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Jahrgang 2015 Nummer 52

Weihnachten 1945

Vor siebzig Jahren war ein U. S.-Veteran in Bergen stationiert und schrieb jetzt diese wahre Geschichte

Ich bin ein Veteran der U. S.-Besatzungsarmee im nördlichen Europa. Mitte des Sommers 1945 wurde ich einem Ingenieur-Bataillon zugewiesen. Die Aufgabe dieses Bataillons bestand in der Ausbesserung der Autobahn. Meine Kompanie war in Bergen einquartiert. Bergen ist ein kleines Dorf am Fuße der Alpen an der A 8 München – Traunstein – Salzburg. Das Dorf bietet einen unglaublichen Anblick im Sommer wie im Winter. Nicht weit entfernt ist Berchtesgaden.

Mit drei Jahren Deutsch auf der Hochschule und einem Taschenwörterbuch hatte ich einen Vorteil gegenüber meinen Kameraden.

Schon bald nach meiner Ankunft in Bergen begegnete ich zwei kleinen Mädchen. Sie hielten sich draußen vor unserer Essenshalle auf. Hunger hatten sie! Die Soldaten teilten ihr Essen und Kaffee mit den Kindern. Auch Frauen und Flüchtlinge kamen mit leeren Behältern zur Essenshalle. Auch ihr Hunger wurde gestillt. Für diejenigen, die das bäuerliche Leben gewohnt waren, war es eher eine Schweinefütterung. Für die, die außerhalb Schlange standen, bedeutete es ein wahres Festessen.

Die zwei Mädchen waren Elfriede und Hildegard Ladenbacher. Sie sprachen kein Englisch. Bei unserer Begegnung vor der Essenshalle lud ich sie ein, zu meinem Quartier zu kommen, denn ich hatte dort Schokolade und Kaugummi. Daraus wurde eine große Freundschaft. Wir trafen uns noch oft zu Gesprächen. Ich übersetzte ihnen den Karikaturstreifen von »Stars an Strips« unserer GI-Zeitung. Zuweilen habe ich auch andere Kinder zu mir gebeten. Ich hatte immer etwas für sie, und mit einem Stück Seife konnte man auch die Mutter glücklich machen.

In der warmen Jahreszeit spazierten wir durch das Dorf. Als der Schnee kam, wollte man mir das Skifahren beibringen. In der GI-Kinonacht gab es viele Karikaturen, die ohne Übersetzung verstanden wurden.

Wir hatten viel voneinander gelernt. Besonders von der Unruhe und dem Krieg. Das kleine Wörterbuch war immer mein wertvollster Begleiter.

Im Dezember 1945 hoffte ich sehr, dass ich die Festtage mit meiner Familie in Toledo, Ohio, verleben durfte. Jedoch, die Armee hatte anderes mit uns vor. Ich musste mit meinen Kameraden in Bergen bleiben. »Ich könnte vielleicht in die Kirche von Bergen gehen«, dachte ich mir. Aber die Predigt würde ich wohl nicht verstehen, weil ich in meinem Wörterbuch nicht so schnell die richtige Übersetzung finden konnte. Ich kannte nur den ersten Vers des Weihnachtsliedes »O Tannenbaum«. So blieb mir noch die Möglichkeit Wache zu halten. Aber unser Herrgott hatte andere Pläne mit mir. Ein oder zwei Tage vor Weihnachten erwarteten mich die zwei Mädchen vor der Tür. Sie waren sehr aufgeregt. Die Mutter der Kinder lud mich in ihr Haus zu Weihnachten ein. Für einen einsamen GI war dies eine Gabe Gottes. Ich bin der Einladung gefolgt, und als ich die Wohnung betrat, erwartete mich ein mit Kerzen beleuchteter Christbaum. Meine Großmutter besaß auch solche Kerzen. Aber ich hatte sie nie beachtet.

In einer Ecke des Raumes saß ein älterer Mann. Er sprach nicht viel. Später erfuhr ich, dass er ein Zeuge Jehovas war, den Hitler nach Dachau deportiert hatte. Nun verbrachte er seine Tage in einem Sanatorium. Weihnachten durfte er zu seiner Familie heim. Teile des Weihnachtsessens, das aus Brot und Käse bestand, waren vielleicht aus der GI-Küche? Wenngleich Verzweiflung um uns war – es war eine aufregende Zeit. Ein Jahr früher waren Soldaten noch in wütende Kämpfe mit vielen Toten verwickelt. Vielleicht war es ein Segen Gottes, dass wir dieses Weihnachten zusammen hatten.

Es war eine kalte und stille Nacht, als ich zu meinem Quartier zurückkehrte. Jedoch der Mond schien hell am Himmel wie der Stern von Bethlehem und der Schnee bedeckte die Alpen des kleinen Dorfes Bergen.

Als ich in meinem Bett unter die Decke geschlupft bin und mein Haupt im Kopfkissen vergrub, fragte ich mich: »Warum dieser sinnlose Krieg?«

Es ist siebzig Jahre her, dass ich in Bergen war. Aber ich habe das Dorf und die Leute nie vergessen. Ich bin mit meinen Gedanken jeden Tag in Bergen, weil auf meinem Schreibtisch ein Bild des Dorfes steht.

 

52/2015