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Jahrgang 2004 Nummer 42

Wenn ein Wurm am Zahn nagt

Zahnpflege und Zahnheilkunde im Wandel der Zeit

Beim Zahnarzt, Zeichnung von L. Bailly

Beim Zahnarzt, Zeichnung von L. Bailly
Eine Auswahl verschiedener Zangen zur Entfernung kranker Zähne.

Eine Auswahl verschiedener Zangen zur Entfernung kranker Zähne.
Pelikan ist nicht nur der Name für einen Vogel, sondern auch für ein altes Instrument zur Zahnextraktion, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Pelikanschnabel hat. Es besteht aus einem zweiarmigen Hebel, dessen kurzes Ende am Rand des Kiefers aufgesetzt wird, während man den längeren, bogenförmigen Teil hinter dem zu entfernenden Zahn anlegt, um ihn mit hebelnden Bewegungen allmählich zu lockern und schließlich zu entfernen.

Mehrere dieser an Schlosserwerkzeuge erinnernden Zahnreißinstrumente sind im Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt bis Ende Oktober bei der Ausstellung »Zahn der Zeit – die Geschichte der Zahnheilkunde« zu bestaunen. Die meisten Objekte stammen aus einer Privatsammlung mit den Schwerpunkten Zahnhygiene, Zahnersatz, Zahnreißen sowie Karikaturen aus den letzten dreihundert Jahren, die als erheiternder Ausgleich ein Spiegelbild der Plagen vom Zahnschmerz heimgesuchter Menschen sind.

»Unter allen Schmerzen, die dem Menschen zusetzen können, martert ihn keiner schlimmer, als das Zahnweh«, schrieb Ambroise Paré, der berühmte Pariser Wundarzt um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Zahnweh hatten in der Regel die Bader zu kurieren, oder sogar herumwandernde »Zahnbrecher«, die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen. Unter ihnen gab es manchen rohen Gesellen, der mit seiner groben Hand zuweilen die Zähne, die er ausziehen sollte, zerbrach und dabei die Kinnlade beschädigte.

Nicht immer riss der Bader einen schmerzenden Zahn heraus. Manchmal versuchte er auch, einen sichtbaren Herd der Zahnfäule mit dem Brenneisen anzugehen oder, wenn ein Loch vorhanden war, mit einer glühenden Sonde in die Höhle zu fahren, um den Nerv zu töten. Anschließend wurde der Zahn mit dem gestoßenen Samen von Bilsenkraut gefüllt oder mit Vitriol (Schwefelsäure) ausgegossen. Bis ins 18. Jahrhundert hielt sich die Ansicht, in den Löchern der Zähne nisteten lebende Würmer, die man mit Tabakrauch betäuben könne. Die Vorstellung vom Zahnwurm taucht bereits in assyrischen Keilschrifttexten auf. Sie berichten, der Gott Anu habe diesen Plagegeist erschaffen, von seinem Kompagnon Ea wurde er den Menschen zur Strafe für ihre Bosheit eingesetzt. Nur die Priester seien in der Lage, den Wurm zu töten, und zwar durch magische Beschwörungen, verbunden mit dem Auflegen heilsamer Kräuter. Nach der erfolgreichen Behandlung wird der erleichterte Patient gerne bereit gewesen sein, einen Obolus für die Tempelkasse zu spenden.

Wahre Pioniere der zahnärztlichen Prothetik waren die Etrusker. Neben Kunstzähnen aus Elfenbein entwickelten sie die nach ihnen benannten Etruskerbrücken; in die Zahnlücke eingefügte Zähne wurden nicht auf den Kieferkamm gesetzt, sondern durch eine Goldbandkonstruktion unter Schonung des Zahnfleisches starr mit den stützenden Nachbarzähnen verbunden.

An diese alte Tradition knüpfte Jahrhunderte später der arabische Arzt Abud Kasim (Abulasis) an und beschrieb die Stabilisierung wackliger Zähne mit Gold- oder Silberbändchen; fehlende Zähne sollte man nach seiner Empfehlung durch zurecht geschnitzte Tierknöchelchen ersetzen und mit Draht verankern.

Bei aller Bemühung um die Verbesserung zahntechnischer Maßnahmen bildete eine gute Zahnpflege das Kernstück aller ärztlichen Bemühungen. Zur Vorbeugung vor Karies benutzte man Einreibungen mit Kümmel, Weihrauch, Grünspan und Bleierde, aber auch Weinessig, Knoblauch, Zimt, Alaun, Kamille, Honig und Myrrhe. Die Benutzung eines Zahnstochers gehörte zu allen Zeiten zum Standardprogramm der Mundpflege. Der Prophet Mohammed soll noch auf dem Totenbett nach einem Zahnstocher verlangt haben, damit er mit reinem Gebiss den Weg ins Paradies antreten könne.

Mit dem Beginn der Neuzeit wird in den ärztlichen Handbüchern dem Zahnarzt ein einfühlsamer Umgang mit dem Zahnkranken ans Herz gelegt. »Jeder vernünftige und gesittete Medicus achte darauf, durch freundliches Zureden und sanftes Verhalten das Gemüt des Patienten aufzurichten, anstatt ihn durch Roheit zu beunruhigen, mahnt der Mediziner Philipp Pfaff in seiner »Abhandlung von den Zähnen« im Jahre 1756. Eine Empfehlung, der sich jeder vom Zahnwurm gepeinigte Zeitgenosse auch heute von ganzem Herzen anschließen wird.

JB



42/2004