Jahrgang 2001 Nummer 19

Was sind eigentlich die Eisheiligen?

Pankratius, Servatius, Bonifatius und zum Schluß die »kalte Sophie«

Wer früher in den österreichischen Alpen durch Schüße mitten in der Nacht geweckt wurde, mußte nicht um sein Leben bangen, vorausgesetzt die Schießerei fand Mitte Mai statt, wenn die Eisheiligen umgingen und sich mit ihren frostigen Klauen über die Blüten und Triebe der Obstbäume und Weinreben hermachen wollten. Die Nachtwache rief die Wein- und Obstbauern zum »Roafheiz’n« zusammen, sobald der Himmel sich klärte und Frost verhieß.

Bald danach versanken die Täler unter einer schützenden Rauchdecke. Vorbereitete Reisighaufen, grünes und naßes Holz wurde entzündet und mit Erde abgedeckt, so daß der beißende Rauch den Eisheiligen in die Augen trieb, das Atmen nahm und sie schließlich in die Flucht schlug. So etwa stellte sich der Volksglaube in lebensvoller Bildlichkeit die Vertreibung der Eismänner vor. Unsere meteorologischen Erkenntnisse sind dagegen blaßes Gedankengut.

Doch beide – die Bauern und Meteorologen – gehen von einer gemeinsamen Beobachtung aus: Mitte Mai verursachen Kaltlufteinbrüche beinahe regelmäßig Frostschäden, da sie mit einer sehr frostempfindlichen Vegetationsperiode zusammenfallen. Man spricht von Singularitäten, von Witterungsereignissen, die im Jahreslauf ziemlich regelmäßig auftreten wie beispielsweise das Tauwetter an und um Weihnachten, die sommerlichen Schlechtwetterabschnitte Mitte Juni – im Volksmund »Schafskälte« genannt – die Schönwetterlagen im März sowie Anfang und Ende September (Altweibersommer).

Diese Singularitäten hängen mit großräumigen Umstellungen der allgemeinen Zirkulation der Atmosphäre zusammen und treten in wechselnder Stärke und mit zeitlichen Abweichungen auf. Meteorologische Untersuchungen haben eine genaue Kalendergebundenheit nicht feststellen können. Die Kälteeinbrüche im Mai verschieben sich bis zum 20. dieses Monats.

»Bemerkenswert ist die Beobachtung, daß in Norddeutschland die »gestrengen Herren« früher erwartet werden als in Süddeutschland. Im Norden gehört der heilige Mamertus am 11. Mai zum ersten Eisheiligen, im Süden zählt am 12. Mai als Erster der heilige Bonifatius. Die Verschiebung erklärt sich aus dem Weg der vom Nordwesten nach Süden vordringenden Kaltluft.

Vor den nächsten Eisheiligen Pankratius, Servatius und der Kalten Sophie muß man dem Volksglauben nach besonders auf der Hut sein: sie holen jede übrig gebliebene Schneeflocke aus den Lüften und schütten Graupeln über die Felder, daß den Winzern und Bauern angst und bange wird.



19/2001