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Jahrgang 2015 Nummer 49

Wenn es dunkel wird, beginnt das große Warten

Erinnerungen an den Nikolaus über drei Generationen hinweg

Der schönste und einprägsamste Nikolausabend vor vielen Jahren in meiner frühen Kindheit, liegt fast siebzig Jahre zurück. Es ist das letzte Kriegsjahr gewesen, als es damals an diesem fünften Dezember gar nicht Tag werden wollte. Doch schon am frühen Vormittag erkannte ich von weiten Muschi, meine Freundin, die über die »Leit'n« zu uns heraufwatete. Das hatte auch seinen Grund, denn am Tag zuvor hatte ich ihr, als sie traurig zu mir sagte, dass der Nikolaus dieses Jahr nicht zu ihnen kommen würde, zugesichert: »Nachat kimmst morg'n zu uns«.

Am Abend kurz vor dem Bettgehen rückte ich beherzt mit meiner Frage heraus: »Großvater, d' Muschi möcht' morg'n so gern bei uns dableiben, bis da Nikolaus kimmt«. Da legte er seinen Arm um meine kleine Schulter und meinte nur schmunzelnd, das wüsste er schon lange. Ich schaute ihn verwundert an und dachte mir dann, dass der Großvater ja eigentlich fast immer alles wusste.

So nahm ich also Muschi mit in die Küche hinein, wo die Großmutter schon mit dem Kochen angefangen hatte. Beim Mittagessen meinte Tante Marie, dass der Nikolaus bestimmt auch den Krampus dabei hat. Solches Reden konnte uns aber nicht daran hindern, noch ein bisschen Schlitten zu fahren.

Doch oben auf der Einfahrt zum Heuboden angekommen, behauptete Muschi, sie habe gerade trotz des Schneetreibens gesehen, wie zwei große Gestalten vom Holz heraus gekommen sind. Also blieben wir lieber drinnen in der Stube, denn bald wurde es ja auch schon wieder finster draußen.

Sieben Uhr ist's geworden, als wir alle zusammen in der bacherlwarmen Stube beisammengesessen sind. Da wurde die Stille draußen plötzlich durch ein lautes Scheppern von schweren Ketten, das zuerst am Fenster und gleich darauf an der Haustür zu hören war, unterbrochen. Muschi und ich rückten eng zusammen, der Großvater aber stand auf, ging hinaus in den Hausgang und schob den schweren Riegel an der Haustüre zurück.

Kurz darauf hörten wir schon schwere Schritte, die schnell näher kamen, als auch schon der heilige Nikolaus in die Stube hereinstapfte. Hinter ihm folgte der Krampus, in der Hand eine lange Rute, auf dem Buckel einen riesigen Sack.

»Grüß Gott beisammen«, sagte der Nikolaus mit seiner tiefen Stimme, schaute in die Runde, um seinen Blick schließlich auf Muschi und mich zu richten.

»Grüß Gott Herr Nikolaus«, sagten alle und als der Großvater uns zunickte, machten wir ein paar Schritte hin zum Nikolaus, gaben ihm die Hand und sagten: »Grüß Gott heiliger Nikolaus«.

Daraufhin sagte dieser mit seiner tiefen Stimme freundlich zu uns: »Oiso', ihr zwoa seid's d' Lisbeth und d' Muschi und guade Freindinnen, des hör i gern und streit'n deat's a ganz selten, stimmt das a?« Beide nickten wir ganz fest. »Recht so«, meinte der Nikolaus: »Und könnt's auch was beten?«

Da haben wir beherzt zu beten angefangen: »Jesukindlein komm zu mir, mach ein frommes Kind aus mir«. Jetzt wusste Muschi nicht mehr weiter, doch ich betete zitternd zu Ende: »Mein Herz ist klein, kann niemand hinein, als du mein liebes Jesulein«. Der Nikolaus schmunzelte und meinte zu uns: »Das habt ihr schön gebetet«, er drehte sich zum Krampus um und gemahnte ihn, Ruhe zu geben. Er nahm ihm das Säcklein ab und schüttete den Inhalt auf den Stubenboden. Wir staunten nicht wenig, was da alles herauspurzelte, Äpfel, Nüsse, gedörrte Zwetschgen, Lebkuchen, ja sogar ein kleines Malbuch mit fünf Malstiften waren in dem Säckchen noch versteckt.

Es waren über zwanzig Jahre vergangen, als es abermals einen recht aufregenden, ja unvergesslichen Nikolausabend für alle Beteiligten gab. An jenem Tag sollte, wie jedes Jahr, der Nikolaus auf unseren abgelegenen Hof kommen. In diesem Jahr hatte es schon seit Tagen ununterbrochen geschneit, sodass kaum mehr ein Durchkommen war. Deshalb waren mein Mann und ich uns nicht mehr so sicher, ob das heute Abend mit dem Nikolaus schon etwas werden wird. Mit zwei Burschen aus der Nachbarschaft war der Besuch desselben zwar fest ausgemacht, aber würden die zwei bei diesen Schneewehen auch die steile Anhöhe bis zu uns heraufkommen? Mit ihrem 19er Bulldog, so meinten sie, wäre der schmale, zugeschneite Weg für sie kein Hindernis. So warteten wir also auf den Nikolaus, ob er kommen würde.

Inzwischen war es schon sieben Uhr geworden, die Stallarbeit getan, also setzte ich mich zu den drei Kindern in die Stube. Jetzt müssten die Beiden aber endlich kommen, dachte ich bei mir, flüsterte unserer Ältesten zu, auf die zwei aufzupassen und ging hinaus in das Schneegestöber. Den Mantelkragen dicht geschlossen und die Haube tief im Gesicht, so wateten mein Mann und ich, etwa hundert Meter in Richtung Schulweg. Da war es mir, als hörte ich irgendwo im Dunkeln Stimmen, vorsichtig stapften wir weiter, als wir ein fahles Licht sahen, das ganz langsam näher kam. Jetzt konnten wir auch die zwei komischen Gestalten erkennen, die die Anhöhe heraufwateten. Der Nikolaus und der Krampus sind es gewesen, die über und über voller Schnee, vor uns auftauchten. Jetzt zog der »Nikolaus« etwas aus seinem großen Mantelsack heraus, es war seine ehemals so schöne, rote Bischofsmütze, die wir nun mitsammen wieder ein bisschen »herrichteten«. Sein langer Stab sei ihm abgebrochen, wie er von dem im Schnee steckengebliebenen Bulldog herunter gesprungen sei. Dem Krampus hingegen war nicht viel »passiert«, nur schaute dieser nun noch ein bisserl mehr zum Fürchten aus.

Jetzt aber, drängte ich, geht’s schnell eini ins Haus. Gleich darauf polterten die beiden Gesellen auch schon in die Stube hinein, wo der Krampus seine vom Schnee tropfende Rute schwenkte. Die drei Kinder waren angesichts dessen, dass der Nikolaus so wie er gerade vor ihnen stand, von weit her aus dem Wald gekommen sein musste, voll tiefen Respekt. Während dieser nun seine Gaben austeilte, erzählte er mit brummender Stimme, wie sie mit dem Schlitten tief im Wald drinnen stecken geblieben seien, aber nun doch noch zu uns gekommen seien. Daraufhin ist der Respekt vor dem Nikolaus bei unseren Kindern immer größer geworden und lange noch haben sie von diesem Nikolausabend erzählt.

Und wiederum waren zwei Jahrzehnte vergangen, als damals der Michl und s' Monerl bei den Großeltern »Übernacht bleiben« durften, weil ja heut, wenn's finster wird, der Nikolaus kommt. Es ist noch genau derselbe abgelegene Hof, wie damals vor über zwanzig Jahren, nur der Schnee ist an diesem Nikolaustag nicht mehr ganz so hoch gewesen. Deshalb erzählt die Großmutter am Nachmittag ihren beiden Enkeln wie's damals bei ihren Großeltern gewesen ist.

Vor dem Finsterwerden dürfen der Michl und s' Monerl noch mit dem Großvater zur Futterkrippe gehen. Am Waldrand stehen schon zwei Rehe und warten, bis diese wieder mit Grummet vollgefüllt ist.

Der Michl mit seinen acht Jahren drängt zum Heimgehen, er habe beim Wald neben den Rehen, auch den Nikolaus gesehen. Er ist als erster wieder drinnen bei der Großmutter gewesen, die dem Buben noch erzählt hat, wie der Nikolaus einmal im Schnee steckengeblieben ist. An diesem Abend aber ist er rechtzeitig gekommen und auch den Krampus hat er dabeigehabt.

Wer wohl an diesem Nikolausabend in der heimeligen Stube neben dem bacherlwarmen Kachelofen zufriedener, ja glücklicher gewesen ist? Ich selbst war es jedenfalls, genauso wie einstmals, vor vielen, vielen Jahren mit Muschi bei den Großeltern daheim.


Elisabeth Mader

 

49/2015