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Jahrgang 2020 Nummer 39

Weltbürger wider Willen

Zum 50. Todestag von Erich Maria Remarque

Portrait in den 30er Jahren. (Repros: Marietta Heel)
Sein erster und berühmtester Roman.

Ein einziges Buch machte den Schriftsteller Erich Maria Remarque schlagartig weltberühmt: Mit seinem 1929 erschienenen Roman »Im Westen nichts Neues« traf er den Nerv einer Generation, die vom Krieg um ihre Jugend gebracht worden war. Tragischer Held (und Ich-Erzähler) des Romans ist der junge Paul Bäumer, der sich wie viele seiner Schulkameraden von der Schulbank weg für den Fronteinsatz meldet. In den Schützengräben an der Westfront erleben Bäumer und seine Freunde dann hautnah den Schrecken des Krieges, die Trommelfeuer der Materialschlachten, die selbstmörderischen Infanterieattacken auf die gegnerischen Stellungen, die heimtückischen Gasangriffe. Allein die Kameradschaft hält die jungen Soldaten aufrecht, die einer nach dem anderen im Dreck krepieren. Bäumer fällt als letzter seiner Schulkameraden. Er stirbt im Oktober 1918 an einem Tag, »der so ruhig und still war an der ganzen Front, dass sich der Heeresbericht darauf beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden«.

Als Erich Paul Remark, Sohn eines Buchbinders, wird er am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Aufgewachsen mit zwei jüngeren Schwestern, besucht er nach der Volksschule ein katholisches Lehrerseminar, und wird im November 1916 zum Heer eingezogen. Schon nach wenigen Wochen an der Westfront von Granatsplittern an Arm und Bein, sowie eines Halsschusses schwer verletzt, muss er für lange Zeit in ein Lazarett. Wo man erst den wahren Schrecken des Krieges kennenlernte, wie er später sagt. Ende Oktober 1918 wird er entlassen, doch das baldige Kriegsende am 11. November 1918 verhindert einen weiteren Fronteinsatz. So kehrt er nach Osnabrück zurück, schließt seine Lehrer-Ausbildung ab und unterrichtet an verschiedenen Volksschulen. Aber der Beruf ist nicht das Richtige für ihn. Er quittiert den Schuldienst und hält sich mit diversen Jobs über Wasser, schreibt Gedichte und Kurzgeschichten und veröffentlicht Theater- und Konzertkritiken in der »Osnabrücker Tages-Zeitung«. Während dieser Zeit nimmt er auch den Künstlernamen Erich Maria Remarque an. Zum einen in Anlehnung an den von ihm verehrten Dichter Rainer Maria Rilke, zum anderen, um die Herkunft seiner Familie aus Frankreich zu betonen.

Sein Debüt als Schriftsteller gibt Remarque 1920 mit dem Künstlerroman »Die Traumbude«; der Erfolg bleibt jedoch aus. 1922 zieht er nach Hannover, arbeitet dort unter anderem als Werbetexter und beginnt, durch halb Europa zu reisen. 1925 zieht es ihn in die Hauptstadt Berlin, wo er sein Geld als Redakteur der Zeitschrift »Sport im Bild« verdient. Kurz darauf heiratet er die Tänzerin Ilse Zambona zum ersten Mal. Ein zweites Mal wird folgen. Nach Büroschluss schreibt er an seinem zweiten Roman, in dem er seine Erlebnisse als Soldat im Ersten Weltkrieg verarbeitet: »Im Westen nichts Neues«. Angeblich in nur sechs Wochen, was aber nicht stimmen dürfte. 1928 bietet er das Werk zunächst dem S. Fischer Verlag an. Der hält das Thema für nicht mehr aktuell und lehnt ab. Ein glücklicheres Händchen beweist der Ullstein-Konzern. Er nimmt Werk und Autor unter Vertrag, und der Roman erscheint als Vorabdruck in der »Vossischen Zeitung«, die dem Ullstein-Verlag gehört. Anfang 1929 erscheint er in Buchform, und wird zum bis dahin größten Erfolg in der deutschen Literaturgeschichte. Schon im ersten Jahr wird der Roman in 26 Sprachen übersetzt, im Sommer 1930 sind bereits eine Million Exemplare in Deutschland verkauft. 1931 veröffentlicht Remarque den Folgeband »Der Weg zurück«, in dem er das Ringen der Kriegsheimkehrer um eine neue Existenz schildert.

Während Remarque im Ausland sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird, ist er im zunehmend nationalsozialistischen Deutschland starken Anfeindungen ausgesetzt. So versuchen die Nazis 1930 mit allen Mitteln, die Aufführung der amerikanischen Verfilmung seines Buches »All Quiet on the Western Front« zu verhindern. Joseph Goebbels organisiert Krawalle bei den Filmvorführungen und erzwingt nach wochenlangen Auseinandersetzungen ein Aufführungsverbot. Es ist Goebbels erster großer Propagandaerfolg. Nachdem er bereits 1931 eine Villa am Lago Maggiore erworben hat, flieht Remarque Anfang 1933 in die Schweiz. Von seiner Frau vorerst geschieden, trifft er sich hier mit anderen deutschen Emigranten wie Else-Lasker-Schüler, Thomas Mann oder Carl Zuckmayer und arbeitet am dritten Teil seiner Trilogie: »Drei Kameraden«. Im Mai 1933 werden in der Berliner Universität seine Bücher öffentlich verbrannt, 1938 entziehen ihm die Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft. Inzwischen mit seiner ersten Frau zum zweiten Mal verheiratet, siedelt das Ehepaar Remarque zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Vereinigten Staaten über. Hier trifft der Autor viele Verleger und Filmproduzenten, wobei besonders Filmtheater-Besitzer und Produzent Joseph P. Kennedy, Vater des späteren Präsidenten der USA, ihm hilft, sich zu etablieren.

Doch die Nazis haben ihn nicht vergessen: Seine Schwester Elfriede Scholz, die als Schneiderin in Dresden wohnt, wird nach einer Denunziation wegen Äußerungen gegen das NS-Regime, wonach der Krieg schon verloren sei, 1943 vom Präsidenten des »Volksgerichtshofs« Roland Freisler zum Tode verurteilt und durch das Fallbeil hingerichtet. Wobei Freisler im Prozess sagt: »Ihr Bruder ist uns entwischt. Sie werden uns nicht entwischen.« Remarque erfährt vom Tod seiner Schwester erst nach Kriegsende und widmet ihr daraufhin seinen Roman »Der Funke Leben«.

Als Erfolgsautor und attraktiver Mann von Welt hoch angesehen und mit vielen Berühmtheiten bekannt, pflegt Remarque im amerikanischen Exil Beziehungen zu Marlene Dietrich und Greta Garbo, bevor er 1958 schließlich die Schauspielerin und frühere Ehefrau von Charlie Chaplin, Paulette Goddard, heiratet. Mit dem Roman »Arc de Triomphe«, der 1946 zuerst auf Englisch erscheint und Schicksale von Flüchtlingen beschreibt, hat er auch wieder einen Welterfolg. Mit seinen späteren Romanen wie »Zeit zu leben und Zeit zu sterben«, »Der schwarze Obelisk«, »Der Himmel kennt keine Günstlinge« oder »Die Nacht von Lissabon« gelingt ihm das so nicht mehr. Dennoch werden fast alle Werke von ihm verfilmt, und auch mit seinem 1956 erschienenen Schauspiel »Die letzte Station« hat er Erfolg.

Inzwischen viel in der Schweiz lebend, wird Remarque erst in den 60er Jahren endlich auch in Deutschland als der große Schriftsteller anerkannt, als der er im Ausland gilt. 1967 erhält er das Große Bundesverdienstkreuz, ein Jahr später wird er als Mitglied in die »Deutsche Akademie für Sprache und Dichtungen« aufgenommen. Er stirbt am 25. September 1970 nach schwerer Krankheit in einer Klinik in Locarno.

Seit 1991 vergibt die Stadt Osnabrück alle zwei Jahre den mit 25 000 Euro dotierten ErichMaria-Remarque-Friedenspreis. Ausgezeichnet werden belletristische, wissenschaftliche oder juristische Werke, die sich mit dem Thema Frieden auseinandersetzen.

 

Wolfgang Schweiger

 

39/2020