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Jahrgang 2015 Nummer 50

Wie's einmal war, in der »staden Zeit«

Kindheitserinnerungen an die Adventszeit

Wenn es Ende November geworden war und der Hof meiner Großeltern unter einer dichten Nebeldecke lag, konnte ich es kaum mehr erwarten bis es endlich zu schneien anfing. Auch den Nachbarhof drunten, von dem meine Freundin Muschi fast jeden Tag die Anhöhe zu uns heraufgekommen war, konnte ich nicht mehr sehen.

»Großvater wann schneibts denn endlich amoi«. Solches und ähnliches hörte sich dieser immer wieder aufs Neue geduldig an. Seine Antwort darauf lautete ebenfalls immer gleich: »Iatzt weads gwiss nimmer lang dauern«. Er hatte ja eigentlich auch immer Recht und eines morgens als ich, wie jedesmal beim Aufstehen, gleich aus dem winzigen Fenster spähte, hatten Wiesen, Bäume und Sträucher einen weißen Flaum bekommen. Ich hüpfte die knarrende Stiege hinunter in die Stube, wo die Großmutter schon den Kachelofen angeheizt hatte. Der Großvater hatte gerade seine dicken Winterstiefel mit Fett eingeschmiert und stellte sie davor.

»Großvater, gschniebn hats«, rief ich laut, rannte an ihm vorbei in die Küche hinaus, wo meine Großmutter die Morgensuppe für unsere große Familie herrichtete. Jetzt kamen auch meine Tanten, die gerade mit der Stallarbeit fertig geworden waren, in die Küche herein. Ihnen allen berichtete ich nun ganz aufgeregt, dass es geschneit hatte. In der Freude über den ersten Schnee hatte ich gar nicht daran gedacht, dass ich bestimmt nicht die einzige war, die dies schon gesehen hatte. Gleich nach der gemeinsamen Morgensuppe zog ich mich warm an und stapfte hinaus in den Schnee. Noch immer wirbelten dicke Flocken vom Himmel und deckten die letzten »aperen« Flecken zu.

Den großen, hölzernen Schneepflug hatte der Großvater schon Wochen zuvor hergerichtet, denn nicht selten kam es vor, dass es über Nacht »zuschneite«. Ich fragte ihn, wo denn mein Schlitten, den ich von meiner jüngsten Tante Sofie bekommen hatte, sei? Ich ließ ihm keine Ruhe mehr, bis er mir diesen von der »Wagenhütte«, in der auch die Schlitten zum Holzfahren untergebracht waren, herausholte.

Immer wieder späte ich das kleine Fußwegerl hinunter, ob nicht bald Muschi meine Freundin kam, bis ich diese endlich die Anhöhe zu uns heraufkommen sah. Zusammen liefen wir in die warme Stube, ich zog meine dicken Strümpfe und Socken an, die mir die Großmutter gestrickt hatte und eine schafwollene Joppe. Beim Anziehen meiner festen, hohen Schnürschuhe half mir die Großmutter beim Zubinden, damit kein Schnee hineinrutschen konnte.

Indessen kam der Großvater mit ein Paar festen Schuhe in die Stube. Er stellte sie vor Muschi hin und sagte kurz aber bestimmt zu ihr: »De ziagst an, de ghörn jetzt dir, des dünne Glump des da anhast derfst wegschmeißn, de konn da Schuasta a nimma flickn.« Das ließ sich diese nicht zweimal sagen, denn aus ihrer zerbombten Wohnung in München kommend, hatte die Familie kaum mehr als das Nötigste. Auch in die warmen Fäustlinge, die ihr meine Großmutter in die Hand gedrückt hatte, schlüpfte sie freudig hinein.

Die Schneeflocken waren noch dichter geworden als uns der Großvater die schwere Haustüre aufmachte und wir fröhlich hinaushüpften. Er meinte, noch, dass es heute bestimmt den ganzen Tag so weiter schneien würde. Die Großmutter rief uns noch nach, wir sollten gut auf den Stacheldraht beim Bergerl aufpassen und nicht zu lange ausbleiben. Beide nickten wir und gemeinsam zogen wir den Schlitten die nächste Anhöhe hinauf.

Nun hatte ja auch schon die Adventszeit begonnen und mit ihr die Engelämter, die in meiner Kindheit jeden Tag zeitig in der Früh in jedem noch so kleinen Pfarrkircherl abgehalten wurden. Das Engelamt, »Rorate, Tauet Himmel den Gerechten«, nahm von alters her einen wichtigen Platz den ganzen Advent über ein. Es war das Warten auf den himmlischen Erlöser. Die Großmutter war eine einfache, gläubige Frau, die sich jeden Morgen noch im Finstern anschickte zum Gang ins entfernte Pfarrdörfchen zum dortigen Engelamt. Schon als meine Füße eigentlich noch viel zu kurz gewesen sind, durfte ich auf vieles betteln hin mit ihr gehen.

Wenn es das Fußwegerl hinunter nach »Untermeising« über Nacht zugeschneit hatte, spannte der Großvater den »Blass«, unser bravstes Ross, vor den kleinen Schneepflug und bahnte uns ein schmales Wegerl die »Leitn« hinunter. Das kurze Stück Weg bis zum Waldrand, hatte der »Untermeisinger« meistens schon zum Gehen ausgeschaufelt. So mussten wir noch das Waldstück hinter uns bringen, wo wir an dessen Ende noch den steilen Berg hinunter mussten. Ich hielt mich fest bei meiner Großmutter ein, diese meinte dann jedesmal zu mir, wie froh sie sei, dass sie nicht alleine dort hinuntergehen müsse.

Jetzt brauchten wir noch ein Viertelstünderl hinauf in das kleine Pfarrdorf, dem auch von der anderen Waldseite etliche Kirchgänger zustrebten. Beim »Zammläuten« hatte die Großmutter schon ihr Wachsstöckl auf der Gebetbank angezündet. Ich durfte, weil ich noch so klein war, auf dem »Kniebrett« stehen, damit ich vorne am Altar den Pfarrer mit den Ministranten gut sehen konnte. Auch in den anderen Gebetsstühlen reihten sich die kleinen Lichter der Wachsstöcke, eins ans andere. Der Herr Hauptlehrer, der zugleich Organist gewesen ist, stimmte mit vollen Tönen jedesmal das Lied an: »O Engel aus den Scharen, die stehn vor Gottes Thron«.

Nach dem Engelamt gingen wir zwei die paar Schritte hinüber zu der Bäckerin, in dem kleinen Laden roch es so gut nach Mehl und »Germ« (Hefe). Letzterer stand als langer, viereckiger Wecken immer griffbereit auf dem kleinen Ladentisch, manchmal musste ich die Großmutter erinnern, für uns ein großes Stück davon abschneiden zu lassen. Wir kauften noch ein paar Laiberl, eins für mich und eins für den Großvater und manchmal auch für meine Mutter und die Tanten. Jetzt war es aber höchste Zeit für uns, den Weg durch den Wald, einzuschlagen. Glücklich und zufrieden stapfte ich über die verschneiten Wiesen und Wege, neben der Großmutter heimzu.


Elisabeth Mader

 

50/2015