Jahrgang 2009 Nummer 17

Wia ma hoit a so sagt

Der bairische Mensch und sein loses Mundwerk

»Des hat an Teifi g’sehgn!«: Bemalte Holzfiguren des Teufels als schwarzen Kinderschreck, Mitteldeutschland, 19./20. Jahrhundert

»Des hat an Teifi g’sehgn!«: Bemalte Holzfiguren des Teufels als schwarzen Kinderschreck, Mitteldeutschland, 19./20. Jahrhundert.
»Die Weisheit auf der Gasse«: »Denkzettel« für Anna Maria Lutz an ihre Firmung durch Weihbischof Johann Michael Sailer am 19. Ju

»Die Weisheit auf der Gasse«: »Denkzettel« für Anna Maria Lutz an ihre Firmung durch Weihbischof Johann Michael Sailer am 19. Juli 1823
Mundwerk? Eigentlich heißt es trefflicher: Maul. Aber da wären gleich einige Leute beleidigt. Die nämlich, die sich angesprochen fühlen: die Bayern. Bayrische Leut’ haben doch kein Maul, die haben höchstens ein Mai. Oder a Mäu. Schwer zu schreiben – leichter auszusprechen.

So sind auch viele Redensarten und Sprichwörter, die sich in Altbayern, also in Ober- und Niederbayern samt der Oberpfalz, bis heute erhalten haben: leicht gehen sie über die Lippen, beim Notieren sträubt sich die Feder oder die Computertastatur. Da beißt d’ Maus koan Foon ab. Foon? Das ist, hochdeutsch, Faden. Bluadiga Hennadreck – das wird doch wohl jeder kapieren.

Übersetzen bringt in diesem Fall nicht viel. Der »bluadige Hennadreck« würde mit »blutiger Hühnerdreck« eher Ekel als einen Lacher hervorrufen. Beim »bluadign Hennadreck« stellt sich niemand was »Greislich’s« vor. Wer hätte auch jemals einen solchen Dreck gesehen. Sehen und sagen – das sind beim altbayerischen Menschen sowieso zwei Paar Stiefel.



Nimm allein die Redensarten rund um den Teufel! In der Not frisst der ja, wie man weiß (oder vielmehr: sagt) Fliegen. Und das keineswegs bloß im weißblauen Freistaat, auch außerhalb seiner Grenzen. Aber kein Mensch hat je den Teufel Fliegen fressen gesehen. Man sagt halt so, wenn man darstellen will, dass die Not erfinderisch macht und einen – selbst den Beelzebub – bis zum Äußersten gehen lässt.

Vom Teufel weiß der Bayer mehr als von den Engeln zu reden, und das fürwahr »mit Engelszungen«: »Des hat an Teifi g’sehgn!« zum Beispiel. »Der Teifi scheißt oiwai do, wo scho düngt is«, sagt der Bayer doch noch heute – und ist damit um eine ganze Portion derber als der Deutsche außerhalb bayerischer Grenzpfähle, wo halt »der Teufel immer zum größeren Haufen« – na was denn nun: »scheißt«. Ja. Man denkt sich auch im Außerbayerischen nichts: Ma scheißt si nix. Und, beim Gankerl! Man haut fürchterlich drein, wenn es um des Teufels Bart geht.



In Regensburg gab es den nachmals berühmten Theologen Johann Michael Sailer. Der war nicht nur »recht
g’scheit«, sondern »aa gradraus«. Aus dem kleinen Aresing aus dem heutigen Landkreis Neuburg a. d. Donau / Schrobenhausen stammte Sailer, lehrte Dogmatik in Ingolstadt, Pastoraltheologie und Ethik in Dillingen, wurde wegen innerkirchlicher Intrigen zuerst entlassen, dann wieder, in Ingolstadt und Landshut auf Lehrstühle gesetzt, bis er, 180 Jahr’ sind’s nun schon her, Bischof von Regensburg wurde. Wer erlöst werden will, so lehrte Johann Michael Sailer, der 1832 im 81. Lebensjahr starb, muss »innerlich werden«. Der gute, gottesfürchtige, reformerisch gesonnene geistliche Würdenträger und Universitätslehrer schaute den Leuten in der Gasse »aufs Maul« (jetzt muss man das so sagen: Maul), ging dann heim und schrieb (allerdings nicht auf Bairisch, sondern auf Schriftdeutsch) alles hübsch auf, was er gehört hat:

- Wer seine Kinder zärtelt, setzt sie ins leichte Schiff.
- Hat der Fuchs gestohlen, so stiehlt das Füchslein auch.
- Ein rechter Hausvater ist der erste auf und der letzte nieder.
- Was man einem treuen Diener gibt, ist alles zu wenig.
- Wer richtig zahlt, dem dient man auch hinter dem Rücken.
- Wer das Böse nicht straft, ladet es zu Haus.

Pädagogisch sind diese von J. M. Sailer aufgezeichneten Spruchweisheiten allesamt, der Volkserziehung dienlich. Der Gottesmann will damit noch heute einen Beitrag leisten zur rechten Lebensführung. Spruchweisheiten sind zeitlos, überdauernd. Gelten damals wie heutzutage. Sailers »rechte Lebensführung« beginnt und endet bei einem gedeihlichen menschlichen Miteinander. Herr und Knecht – das sollte ein patentes Verhältnis sein, kein herrschaftliches, kein hierarchisches, bei dem sich der »Geldige« seinen Reichtum raushängen und den armen Schlucker spüren lässt, dass er ärmer ist als arm.



Johann Michael Sailers Buch »Die Weisheit auf der Gasse«, 1810 erschienen, kannte Deutschlands berühmtester Sprichwörter-Sammler, Karl Simrock (1802 – 1876) sehr wohl – und verwendete es als eine seiner Hauptquellen. Um ein paar Sailer’sche »Sprüch’« ist auch der im Landkreis Erding lebende, gebürtige Truderinger Schriftsteller Wolfgang Johannes Bekh nicht herumgekommen, der sich im fortgeschrittenen Alter von weit über 80 Jahren (Bekh ist Jahrgang 1925) daran gemacht hat, »bairische Redewendungen«, die er im Lauf seinen Lebens zusammenbrachte, in einem Bändchen zu veröffentlichen. »Nur da Not koan Schwung lassn«, sagte sich Bekh, der, ähnlich Sailer, »unter den Bauern am Wirtshaustisch sitzen und seine Ohren spitzen« musste, die Männer beim Kartenspielen beobachtete und ihnen beim Kegeln, »beim Eisstock- und Zimmererstutzenschießen« aufmerksam zuhörte. An die Bauern und Handwerker kommen für den forschenden Volkskundler Wolfgang Johannes Bekh »Automobilarbeiter am Fließband« und Atomkraftwerk-Operateure nicht heran – von denen sind vor allem keine mundartlichen Spruchweisheiten (mehr) zu erwarten.

Dennoch: Bekh hat eine Menge bairischer Redensarten auf seine 100 Buchseiten gebracht, von denen sich die kurzen am schnellsten einprägen, heutzutage würde man die Redensart von der Nachhaltigkeit bemühen: »Pfiffkaas!« »Du Schafzipfi!«, »Mia gaangst!«, »Mach kaone Taanz!«, »So gengan de Gaang!«, »Da hat’s Kaibi Lais!«, »Wer ko, der ko!« Diesen Ausspruch soll übrigens, bald 200 Jahre sind’s her, ein Münchner Großkopferter namens Franz Xaver Krenkl, seines Zeichens Rosshändler und Rennmeister draußen in Daglfing, hoch zu Ross dem ihm im Englischen Garten mit seiner Equipage entgegen reitenden König Ludwig I. zugerufen haben, als dieser den stolzen, wohlhabenden Bürger, der, ungewöhnlich wie ordnungswidrig, im Sechsspänner daherkam, von seinem hohen Ross herunterholen wollte. »Majestät: Wer ko, der ko!«

Also: Nicht alle Sprichwörter und Redensarten, auch nicht die aus Bayern stammenden und hier noch da und dort benützten sind anonym. Auch wenn das »Maul«, aus dem die meist deftigen bis »g’scherten« Sprüch’ kamen, nicht in jedem Fall mit Namen genannt werden kann. Wenn Bekh zu trauen ist, stammen übrigens die Sprichwörter, die sich mit dem »Maul« (lies: »Mund« des Menschen) befassen, nicht aus Bayern, sondern aus Wien: »Er hat si’s Maul z’riss’n«. – »Die hat si’s Maul verbrennt.« – »Übers Maul fahrn.« – »Jemand a Maul oohänga.« – »‘s Maul geht eahm wia a Dreckschleuder.« Aber jetzt ist Schluss, sonst muss sich der Schreiber dieser Zeilen noch nachsagen lassen: »Bei dem, wann er stirbt, muass ma’ d’Gosch’n extra daschlogn!« Na ja, wia ma hoit a so sagt. Er werd scho no leben, aa wenn sei Goschn beim Teifi is.

Hans Gärtner

Quellen:
»Die deutschen Sprichwörter«. Gesammelt von Karl Simrock. Einleitung: W. Mieder, Stuttgart: Ph. Reclam jun. 1988
»Nur da Not koan Schwung lassn«. Bairische Spruchweisheit für jede Gelegenheit. Gesammelt und nacherzählt von Wolfgang Johannes Bekh, München: Allitera 2009



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