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Jahrgang 2015 Nummer 15

Wie eine Krapfenbäckerin die Törringer Geschichte prägt

200 Jahre Vituskapelle – Zur Erinnerung an die Brandkatastrophe im Jahre 1815

Seit 200 Jahren ziert die Vituskapelle, besser bekannt unter dem Namen »Veichtlbrunn «, den Dorfplatz in Törring und erinnert an die schreckliche Brandkatastrophe am 12. April 1815.

Am 12. April jährt sich ein schwerer Schicksalstag in der Törringer Geschichte zum 200sten Mal. An jenem Frühjahrstag hätte sich die Kaindlbäuerin von Törring sicher nicht denken können, wie sie neben den zu beklagenden Verlusten aus Zeiten der Pest und den beiden Weltkriegen, mit einer ähnlichen Katastrophe in die dunklen Tage der mittlerweile 1225-jährigen Chronik des Ortes eingeht.

Für diesen Apriltag im Jahre 1815 hatte sich die Kaindlbäuerin das Krapfen backen vorgenommen. Als sie bemerkte, dass das heiße Fett zum Frittieren der Krapfen Feuer fing, wollte sie das Schlimmste verhindern und trug den Dreifuß mit dem brennenden Fett in den Hof hinaus. Zu allem Überfluss stolperte sie und verschüttete das entzündete Fett über das im Hof gelagerte Stroh, welches sofort in hellen Flammen aufging. Das Feuer breitete sich in Windeseile auf das gesamte untere Dorf aus. Vom heutigen Steingruber-Hof bis zum Damberger-Anwesen fielen sämtliche Häuser den lodernden Flammen zum Opfer.

Aus Dankbarkeit, dass der verheerende Brand sein Anwesen nicht in Schutt und Asche legte, ließ Philipp Gründacher, Gastwirt und Krämer von Törring, die Vituskapelle errichten. Auch 200 Jahre nach diesem schlimmen Ereignis steht sie als Sinnbild und zierendes Schmuckstück am Fuße des Dorfplatzes für jenen schwarzen Tag im April und erinnert daran mit folgender Inschrift: »Zum Andenken an den großen Brand, welcher am 12. April 1815 mittags 11 Uhr ausgebrochen ist und 9 Häuser nebst Kapelle gänzlich eingeäschert hat, wurde diese Kapelle zur Ehre der heil. Dreifaltigkeit, der allerseligsten Jungfrau Maria, des hl. Florian und Vitus, von Philipp Gründacher, Krämer von hier, errichtet. Im Jahre 1893 hat Josef Baumgartner, Steingruberbauer von hier, dieselbe wieder renovieren lassen.«

Fest steht bis heute nicht genau, ob die Vituskapelle selbst mit abbrannte. Auf dem etwa vier Quadratmeter großen Bild im Innern der kleinen Kapelle schlagen keine Flammen aus ihrem spitzen Dach, während der Text von neun brennenden Häusern »nebst Kapelle« spricht. Dem Wegkapellenverzeichnis und einer Pastoralkonferenz-Thesis über die Pfarrkuratie Törring aus dem Pfarrarchiv nach ist allerdings anzunehmen, dass die in korrekter Schreibweise betitelte »St. Veitskapelle im Jahre 1815 bei einem großen Dorfbrande vernichtet, und wahrscheinlich im gleichen Jahre wieder neu erbaut« wurde.

Das als symbolisches Opfer für die Rettung aus der Notlage stehende Votivbild kleidet die komplette innere Westwand des Gebäudes aus. Es wurde auf Blech gemalt und zeigt das brennende Dorf über dem Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist in Gestalt einer Taube, umgeben von vier Engelsköpfen, zu erkennen sind. Darunter befinden sich mittig die Jungfrau Maria, und jeweils seitlich die Heiligen Vitus, neben einem Kessel mit siedendem Wasser, und Florian, der gerade aus einem hölzernen Handschöpfer über den Brand Wasser ausgießt. 1979 wurde das Gemälde von einem heimischen Maler restauriert.

Die unter Vituskapelle bekannte und im Volksmund »Veichtl-Brunn« genannte Kapelle hat einen Grundriss von 2,70 Meter auf 2,70 Meter. Die ebenfalls 2,70 Meter hohen Steinmauern ergeben die quadratische Form des kleinen Gotteshauses. Auf der Spitze des zwei Meter messenden Blechdachs befindet sich ein goldfarbenes Kugelkreuz. Offene Rundbögen nach Süden, Osten und Norden vereinen sich an der Innendecke zu einem großen Kreuzgewölbe.

Inmitten der Vituskapelle plätschert das ganze Jahr über der Veichtl-Brunn. Ein erfrischender Wasserquell, von welchem sich früher die Dorfbewohner ihr Trinkwasser holten. Auch heute noch trägt Karl Weiß, welcher sich seitens des Obst- und Gartenbauvereins Törring um äußere Pflegearbeiten wie das Entfernen von Laub aus den Dachrinnen kümmert, das frische Wasser mit nach Hause.

Nach der vom Steingruberbauern Josef Baumgartner 1893 initiierten Renovierung der kleinen Kapelle, spendeten die Törringer Landfrauen in den 90er Jahren den Reinerlös aus ihrer erfolgreichen Handarbeitsausstellung zu Gunsten der Vituskapelle. Die Stadt Tittmoning, das Landesamt für Denkmalpflege, der Landkreis Traunstein und der Bezirk Oberbayern steuerten ebenfalls Zuschüsse bei, mit welchen eine grundlegende Sanierung im Mai 1994 mit anschließender Einweihungsfeier und Neuweihe der Vituskapelle vorgenommen werden konnte. Unter anderem wurden die bereits feucht gewordenen Mauern trockengelegt und der verwendete Tuffstein für eine naturgetreue Optik vom Putz befreit. Das mit Holzschindeln eingedeckte Spitzdach wurde durch Blech ersetzt.

Die 1962 von Schulkindern gepflanzte Linde auf der Westseite der Vituskapelle ist über die Jahre zu einem stattlichen Baum herangewachsen. Zusammen mit dem erfrischenden Quellwasser des Veichtl-Brunn lädt sie an heißen Tagen vorbeikommende Radfahrer und den Ortskern genießende Dorfbewohner zu einer schattigen Pause auf der darunter stehenden Sitzbank ein.

Zu früheren Zeiten an Fronleichnamsprozessionen und zur Palmweihe am Palmsonntag als Altar verwendet, fügt sich die Vituskapelle am südlichen Dorfplatz heute harmonisch in die durch den mit einem Dorfteich mit Springbrunnen schön gestaltete Dorfmitte ein. Rosi Mayr sorgt dabei bereits seit Jahrzehnten für die dekorative Blumengestaltung der kleinen Kapelle.


Dorothee Englschallinger

 

15/2015