Jahrgang 2009 Nummer 4

Wintersport in Grassau und im Achental

Vor über 80 Jahren wurde die Gründung des Ski-Clubs beschlossen – Teil II

Skifahrer 1935 auf den Grassauer Almen

Skifahrer 1935 auf den Grassauer Almen
Alpiner Wettkampf Februar 1929

Alpiner Wettkampf Februar 1929
Sprungschanze am Westerbuchberg

Sprungschanze am Westerbuchberg
Weiter berichteten die Achentaler Nachrichten: »Grassau. Sonntag, den 20. Januar 1928. Der große Tag für den Ski-Sport in Grassau! Man traute seinen Augen kaum: nach dem Sauwetter der letzten Tage ein strahlend schöner, herrlicher Wintertag. Deshalb setzte denn auch schon am frühen Vormittag eine wahre Völkerwanderung zur Hefter-Alm ein, wo wohl noch nie so viele Menschen versammelt waren. Um 11 Uhr begann der Lauf über 7 km, bei dem 250 m Aufstieg und 320 m Abstieg eingeschaltet waren. Über den sportlichen Teil wird in einer der nächsten Nummern berichtet werden, unter Bekanntgabe der offiziellen Sieger-Liste und der gefahrenen Zeiten. Wir können heute nur so viel verraten, dass ein Armine in der Zeit von 30.15 Minuten Sieger in Klasse I wurde. Aber tadellos geklappt hat es, wie am Samstagabend herunten im Dorf, so auch am Sonntag droben auf den Grassauer Almen. Die Gäste waren geradezu begeistert von der mustergültigen Organisation, die sie sich bei einem noch so jungen Verein, wie es der Ski-Club Grassau ist, gar nicht erwartet hatten. Da muss nun allerdings betont werden, dass der Löwenanteil, sowohl an der Arbeit, wie auch am Erfolg den Herren Blamberger vom Müchener Ski-Verein »Wilde Bande« gebührt, die wie alljährlich seit Wochen den Kaser auf der Rachlalm bewohnen und die mit dem Ski-Club Grassau eng befreundet sind. Sie waren es, die den technischen Teil des Laufes droben so glänzend vorbereitet haben und ihnen gebührt dafür herzlichster Dank! Selbstverständlich, haben aber trotzdem auch die Mitglieder des Ski-Clubs Grassau ihren Mann gestellt. In der Club-Hütte (Kaser der Hefteralm) waltete der bewährte Hüttenwirt, Herr Vinzenz Gnadl, seines Amtes. Frau Dr. Wichera, umgeben von einem Stab von Club-Damen, war eine mustergültige Hüttenmutter. Jeder Läufer, der schweißtriefend am Ziel (Hefteralm) ankam, wurde sofort in die Hütte geführt, in warme Decken eingehüllt und mit heißem Tee gelabt. Man kann sich einen Begriff von der geleisteten Arbeit machen, wenn wir verraten, dass rund 2 Hektoliter Tee, mit 15 Kilo Zucker verbraucht wurde!

Von halb 4 Uhr nachmittags an erklangen im »Post«-Saal schon wieder fröhliche Weisen unserer Musik. Und bald war der große Saal auch wieder bis auf den letzten Platz besetzt. Man harrte der Preisverteilung. Da diese noch etwas auf sich warten ließ, ergriff zunächst Herr Bezirkstierarzt Dr. Pschorr (Allemanniae) das Wort zu einer glänzenden Rede. Sein Dank galt wieder allen Grassauern für das Geleistete. Nach ihm schlug Herr Landgerichts-Rat Fritsch-Traunstein (Bubenruthiae-Erlangen) die vaterländische Saite an, mit einem Rückblick über die Entstehung und den Zweck der Burschenschaften. Seine Rede klang aus in das von den Anwesenden stehend mitgesungene Deutschlandlied. Anschließed sprach Herr Bürgermeister Bosch-Grassau, der in vorzüglichen Worten den immer wieder ausgesprochenen Dank an uns Grassauer ablehnte und betonte, dass wir uns bei den Münchnern für ihr Kommen bedanken müssten. Sein Schlusswort »auf Wiedersehen« fand stürmisches Echo bei den Studenten.

Das Fest ist verrauscht. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass es ein voller, ja ein glänzender Erfolg war. Anteil an diesem Erfolg haben aber in erster Linie der Gemeinderat unter Führung seines 1. Bürgermeisters Bosch, der Ski-Club Grassau und der Verkehrs-Verein. Hier muss erwähnt werden, dass die Herren Grobe und Häringer in stiller, selbstloser Arbeit geradezu vorbildlich gewirkt haben. Dank gebühret aber auch der Gesamteinwohnerschaft für die reiche Beflaggung und für die Bereitstellung der Quartiere. Leider sind ja eine Anzahl von Quartiergebern nicht berücksichtigt worden, weil weniger Gäste kamen, als angemeldet waren. Es darf deswegen Niemand beleidigt sein, denn es war selbstverständlich keine Absicht dabei. Dank gebührt auch Herrn Approb. Bader Rosenlehner, der eine Sanitätswache auf der Alm errichtet hatte, die aber in keinem ernsten Fall in Tätigkeit zu treten brauchte. Auch die Leistungen der Musik soll hier dankbar gedacht werden. Besonders erfreulich war die zahlreiche Teilnahme von alten Herren von München sowohl, wie auch ganz besonders von V. a. B. Traunstein.

Der schöne Verlauf der ganzen Veranstaltung hat wiederum weiten Kreisen die Vorzüge des so gesunden Ski-Sports vor Augen geführt und stark geworben. Mögen sich die Ergebnisse dieses Werbetages besonders bei unserem Grassauer Ski-Club günstig bemerkbar machen. Ski-Heil!«

Zu dem Verlauf des Rennens schrieben am 29. Januar die Achentaler Nachrichten: »Am Sonntag, den 20. Januar 1929, vormittags 11 Uhr stellten sich 86 skilaufende Burschenschaften aus München auf der Roßalm bei Grassau zum Start auf. Es galt einen Skiwettlauf auszutragen, der bei 250 m Höhenunterschied beim Aufstieg und 320 m Höhenunterschied bei der Abfahrt über 7 km führte. Das Wetter war überaus günstig, die Aussicht weithin prachtvoll. Schnee war in Massen vorhanden, jedoch von außerordentlich wechselnder Qualität, so dass die Läufer auf ihrer Fahrt so ziemlich mit allen vorkommenden Schneearten Bekanntschaft machten. Das Gelände der Grassauer Almen erwies sich als ganz hervorragend geeignet. Die Organisation des ganzen Laufes lag in den Händen des »Ski-Clubs Grassau«, der dieselbe in geradezu mustergültiger Weise durchgeführt hatte. Sämtliche Mitglieder des Clubs, einschließlich der Damen, waren aufgeboten und überraschten selbst alterprobte Läufer durch die bis in die kleinsten Einzelheiten durchdachten Vorbereitungen. Hierfür sei auch an dieser Stelle nochmals dem jungen, rührigen Club der aufrichtige Dank aller Teilnehmer am Wettlauf zum Ausdruck gebracht.

Von 11 Uhr vormittags ab wurden in Abständen von je 30 Sekunden die Läufer vom Start gelassen. Die Bahn war ausgesteckt von der Roßalm zur Metzger-, Rachl- und Hufnaglalm. Hier begann ein längerer Aufstieg, der die Läufer an der Naderbauernalm vorbei zur Maieralm führte. Beim Gatter zur Wimmeralm war der höchste Punkt des Wettlaufes und es begann die Abfahrt um die Frauenalm herum und an der Wimmeralm vorbei zum Ziel auf der Hefteralm. Die Strecke war gut angelegt, bot viel Abwechslung und kann als mittelschwer bezeichnet werden. Schwer war allerdings das letzte steile Gefälle, namentlich wegen der kurz vorher eingelegten scharfen Kehre. Diese Schussfahrt ins Ziel wurde vielen Läufern zum Verhängnis und es gab eine Unmenge, zum Teil ganz bedenklich aussehender Stürze. Glücklicher Weise kamen aber keinerlei ernste Verletzungen vor, es ging mit einigen Verstauchungen, Verrenkungen und blauen Flecken ab. Am Ziel war in der Club-Hütte des Grassauer Ski-Clubs wieder in vorbildlicher Weise für die Teilnehmer am Wettlauf gesorgt, die mit Decken versehen und mit Erfrischungen bedacht wurden. Dass sogar Gelegenheit zum wechseln der Leibwäsche gegeben war, wurde besonders angenehm empfunden.«

Die Rennen der Münchner Burschenschaften wurden mit zunehmender Beteiligung auch in den folgenden Jahren veranstaltet. Durch den Krieg wurde diese schon etablierte Veranstaltung aber dann beendet.

Die Wintersaison 1929 wurde besonders durch die extreme Kälte beeinträchtigt. So konnte man am 13. Februar 1929 lesen: »Grassau. (Die große Kälte) Auch in unserem Tal wird der Montag der kälteste Tag des ganzen Winters und seit Menschengedenken gewesen sein. Es wurde eine Kälte von 26-28-30 Grad gemessen. Besonders kalt machte der Ostwind, der aber im Flachland noch viel besser weht und draußen eine noch größere Kälte erzeugt. Gegen Dienstag morgens 8 Uhr wurden 22 Grad gemessen und war die Kälte etwas geringer.

Allmählich macht sich diese abnorme Kälte auch im Wirtschaftsleben bemerkbar und bringt Stauungen in dasselbe. So war der gestrige Markt stark beeinträchtigt und ganz gering besucht. Auch in anderen Plätzen sind die Unternehmungen schlecht besucht. Das größte Malheur verursacht die Kälte an den Brunnen und Wasserleitungen wo allmählich alles verfriert. Hoffentlich wird es nicht mehr lange dauern.«

1929 veranstaltete der Ski-Club Grassau auch seine Meisterschaft. »Mittags 1 Uhr startete der Ski-Club Grassau auf der Hefteralm zu seinem alpinen Wettlauf, an dem sich insgesamt 28 Mitglieder, sowie 4 Herren außer Konkurrenz beteiligten. Dank der umsichtigen Vorbereitungen des rührigen Vereins klappte der Lauf in allen Teilen vorzüglich. Zudem begünstigte ein prächtiger Wintertag das Unternehmen und lockte zahlreiches Publikum zu dem Ziele des Wettlaufs, dem Strehtrumpf, wo sich alsbald ein reges Leben und Treiben entfaltete. Gespannt harrten die Zuschauer auf die Läufer und spähend hielten alle Ausschau. Ein freudiges Hallo ertönte jedes Mal, wenn zwischen den Bäumen hindurch wieder ein Läufer entdeckt wurde, der immer näherkommend, nach einer letzten scharfen Schussfahrt, schneidig durchs Ziel ging, begrüßt von kräftigen Ski-Heil-Rufen.

Die ganze 7 km lange Strecke wurde in durchwegs guten Zeiten gelaufen, eine beachtenswerte Leistung der Fahrer. Die Bestzeit des Tages lief Herr Alois Durchner Grassau außer Konkurrenz mit 25 Min. 21,8 Sek. Erwähnenswert bei dem Lauf dürfte auch sein, dass die Jugendgruppe des Clubs diesen Wettlauf mit sehr gutem Erfolg mitmachte und auch die als einzige Dame sich beteiligende Läuferin mit guter Zeit abschnitt.

Nachdem alle Teilnehmer durchs Ziel waren und dieselben sich erholt hatten, fand die Veranstaltung noch einen lustigen Abschluß in einem gelungenen Wettlauf der kleinsten Grassauer Skifahrer. Viel Heiterkeit löste es aus, als man sah, wie die kleine Schar mit Eifer und Ehrgeiz daran ging den für sie eigens abgesteckten Strehtrumpfhang zu bezwingen. Mögen sie einmal alle recht tüchtige Clubmitglieder werden.

Alles in allem genommen, war es ein wirklich genussreicher Nachmittag und für den jungen Ski-Club wieder einmal ein voller Erfolg. Ski-Heil!«

Aber nicht nur der durch die Vereine organisierte Wintersport belebte das Gebiet der Grassauer Almen. Eine Vielzahl von Wintersportlern, Gäste und Einheimische, nutzten die vielfältigen Möglichkeiten zum Skifahren. Ausgangspunkt waren zumeist der Gasthof Strehtrumpf und die Hefter-Alm.

Skispringen

Neben dem alpinen Skisport widmete sich der Ski-Club Grassau und auch die benachbarten dem Bau von Skischanzen. So entstanden kleine Schanzen in Grassau beim Einöder und am Strehtrumpf, in Rottau am Adersberg, am Westerbuchberg und auch in Baiern.

Hierzu schrieben am 19. Januar 1929 die Achentaler Nachrichten: »Etwas ganz neues für unser Tal war das Ski-Springen in Baiern. Eine bedeutende Zahl Sportslustiger hatten Gelegenheit einem richtigen Ski-Springen zuzusehen und die Leistungen der Springer bis zu 28 m dürften diese tapferen Sportler veranlassen, einmal eine größere Veranstaltung zu unternehmen, da sie anderen Orten nicht mehr zurück sind. Ihre neuerbaute Schanze und das vorhandene Gelände dürfte sich hierzu besonders eignen.«

Der Wintersport auf den Grassauer Almen wurde auch nach dem Ende des Weltkrieges weiter ausgiebig gepflegt. Es kam sogar 1968 die Idee auf, das Gebiet durch einen Doppelsessellift vom Einöder aus zu erschließen und großzügig auszubauen. Dazu wurde angestrebt, eigens eine Aktiengesellschaft zu gründen. Nur wenig später wurde der Gedanke zur Entwicklung eines attraktiven Skigebiets aber aufgegeben. Durch den Ausbau der Straßen sowie des öffentlichen und privaten Personennahverkehrs wurde es immer einfacher, die Skigebiete in Schleching und Reit im Winkl sowie im benachbarten Österreich zu erreichen. Damit verlor das Skigebiet der Grassauer Almen immer mehr an Bedeutung.

Es verlor aber nicht an Bedeutung für den Skifahrer, der abseits vom Massentourismus seine Ruhe sucht.

Olaf Gruß

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr.3/2009



4/2009