Jahrgang 2003 Nummer 50

Wasser, Holz, Salz und Eisen

Die Glockenschmiede in Ruhpolding und andere Schmiedebetriebe im Chiemgau

2003 ist das »Jahr des Wassers«. Damit und auch wegen der sommerlichen Trockenheit wurde vielen Menschen die lebenswichtige Bedeutung von Wasser bewusst. Aber immer schon war Wasser nicht nur für die Landwirtschaft wichtig, sondern es war auch – vor allem in der vorindustriellen Zeit – unentbehrliche Energiequelle und damit Grundlage unterschiedlichster Betriebe. Am Beispiel der Geschichte der Schmieden in unserer Region kann man die Bedeutung besonders der fließenden Gewässer als Energiespender verdeutlichen.

Ohne Wasserkraftantrieb konnten die meisten Schmieden nicht arbeiten. Sie wurden deshalb an den vielen Wasserläufen unserer Gegend gebaut. Die Wasserkraft diente dem Antrieb von Wasserrädern, die Blasebälge und Hammerwerke in Bewegung setzten. Schmieden mit kleiner Wasserkraft fertigten beispielsweise Ketten und Mistgabeln, die mit großer Wasserkraft Strohmesser, Schaufeln und weitere landwirtschaftliche Gebrauchsgegenstände. Daneben gab es Waffen- und Nagelschmiede. Erstaunlich ist die Vielzahl und Dichte der eisenverarbeitenden Betriebe unserer Region. Kartenskizze eins zeigt die wichtigsten Standorte, an denen größere Betriebe angesiedelt waren, die auf Wasserkraft angewiesen waren. Mathias Flurl erwähnt in seiner »Beschreibung der Gebirge von Baiern und der Oberen Pfalz« aus dem Jahr 1792 nur einige dieser Betriebe: »Aschau allein zählt 14, und Bergen 9 Nagelschmiedmeister; dann befinden sich drey Waffenschmide zu Wessen, einer zu Inzell und am Wienerhof, und mehrere in dem Bezirk um Aschau, welche gewiss durch die weitere Umarbeitung dieses unentbehrlichen Metalles zu Sicheln, Sensen, Haken, Spaten (Schaufeln) und allerley Arten Nägeln u.d.gl. Schöne Summen Geldes in Umlauf setzen.« Grundlage all dieser Schmiedeanlagen war das am Kressenberg bei Neukirchen erschürfte Eisenerz, das in einem Hochofen in Bergen ausgeschmolzen und in Eisenhämmern in Bergen, Aschau und Traunstein zu Schmiedeeisen weiterverarbeitet wurde. Erst das Schmiedeeisen war für die Schmiede ein Rohstoff, der zu einer Vielzahl von Endprodukten weiterverarbeitet werden konnte. Gemeinsam war allen Betrieben jedoch, dass sie neben der Holzkohle auch Wasserkraft benötigten.

Ein frühes Zeugnis für das blühende Montanwesen unserer Region ist ein Gemälde von 1557, das in Raiten am Kaltengraben bereits einen Arbeitenden Schmied dargestellt. Die erste urkundliche Erwähnung dieser Schmiede war 1580. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde dort eine Hammerschmiede errichtet. Wasserräder, die die Wasserkraft auf die Hämmer übertrugen, bewegten die Zainhämmer (Eisenhämmer). 1959 wurde die Schmiede geschlossen. Zu den älteren Hammerschmieden in unserer Umgebung zählen außerdem zum Beispiel Hammerau, die 1540 errichtet wurde oder das 1432 an der Ach errichtete Hammerwerk im Achthal bei Neukirchen, das bis 1919 in Betrieb war.

Die erste Hammerschmiede in Eisenärzt wurde bereits im 14. Jahrhundert erwähnt. Sie nutzten die Wasserkraft der Weißen Traun. Es gab zu Beginn des 19. Jahrhunderts acht Schmieden, davon drei Hammerschmieden: die obere, die mittlere und die untere »Schmitten«. Im 19. Jahrhundert mussten aufgrund industrieller Konkurrenz immer mehr Schmieden schließen. 1854 gab es in Eisenärzt nur noch zwei Hufschmiede und einen Nagelschmied, 1880 musste noch einer der beiden Hufschmiede aufgeben. Im Nachbarort Siegsdorf konnte man ebenfalls zwischen 1810 und 1854 einen gleichmäßigen Rückgang der Schmieden beobachten. Innerhalb von fünfzig Jahren sank die Zahl der Schmiedengerechtigkeiten von fünfzehn auf nur noch sieben Schmieden im Ort.

Das bekannteste Eisenwerk der Region ist die Maxhütte in Bergen. Das an der Weißen Achen gelegene Werk ging 1808 in bayerischen Saatsbesitz über und bekam 1824 seinen Namen. Dort gab es neben den beiden Hochöfen auch einen wassergetriebenen Eisenhammer. In der Nähe des Werks in Bergen hatten sich viele kleinere Schmieden zur Herstellung unterschiedlicher Endprodukte angesiedelt. Aber auch dort wurden viele Schmieden geschlossen. Von den neun Nagelschmieden im Jahr 1780 existierten 1810 nur noch drei.

Auch das 1850 erbaute Werk mit drei Hämmern in Hammer musste seine Produktion relativ rasch umstellen. Da Wagenreifen, Schlittenschienen etc. durch neue Maschinen andernorts billiger hergestellt wurden, stieg man auf die Herstellung von Werkzeug um.

Von den ehemals 19 Schmieden Ruhpoldings mussten während den zwei Wellen des Schmiedesterbens in der Zeit von 1832 bis 1852 bzw. ab 1880 fast alle schließen. 1826 gab es in Ruhpolding vier Hammerschmieden, die eine große Wasserkraft am Haus hatten. Die heute bekannteste noch funktionierende ist die Glockenschmiede am Glockenbach. Zum ersten Mal wurde die Glockenschmiede, die damals als Huf- und Hammerschmiede genutzt wurde, im Jahr 1686 erwähnt. Als Anna und Max Grübl senior 1857 die Glockenschmiede erwarben, wurde die Produktion auf Strohmesser umgelagert. Max Grübl junior erweiterte das Angebot, so dass ab 1888 verschiedenstes Werkzeug für land- und forstwirtschaftliche Zwecke angeboten werden konnte. 1931 wurde die Glockenschmiede von Fritz Grübel übernommen. Als die Glockenschmiede 1934 unter Denkmalschutz gestellt wurde, entwickelte sie sich zu einem Anziehungspunkt für Besucher.

Es gibt noch viele weitere Beispiele die zeigen, dass viele Schmieden in unserer Region mit Wasserkraft gearbeitet haben: der Eisenhammer in Traunstein, die Eisenhammerstätte in Jochbach.

BS

Literaturverzeichnis:
Tress Ulrike: Glockenschmiede. Ruhpolding. Rosenheim o.J.
Gailer Sabine: Werkstattbücher der Glockenschmiede am Haßlberg bei Ruhpolding in Oberbayern. Untersuchungen einer Werkzeugschmiede seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg. München 1989
Chiemgau-Blätter vom 14.01.1989, 21.01.1989 und 27.11.1993



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