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Jahrgang 2016 Nummer 2

Wöchentlicher Anschlag

Das erste »Imageplakat« der Stadt

»Traunstein – Bayern«, um 1900 (Plakat Nr. 1460); farbige Stadtansicht mit 6 Einzelmotiven und Werbetext, gedruckt bei Karl Stücker's Kunstanstalt, München; 74 x 104 cm, 2 Exemplare, restauriert.

Das Bildplakat ebnete diesem Medium, dessen Funktion ja eigentlich »die schnelle Vermittlung von Informationen, oftmals verknüpft mit einer propagandistischen Absicht«(1) war, den Weg zum Kunstwerk. Vorreiter war hier mit Sicherheit die Werbebranche. Deren ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis hinein in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts entstandenen Blätter rufen beim Betrachter noch heute staunende Bewunderung hervor. Schon früh weckten sie das Interesse privater Sammler von Gebrauchsgrafik. Einer ihrer profiliertesten Vertreter im deutschsprachigen Raum, Hans Sachs (1881-1974), war Mitbegründer des »Vereins der Plakatfreunde«. Er selbst pflegte eine beispiellos umfangreiche, kulturhistorisch wertvolle Privatsammlung, die trotz der politischen Wirren des 20. Jahrhunderts zu etwa einem Drittel erhalten blieb.(2) Eine ebenfalls von ihm ab 1910 weitgehend in Eigenregie herausgegebene bibliophile Kunstzeitschrift, national und international anerkannt, trug nicht umsonst den Titel: »Das Plakat«.(3)

Auch die Städte wollten hier nicht nachstehen und angesichts des aufkommenden Tourismus dem so entstandenen Markt ihre Vorzüge anpreisen. Heute würde man hier wohl von Imageplakaten sprechen, eingebettet im verpflichtenden »Corporate Design« und mit einem entsprechenden »Logo« versehen. Der Verfasser gibt an dieser Stelle freimütig zu, seine Schwierigkeiten damit zu haben, dass sämtliche Druckerzeugnisse einer Institution irgendwann einmal alle nur noch gleich aussehen. Und warum eine Stadt, die seit Jahrhunderten ein Wappen führt, zusätzlich ein Label benötigt, erschließt sich ihm ebenfalls nicht zur Gänze. Zumal man oftmals, um es überhaupt zu verstehen, eine längere Gebrauchsanweisung benötigt, die einem aber der jeweilige Designer – mit einem entsprechend »nachsichtigen« Unterton – immer gerne liefert. Man ist ja bereit dazuzulernen. Aber wenn man das Beispiel Garmisch-Partenkirchen betrachtet, wo gesprächsweise vor einigen Jahren zu erfahren war, dass das neue Logo auf Berge verzichtet – denn Berge haben ja alle, sie sind doch kein Alleinstellungsmerkmal –, dann stellt man sich doch die Sinnfrage. Gewiss, Berge haben zwar nicht alle, aber doch viele Orte, aber die Zugspitze oder die (noch viel markantere) Alpspitze nicht, die gibt’s halt nur einmal; dafür kennt sie jeder.

Aber keine Sorge, ganz so schlimm ist’s in Traunstein noch nicht. Das farblich in Themengruppen unterteilte Corporate Design lässt durchaus Raum für individuelle Gestaltung. Die Stadtsilhouette als Logo erklärt sich auch von selbst. Und über einen älteren Versuch, hinter dem man allerhöchstens ein Schwimmbad, niemals aber, und wenn noch so viele Experten das Gegenteil behaupten, die Stadt Traunstein erkennen kann, muss auch einmal der gnädige Mantel des Schweigens gelegt werden.

Um 1900, als unser erstes städtisches Werbeplakat erschien, war das selbstredend noch völlig anders. Abstraktion war in der Provinz ein Fremdwort. Man blieb im Konkreten verhaftet und zeigte unter dem Titel »Traunstein – Bayern«, begleitet von den bayerischen Rauten und dem Traunsteiner Stadtwappen, in einer üppigen, deutlich überladen wirkenden Zusammenstellung alles, was man hatte und für ein positives Erscheinungsbild in die Waagschale werfen konnte. Im Zentrum stand die malerischste aller Standardansichten: von Norden, im Vordergrund der Viadukt mit rauchender Dampflok, über das beschauliche Städtchen hinein in die Berge. Aber natürlich genügte deren Bildsprache allein nicht. Ihre Aussage musste mit Einzeldarstellungen ergänzt bzw. untermauert werden. Und so sieht man den 1526 errichteten Lindlbrunnen, »das« Traunsteiner Wahrzeichen, dazu das Kreuz auf dem sagenumwobenen »Traunstein« sowie den Weg nach Empfing. Dazu gesellen sich der »Abstieg zur Saline« als Blick durch das Au-Tor mit den beiden, 1844 im Atelier des Münchner Bildhauers Schwanthaler gefertigten, Steinlöwen (Löwentor), die Allee vom Bahnhof in die Altstadt, damals bescheiden als »Königsstraße« bezeichnet, und schließlich die Fraueninsel als nahes Ausflugsziel. Verzichtet wurde ebenfalls nicht auf eine ausschweifende textliche Erläuterung, umrahmt von geschwungenen Blumenranken und begleitet von einem Mädchen in Tracht. Diese beginnt damit, dass »Traunstein in Oberbayern an der München-Salzburger Eisenbahnlinie 598 Meter über der Nordsee« liegt, führt weiter zu »guten Gasthöfen und Privatwohnungen« und endet schließlich mit dem Hinweis, dass weitere »Aufschlüsse [...] die Badbesitzer Dr. Wolf (Traunstein), Seywald (Empfing) und der Vorstand des Verschönerungsvereins« erteilen.

Für die Herstellung dieses – ungeachtet aller Schwächen, die dem damaligen Zeitgeist geschuldet waren – prachtvollen Plakats zogen die Verantwortlichen auswärtige Hilfe heran. Das Bild ist signiert von dem Münchner Maler G. Seltenhorn, über den mit Ausnahme einer auf einer Auktion angebotenen Königssee-Ansicht(4) leider nichts bekannt ist. Mit dem Druck beauftragte man Karl Stücker's Kunstanstalt, ebenfalls in der Landeshauptstadt beheimatet und ausgezeichnet als »königlich-bayerischer Hoflieferant«. Einer örtlichen Firma fehlten damals sicher noch die technischen Voraussetzungen, um eine derart aufwändige, großformatige Farblithografie so umzusetzen. Das Stadtarchiv verwahrt zwei Exemplare dieses ersten Traunstein-Plakats. Eines ruht in den Schränken des Magazins, das andere zeigt sich gerahmt dem Besucher im Benutzerzimmer, quasi als Erinnerung an »die gute alte Zeit« (die es tatsächlich nur in der Plakatkunst gegeben hat).


Franz Haselbeck


Anmerkungen:

1 Nach https://de.wikipedia.org/wiki/Plakat.

2 Sie befand sich bis zur Rückgabe an den Sohn und Erben Peter Sachs in der Obhut des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

3 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_ Sachs_(Sammler).

4 Vgl. http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/g-seltenhorn/auktionsresultate.


2/2016