Jahrgang 2001 Nummer 35

Werden und Vergehen des Chiemsees

Das Modell des Ur-Chiemsees vermittelt wichtige Erkenntnisse seines Schicksals – Teil II

In diesem Baustadium des zweiten Chiemsee-Modells sind die bis zu 250 Meter tiefen Ur-Becken südlich und nördlich der Buchberge

In diesem Baustadium des zweiten Chiemsee-Modells sind die bis zu 250 Meter tiefen Ur-Becken südlich und nördlich der Buchberge deutlich zu erkennen.
Übersichts-Lageplan des Chiemsee-Einzugsgebietes samt Umland.

Übersichts-Lageplan des Chiemsee-Einzugsgebietes samt Umland.
Die Grundlagen zum Bau des 1997/99 entstandenen zweiten Chiemseemodells haben zahllose Wissenschaftler vieler Länder in mühsamer Kleinarbeit geschaffen. Das Chiemgauer Trauntal spielt dabei wegen seiner besonderen Vergangenheit eine wichtige Rolle. Weil die Lokalgletscher der Roten und Weißen Traun während der Würmeiszeit schon südlich von Siegsdorf endeten – ihre Endmoränen manifestieren sich heute als Hammerer und Eisenärzter Berg – und die Endmoränen der Chiemsee- und Salzachgletscher sich im Trauntal sehr nahe gekommen sind, das Trauntal aber eisfrei geblieben war, führte dies zur Entstehung des sogenannten »Traunfensters«. Die sich am West- und Südhang des Hochberges gebildeten Erosionsgräben haben den Fachleuten im wahrsten Sinne des Wortes wichtige Einblicke in die Voralpengeologie gewährt. Das Trauntal wurde zum Eldorado der Paläontologen und deren Spezialisten, den Mikropaläontologen vieler Länder. Durch ihre Tätigkeit wurde das Traunprofil als international anerkanntes Voralpenprofil gestärkt. An dem 1981 im Chiemgau stattgefundenen 17. Europäischen Mikropaläontologischen Kolloquium haben Wissenschaftler aus 19 Ländern teilgenommen, die den Ruf des Chiemgaus als »Geologisches Mekka« gefestigt haben. Profitiert hat die geologische Erforschung des Alpenvorlandes auch von der seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts intensiv betriebenen bergmännischen Gewinnung der Oberbayerischen Pechkohle und deren reichhaltigen geologischen Sammlungen.

Um die Chiemgau-Geologie haben sich auch einige »Hobby-Geologen« verdient gemacht, die von der Vielfalt erdgeschichtlicher Zeugnisse solchermaßen fasziniert waren, daß sie all ihre Freizeit dafür verwendet oder gar ihren Beruf gewechselt haben. Stellvertretend für sie sei Otto Hölzl (1897-1977) genannt, der als Bergmann in Hausham das »Stoanasammeln« begann, seine umfangreiche Fossiliensammlung der Bayerischen Staatssammlung verkaufte und mit 53 Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bayer. Geologischen Landesamt geworden ist. Gekrönt wurde seine Tätigkeit auf dem Gebiet der Paläontologie 1959 durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Uni München. Als gelernter Bergmann war er oftmals zwischen den Bergwerken und dem Trauntal mit dem Fahrrad unterwegs, um in die Flanken des Hochberges Stollen vorzutreiben, wobei er oft die Grenzen der Sicherheit überschritten hat, immer auf der Suche nach neuen Leitfossilien, von denen nicht weniger als 283! mit seinem Namen verbunden sind. Dieses »Filmband der Jahrmillionen«, das sich in der Trauntal-Geologie widerspiegelt, hat der Autor in den 1990 gefertigten »Geologischen Längsschnitt vom Trauntal über das Sonntagshorn ins Saalachtal« umgesetzt. So wertvoll all diese mühsam erarbeiteten erdgeschichtlichen Erkenntnisse auch sind, die oftmals wie ein spannender Roman zu lesen sind, in der großen »Chiemsee-Musik« sind sie lediglich das lange Vorspiel. Das krönende Finale beginnt erst nach dem zweiten Weltkrieg mit der krampfhaften Suche nach heimischen Energiequellen. Die der zweckfreien Forschung fehlenden finanziellen Mittel wurden dafür flüssig gemacht. Ausgehend von den bekannten oberbayerischen Kohlevorkommen und den jenseits der Salzach bei Trimmelkam befindlichen hat die »Bayer. Braunkohlenindustrie AG, Schwandorf« 1954/56 das Gebiet dazwischen, nördlich des Chiemsees, mit 14 Tiefbohrungen bis zu 2000 Meter Tiefe erkundet. Dabei wurde zwar keine Kohle gefunden, dafür aber erstmals die eiszeitlichen Ablagerungen bis ins Tertiär durchbohrt. Ursache des Nichtfündigwerdens ist ein Sattel (Antiklinale) zwischen diesen Kohlelagerstätten. Der wiederum hat die Erdöl- und Erdgasunternehmen veranlaßt, dort gezielt nach diesen Energiequellen zu suchen, weil Erdgas wegen seines geringen spezifischen Gewichtes an natürlichen Erhebungen gebunden ist. Die in den 60er Jahren dort bis über 4000 Meter Tiefe niedergebrachten Bohrungen führten schließlich – in Verbindung mit verschiedenen seismischen Messungen – 1972 zur Entdeckung des Erdgasfeldes zwischen Gollenshausen und Eggstätt, aus dem seit 1976 die neue Energie gefördert wird. Die entscheidenden Erkenntnisse bezüglich des Chiemsee-Geotops wurden durch verschiedene Firmen auf der Suche nach Erdöl am Alpennordrand gewonnen. Den bis fast 5000 Meter hinabreichenden Tiefbohrungen blieb zwar der erhoffte Erfolg verwehrt, der Wissenschaft jedoch waren deren Ergebnisse umso wertvoller. Den Autor regten sie zum Fertigen des »Geologischen Längsschnitt durch den Chiemsee« und zum Bau des zweiten Chiemsee-Modells an.

Das Modell des Ur-Chiemsees

Schon während des Baues des ersten Chiemseemodells wurde bedauert, daß wegen der dort zwangsweise engen Begrenzung nicht das Umfeld des Sees, das hinsichtlich seiner Entstehungsgeschichte nicht weniger interessant ist wie das unter Wasser Verborgene, dargestellt werden konnte. Waren es beim ersten Modell »nur« 190 km2, die dort zur Darstellung gekommen waren, sind es beim zweiten Modell 10032. Damit konnte der gesamte Bereich des Chiemsee-Gletschers vom Alpentor im Süden, der Klobensteinschlucht, bis zur Mündung von Alz und Traun im Norden, und vom Trauntal mit Hochberg im Osten bis zur Schwelle zwischen dem Langbürgener See und Mauerham im Westen abgebildet werden. Für solch ein in sich abgeschlossenes geologisches Gebilde hat sich seit Mitte der 80er Jahre der neue Terminus »Geotop« eingebürgert, worunter »Erdgeschichtliche Bildungen der unbelebten Natur, die Erkenntnisse über die Entwicklung der Erde vermitteln«, verstanden werden. Da im dafür gewählten Längenmaßstab 1:25 000 das Seebecken nur drei Millimeter, die Endmoränen noch niedriger geworden wären, war eine gewisse Höhenverzerrung auch bei diesem Modell unumgänglich. Der Höhenmaßstab hat sich schließlich zwangsweise aufgrund des Baumaterials ergeben. Um das Gewicht wiederum möglichst gering zu halten, wurden diesmal DEPRON-Platten verwendet, die es nur in wenigen Stärken gibt. Da die drei Millimeter starken Platten dem 20 Meter Höhenlinienabstand der Topographischen Karten entsprechen, hat sich als Höhenmaßstab 1:6666 ergeben, was einer 3,75fachen, also rund vierfachen Überhöhung entspricht. Mit dem höchsten Modellpunkt, dem 1808 Meter hohen Geigelstein, beträgt die gesamte Reliefhöhe 23 Zentimeter. Daß dabei die im Süden das Modell begrenzenden Berge etwas zu bizarr erscheinen, muß des Gesamteindrucks wegen in Kauf genommen werden.

Die Farbgebung ist geprägt vom Zeitraum, den das Modell erstmals darzustellen versucht. Dafür wurde jenes Landschaftsbild gewählt, das sich den Menschen der mittleren Steinzeit dargeboten hat, die vor cirka 8000 Jahren das Alpenvorland besiedelten und diesen Ur-Chiemsee erlebt haben. Es ist die Phase zwischen der frühen Wärmezeit (Boreal) und mittleren Wärmezeit (Atlantikum), in der die gegenwärtig im Reichenhaller Talbecken zur Salzerzeugung genutzte Sole als Regen zur Erde gefallen ist und das Haselgebirge auf natürliche Weise auszulaugen begann. Auf der Erde lebten seinerzeit erst fünf Millionen Menschen als Jäger und Sammler. Heute über fünf Milliarden. Die Gletscher hatten sich bereits zurückgezogen, die Alpen waren größtenteils eisfrei. Zurückgeblieben war eine von Wasser und Moränen geprägte Landschaft, in der aus den Moränenhängen während starker Regenfälle das tonige Material abgespült und sich am Hangfuß abgelagert hat. Der sich dabei gebildete graue Schluff (Kolluvium), der dem Seeton ähnlich ist, hat den wasserdurchlässigen Untergrund abgedichtet und war Grundlage zur Seenbildung und der späteren Moore. Während dieses Stadiums kam es oftmals zu einer fließenden Bewegung des Bodens (Solifluktion), wodurch früher ausgeprägtere Formen verflacht worden sind. Dieser landschaftsbildende Vorgang wurde erst im Zuge der allmählich vorrückenden und sich verdichtenden Vegetationsdecke beendet. Aus der Tundra entwickelte sich eine Waldsteppe, aus der sich bei zunehmend feuchter werdendem Klima ein Eichenmischwald bildete.

Auf eine plastische Walddarstellung wurde zugunsten einer informativen Beschriftung verzichtet. Die Wassertiefen sind mit verschiedenen Blaunuancen gekennzeichnet, wobei die tiefsten Stellen durch schwarze Farbe betont sind und die heutige Seefläche sowie der Verlauf der Tiroler Achen, der besseren Orientierung wegen in farblosem Plexiglas ausgeführt sind. Natürlich entsprechen einzelne Stellen nicht den jetzigen Formen, weil damals die Erosion noch nicht soweit fortgeschritten war. Dagegen sind insbesondere die südlichen Verlandungsräume des Sees ohne ihrer nacheiszeitlichen Sedimentation dargestellt, wodurch das Modell einen gewissen hypothetischen Charakter erhält, der jedoch beabsichtigt ist, um dadurch den Verlandungsprozeß bewußt zu machen.

Obwohl sie nicht in den dargestellten Zeitraum passen und sogar das Gesamtbild etwas stören, wurden dennoch mehrere Tiefbohrungen dargestellt, weil ohne sie der Bau dieses Modells nicht möglich gewesen wäre. Auf die Darstellung der 289 Bohrungen, die in den 50er Jahren von der Bayer. Landesanstalt für Landkultur und Moorwirtschaft im Gebiet um Seeon niedergebracht worden sind um dortige Hoch- und Übergangsmoore zu erkunden, mußte jedoch verzichtet werden. Die Bohrungen sind durch folgende Farben gekennzeichnet: Erdöl rot, Erdgas gelb, Wasser blau und Kohle braun.

Das Hauptkriterium der südlichen Hälfte des neuen Modells sind die im Generalstreichen der Alpen in west-östlicher Richtung verlaufenden Querriegel oder Barrieren, die erst infolge der schleifenden Wirkung (Exaration) der durch das Schlechinger Tal und über den Masererpaß vordringenden Eismassen abgetragen worden sind. Ihre große Bedeutung für die Ausbildung des Ur-Chiemsees wurde erst durch die bereits erwähnten Tiefbohrungen und vor allem durch zusätzliche 26 Bohrungen für die seismische Erkundung der drei Urseebecken evident. Sie sind wie folgt numeriert und durch Örtlichkeiten lokalisiert.

1.) Alpen- oder Gletschertor beim Klobenstein, 2. Marquartstein mit dem Grenzmühlwehr, 3.) die Buchberge, 4.) Autobahn und 5.) Herreninsel. Das überwiegend tonige Material mit dem die bis zu 250 Meter tiefen Urbecken verfüllt sind, beweist, daß die Barriere 2 eine überragende Bedeutung hat. Über sie konnten sich lange nur die leichten Schwebstoffe hinwegsetzen, während südlich davon das schwerere Schwemmgut, wie Sand und Kies zur Ablagerung kamen. Anhand dieses Modells ist für jedermann/frau schon rein optisch erkennbar, daß der weitaus größere Teil des einstigen Urbeckens bereits verlandet ist. Die zwei Milliarden Kubikmeter des heutigen Sees würden dieses Urbecken nicht mal zu zwei Drittel füllen. Leider kann auch dieses Modell nur einen kurzen Zeitraum des langen Entstehungsprozesses darstellen. Wesentlich anschaulicher könnte dem Hauptzweck der Geologie, den Ruhezustand in Bewegung umzudeuten, mittels einer Computer-Animation entsprochen werden. Im Zeitraffer würde seine begrenzte Lebensdauer noch deutlicher ins Bewußtsein dringen.

Das unaufhaltsame Vergehen des Chiemsees

Kürzlich ist der Chiemsee mit dem Leben eines Menschen verglichen worden, bei dem man feststellen muß, daß er schon sehr in die Jahre gekommen ist und zu kränkeln beginnt. Welch schönes Bild, bei dem dezent verschwiegen wird, daß man dem Patienten nicht nur manch falsche Medizin verabreicht hat, sondern bei ihm auch vor aktiver Sterbehilfe nicht zurückgeschreckt hat. Wie anders sollte man die Einwilligung zur Sprengung der nur rund drei Meter breiten Engstelle im Entenloch nennen, wodurch die Durchflußbreite 1906/07 um das vierfache verbreitert worden ist und die bei Verklausungen im Kössener Becken sich natürlich abgesetzten Schwebstoffe ungehindert und stetig in den Chiemsee gelangen konnten. Die Hochwassermarken am Kössener Kirchenportal sind dafür ein beredtes Zeugnis! Die vor allem von den Südanliegern lange beantragte und schließlich 1904 durch Beseitigung natürlicher Barrieren am Seeauslauf vollzogene und 1960 »nachgebesserte« künstliche Seespiegelabsenkung um cirka 60 Zentimeter war der Lebenserwartung des Patienten ebenso wenig zuträglich. Der 1940 erfolgte rechte Deichbruch im Deltabereich der Tiroler Achen hat der so beliebten Hirschauer Bucht den Todesstoß verabreicht, weil es 25 Jahre dauerte bis diese Lücke wieder geschlossen wurde und sie dadurch weitgehend infolge Sandeintrag verfüllt worden ist.

Nur sechs Jahre nach Gründung des Wasserwirtschaftsamtes (WWA) Traunstein hat diese Fachbehörde 1960 südlich von Kössen in der Großache ein Hochwasserrückhaltebecken geplant, durch das die überwiegend aus der Grauwackenzone um Kitzbühel kommenden Schwebstoffe vom Chiemsee ferngehalten werden hätten können. Dadurch wären die negativen Folgen der Entenlochsprengung wieder ausgeglichen worden. Der etwas öde sechs Kilometer lange Fluß- und Talabschnitt nach Erpfendorf hin hätte dadurch für den Chiemsee lebensverlängernd gewirkt! Leider hat der Bayerische Landtag damals seine Zustimmung dazu verweigert. Als Alternative mußten in Bayern bestehende Deiche erhöht und verstärkt werden. Durch neue Deiche im Schlechinger Becken ging wertvoller Retentsionsraum verloren, wodurch Schwebstoffe noch schneller in den Chiemsee gelangten! Angesichts der neuesten Gutachten, nach denen bei einem Hochwasser wie zu Pfingsten 1999 allein an einem Tag 185 000 Kubikmeter Schwebstoffe in den See gelangen, ist man geneigt, dem damals mutigen Projekt nochmals eine gründliche Prüfung zu wünschen. Wer es vorweg als unmachbar bezeichnet, muß sich fragen lassen, ob ihm bewußt ist, welche Hohlräume der jahrtausende alte Tiroler Bergbau in dieser Region geschaffen hat. In den bis zu 900 Meter tiefen Schächten hätten viele Schwebstoffe Platz gefunden. Andernorts wäre man froh gewesen, solch große Mengen Verfüllmaterial zu besitzen. Es hat allein die Koordination gefehlt. Noch gibt es umfangreiche Steinbrüche, die dafür geeignet erscheinen. Im EuRegio-Zeitalter darf dieses Projekt an der Finanzierung nicht scheitern.

Die Bayberg’sche Prognose bezüglich der Lebensdauer des Chiemsees von 14 000 Jahren wird heute auf rund 7000 Jahre halbiert. Noch weit entfernt, ist man geneigt zu sagen, würden da nicht andere Werte doch nachdenklich stimmen. Das Vordringen des Deltas der Tiroler Achen um 25 Meter jährlich läßt schon eher aufhorchen. Oder der Betrag von 24 Meter um den sich ein Fußballfeld erhöhen würde, wenn man die jährliche Schwebstoffracht, allein dieses Flusses, dort anhäufen würde. Die Lebensdauer der Hirschauer Bucht und des Irschener Winkels wird mit weniger als 100 Jahre prognostiziert, die der Aiterbacher Bucht mit 200 Jahren.

Die Summe aller bisher von Menschen veranlaßten Maßnahmen hat sich auf die Lebensdauer des Chiemsees negativ ausgewirkt. Dabei sollte man sich aber davor hüten, Werke früherer Generationen leichtfertig zu verurteilen ohne den zeitlichen Aspekt zu berücksichtigen. Die Flußregulierungen und Seespiegelabsenkungen des 19. Jahrhunderts, die heute als Todsünden angesehen werden, galten nach der Revolution von 1848 als segensreiche Pioniertaten. Dem aufgestauten Druck der Landwirte und den Erfordernissen der Industrie hat keine Regierung auf Dauer standgehalten.

Phänomene des Chiemsees
Seit den »Seephänomen« des 19. Jahrhunderts hat sich viel geändert. Vieles ist zwischenzeitlich erforscht. Als phänomenal kann man heute das bezeichnen, was über das »Bayerische Meer« seither geschrieben worden ist. Weil die Seespiegelschwankung in der Boulevardpresse jüngst als »Ebbe und Flut« hochgespielt worden ist, wird die Gelegenheit benutzt, dies richtigzustellen. Bekannterweise werden Ebbe und Flut durch die Gravitationswirkung von Sonne und Mond hervorgerufen, wobei der 12 Stundenrhythmus der halben Erdumdrehungszeit entspricht. Mit den seltsamen Schwankungen der Wassermassen der Binnenseen hat dies nichts zu tun. Für sie ist seit der Entdeckung am Genfer See Mitte des 18. Jahrhunderts die Schweizer Bezeichnung »Seiches« üblich. Ihre Amplitude beträgt dort 1,87 Meter. Am Chiemsee wurden diese 1901/06 von Anton Endrös beobachtet. Seither leider nicht mehr. Er hat damals 17 verschiedene Schwingungen festgestellt, deren Dauer sich zwischen 3 bis 54 Minuten bewegten. Ihre Amplituden betragen maximal 30 Zentimeter und werden kaum wahrgenommen. Ihre Ursachen sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Lokaler Luftdruckanstieg wird als Hauptursache angesehen.

Ein anderes Phänomen ist die ungleiche Ablagerung der Schwebstoffe im Seebecken. Sie ist im Osten größer als im Westen. Ursache dafür ist die Erdrotation, die eine Bewegung entgegen dem Uhrzeigersinn bewirkt. Nach dem französischen Physiker Coriolis auch »Coriolis-Kraft« genannt. Für manche ist auch das Ausmaß der Erdkrümmung ein Phänomen. Sie beträgt bei der acht Kilometer großen Entfernung von Chieming zur Fraueninsel 5,02 Meter und von Chieming bis Harras stolze 13,27 Meter.

Wegen der in diesem Rahmen gebotenen Kürze konnten leider nicht alle interessanten Aspekte in wünschenswerter Weise und Form behandelt werden. Aus diesem Grund muß auch auf ein Quellen- und Literaturverzeichnis verzichtet werden. In einer konzentrierten Aktion ist der »Gewässerentwicklungsplan Chiemsee« erarbeitet worden, der versucht, den Erfordernissen der Gegenwart gerecht zu werden. Seine Umsetzung beinhaltet eine gewisse Reglementierung und den Verzicht auf manch lieb gewordene Gewohnheit. Es ist zu hoffen, daß – trotz aller Kunst – an der Schönheit der Natur sich noch viele Generationen erfreuen können.

Anton Graßler

Teil 1: Siehe Chiemgau-Blätter Nr. 34/2001



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