Jahrgang 2003 Nummer 27

»Wie gewaltig, wie erschütternd…!«

Vor 160 Jahren entstand das erste Photo von Franz Liszt

Franz Hanfstaengl (1804 – 1877): Franz Liszt, Salzpapierabzug von einem Glasnegativ, hergestellt im nassen Kollodiumverfahren.

Franz Hanfstaengl (1804 – 1877): Franz Liszt, Salzpapierabzug von einem Glasnegativ, hergestellt im nassen Kollodiumverfahren.
Um »ein vollkommen ähnliches« Porträt zu erhalten, das auf einer Silberplatte erschien, musste man vor 160 Jahren, als die Geschichte der Photographie einsetzte, mit etwa einer halben bis ganze zwei Minuten rechnen. Selbst bei dem seinerzeit bedeutendsten Daguerreotypisten Hamburgs, Herrmann Biow (1804 - 1850). Er gründete eines der ersten photographischen Ateliers in Deutschland. In den »Hamburger Nachrichten« war unter dem Datum vom 27. Juni 1843 zu lesen, dass »Herr Dr. Franz Liszt während seiner Anwesenheit hierselbst die Güte (hatte), mir« – Herrmann Biow – »zum Daguerreotyp zu sitzen«. Damit die Kunst- und Musikfreunde Hamburgs auch ihren hochverehrten Maestro Franz Liszt photographiert sehen und ein Bild von ihm erwerben konnten, wurde das Photo »bei Gabory, der Börse gegenüber, zur Ansicht« ausgestellt.

Ausgestellt sind – in München, im Stadtmuseum am St. Jakobs-Platz, neben diesem Biow-Photo, dem ersten, das von dem ungarischen Komponisten, Dirigenten und Klaviervirtuosen Franz Liszt bis dato gemacht worden war, weitere 129 Aufnahmen des großen Künstlers. Sie erstrecken sich auf den Zeitraum zwischen 1843 und 1886, dem Todesjahr Liszts. 1843 war er 32 Jahre alt. Er stand auf dem Gipfel seiner europaweit bejubelten Laufbahn als Pianist.

Wer all die Fotografien zusammengetragen und zur allgemeinen Bewunderung in der Musikabteilung des Münchner Stadtmuseums (Leitung: Dr. Gunther Joppig) freigab, ist Ernst Burger. Der 1937 in München geborene Musiker und Autor wurde nicht zuletzt durch seine Veröffentlichungen über Liszt – daneben über Chopin und Schumann – weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und ausgezeichnet. Seine Sammlung umfasst genau doppelt so viele Liszt-Photographien als in der Ausstellung (bis 6. Juli 2003, geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt) zu sehen sind. In einem prunkvollen Begleitband »Franz Liszt in der Photographie seiner Zeit« (Hirmer Verlag, München 2003, 39 Euro an der Museumskasse) sind alle Burger’schen Liszt-Porträts abgebildet und kommentiert.

Der Ausstellungs-Raum von der Größe eines gut bemessenen Klassenzimmers zeigt in neun Vitrinen, übersichtlich angeordnet und akribisch beschriftet, in chronologischer Reihung die Bilddokumente von hohem Seltenheitswert. Allein die Tatsache, dass sie von einem einzelnen Sammler, nicht von einer Institution stammen, ist bemerkenswert. Auch an den dunkelgrün tapezierten Wandflächen unmittelbar über den verglasten Schautischen hängen Photos. Viele von ihnen liegen unter Glas in historisierenden Rahmen des 19. Jahrhunderts.

Wie bisher noch nie versucht, geht in der Ausstellung die Geschichte der Photographie mit der Lebensgeschichte eines bedeutenden Künstlers parallel einher. Das hat seinen ganz besonderen Reiz. Da tauchen – für die meisten Betrachter wohl Neuland – Namen bekannter Photographen aus der Frühzeit der Ablichtungskunst auf: von den Daguerreotypien über das Kalotypie- und Kollodiumverfahren, die Carte-de-visite-Bilder bis hin zu den Bromsilber/Gelantineabzügen der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Liszts Todesjahr bildet nahezu gleichzeitig das Ende der Frühzeit der Photographie. Neben Herrmann Biow tauchen Namen wie Franz Hanfstaengl, Pierre Petit, Adam-Salomon, Nadar und Louis Held als Photokünstler der ersten Stunde in Deutschland auf. Verbunden sind diese Namen mit Stationen des vielgereisten Maestros, der Ateliers in Paris und Pest, München, Weimar, Wien, Brüssel und Freiburg, Venedig und Antwerpen, Magdeburg und Baden-Baden (um nur einige zu nennen) aufsuchte.

Nahezu alle Liszt-Photos aus der Sammlung Ernst Burger zeigen die Lichtgestalt der Musikwelt der damaligen Zeit, den Schwiegervater Richard Wagners, tief religiösen und romtreuen Katholiken, stets in ernster Pose: sitzend meist, auch gelegentlich stehend in seiner Abbé-Soutane mit dem weißen Priesterkragen, die Haare in langen Strähnen vom Haupt hängend, fast immer allein, nur manchmal zusammen mit Schülern oder Gastgebern. An den Photos ist der Wandel eines Antlitzes ebenso wie einer Haltung ablesbar. Heinrich Heine schrieb über den 33-Jährigen: »Wie gewaltig, wie erschütternd wirkte schon seine bloße Erscheinung«. Ernst Burger vermittelt in dem ausgezeichneten Begleitbuch ein Lebens- und Schaffensbild Franz Liszts, wobei er besonders seine »photographischen« Stationen, die Ambientes, Photographenateliers und Interieurs berücksichtigt.

Am 1. August 1886 photographierte den Toten Hans Brand, der königlich-bayerische Hofphotograph, in Bayreuth, wo Liszt am 31. Juli, kurz vor Mitternacht, verschieden war. Eine Woche zuvor schleppte er sich noch zu Aufführungen des Wagner’schen »Parsifal« und des »Tristan«. Die schwere Lungenentzündung ließ ihn dann nicht mehr aus dem Bett aufstehen, an dem seine Tochter Cosima, des Bayreuther Komponisten Gattin, wachte… – Während der diesjährigen Wagner-Festspiele (25. Juli bis 28. August) wird die Münchner Ausstellung in Bayreuth (Villa Wahnfried) gezeigt. Für manchen Festspielbesucher ergibt sich da die Gelegenheit, auch das Franz-Liszt-Museum, gleich neben der Villa Wahnfried, zu besuchen. Er begegnet dann noch einmal dem enthusiastischen Liszt-Forscher und -Kenner Ernst Burger, der maßgeblich an der Errichtung dieser bedeutenden Stätte der Musikkultur beteiligt war.

HG



27/2003
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