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Jahrgang 2016 Nummer 1

Wöchentlicher Anschlag

Historische Plakate im Stadtarchiv Traunstein

Landesherrliche Anordnung eines 10-stündigen Gebets gegen die Kriegsgefahr, 1619 (handgeschriebenes Plakat).
»Einladung zu zwei Schlittenrennen«, 1891 (Plakat Nr. 6217); gelb mit schwarzer Schrift, gedruckt bei Carl Werkmeister, Traunstein; 63 x 86 cm, beschädigt.
»Programm zum Einzug Osman Paschas«, um 1890 (Plakat Nr. 945); blau mit schwarzer Schrift, gedruckt bei A. Miller, Traunstein; 30,5 x 39 cm, beschädigt.
»Grosser Maskenfestzug!«, 1900 (Plakat Nr. 6220); orange mit schwarzer Schrift, gedruckt bei A. Miller und Sohn, Traunstein; 51 x 74 cm, gut erhalten.

Gut 7000 Nummern umfasst derzeit die Plakatsammlung des Stadtarchivs, und jährlich erfährt sie einen Zuwachs von etwa einhundert Objekten, die Veranstaltungen, Feste, Feierlichkeiten oder Wahlen im Bereich der Stadt Traunstein ankündigen und bewerben. Das älteste datiert auf den 1. September 1858, das jüngste bezieht sich – nach der in der Regel halbjährlich vorgenommenen Aufnahme der Neuzugänge und der so erfolgten Aktualisierung des Bestands – meist auf ein nur wenige Wochen vergangenes Ereignis.

Etwa 400 dieser Plakate sind vor 1945 erschienen. Sie wurden im vergangenen Jahr ausgesondert und zu einem Teilbestand »Historische Plakate« zusammengeführt. Einer fotografischen Erfassung, zu der sich dankenswerter Weise Frau Helga Haselbeck bereit erklärt hatte, folgte eine genaue Verzeichnung. In die Datenbank aufgenommen wurden dabei: Titel und Anlass des Plakats; eine Beschreibung der bildlichen und / oder textlichen Darstellung; Herausgeber, Drucker bzw. Verlag und Grafiker, falls angegeben oder anderweitig zu ermitteln; Datierung; Maße im Original; in einer abschließenden Bemerkung etwaige Besonderheiten wie zum Beispiel ein ausgesprochen guter oder aber schlechter Erhaltungszustand.

Und genau dieser Erhaltungszustand war es, der den Archivar zu dieser doch sehr zeit- und arbeitsintensiven Maßnahme bewogen hatte. Denn ältere Plakate, zumeist gebraucht überliefert, sind infolge ihrer Größe und vor allem der schlechten Papierqualität sensibel. Allein schon das Heraussuchen und die Vorlage im Lesesaal kann ihnen kleinere – und falls man dabei unvorsichtig agiert, auch größere – Schäden zufügen. Nach Abschluss der Inventarisierung können nun die Originale in ihren Umschlägen aus säurefreiem Karton verbleiben, sicher verwahrt in den Spezialschränken des vollklimatisierten Magazins. Für eine normale Benutzung reichen die hochaufgelösten digitalen Farbbilder in Verbindung mit dem Text des (als PDF-Datei vorliegenden) Findbuchs vollkommen aus. Dennoch wäre es schade, würde das Stadtarchiv diese in vielen Facetten hochinteressanten historischen Dokumente einfach so wieder zur Ruhe betten. Daher soll, beginnend mit der nächsten Ausgabe, eine wöchentliche Serie in den »Chiemgau-Blättern« 2016 immer jeweils eines von ihnen näher vorstellen.

Laut Duden online ist ein Plakat ein »großformatiges Stück festes Papier mit einem Text (und Bildern), das zum Zwecke der Information, Werbung, politischen Propaganda oder Ähnlichem öffentlich und an gut sichtbaren Stellen befestigt wird«. Das Wort taucht erstmals im 16. Jahrhundert in den Niederlanden auf. Während des Befreiungskampfes gegen die spanischen Besatzer hatte man dort Flugblätter mit Klebstoff an Häuserwände und Mauern »geplackt«. Derartige Papierbögen hießen plakatten (neuniederländisch plakkaat). Im Französischen entstanden daraus plaque »Platte, Täfelchen« und placard »Anschlag«.(1) Letztere Bezeichnung ist neben Aushang, Bekanntmachung, Poster (modern) oder Affiche (veraltet) ein nach wie vor gebräuchliches Synonym für Plakat. Seine Herleitung ist einfach: Wollte man Anordnungen, Mitteilung oder sonstige Nachrichten »unters Volk bringen«, war im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit ein Weg, sie über Ausrufer weiterzugeben, ein anderer, sie drucken oder schreiben zu lassen und öffentlich auszuhängen – oder eben »anzuschlagen«. Martin Luther kann als bekanntestes Beispiel hierfür genannt werden. Sein Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 an der Schlosskirche zu Wittenberg ist fast jedermann geläufig.(2) Doch man muss gar nicht so weit in die Ferne schweifen. Im Stadtarchiv findet sich in einem Akt des Jahres 1619 die handgeschriebene Anordnung, Wie und was gstalt das Zehnstündtig Gebett bey der Statt Traunstain auf Zehen Stundt angestelt und außgethailt worden,(3) worin der Landesherr dieses Gebet von seinen Untertanen zur Abwendung der Kriegsgefahr einforderte. Es zeigt deutlich die Spuren des Anschlags (links) bzw. der Beschädigung durch seine spätere Abnahme (rechts).

Damit sind wir bei der Urform des Plakats angelangt, dem reinen Textdokument, das der Kommunikation von Ereignissen diente. Grafische Elemente kamen erst später hinzu, und das Plakat als Kunstwerk, bei dem das Bild, die Zeichnung oder die Fotografie im Zentrum steht, ist der Endpunkt dieser Entwicklung. Wandzeitungen, aus heutiger Sicht mit Inhalt völlig überfrachtet, ohne oder mit nur marginaler grafischer Ausschmückung; so respektlos muss man wohl oder übel auch die frühen Plakate der Traunsteiner Sammlung charakterisieren. Interessant aber sind sie allemal, wie drei für den einleitenden Beitrag zu dieser neuen Serie ausgewählte Beispiele zeigen.

Da haben wir zunächst eine Einladung des Renn-Vereins Traunstein zu zwei Schlittenrennen am Sonntag, den 18. Januar 1891. Der zu erringende Hauptpreis betrug stattliche 100 Mark, und dementsprechend streng waren die Regularien: »1. Der Umfang der Rennbahn beträgt circa 800 Meter und muß dieselbe einmal im Schritte und viermal im Trabe, beim Erstfahren einmal im Schritt und fünfmal im Trabe umfahren werden. Beide Rennen finden nacheinander statt. 2. Beim Bezirksfahren sind russische Pferde und Pferde, welche je bei einem Rennen einen ersten Preis errungen haben, ausgeschlossen. Die Concurrenten am Bezirksfahren dürfen sich höchstens mit 2 Pferden betheiligen, außerdem muß jedes Pferd mindestens einen Monat im Besitze des Eigenthümers sein.« Der Erfolg gab dem Veranstalter Recht, wie man im Traunsteiner Wochenblatt vom 20. Januar 1891 nachlesen kann: »Eine Menge Zuseher beteiligte sich trotz eisiger Kälte mit sichtlichem Vergnügen an dem seltenen Sport, welcher ohne Unfall vor sich ging.« Sieger beim Bezirksfahren wurde der Trostberger Pferdehändler Georg Mösl, gefolgt von zwei Traunsteinern, dem Fabrikbesitzer Martin Koschade und dem Gastwirt Johann Oberndorfer, das Erstfahren gewann der Posthalter Martin Huber aus Siegsdorf.

Faschingsveranstaltungen standen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hoch im Kurs, viel höher, als in unseren Tagen, wo Veranstaltungen, »Events«, Freizeitangebote und moderne Medien um die Gunst eines verwöhnten Publikums buhlen. Ein Faschingszug oder ein Ball waren gesellschaftliche Ereignisse, über die man sprach und denen man, falls irgend möglich, beiwohnen wollte, ja musste. So fand um 1890 der »Einzug Osman Paschas« statt; eine Datierung fehlt, wo und wann genau konnte daher bislang leider nicht ermittelt werden. So wissen wir nichts Näheres über dieses närrische Treiben, mit Ausnahme einiger Klarnamen, die zum Teil mit Bleistift neben den turkisierten oder den sonstigen Nationen entsprechend verballhornten Namen aufgeführt sind. So handelte es sich bei Lord Beniburg in Wahrheit um den Glasermeister Benno Werkmeister (1847 bis 1911), die angesehenen Kaufleute Heinrich Hess (1836 bis 1911) und Paul Esenwein (1849 bis 1936) treten auf als die Paschas Suleiman Hessi bzw. Eski Essewino. Unschwer kann man auch den Viehhändler Weiß (Mehemed Blanco Ali Pascha), den Spenglermeister Lackenbauer (Effendi Lackbauschura) und den Bäcker Rappel (Rudschi Rappi Pascha) herauslesen, samt und sonders angesehene Bürger Traunsteins. Dass heute ein derartiges Plakat die Hürden der »political correctness« kaum mehr überwinden könnte, sollte nicht überraschen.

Mit gleich zwei Ereignissen, einem »Großen Maskenfestzug« am Ostersonntag und einem »Außerordentlichen Jahrmarkt« am Faschingsdienstag, wartete im Jahr 1900 der »Narrenclub Traunstein« respektive dessen »Obernarr« auf. Wieder erfährt man viele Details, »20 Truppen mit 50 Wagen und circa 500 Reiter & Fußvolk« wurden angekündigt, dazu »die großartigsten Schaubuden (...): Caroussel, Circus, Akrobaten, Seiltänzer, Menagerie (= Tierschau), Mädchen mit und ohne Unterleib«. Vergessen wurde nicht der Hinweis »an das verehrliche Publikum, (...) die Aufstellung nur auf den Bürgersteigen (Trottoirs) zu nehmen, um die Zugsordnung nicht zu stören und Unfälle zu vermeiden«. Erstmals wird hier der Text mit kleinen Narrenfiguren ein wenig aufgelockert. Und die genaue zeitliche Einordnung erlaubt es, etwas mehr über den Fasching im Jahre 1900 zu erfahren. »Bei herrlichster Witterung fand der vom neugegründeten Narrenklub veranstaltete Fastnachtszug statt. Versprachen schon die Arrangeure, daß eine gelungene Fastnachtsgaudi aufgeführt wird, so war man doch überrascht. Viele Vereine hatten Gruppen gebildet und sich dem Zuge angeschlossen, um dem Prinzen Carneval den nöthigen Tribut zu zollen. (...) Der Narrenclub hat aber seine Probe ausgezeichnet bestanden und wird nun alle Jahre uns eine Fastnachtsunterhaltung bieten. Es ist dieses sehr zu wünschen, weil dadurch dem Umherziehen von unanständigen, ekelerregenden, das Publikum belästigenden Masken besser Einhalt geboten wird.«

Was lernen wir aus diesem Bericht des Traunsteiner Tagblatts vom 27. Februar 1900? Wenn schon Fasching, dann bitte anständig. Dass der Artikel gleichzeitig von einem »Negerfürsten mit Gefolge« spricht und dass auf dem Plakat die Passage »Ladysmith mit dem Engländer in der Mitt' wird von den Buren hint' und vorn angegriffen « einen fragwürdig komischen Bezug zu einem damals aktuellen Kriegsereignis herstellt,(4) muss hingegen zwangsläufig den erneuten Verweis auf die politische Korrektheit nach sich ziehen. Mangelnde Sensibilität angesichts – scheinbar räumlich weit entfernten – menschlichen Leids ist eben ein Phänomen, das beileibe nicht erst in unseren Tagen sein hässliches Gesicht zeigt.


Franz Haselbeck

 

Anmerkungen:

1 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Plakat.

2 Viele spätere Darstellungen zeigen, wie Luther selbst seine 95 Thesen mit dem Hammer an die Tür nagelt. Dieses Bild ist gleichsam zum Symbol der Reformation geworden. Bis vor wenigen Jahrzehnten war die praktische Handlung als Tatsache anerkannt. Heute ist sie mehr als nur umstritten (vgl. http://www.luther.de/leben/ anschlag/).

3 Stadtarchiv Traunstein, Akten 1409-1870, A VIII 2/18.

4 Die Stadt Ladysmith in Südafrika wurde 1847 von Buren gegründet, zwei Jahre später aber von den Engländern übernommen, die sie nach der spanischen Frau des damaligen Gouverneurs der Kap- Kolonie, Lady Juana Maria de los Dolores Smith, benannten. Sie florierte besonders ab 1886, als eine Eisenbahnlinie vom Witwatersrand nach Durban eröffnet wurde und die Stadt dort eine wichtige Haltestelle und Versorgungsstation wurde. Ladysmith war während der Burenkriege hart umkämpft und machte weltweit Schlagzeilen, als sie einer 118-tägigen Belagerung durch die Buren standhielt. 5500 britische Soldaten waren mitsamt den Bewohnern eingeschlossen. Das Wasser ging rasch zur Neige, Seuchen brachen aus. Über 3000 englische Soldaten verloren ihr Leben. Erst am 28. Februar 1900 gelang es den Briten, den Belagerungsring zu sprengen. Auch der junge Mahatma Gandhi nahm an der Befreiung teil (vgl. Südafrika Online Reiseführer; http://www.suedafrika.net/ – Stichwort: Ladysmith).


1/2016