anzahl der Teilnehmer auf das Konto der Neugierde zu setzen ist, ist selbstverständlich, wie dies ja bei allen außergewöhnlichen Anlässen der Fall ist. Die Herren Redner [...] wandten sich, mitunter in humoristischer Weise, durchwegs gegen die Feuerbestattung im allgemeinen und gegen die Errichtung eines Krematoriums dahier im besonderen, in erster Linie vom religiösen, dann aber auch vom finanziellen Standpunkte aus. Die zum Schlusse verfasste Resolution als Protest gegen die Errichtung eines Krematoriums in Traunstein wurde ohne Widerspruch hingenommen.«

Einmal losgetreten war die Lawine nicht mehr aufzuhalten. Artikel folgte auf Artikel, die Stadträte tagten und diskutierten, die überörtliche Presse nahm sich des Themas an und wurde dabei auch mit Informationen versorgt, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Dass die Argumente der Befürworter gnadenlos abgekanzelt wurden, versteht sich von selbst. Die Grenzen der Fairness und des guten Geschmacks hatten ihre Geltung verloren. Bestes Beispiel ist die in der Faschingsausgabe der Oberbayerischen Landeszeitung veröffentlichte »Geschäft-Empfehlung« eines »Js. Aschenbrenner [...]. Nach vielen Bemühungen ist es mir gelungen, mit allen Leichenverbrennungsgesellschaften einen Vertrag abzuschließen, sodaß ich allein berechtigt bin, die Asche der Verbrannten als Kunstdünger zu verwerten. [...] Zugleich zeige ich an, daß ich auch Leichenhandel in Zukunft betreibe.«(5) Der Gegenwind des Jahres 1999 relativiert sich in der Nachbetrachtung angesichts dieser Praktiken doch erheblich.

1913 jedenfalls war das Ende des Projekts nach nur wenigen Tagen vorherbestimmt, auch wenn sich die Angelegenheit noch über ein Jahr hinzog. Die »katholischen Männer aller Stände« [Frauen wurde damals offensichtlich noch keine gesteigerte Bedeutung zugemessen; Anm. d. Verf.], die sich gegen das Projekt erhoben hatten, da sie »treu der alten Väter Sitte, treu dem Glauben, treu der Kirche [...] leben und sterben«(6) wollten, behielten die Oberhand. Die Befürworter, allen voran Bürgermeister Vonficht, der bis zuletzt eine aufrechte Haltung bewahrt hatte, wurden gezwungen, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen. Trotz dieser herben politischen Niederlage (und Lehrstunde) entwickelte sich Dr. Georg Vonficht zu einer bedeutenden Persönlichkeit. Er führte die Stadt umsichtig durch die Wirren von Revolution und Räterepublik und ließ sich auch nicht als Handlanger der Nationalsozialisten missbrauchen, die ihn folgerichtig 1935 durch einen linientreuen Nachfolger ersetzten.


Franz Haselbeck

 

Anmerkungen
1: Ausschnitte aus Leserbriefen, veröffentlicht im Traunsteiner Wochenblatt vom 7. 8. 1999, Seite 12.
2: PR-Anzeige im Traunsteiner Tagblatt vom 23. 5. 2001, S. 20 bis 21.
3: Freundliche Auskunft des Ordnungsamtes der Stadtverwaltung vom 11. 12 2015.
4: Dr. Georg Vonficht, geboren am 21. März 1882 in Ingolstadt, verstorben am 3. Dezember 1964 in Tegernsee, rechtskundiger Bürgermeister 1909 bis 1935.
5: Für weitere Nachforschungen zum Hergang der Ereignisse können im Stadtarchiv herangezogen werden: Akten 1870-1972, A 553, Geplante Errichtung eines Krematoriums 1913; Nachlass Büttner, Heft 17, Urnenhalle und Krematorium in Traunstein 1913.
6: Oberbayerische Landeszeitung vom 14. 1. 1913, Titelseite.

 

4/2016