Jahrgang 2009 Nummer 45

Wer ist der »Mönch von Salzburg«?

Die Frage nach Herkunft und Identität des mittelalterlichen Lyrikers kommt wieder auf

Vielleicht war es nur Zufall, das Zusammentreffen zweier Lese-»Arbeiten«. Die eine fand daheim, in der Nähe von Mühldorf am Inn, die andere, wenige Stunden danach, in Münchens Ludwigstraße 16 statt. Dort steht bekanntlich die Bayerische Staatsbibliothek. Diese startete damals gerade die Ausstellung »Als die Lettern laufen lernten«. In einer der Vitrinen des Fürstensaals: ein famoses Blatt vom Ausmaß 39 mal 28 Zentimeter, ein Einblattdruck. Mit kolorierter Holzschnitt-Initiale, die sich in einem verschnörkelten Ornament vertikal bis etwa zur Hälfte der das ganze Blatt eng bedeckenden Druckzeilen zieht. Sind es wirklich gedruckte und keine handschriftlichen Zeilen? Der Name des Ulmers Johann Zainer d. Ältere zerstreut alle Bedenken: das Blatt ist gedruckt, nicht per Hand geschrieben. Man weiß auch wann: im Frühjahr 1473.

Als Textautor nennt sich hier der »Mönch von Salzburg« selber. Eben der nämliche Dichter und Musiker, über den kurz vor dem Ausstellungsbesuch in München zuhause ein Beitrag von Heinrich Nuber gelesen wurde. Gefunden im Jahrgang 1955 von »Das Mühlrad«, Band V der »Blätter zur Geschichte des Inn- und Isengaues«, die übrigens im Herbst 2009 mit ihrem 51. Band erscheinen. Nuber beschreibt vor gut 50 Jahren »zwei vergessene Dichter aus dem Inn-Isengau«, die er unter den einen Namen »Mönch von Salzburg« subsumiert. Nubers lang und breit geäußerter Meinung nach handelt es sich um Johannes von Rossezz und um Martin Kuchelmeister. Sie sollen sich nach Nuber in der historischen Person des »Mönchs von Salzburg« vereint haben. Diesem wurde lange Zeit – wohl der Einfachheit halber – der Name »Hermann von Salzburg« zugeordnet.

Der »Mühlrad«-Autor, der sich auf eine Breslauer Forschungsarbeit von 1941 stützt, teilt mit: Beide Geistliche stammen aus dem (heutigen) Landkreis Mühldorf am Inn. Johannes’ Heimat sei der Weiler Rossesing (bei Aschau am Inn). Den Herkunftsort des »Leutpriesters« Martin kennt Nuber nicht genau. Johannes war angeblich Abt von St. Peter zu Salzburg, wo er dem Kirchengesang der Nonnen diente. Als Dichter ebenso wie als Komponist mit hohem theologischem Anspruch. Martin hingegen soll volkstümlich gedichtet haben, lehrhaft und zweckdienlich. Nuber beruft sich da auf den bayerischen Kirchengeschichtler Romuald Bauerreiß. Er zitiert ihn: »… wird man am besten nicht mehr von e i n e m Mönch von Salzburg sprechen, sondern von den beiden aus der Mühldorfer Gegend stammenden Dichtern, die uns mit dem Schönsten an mittelhochdeutscher Lyrik beschenkt haben und von deren Liedern noch einige fortleben…«

Die Qualität der Lieder des »Mönchs von Salzburg« leugnet selbst die neueste Forschung nicht; spricht sie doch geradezu hymnisch vom »erfolgreichsten deutschsprachigen Autor des Mittelalters«, wenn es um das Pseudonym des »Mönchs von Salzburg« geht. 49 geistliche und 57 weltliche Lieder schreibt sie ihm (teils als Übersetzung, teils als Eigenleistung) zu, die in mehr als 100 Handschriften in Bibliotheken von Rostock bis Udine lägen. Das noch heute im Alpenland übliche Kindlwiegelied »Josef, lieber Josef mein« soll vom Salzburger Mönch stammen. Dass dieser zum Kreis der Höflinge des Salzburger Erzbischofs Pilgrim II. von Puchheim (gestorben 1396) gehörte, der wiederum beim Schisma von Avignon zwischen dem Prager König Wenzel und dem Gegenpapst vermittelte, selbst auch lyrisch tätig war, sei, so Franz Viktor Spechtler vom Germanistischen Institut der Universität Salzburg, nachweisbar.

Nicht aber auch die Herkunft des »Mönchs« aus dem Mühldorfer Umland. Alle neuen Autoren geben zu bedenken: Weder Identität noch Herkunft des »Mönchs von Salzburg« sind gesichert. Keiner von ihnen lässt sich allerdings davon abbringen, dem bedeutenden mittelalterlichen Lyriker große Anregungskraft – etwa für einen Oswald von Wolkenstein – zuzuschreiben. Der Schluss liegt nahe: Der bisher noch immer unbekannte »Mönch von Salzburg« war der größte Salzburger Komponist vor Mozart.

Kurz noch einmal zurück in die Bayerische Staatsbibliothek. Das auffällige Blatt des »Mönchs von Salzburg« wird von den Experten im Katalog als »außerordentlich« eingestuft. Des Dichters langer, mit Buchstabenspielen gespickter Hymnus auf Maria – die Gottesmutter ist in der Initiale im Strahlenkranz mit dem Kind auf dem Arm und, unten, mit der tiburtinischen Sibylle, dargestellt, jener Zauberin, die Kaiser Augustus einst Jesu Geburt prophezeite – ist am Abc orientiert: »Ave Balsams Creatur« (Sei gegrüßt, balsamisches Geschöpf) ist die erste, »Vnd Wend Xpo Ymer Zoren« (… und wende ab stets Christi Zorn) die letzte Zeile. »Optime composita« – so heißt es am Anfang, der auch den Autor »deß mönichs von saltzburg« nennt. Man nimmt an, dass der Ulmer Stadtarzt und Humanist Heinrich Steinhöwel dem Inhaber der Drucker-Offizin die Publikation des »extravaganten« Textes empfahl.

Man nimmt an. Also auch in dieser Hinsicht: »Nix G’wiss’ woaß ma net« – wie so oft in der Geschichte, in deren Dunkel manches abtaucht, was wir so gerne gerettet und festgemacht sähen. Und wenn es »nur« die Herkunft und Identität des »erfolgreichsten deutschsprachigen Autors des Mittelalters« wäre.

Hans Gärtner



45/2009