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Jahrgang 2004 Nummer 33

»... waß uns durch Feur und Schwerdt aufgetragen worden«

Ereignisse in der Stadt Traunstein während des spanischen Erbfolgekrieges – Teil I

Panduren. Bildausschnitt aus dem Deckengemälde der Siegsdorfer Pfarrkirche von Franz Josef Soll (1734-1798).

Panduren. Bildausschnitt aus dem Deckengemälde der Siegsdorfer Pfarrkirche von Franz Josef Soll (1734-1798).
Max Emanuel

Max Emanuel
Der Pandur. Steinplastik an einem Haus in Siegsdorf.

Der Pandur. Steinplastik an einem Haus in Siegsdorf.
Die politische Lage in Traunstein und im Chiemgau (1699-1704)

Die Träume des dritten bayerischen Kurfürsten Max II. Emanuel waren stets auf die Königswürde ausgerichtet. Sein Ruhm als Türkensieger vor Belgrad brachte ihn diesem Ziel näher. Der kinderlose spanische König Karl II. ernannte ihn 1691 zum Generalstatthalter der spanischen Niederlande und vererbte sieben Jahre später dem jungen bayerischen Kurprinzen Joseph Ferdinand das Königreich Spanien und allen spanischen Besitzungen. Doch die Aussichten auf eine weltpolitisch bedeutende Rolle des Hauses Wittelsbach zerstoben im Jahre 1699 jäh mit dem plötzlichen Tod des kaum siebenjährigen Infanten. Das habsburgische Spanien sollte nun Frankreich zufallen. Um eine solche Hegemonie zu vereiteln, schlossen Österreich, England und die Niederlande eine Allianz. Max Emanuel verließ seinen Kurs der Neutralitätswahrung und schlug sich auf die Seite Ludwigs XIV. Somit war der Bruch mit Habsburg vollzogen. Auch im Kriegsglück des »Blauen Kurfürsten« stellte sich eine Wende ein. Bereits 1703 wurden strategisch wichtige Schlachten in Tirol verloren.

Die Feindseligkeiten zwischen Österreich und Bayern äußerten sich anfangs in unbedeutenden Grenzscharmützeln. Mit zunehmender Dauer spitzte sich die Lage jedoch mehr und mehr zu. Am 11. September 1703 schrieb der Traunsteiner Pflegsverwalter Ignaz Loichinger an Bürgermeister und Rat der Stadt, es wäre ihm glaubhaft hinterbracht worden, dass die Gefahr eines Einfalls der rebellischen Tiroler Bauern und der kaiserlichen Soldaten immer mehr anwachse. Die Stadtverantwortlichen sollten daher vor Spionen auf der Hut und darüberhinaus bedacht sein, »guette Obacht zu tragen, bedürfftige Wachten aufzustöllen und die Statt neben den Dürlen enitweder gar zu verspern«.

Im Sommer 1704 schließlich überzog der Krieg den Chiemgau. Am 2. Juli erhielt der österreichische Feldmarschallleutnant Wenzel Graf von Guttenstein den Befehl, in Bayern einzufallen. Guttenstein zog mit seinen Truppen über Sachrang ins Priental, nahm die Schlösser Hohenaschau und Marquartstein ein und versetzte die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken. Die Bewohner des gesamten oberen Chiemgaus hatten darunter erheblich zu leiden, da sie »wegen der ausgestandenen Plinderungen, thaillen erlittner Prandtschäden, daß sye von Hauß und Hof Jahr und Tag vertreiben gewest und aus ihren Güttern kheine Fructus genossen..., in den Kriegsunruhen, und zwar nit durch die kaiserliche Soldateska, sondern mehrerntheils durch ihre benachbarte Thyrollische Underthanen, also ruiniert und in Armuth gestürzt worden...«.

Im Miesenbacher und Grassauer Tal konzentrierte sich das kriegsstrategische Interesse auf die Passübergänge an Förchensee und Klobenstein. Dort wurden schon zu Beginn der Feindseligkeiten gegen die Tiroler Verschanzungen und Barrikaden angelegt. Die Bewachung der Übergänge besorgten die dortigen Waldmeister mit aufgestellten Milizen. Am 5. Juli 1704 berichtete der Salzmaier von Traunstein dem Kurfürsten von ersten Auseinandersetzungen am Förchensee. Dabei hatten die einheimischen Schützen den Kaiserlichen erheblich zugesetzt, »welche mit Gewöhren von der Höche negst der See-Haus-Prukhn beständig auch den Feindt mit ihren Zillrohren Feuer geben, 3 feindliche Pferdt erschossen und vermuthlich auch manigfalt vill bleßiert, weillen mann auf der Landtstrass, wo der Feindt her und hinkommen, vill vergossenes Bluot sehen können...«.

Währenddessen rückte der Feind immer näher. In Bergen zerstörte eine Abteilung die dortige Kugelgießerei, die Schmelzöfen und Eisenhütten. Auf dem Chiemsee zog man alle Schiffe zusammen. Die Bergwerke am Rauschberg, das Schmelzwerk und das Dorf Inzell wurden derart in Mitleidenschaft gezogen, dass viele die Flucht ins Salzburgische oder in die nahen Wälder vorzogen.

Kaiserliches Militär in Traunstein

Am 25. Juli zogen zunächst kaiserliche Husaren in Traunstein ein. Unverzüglich forderten sie 1000 Taler Brandschatzung, wofür der Kaufmann und Weinwirt Oswald Gruber mit 2000 Gulden aus seinem Privatvermögen einstand. Am Nachmittag des darauffolgenden Tages erreichte auch der kaiserliche General von Guttenstein mit 3000 Mann Kavallerie und Infanterie die Stadt. Eine Abordnung, bestehend aus dem Pfarrer Johann Balthasar Andensteiner, dem Pflegsverwalter Franz Ignaz Loichinger und dem kurfürstlichen Salzmaier Johann Zacharias von Metzger, ritt dem General entgegen. Guttenstein gewährte ihnen ihre Bitte nach Schonung der Stadt, verlangte dafür aber weitere 8000 Gulden Brandschatzung.

Die irregulären Truppenteile kampierten in Feldlagern an zwei verschiedenen Plätzen vor der Stadt. Sie bestanden zum überwiegenden Teil aus ungarischen Panduren, deren Raublust hinlänglich bekannt war. Ihr Befehlshaber war der österreichische Obrist von Wetzel. Die regulären Truppen wurden in den Häusern der Stadt einquartiert. Sogar die ärmsten Bewohner wurden mit Soldaten belegt. Von ihren Quartieren aus unternahmen sie Streifzüge und Märsche zu strategisch wichtigen Punkten, warnen also nicht ständig in der Stadt präsent. Darunter hatte vor allem die schutzlose Landbevölkerung zu leiden. Besonderen Schrecken verbreitete der Prinz-Hannoversche Wacht-meister Wagner, der ebenfalls dem Guttensteinschen Regiment angehörte. Auf einem Streifzug nach Burghausen raubte und plünderte er überall, wo er hinkam. Von solchen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung berichtet auch das sogenannte Husarenkreuz in Reichsberg bei Kammer. Hier wurde 1704 der Bauer Adam Schützinger von ungarischen Husaren ermordet, als er seine geraubte Tochter befreien wollte.

Alles in allem hatte Traunstein 14 Tage lang 8000 Mann zu verköstigen, ein Umstand, der viele Bürger an den Rand des Ruins brachte. So hatte zum Beispiel der Gastwirt und Bierbrauer Langegger am 10. März 1705 170 Soldaten im Haus, die ihm in einer Nacht 36 Gulden kosteten. Der Bürger und Weißbierwirt Mathias Wernleithner hatte beim Durchzug des Behamschen und Abzug des Guttensteinschen Regiments für 93 Gulden weißes und braunes Bier herbeizuschaffen. Die Wittib und Gastgeberin Barbara Niederleitnerin hatte für 96 Gulden österreichischen Wein ins Guttensteinsche Lager zu liefern. Eimerweise alten österreichischen Wein hatte der Gastgeber Johann Haunerdinger ins kaiserliche Feldlager anzuschleppen, dazu noch einen Tag vor dem »Abprennen« 23 Metzen Hafer. Einer Spezifikation zufolge hatte der Gastwirt Johann Kallersperger beim Durchzug verschiedener Regimenter jeweils Offiziere und Unteroffiziere zu beherbergen, woraus ihm Gesamtkosten in Höhe von rund 170 Gulden entstanden; unter anderem musste zur Verköstigung der »Gäste« ein drei Zentner schwerer Stier geschlachtet werden. Die Traunsteiner Metzger Georg Höpflinger, Michael Lackner, Georg Mair, Andreas Holl und Josef Lechner hatten für das Kommissfleisch im Feldlager der Kaiserlichen zu sorgen. Sie kamen dabei auf eine Rechnung von über 270 Gulden. Rind-, Kalb- und Schaffleisch im Wert von 111 Gulden lieferten die Metzger der Stadt an die einzelnen Quartiergeber. Der Obrist von Wetzel begehrte für seine Soldaten auf der Wiese 17 Eimer braunes Bier im Wert von 36 Gulden.

Wer Offiziere oder gar die kaiserliche Generalität zu Gast hatte, musste sich mit Feinkost eindecken und hatte dabei trotzdem mit Repressalien zu rechnen. Der schon erwähnte Gastwirt und Bräu Franz Langegger hatte für General von Guttenstein bei Fischern in Grabenstätt und Seebruck Fische, vornehmlich Hechte, und Krebse zu bestellen und außerdem bei dessen Ankunft gleich eine Kuh zu schlachten. Ein Dragonerleutnant hatte bei ihm an einem Abend »drey Portionen verzöhrt«. Standesgemäß ließen sich die Herrschaften ihre Tafel mit allerlei Konfekt, Posner Kugeln, pfundweise Zucker, Mandeln und Rosinen versüßen. Der Gastwirt Andreas Kränich hatte gleich mehrfach den kaiserlichen General bei Tisch, was mit 548 Gulden zu Buche schlug. Dass man ihm – nebenbei – zwei Pferde und zwei Wagen wegnahm, schmerzte ihn mehr als die 68 Eimer Bier, die ihm der General samt Gefolge wegtranken. Zusätzlich versorgte er auch noch die »allhiesige Creuztracht zue Altenetting, (die), dazumallen yber 50 Man, über 16 Gulden in Pier und Fleisch verzehrt«. Fässerweise verschwand der Branntwein in den Kehlen von Korporälen, Feldwebeln und deren weiblichem Anhang, wenn er nicht gerade als schmerzstillendes Mittel oder Wunddestillat an blessierte Soldaten verabreicht werden musste.

AR

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 34/2004



33/2004