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Jahrgang 2016 Nummer 3

Wöchentlicher Anschlag

Traunstein – Bayerisches Graz

»Traunstein – Bayerisches Graz« , um 1890 (Plakat Nr. 744); beige mit schwarzer Fraktur, gedruckt bei Carl Werkmeister, Traunstein; 42 x 36 cm.
Das Prinzregentendenkmal stand zunächst auf den Rosnerschen Gründen (im Hintergrund das Kernschloss). 1905 übereignet es der Gutsbesitzer der Stadt und erhielt aus diesem Anlass die Ehrenbürgerwürde. (Sammlung Heimathaus Traunstein)

»Traunstein – Mein Ruheposten?« Unter diesem Titel gab 1911 der Kur- und Verkehrsverein einen »Wegweiser für alle, welche einen gesunden, schönen und ruhigen Ort zur Ansiedlung suchen«, heraus.(1) Seine Zielgruppe waren potenzielle Neubürger, gerne schon etwas älter, vor allem aber gut situiert, die ihren Ruhestand oder den arbeitsfreien Teil ihres Lebens in einem gediegenen Umfeld abseits der Hektik von Großstädten oder bekannten Touristenzentren verbringen wollten. »Keine rußenden und lärmenden Fabriken belästigen die Bewohner, dagegen ist die Stadt durch die Sauberkeit ihrer Straßen und ihrer Plätze und ihres Gesamtbildes wohl bekannt und belobt«, so stand es unter anderem in dieser Werbeschrift zu lesen. Den selben Zweck hatte nur ein Jahr zuvor das Inserat »Für Dich ein Häuschen!« in der Festzeitung zum 600-jährigen Jubiläumsschießen der königlich-privilegierten Feuerschützen-Gesellschaft verfolgt.(2) »Die alte Chiemgaustadt dort in der Südostecke des großen deutschen Reiches, inmitten ihrer Wälder, Berge und Matten, ein selten Fleckchen Ruhe für den, der sie sucht. [...] Herzlich hieße Dich die gastliche Stadt Traunstein als neuen Bürger hier willkommen, eine Zufriedenheit und Glück bringende zweite Heimat findest Du.«

Genau in diese Kerbe zielte um 1890(3) das Plakat, mit dem Eugen Rosner seine großen »Bauterrains mit herrlicher Gebirgsansicht« anpries. Seit der Eröffnung der Bahnlinie von München nach Salzburg im Jahr 1860 hatte die Stadt begonnen, sich über ihre Mauern hinaus nach Westen in Richtung Bahnhof auszudehnen. In den folgenden Jahrzehnten stiegen die Bevölkerungszahlen rasant. Und schon bald verfolgten die Stadtväter das Ziel, wohlhabende Leute durch die Ausweisung großzügiger Baugründe in den Südosten Bayerns zu locken, wo sie sich ein neues Heim nach ihren Wünschen errichten konnten. Im Gefolge dieser Politik entstanden bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs die meisten der – noch heute die Architektur in diesen Bereichen prägenden – (Jugendstil-)Villen, etwa am Wochinger Spitz, auf der Wartberghöhe oder an der Herzog-Friedrich-Straße.

Wir haben hier natürlich kein touristisches Werbeplakat, sondern eines, das auf kommerziellen Erfolg, sprich den Verkauf von Grundstücken, ausgerichtet ist. Dennoch ist es überaus ansprechend gestaltet: Oben eine gezeichnete, mit Blumenranken verzierte Stadtansicht, seitlich das Stadtwappen sowie drei einzelne Villen, darunter auch das Kernschloss Eugen Rosners. Der kurfürstliche Kastner und Mautner Johann Anton Freiherr von Kern hatte es um 1770 als Gartenschlösschen und Belvedere auf einem Hügel nordwestlich der Stadt errichten lassen.(4) Der Text nennt in angemessener Länge sechs Gründe, die dem Interessenten den Kauf eines Grundstücks schmackhaft machen sollten. Traunstein, »klimatischer Kurort« und »Sitz vieler Behörden«, hat »Bildungsanstalten für Knaben und Mädchen (mit Pensionaten)« und ist »Ausgangspunkt zahlreicher herrlicher Ausflüge und Gebirgstouren.« – »Große und ausgedehnte Waldungen rings um die Stadt [sind] mit zahlreichen Wegen und Ruhebänken versehen.« Dazu kommen die guten Bahnverbindungen der »Schnellzugstation«, ein kaum zu unterschätzender Standortvorteil.

Eugen Rosner, geboren am 18. Juni 1856 in Oedhof, Stadt Freilassing war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Er war unter anderem Initiator und Mäzen der »Freiwilligen Sanitätskolonne Traunstein«, einer Organisation des Roten Kreuzes, und fuhr das erste hier zugelassene Automobil. Mit Beschluss vom 5. Mai 1905 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen. Die »Stiftung des Prinzregent- Luitpold-Denkmales, eines hervorragenden, die Stadt Traunstein zierenden Kunstwerkes«, hatte seiner »patriotischen und gemeinnützigen Gesinnung« bleibenden Ausdruck verliehen.(5) Zudem benannte man eine Straße nach ihm. Er verstarb am 26. April 1917 in München.(6)

Was ihn, den Architekten E[ugen] Stumpf(7) oder den Plakatgestalter, einen gewissen R. Wolf, aber bewogen hatte, Traunstein als »Bayerisches Graz« zu bezeichnen, wird deren Geheimnis bleiben. Die Landeshauptstadt der Steiermark hatte annähernd zwanzig Mal soviel Einwohner, und auch bei den historischen Sehenswürdigkeiten blieb dem »Herz des Chiemgaus « schon damals kaum etwas anderes übrig, als sich gut zu verstecken. Ob es das Klima war? Schwer zu glauben, zieht man die Eckdaten der letzten Jahre heran. Etwa 2100 Sonnenstunden, eine jährliche Durchschnittstemperatur von 9,4 Grad Celsius, nur knapp 100 Regentage mit einer Niederschlagsmenge von 800 mm für die Kulturhauptstadt Europas am südöstlichen Alpenrand (der mediterrane Einfluss macht’s möglich), dagegen nur gut 1700 Sonnenstunden, 7,8 Grad Celsius, dafür aber 200 und mehr Regentage sowie 1100 mm Niederschlag für die Stadt an der Traun. Da muss man schon sehr optimistisch veranlagt sein, um hier auch nur annähernd eine Gleichheit herzustellen. Fakt ist: »Das Klima in Traunstein ist gemäßigt, aber kalt.«(8) Vor gut einem Jahrhundert wird es kaum anders gewesen sein. Da kann man nur sagen: Frechheit siegt!


Franz Haselbeck


Anmerkungen
1: Im Stadtarchiv Traunstein unter der Signatur GL 168 verwahrt.
2: Im Stadtarchiv Traunstein unter der Signatur GL 595 verwahrt.
3: Die Tatsache, dass Traunstein 1871 gut 5.000, 1900 aber bereits über 8.000 Einwohner hatte, lässt die zeitliche Einordnung des Plakats, das 7.000 Einwohner nennt, plausibel erscheinen.
4: Heute das Pfarrhaus von Heilig Kreuz, Schloßstraße 15 a-c.
5: Das Denkmal am Bahnhofplatz mit den beiden flankierenden Löwen fiel dem Verlauf des 2. Weltkriegs zum Opfer; siehe: Franz Haselbeck, Bahnhofplatz Traunstein und der Prinzregent. Eine historische Betrachtung zur Neugestaltung des Bahnhofplatzes, in: Chiemgaublätter 25/1990.
6: Franz Haselbeck, »Mit Rücksicht auf das ersprießliche Wirken.« Die Ehrenbürger der Stadt Traunstein, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 20/2008, S. 40-56.
7: Eugen Stumpf, Architekt und Baumeister, geboren 1846 in München, am 3. Februar 1898 kurzfristig nach Traunstein zugezogen, wenig später verzogen nach Frankfurt / Main.
8: Nach http://de.climate-data.org/location/717506/.

 

3/2016