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Jahrgang 2004 Nummer 52

Weihnachtsbaum bleibt Weihnachtsbaum

Der Christbaum, das Herz und die Hoffnung – Kindheitserinnerungen werden wach gerufen

Alle Jahre wieder, um die Weihnachtszeit, ergreift jeden – ob er/sie nun will oder nicht – ein seltsam warmes Gefühl. In dieser Zeit schwelgen alle ein wenig in Kindheitserinnerungen. Das Fernsehen zeigt romantische Weihnachts- und Märchenfilme, der Rundfunk sendet ebenso Weihnachtsgeschichten ... man schaut und hört gerne zu, läßt sich vom hektischen Alltag ablenken.

Woran man aber durch das eine wie das andere ganz besonders erinnert wird, ist das herrliche, glückliches Leuchten in den Augen der Kinder – die Erinnerung an das eigene Erleben in der Kindheit, das sich für viele Eltern nun wieder bei ihren Kindern wiederholt.

Nach wie vor strahlen Kinderaugen am intensivsten nicht beim Anblick des Weihnachtsmanns oder der Geschenke, sondern bei jenem unverzichtbaren Element des Weihnachtsfestes, dessen materieller Wert relativ gering, sein ideeller Wert hingegen umso größter ist: Beim Weihnachtsbaum. Kommerzialisierung hin, Geschenkstress her: nachweisbar ist für die meisten gerade dieses Erlebnis das Eindrucksvollste. Ob in der Gegenwart oder Vergangenheit:

Der Weihnachtsbaum strahlt heute wie gestern jene Atmosphäre aus, die so charakteristisch ist für das Fest des Jahres, das Weihnachtsfest ... und gewiß nicht nur für die Kinder...

Der Tannenbaum, dieses immergrüne Gewächs, verbreitet auch heute noch das Gefühl der Hoffnung, das schon die Menschen der vorchristlichen Zeit im nördlichen Europa für sich entdeckten. Zur Wintersonnenwende, dem Julfest – dem kürzesten Tag im Jahr, eben auch zu dem Datum, um das herum wir heute Weihnachten feiern – wurden die Häuser mit immergrünen Pflanzen geschmückt, um der Hoffnung auf neues Wachstum in der Natur und damit auf neue Nahrung Ausdruck zu geben. Am dunkelsten Tag des Jahres wurden Lichter an den Bäumen angezündet – Zeichen der Hoffnung und Vorfreude auf die hellere Jahreszeit, in der aber sicher auch all die anderen Hoffnungen mitschwangen: Überleben in harten Zeiten, ein besseres, ein friedliches Leben, Freundschaft und Liebe, die (relative) eigene Gesundheit, die Hoffnung auf eine Geburt und auf das Gedeihen des Kindes und so vieles mehr. Als anderer Vorläufer unseres heutigen Weihnachtsbaums wird der Lebensbaum des biblischen Paradieses angesehen – auch er ein Symbol für das Leben.

In einigen Regionen Deutschlands wird der Weihnachtsbaum noch heute als Paradeis bezeichnet. Schon 1554 verewigte Nikolaus Herman diesen Lebensbaum in der letzten Strophe seines Weihnachtsliedes ‘Lobt Gott Ihr Christen alle gleich: Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis [. . .] ’

Die Zahl der Erklärungen, wo unser Weihnachtsbaum denn nun wirklich herkommt, ist Legion. Im Endeffekt kann wohl eine Mischform aus verschiedenen Ursprüngen angenommen werden. Wichtig ist doch letztendlich, daß er ist, was er ist: Das Symbol für eine besinnlich friedliche, schöne Zeit, das Symbol einer allumfassenden Hoffnung.

Wie stark dieses Symbol in unseren Herzen verankert ist, hat es vor nicht gar so langer Zeit deutlich gezeigt. So wollten die Nationalsozialisten im Dritten Reich vehement den Einfluß des Glaubens unterdrücken und möglichst auch alles, was mit christlichen Festen zu tun hatte. Alte germanische Riten und Symbole sollten das christlich geprägte Brauchtum ablösen – der Weihnachtsbaum wurde zur Jultanne erklärt und statt Nikolaus oder Weihnachtsmann kam Frau Holle. Doch ohne Erfolg: In den deutschen Wohnzimmern standen trotzdem Weihnachtsbäume und keine Jultannen, strahlten ihre friedvolle Wärme aus und ihre Betrachter strahlten zurück . . . wenigstens eine kleine Weile abgelenkt von den alles andere als friedlichen Geschehnissen dieser Zeit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war es zu einem großen Teil gerade der Weihnachtsbaum, der den Menschen wieder so etwas wie Normalität und Hoffnung spenden sollte. Nicht von ungefähr war einer der ersten Wohlfahrtsausschüsse, die nach Kriegsende gegründet wurden, der ‘Ausschuß Kieler Weihnachtsbaum’. Eines seiner Ziele war, so der Historiker Christof Schaumann, „[...] mit dem Aufstellen von großen beleuchteten Weihnachtsbäumen trotz der Trümmer und Ruinen der Kieler Bevölkerung vorweihnachtliche Freude zu bereiten“. Der Weihnachtsbaum hat über die Jahrhunderte hinweg allen Anfechtungen – übrigens auch aus kirchlichen Reihen - widerstanden und bringt, Gott sei Dank, die Augen seiner Betrachter noch immer zum Leuchten.

Weihnachtsbaum ist und bleibt eben doch Weihnachtsbaum.

(Informationszentrum Nordmanntanne)



52/2004