Jahrgang 2001 Nummer 34

Werden und Vergehen des Chiemsees

Rückblick auf die Entstehung des Sees und seiner umliegenden Landschaft – Teil I

Generaladministrator Graf Sigmund von Haimhausen war Wegbereiter einer unabhängigen Forschung in Bayern. (Repro aus Festschrift

Generaladministrator Graf Sigmund von Haimhausen war Wegbereiter einer unabhängigen Forschung in Bayern. (Repro aus Festschrift »100 Jahre Kohlenbergwerk Peißenberg«, 1937).
Tektonische Übersichtskarte des Südbayerischen Molasse-Gebietes mit südöstlicher kalkalpiner Zone. Gefertigt im Juni 1999 von An

Tektonische Übersichtskarte des Südbayerischen Molasse-Gebietes mit südöstlicher kalkalpiner Zone. Gefertigt im Juni 1999 von Anton Graßler, Traunstein, nach Unterlagen von E. Hartmann, dem Bayer. Geologischen Landesamt und der Geologischen Bundesanstalt, Wien.
Noch nie haben sich soviele Menschen so intensiv mit dem Schicksal des Chiemsees beschäftigt wie gegenwärtig und während der vergangenen Jahre. Zahlreiche Politiker und viele Gutachten namhafter Wissenschaftler haben sich mit ihm beschäftigt. Erst wegen der Reinhaltung des Wassers, jüngst mit der Verlandung seines flachen Beckens und seiner seichten Buchten. Durch das Naturkunde- und Mammutmuseum sowie das Mammutheum in Siegsdorf wurde das Verständnis und Interesse an geologischen Vorgängen im Chiemgau geweckt. Geländemodelle stellen Unsichtbares dar und helfen dadurch schwer Verständliches zu vermitteln. Arbeitsgruppen haben geforscht, analysiert und prognostiziert. Den am Chiemsee Erholungsuchenden haben freigemachte Sichtschneisen neue Perspektiven erschlossen. Vielerorts merkt und liest man: »Am Bayerischen Meer« tut sich was! Der See hat derzeit eine starke Lobby, die es als ihre Aufgabe ansieht, die Ergebnisse der umfangreichen Untersuchungen möglichst sinnvoll in die Tat umzusetzen. Weil dies von Öffentlichem Interesse ist und vor allem die Chiemgauer davon betroffen sind, soll versucht werden, den Lesern der »Chiemgau-Blätter« diese spezielle Problematik in allgemein verständlicher Weise darzustellen. Ehe das Gegenwartsgeschehen und das »Vergehen« geschildert wird, gilt zunächst dem ungleich längeren Zeitraum des »Werdens« das Interesse.

Forschung und Vermessung

Seit dem Mittelalter und bis zur Aufklärung besaß die Kirche und die zahlreichen Klöster einen erheblichen Einfluß auf das Zeitgeschehen. Im Spätmittelalter hatte das Stift Frauenchiemsee am Seeausgang ein »Wuhr« errichtet, um dadurch ein Abwandern der Fische in die Alz zu verhindern. Herzog Heinrich ließ es zwar 1448 beseitigen, was zur ersten bekannten künstlichen Wasserspiegel-Absenkung geführt hat. Es muß aber später wiedererrichtet worden sein, weil 1765 der kurfürstliche Hoffischmeister angewiesen wurde, das »Wuhr« in Seebruck mit Fichtenzweigen auszubessern, »um den See in seiner Ordnung zu halten und ein zu starkes Ablaufen zu verhüten«.

Kurfürst Maximilian III. Josef gründete 1751 das »Obrist-Münzmeisteramt und Oberbergwerksdirektion« und bestellte als deren ersten Direktor Graf Sigmund von und zu Haimhausen. Wegen eines Streites mit dem Benediktinerkloster Bendiktbeuern bezüglich dessen Kohlegewinnung ließ dieser durch Johann Georg Lori (1723 bis 1787) die Rechtsverhältnisse klären. Durch die 1759 von Lori erfolgte Gründung der Bayer. Akademie der Wissenschaften sollte die Wissenschaft der Bevormundung der Kirche entzogen werden. Infolge der 1769 erfundenen Dampfmaschine wurde die Suche nach Kohle intensiviert, weshalb Haimhausen Mathias von Flurl (1756 bis 1823) beauftragte die bergbaulichen und geologischen Gegebenheiten Bayerns zu erkunden. Das von diesem 1792 publizierte Ergebnis machte ihn zum »Bayerns ersten Geologen«. Mit welchen Schwierigkeiten Wissenschaftler am Ende des 18. Jahrhunderts zu kämpfen hatten verdeutlicht die Begründung des Bayer. Landtages zum Verbot der 1787 neuen Landkarte, die Adrian von Riedl (1748 bis 1809) bearbeitet hatte: »Weil eine so vollständige Kenntnis des Landes bei feindlichen Überzügen von der größten Gefahr wäre«.

Wen wundert’s, daß unter diesen Gegebenheiten die Seekunde erst am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzt. Das grundlegende Werk Alois Geistbecks »Die Seen der deutschen Alpen« hat 1885 alle größeren oberbayerischen und Tiroler Seen der Dunkelheit entrissen – mit Ausnahme des Chiemsees. Er spielte schon damals eine Sonderrolle. Um dessen physikalischer und geologischer Erforschung hat sich Geistbecks Freund Emmeran Bayberger verdient gemacht. In dessen 1890 in Leipzig eingereichten Dissertation sind erstmals Tiefenlinien (Isobathen) enthalten, die er auf der Grundlage von 662 Lotungen konstruiert hatte. Die Maximaltiefe hat er mit 74 Meter festgestellt. Die begrenzte Lebensdauer infolge Feststoffeintrag der Zuflüsse hat er mit ungefähr 14 000 Jahren prognostiziert. Der Traunsteiner Realschullehrer Dr. Anton Endrös hat 1904 mit 76 Lotungen Abweichungen gegenüber der Bayberg’schen Seekarte festgestellt und zu einer Neuauslotung geraten, die Adolf Reisinger 1928/29 auf besondere Weise durchführte. Das Problem der Lagebestimmung sich bewegender Ziele, das allen bis dahin erfolgten Messungen anhaftete, hat dieser durch einen besonderen Trick gelöst: Er hat gewartet bis der See zugefroren war und seine 1018 Lotpunkte im Weitsee dadurch zu statischen Zielen gemacht, wodurch sich die wahre Beschaffenheit des Seegrundes erstmals größtenteils entschleierte.

Durch Dr. Franz Zorell’s 1952/53 erfolgten 5009 Lotungen wurde die Struktur des Bodenreliefs weiter ergänzt und das Ergebnis 1958 durch dessen Schüler Friedrich Wilhelm in einer neuen Isohypsenkarte im Maßstab 1:25 000 veröffentlicht. Sie zeigt das lebhafteste Bodenrelief aller Zungenbeckenseen und ist bis dato die einzige Themenkarte, die vor allem als Seglerkarte beliebt ist. Dem 1992 vom Haus der Bayer. Geschichte herausgegebenen Flurnamenbuch der Gemeinde Chiemsee liegt sie ebenfalls zugrunde.

Die Entwicklung neuer Technologien und die dadurch mögliche rationellere Seevermessung waren Voraussetzung, ein »Verzeichnis der Seen in Bayern« zu erstellen, kurz »Seekataster« genannt. In ihm sind alle Seen erfaßt, deren Fläche größer als drei Hektar ist. Bei der 1972 vom Bayer. Landesamt für Wasserwirtschaft (LfW) begonnenen Bearbeitung konnten folgende Geräte im Verbund eingesetzt werden: Ein Motorboot mit Echograph zur kontinuierlichen Aufzeichnung von Tiefenprofilen und einer Meßlatte zur Entfernungsmessung, am Ufer ein Doppelbildtachymeter-Theodolit (Embacher-Tachygraph) und ein Funksprechgerät zur akustischen Verständigung. Diese Ausrüstung brachte zwar im Vergleich zu allen bis dahin verwendeten Methoden eine wesentliche Verbesserung, durch die auf circa 1,5 km begrenzte Entfernungsmessung und der Erfordernis eines ruhenden Zieles war dieses Meßverfahren jedoch nur für kleinere Seen und Erfassung von Profilen geeignet. Erst die epochale Entwicklung der Entfernungsmessung mittels Laser, die erstmals 1972 bei den Olympischen Spielen in München demonstriert worden war, brachte den entscheidenden Fortschritt. Dadurch war es möglich auch ein fahrendes Ziel, das Motorboot, mit hinreichender Genauigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt koordinatenmäßig zu erfassen. Die vom elektronischen Theodoliten am Ufer ausgesandten Laserstrahlen werden dabei von am Motorboot befindlichen Glasprismen reflektiert und aus deren Laufzeit die Entfernung berechnet. Der Meßbereich ist lediglich begrenzt durch die Sichtverhältnisse (Refraktion) und die Erdkrümmung. Der Auswahl der Theodolit-Standpunkte am Ufer kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, weil einerseits von ihnen aus ein möglichst großer Seebereich zu überblicken sein muß, andererseits ihre koordinatenmäßige Lagebestimmung mit minimalem Aufwand zu ermöglichen ist. Am Chiemsee erfolgte dies 1982 durch Rückwärtseinschnitt und allenfalls notwendigen Polygonzügen. Die zwischenzeitlich möglich gewordene Positionsbestimmung mittels Satelliten, das »Global Positioning System« (GPS) war erst in den 90er Jahren entwickelt worden.

Das 500 km umfassende Echogramm des Chiemsees mit seinen 6000 koordinierten Meßpunkten mußte seinerzeit noch ohne elektronischer Datenverarbeitung ausgewertet werden. Die widerspruchslose Konstruktion der Isohypsen – erstmals mit Meter-Genauigkeit – war eine besonders zeitraubende Sisyphusarbeit. Das Ergebnis lag schließlich 1987 als Ergänzung zum 1982 veröffentlichten Seekataster vor. Es hat die Wilhelm-Karte von 1958 im wesentlichen bestätigt. Durch die Meter-Isohypsen-Genauigkeit kamen viele Details erstmals zum Vorschein. Für den seinerzeit geplanten Ringkanal mit seinen seeverlegten Leitungen war die detailierte Wiedergabe des Seebodenreliefs eine wichtige Voraussetzung. Die neue Isohypsenkarte, ebenfalls im Maßstab 1:25000, war für den Fachmann eine Faszination. Für »Otto-Normalverbraucher« ist das zweidimensionale Bild jedoch schwer verständlich, weshalb sich der Autor, der bei der Vermessung mitgewirkt hatte, entschloß, es in die dritte Dimension umzusetzen, ein Modell davon zu bauen. Als Längen-Maßstab wurde 1:10000 gewählt, als Höhen-Maßstab 1:500, also 20fach überhöht, wodurch die Seebodenstruktur eindrucksvoll zum Ausdruck kommt. Wegen der vorauszusehenden häufigen Transporte ist als Aufbaumaterial das leichte Styropor gewählt und mit einer dünnen Gipsschicht überzogen worden. Als Orientierungshilfen dienen die aus Lindenholz gefertigten Kirchtürme. Das Wasserwirtschaftsamt (WWA) Traunstein hat dem Modell einige Schautafeln beigestellt und damit auf aktuelle Gegenwartsprobleme aufmerksam gemacht. Seit der im Oktober 1988 erfolgten ersten Präsentation der »Chiemsee-Ausstellung« im Casino des Traunsteiner Landratsamtes hat die Wanderausstellung über 40 Stationen durchlaufen und allseits großes Interesse gefunden, nicht zuletzt deswegen, weil im Bodenrelief die Entstehungsgeschichte des Sees förmlich abzulesen ist.

Die Entstehung des Chiemsee-Geotops

Der langwierige Prozeß der Alpenauffaltung war vor rund 30 Millionen Jahren im wesentlichen abgeschlossen. Der durch die folgende Abtragung entstandene Schutt, hauptsächlich Geröll, Sand und Ton wurde nördlich davon in einer vom Meer erfüllten Vortiefe abgelagert, für die seit Ende des 18. Jahrhunderts sich die Bezeichnung »Molasse« im Schrifttum eingebürgert hat. Die Oberfläche dieser Molasse ist geprägt von Plateaus mit darin eingeschnittenen Ur-Flußtälern. Das Oberflächen-Niveau liegt generell rund 100 Meter unter dem heutigen Niveau. Ihre tiefsten Rinnen liegen noch über 50 Meter unter dem heutigen Seeboden. Das Wasser der Tiroler Achen war daran noch nicht beteiligt, denn die Entenlochklamm existierte seinerzeit noch nicht. Das von Süden anströmende Wasser der Großache ist im Kössener Becken nach Westen über die Walchsee-Schwelle zum Inn nach Oberaudorf abgeflossen. Als vor rund 2,5 Millionen Jahren sich das bis dahin tropische Klima weltweit verschlechterte, führte das zur großflächigen Vergletscherung der Alpen. Dieses »Eisphänomen« der Alpen wurde erst nach 1800 entdeckt! Die von Hauptmann Stark 1873 erschienene Publikation »Die bayer. Seen und die alten Moränen« haben die Münchner Universität veranlaßt, einen Preis zu bieten für die treffendste Erklärung der Glazialerscheinungen. Preisträger war der österreichische Alpenforscher Alfred Penck mit seiner 1882 erschienenen bahnbrechenden Arbeit »Die Vergletscherung der deutschen Alpen«. Er erkannte den phasenhaften Verlauf der Eiszeit, nachdem es für unser Interessengebiet vor rund 500 000 Jahren spannend zu werden beginnt. Während der sogenannten Mindel-Eiszeit erreichte der Eisstand in unserer Region seinen Höchststand und seine größte Ausdehnung. Ein mächtiger Eisstrom bewegte sich von Süd nach Nord über das Alpenvorland hinweg und reichte bis in die Donauniederungen. Spuren dieser frühesten Vereisung finden sich vor allem in den tiefen Bereichen des Trauntales, weil dort Reste späterer Eiszeiten weniger stark ausgeprägt sind. Die Ur-Traun ist nördlich von Siegsdorf dem damaligen Hauptgefälle der tertiären Oberfläche nach Nordwesten (302 Altgrad) gefolgt, was sich noch bis heute im Grundwasser bemerkbar macht.

Mehr Spuren hat die Riß-Eiszeit hinterlassen, die vor 290 000 bis 120 000 Jahren stattgefunden hat. Ihre Gletscher haben kantige Formen weiter abgerundet und oft so verformt, daß man daraus Rückschlüsse auf die Bewegungsrichtung des Eises ziehen kann. Durch die Barrieren wurde der Eisstrom abgelenkt und zu seitlichem Fließen gezwungen, wodurch sich Zweig- oder Zungenbecken bildeten, wie das Bergener Becken.

Der Zeitraum der folgenden Würm-Eiszeit wird mit 80 000 bis 13 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung angesetzt. Weil sie die letzte ist, sind ihre Spuren naturgemäß am besten erhalten. Wie die gesamte Eiszeit ist auch die Würm-Eiszeit in verschiedenen Phasen abgelaufen. Das wesentliche Kriterium des Tiroler Achen- oder Chiemseegletscher ist der amphiteaterartige Kranz seiner Endmoränen, der im nordöstlichen Bereich zwischen der Alz und Traunstein noch am besten erhalten ist. Der nordwestliche Teil ist durch den dort später wirksam gewordenen Inngletscher beeinträchtigt. Die verschiedenen Moränenwälle werden in der Fachliteratur nach Orten im Inngletscher-Bereich benannt, weil sie dort am stärksten ausgebildet sind. Die auf den Chiemsee-Eisfächer bezogenen Ortsbezeichnungen werden zunächst in Klammern gesetzt. Für das spezielle Chiemsee-Geotop wird ihnen dann allein der Vorzug gegeben. Von außen nach innen werden folgende drei Stadien unterschieden, wobei ersteres als das älteste gilt: Kirchseeoner (Seeoner), Ebersberger (Truchtlachinger) und Ölkofener (Seebrucker) Stadium. Mit dem Seeoner Stadium beginnt vor circa 25 000 Jahren der – für uns erdgeschichtliche Eintagsfliegen – lange Geburtsvorgang des Chiemsee-Geotops. Ihr äußerster Endmoränenwall, quasi der oberste Rang des Chiemsee-Amphitheaters, ist noch heute im Gelände nördlich des Seeoner Klostersees vom Weinberg nach Osten hin zum Steilhang von Höllthal unschwer zu verfolgen. Östlich der Alz setzt sich diese Endmoräne fort über Niesgau-Perading-Haßmoning-Neudorf zum Westufer der Traun bis an den Fuß des Hochberges bei Traunstein. Trotz späterer Erosionen markieren Wartberghöhe, Guntramshügel und Schnepfenluck noch heute einprägsam die östliche Begrenzung dieses ältesten würmeiszeitlichen Endmoränenwalls.

Da sich im späteren Durchbruchsbereich der Alz derzeit die Höhen dieser Moräne zwischen 551 und 575 Meter bewegen, kann angenommen werden, daß der Wasserspiegel dieses ersten Stausees bei cirka 560 Meter über Normal Null (NN) gelegen sein wird, also gut 40 Meter über dem jetzigen Seespiegel.

Die Spuren des vor rund 18 000 Jahren einsetzenden Truchtlachinger Stadiums sind deutlich nordwestlich von Truchtlaching nach Döging - Point - Bauschberg bei Ischl - Roitham bis Pavolding zu verfolgen. Südöstlich von Truchtlaching verläuft diese Endmoräne über Ebering - Knesing (Kieswerk) - Hart - Siedenberg - Sondermoning - Schmidham - Wolkersdorf zum Fernsehturm auf der Einhamer Höhe westlich von Traunstein. Der Wasserspiegel dieses zweiten Stausees dürfte immer noch cirka 30 Meter über dem gegenwärtigen Stand gelegen haben, weil dieser Höhenzug im Alz-Durchbruchsbereich noch heute über 550 Meter über NN liegt. Der ausgeprägte Flußmäander der Alz hat sich kontinuierlich von Norden nach Süden entwickelt.

Die Spuren des vor 17 000 Jahren einsetzenden letzten würmeiszeitlichen Seebrucker Stadiums sind weniger deutlich ausgeprägt als die vorherigen und sind im unmittelbaren Seeumkreis zu finden. Ihr markantester Höhenzug verläuft im Osten von Ising zum Höhenberg bei Oberhochstätt bis hin zum Tüttensee. Er ist weiter zu verfolgen als westliche Begrenzung des nach Bad Adelholzen hin verlaufenden Erlstätter Trockentales. Das in diesem ehedem abgeflossene Schmelzwasser hat diese jüngste Endmoräne im Chieminger Bereich weitgehend eingeebnet. Das Fehlen dieser Moräne zwischen Graben und Lambach ist auf die Erosion des dort lange nordwärts strömenden Schmelzwassers des Chiemsee-Gletschers zurückzuführen. Allein der Kirchhügel in Seebruck hat dem standgehalten und der Alz ihren Weg gewiesen. Am Westufer ist der Verlauf leicht zu verfolgen von Lambach nach Gollenshausen - Gstadt - Breitbrunn bis Wolfsberg. Als Grenze des Chiemsee-Gletschers und des später von Westen her vordringenden Eises des Inngletschers gilt das Freimoos und der Seeleitensee. Das gesamte Gebiet um Pittenhart mit dem bis auf 655 Meter ansteigenden Scheitzenberg gehören nicht zum Chiemseegletscher-Szenario. Es ist die Mittelmoräne der Mindel- und Rißeiszeit, ebenso das Gebiet um den Obinger See.

Das sich vor 15 000 Jahren zurückzuziehen beginnende Eis hat im Bereich Eggstätt eine Todeislandschaft hinterlassen, deren Reiz schon oftmals beschrieben worden ist und deshalb hier nicht behandelt wird. Hingewiesen sei aber auf den hohen Wasserspiegelstand der Seeoner Seegruppe von heute 533 Meter und deren fehlender Vorfluter. Ihr Wasser versickert im kleinen Eglsee und läuft unterirdisch zur Alz. Der Wasserspiegel der Eggstätter Seengruppe liegt drei Meter tiefer bei 530 Meter über NN. Beide Seengruppen sind Relikte der Frühphasen des Chiemsees.

Das breite Tal der heutigen kleinen Ischler Ache hat ehedem das Wasser der Ur-Prien geformt, als dieses infolge Eishochstandes ihre heutige Schluchtstrecke zwischen Frasdorf und Trautersdorf noch nicht gebildet hatte. Desweiteren diente dieses Tal als Vorflut des sich über die Schwelle zwischen dem Langbürgener See und Mauerkirchen sich in sein Stammbecken zurückziehenden Inngletschers. Für den Chiemsee ist diese Geländeschwelle deshalb bedeutungsvoll, weil sie mit 539 Meter über NN heute noch jene Höhe besitzt, die rund 20 Meter über dem derzeitigen Chiemseespiegel liegt und gemeint ist, wenn vom Ur-Chiemsee gesprochen wird.

Anton Graßler

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 35/2001



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