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Jahrgang 2004 Nummer 41

Wo das Nilkrokodil unter der Decke schwebt

Landshut hat wieder eine »Kunst- und Wunderkammer« auf der Trausnitz

Saal der »Naturalia«, die Wunder der Natur

Saal der »Naturalia«, die Wunder der Natur
Exotica aus dem 16. und 17. Jahrhundert, indische Schale und Kästchen mit Tellern aus Perlmutter, türkischer Dolch, chinesisches

Exotica aus dem 16. und 17. Jahrhundert, indische Schale und Kästchen mit Tellern aus Perlmutter, türkischer Dolch, chinesisches Porzellan und Tröte aus einer Seeschnecke.
Schrein aus Holz und Elfenbein, Süddeutschland, 3. Viertel 17. Jahrhundert, Rote Koralle und Marmorkugeln.

Schrein aus Holz und Elfenbein, Süddeutschland, 3. Viertel 17. Jahrhundert, Rote Koralle und Marmorkugeln.
Wohin mit dem ausgestopften Krokodil vom Nil? Schon Erbprinz Wilhelm und seine Gemahlin Renata von Lothringen wussten es, als sie 1568 in Landshut Wohnsitz nahmen: Lassen wir das Ungeheuer unter der Decke schweben! Ihre Burg Trausnitz gestaltete sich das neue Herrscherpaar hoch über der Isar zu einem Musenhof aus, so recht nach dem Geschmack der Renaissance. Laubengänge und ein italienischer Anbau mit der bereits damals berühmten Narrentreppe erhielt der Burghof. Lustgärten wurden angelegt. Und der Grundstock zu einer Raritätensammlung, die als »Kunst- und Wunderkammer« viel Exotisches, Seltsames und Kostbares, höchst Wunderliches und Erstaunliches aus der Natur vereinte.

Auch in der nach fünfjähriger Vorbereitungszeit nun auf der Landshuter Burg wieder – etwas anders als zu des Erbprinzen Wilhelms Zeiten – eingerichteten Kunst- und Wunderkammer hängt ein Krokodil von der Decke. Es beherrscht, flankiert von zwei mächtigen präparierten Schildkrötenpanzern, Leihgaben des Münchner Deutschen Fischerei- und Jagdmuseums und des Instituts für Paläonanatomie und Geschichte der Tiermedizin, einen der vier Ausstellungsbereiche, den »Naturalia«-Raum. Und will sagen: So war es in der Renaissance in beinahe jeder damals aufgekommenen Kunstkammer Usus. Die lebendigen Tiere ließen sich die Fürsten aus Äthiopien über Alexandria kommen oder bekamen sie geschenkt. Den Drachen ähnlich, flößten sie den Menschen Angst ein, rangen ihnen auch Bewunderung ab, so dass sie sie nach ihrem Ableben präparieren ließen und als Schauobjekte aufbewahrten. Von der alten Münchner Kunstkammer weiß man, dass zwei Krokodile und eine ausgestopfte Schildkröte von der Decke schwebten. In Landshut ist`s nun gerade umkehrt.

Warum die Abteilung »Kunst- und Wunderkammer« des Bayerischen Nationalmuseums als eines von mehreren über Bayern verteilten Zweigmuseen nach Landshut kam? Im baulich neu instand gesetzten, für eine museale Nutzung geradezu idealen (und hierfür nach den aktuellsten Regeln der Technik und Architektur ausgestatteten) Damenstock der frühen wittelsbachischen Residenz und des nachmaligen Herrschaftszentrums des niederbayerischen Herzogtums war hierfür Platz genug, um an eine Tradition anzuknüpfen. Nun ist das 800-jährige Landshut, wie Finanzminister Kurt Faltlhauser als »Bauherr« bei der Eröffnung hervorhob, um einen musealen Akzent reicher. Besucherströme wird man nicht erwarten können. Dafür ist eine fürstlich-herzogliche Kunst- und Wunderkammer dann doch zu elitär.

Dennoch: Zu bestaunen gibt es da gar viel. Allein im »Naturalia«-Raum mit dem von der Decke schwebenden Nilkrokodil: Amulette aus Stein, Koralle und Bergkristall; eine Sechellennuss, für die Rudolf II. schon 4000 Gulden berappt haben soll; Straußeneier, aus denen Schau-Pokale geschaffen und in die biblische Szenen reliefartig eingeschnitzt wurden (der Erbprinz Wilhelm soll in Landshut lebendige Strauße gehalten haben); der Schädel eines Nilpferds; Wirbelknochen vom Grönlandwal; Gegenstände aus Steinbockhorn und Kokosnüssen; so genannte Handsteine, zu Miniaturlandschaften umgestaltete Teile von Gesteinen und Erzstufen, die sich der sammelwütige Erbprinz aus Tirol, Ungarn, Böhmen und Schlesien beschaffte; die Zauberwurzel Alraune, von der vier Exemplare zum Inventar der früheren Münchner Kunstkammer zählten, »den Weibern und den Mändl gleich geschnitten«; Sägefischzähne und Hirschläufe; Gemsenhörner und präparierte Huchen aus Gebirgsflüssen mit starker Strömung wie Loisach, Lech, Ammer und Isar; Conchylien, also Muscheln und Schnecken, die sich Wilhelm über die Medici in Florenz mit Hilfe der Augsburger Fugger, die dort Niederlassungen hatten, besorgte; Papageien und Tukane. Diese prangen auf einem Ölbild des Flamen Jan Fyt aus dem 17. Jahrhundert. Der Erbprinz soll einige dieser »kurzweiligen« Vögel, die zum Lieblingsgefieder der fürstlichen Sammler gehörten, weil sie die menschliche Stimme imitierten und ihre Farbenpracht stolz demonstrierten, zusammen mit Kanarienvögeln und allerhand Sittichen von Genua nach Landshut geholt haben.

Die drei anderen, nicht weniger famos bestückten Räume: »Artificialia« (wundersame Kunstwerke), »Exotica« (Wunderbares aus fremden Ländern) und »Scientifica« (durch die Wissenschaft geordnete Wunder). Fast alle fürstlichen Kunst- und Wunderkammern waren nach diesen Kategorien gegliedert. Von Menschenhand Geschaffenes, zu höchster Vollendung Gebrachtes wie Gefäße aus Bergkristall, Geschirr aus Serpentin, Kabinette aus Bernstein, Tiere aus Bronze, aber auch Skulpturen der Römer und Griechen, die wieder aufgefunden worden waren, Münzen, Medaillen und bearbeitete Edelsteine gehören dazu; Raffiniertes aus Gold, kombiniert mit dauerhaften pflanzlichen und tierischen Materialien wie das schimmernde Perlmutt, das wie poliert wirkende glatte Schildpatt, das damals sehr gesuchte Rhinozeroshorn oder das matt glänzende Elfenbein. Dazu ausgesuchte Stücke aus edel verarbeiteten Zierhölzern, kurios geformte Behälter aus Majolika oder »Christallynenglas auf Venedische Ahrtt«, nach niederländischen Vorlagen ornamentierte Spiegelrahmen aus Alabaster, »allerley Drechselwerk«, welches herstellen zu können zum festen Bestandteil der Prinzenerziehung gehörte, Wachsminiaturen, Hinterglasmalereien, Uhren, herrlich intarsiertes Mobiliar, einige zu den Raum-Themen passende Gemälde wie etwa die Öl-auf-Holz-Allegorien des Winters und des Frühlings nach Giuseppe Arcimboldo (Mailand, vor 1598), die man aus der ehemaligen Herzoglichen Kunstkammer München nach Landshut »abordnete«. Insgesamt sind rund 750 exquisite Exponate in Vitrinen, frei im Raum stehend oder an den dunkel tapezierten Wänden zu bestaunen, komponiert und erläutert (leider nicht auch besucherfreundlich beschriftet) von den Spezialisten Sigrid Sangl (Oberkonservatorin) und Ute Hack (Restaurationsabteilungsleiterin) in Zusammenarbeit mit dem Architekten Peter Hohenstatt.

Ein Loblied auf die Wittelsbacher! Albrecht V. war es, der vor 440 Jahren die herzogliche Kunstkammer in München gründete. Sein Sohn, der fromme Erbprinz Wilhelm (der spätere Wilhelm V., beigesetzt in der Münchner Michaelskirche) tat`s ihm gleich und richtete damals eine »junge Kunstkammer« auf seiner Burg Trausnitz ein, die 1579 mit der Sammlung seines Vaters in München vereinigt wurde. Über 6000 Objekte soll sie enthalten haben. Als prachtvoll und komplex wird sie von Zeitgenossen gerühmt. Mit ihren 1200 Quadratmetern Fläche war sie – neben den habsburgischen Kunstkammern in Prag und Wien, der erzherzoglichen im tirolischen Ambras, denen der Großherzöge und Kardinäle der Medici in Florenz und der des sächsischen Kurfürsten in Dresden – Europas umfassendste.

Weniger wissenschaftliche Instrumente wie sie Kaiser Rudolf II., ein Astronom und Physiker vor dem Herrn, sammelte, auch nicht Objekte aus Mineralien, an denen Dresden interessiert war, vielmehr Landkarten und Stadtmodelle bevorzugte man in der bayerischen Residenz, die von Anfang an den Akzent auf das Landeskundliche gelegt hatte. Aus dem Albrecht V. von dem Gelehrten Samuel Quiccheberg vorgelegten enzyklopädischen Programm wurde nichts. Die Wittelsbacher waren Ästheten und an Dokumentarischem interessiert. Sie hatten ihre Agenten in Italien, horteten Geschenke ihrer habsburgischen Verwandtschaft oder befreundeter Kirchenfürsten. Sie erteilten heimischen Künstlern Aufträge. Der Niedergang der jahrhunderte alten Münchner Kunstkammer begann, als sich der Enkel Albrechts V., der spätere Kurfürst Maximilian I. vor vierhundert Jahren die ihm liebsten Stücke in die private Kammergalerie verbringen ließ, um sie ganz allein zu genießen. Ein Vierteljahrhundert später kamen die Schweden, zerstörten, plünderten und verschleppten gerade das Wertvolle – und aus war es mit der Münchner Kunstkammer, die bald in Vergessenheit geriet. Umso begrüßenswerter, dass sie jetzt in Landshut, wo sie ja vor Zeiten bereits teilweise existierte, wieder – und zwar der gesamten Öffentlichkeit – zugänglich ist.

HG



41/2004