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Jahrgang 2007 Nummer 15

Wie italienisch ist Salzburg?

Forschungsprojekt zur Geschichte der Salzburger Residenz

Salzburger Residenz

Salzburger Residenz
Salzburger Residenz, Toskanatrakt, Wolf Dietrich Oratorium, Deckenfresko

Salzburger Residenz, Toskanatrakt, Wolf Dietrich Oratorium, Deckenfresko
Johann Lukas von Hildebrandt, Skizze für die Aufsatzgruppe des Hauptportals der Salzburger Residenz. (Detail aus der in ÖKT 13,

Johann Lukas von Hildebrandt, Skizze für die Aufsatzgruppe des Hauptportals der Salzburger Residenz. (Detail aus der in ÖKT 13, 1914, S. 7, abgebildeten Zeichnung im SMCA, Inv. Nr. 2249/49).
Seit Erzbischof Wolf Dietrich wird Salzburg als das »Rom des Nordens« bezeichnet. Wissenschafter der Universität Salzburg erforschen die Bau-, Ausstattungs- und Kulturgeschichte der Salzburger Residenz. Das Projekt wird vom Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung mit 246 000 Euro finanziert. Das Gebäude war Jahrhunderte lang eine Stätte fürstlicher Prachtentfaltung und zählt heute zu den historisch wertvollsten Bauwerken der Salzburger Altstadt. Die Residenz befindet sich zum größten Teil im Besitz des Landes Salzburg und der Universität. Unter anderem beherbergt sie die Altertumswissenschaften, die Rechtswissenschaftliche Fakultät und die Residenzgalerie, deren Direktorin Roswitha Juffinger an den Forschungen beteiligt ist. Interdisziplinäres Forschungsprojekt der Bau-, Ausstattungs- und Kulturgeschichte der Salzburger Residenz. Das interdisziplinäre Projekt wird von der Salzburger Kunsthistorikerin Ingonda Hannesschläger und dem Historiker Gerhard Ammerer geleitet. Gemeinsam mit weiteren sieben Mitarbeitern bereiten sie eine umfangreiche Dokumentation vor. Die derzeitigen Kenntnisse über die Residenz seien nur fragmentarisch, sagt Hannesschläger. Möglichst viele Antworten auf ein ganzes Bündel von Fragen sollen geklärt werden, etwa: »Wie sah das Leben am Hof aus, wie viele Leute waren dort beschäftigt, wo kamen die Lebensmittel her und wie wurden sie verwahrt?« Der Alltag in der Residenz war maßgeblich durch ein strenges Zeremoniell bestimmt, sowohl, was das geistliche wie das weltliche, das private und das öffentliche Leben betrifft. Nicht nur das gesellschaftliche Leben soll Gegenstand der Betrachtung sein, auch auf Architektur und Ausstattung wird ein besonderes Augenmerk gelegt. »Wie der Bau selbst, so kann auch die Ausstattung als ein über Jahrhunderte gewachsenes Konglomerat bezeichnet werden«, so Ammerer. Erst die Auswertung der Archivalien und die Analyse der neuen Erkenntnisse über die Bausubstanz, die in den Händen des ehemaligen Landeskonservators Walter Schlegel liegt, lassen wesentliche neue Ergebnisse erwarten.

Salzburg – das Rom des Nordens

Die Ursprünge der Salzburger Residenz datieren auf das Jahr 1124, Erzbischof Konrad I. ließ die Residenz in mittelalterlicher Bauweise mit umfangreichen Stallungen errichten. Herzstück der Forschungsarbeit wird jedoch die Zeit ab Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (1587 bis 1612) sein. Unter ihm wurde die Residenz grundlegend neu gestaltet und erhielt weitgehend ihr heutiges Aussehen. Wolf Dietrich vollzog den Übergang von einer mittelalterlich beengten zu einer geplanten modernen Stadt. Von den Baumaßnahmen waren sowohl die Residenz, als auch Teile der heutigen Salzburger Altstadt und das rechts der Salzach gelegene Viertel um die Linzergasse betroffen. Salzburg avancierte zum »Rom des Nordens«, als welches es auch heute noch gerne bezeichnet wird. Ob die Bautätigkeit in Salzburg tatsächlich nur unter italienischem Einfluss stand oder ob nicht auch Einflüsse des Nordens ihren Niederschlag fanden, ist eine weitere Frage, die die Wissenschaftler enträtseln wollen. Zweifelsohne war Wolf Dietrich von Rom und insgesamt von Italien stark beeinflusst und mit den urbanistischen Maßnahmen der römischen Päpste bestens vertraut. Dennoch seien viele Aspekte der bisherigen Forschungen zu hinterfragen.

Das Werk umfasst die Zeit von 1124 bis 1803

Die Wissenschafter schließen ihre Forschungsarbeiten an der Salzburger Residenz zunächst einmal 1803 ab, dem Jahr der Säkularisation, wodurch die weltliche Herrschaft der Salzburger Erzbischöfe ihr Ende fand. Innerhalb der nächsten drei Jahre, bis zum Sommer 2009, soll ein illustriertes Werk mit einem Umfang von rund 650 Seiten erarbeitet werden, das die verschiedenen Facetten der Geschichte der Residenz von Beginn an bis zur Säkularisation im Jahre 1803 beinhaltet. Die wissenschaftliche Arbeit erweist sich als mühsam, da so gut wie alle Quellen und Kunstschätze nach der Säkularisation verbracht wurden.

Ein Teil fiel dem napoleonischen Kunstraub zum Opfer, ein Teil kam durch den Anschluss Salzburgs an Bayern nach München. Als Salzburg im Jahre 1816 als neues Kronland dem habsburgischen Österreich zufiel, ging der Rest der Kunstschätze nach Wien und befindet sich nun dort in verschiedenen Sammlungen. Die Rekonstruktion der erzbischöflichen Gemäldesammlung erfordert eine mühsame Detailarbeit in in- und ausländischen Archiven. Die Spuren führen vor allem nach München, Bozen, Florenz, Rom und Tetschen.

Neben dem Hauptwerk sind eine Reihe von Einzelpublikationen geplant. Darüber hinaus ist für 2008 an einen großen internationalen Kongress zur europaweiten Residenzenforschung gedacht. »Außerdem«, so Ammerer, »möchten wir auch noch die Zeit von 1803 bis heute erfassen, was allerdings erst in einem Folgeprojekt möglich sein wird.«

Julius Bittmann



15/2007