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Jahrgang 2008 Nummer 25

Was kann der Sigismund dafür…?

Zum Andenken an einen großen Wort-Humoristen

Gleich zu Anfang soll sein Name fallen: Sigismund von Radecki. Die Älteren unter der Leserschaft werden sich an den großen Wort-Humoristen, Essayisten, Romancier, Rundfunk-Feuilletonisten und Übersetzer erinnern. Vor 70 Jahren ist ein Buch erschienen, das ihn auch als Sammler erheiternder Kurzprosa aus aller Welt bekannt machte: »Die Rose und der Ziegelstein«. Das war also 1938. 1953 kam dieses Buch in erweiterter Fassung in Rowohlts berühmter Taschenbuchreihe als Nummer 84 heraus. Es erhielt den Titel »Das Abc des Lachens«. Aus diesem »Anekdotenbuch zur Unterhaltung und Belehrung« stammt auch das Selbstporträt des Autors, der kein schlechter Zeichner war.

Was kann der Sigismund dafür, dass er so begabt ist? So möchte man, in Anlehnung an den Text aus der Operette »Im Weißen Rössl« von Ralph Benatzky fragen. Dass er schreiben, aus dem Russischen und Englischen übersetzen und zeichnen konnte, reichte nicht aus. Der 1891 in Riga geborene, 1970 im westfälischen Gladbeck gestorbene Vielseitige verdiente sein Geld als Ingenieur, zu dem er auf der Bergakademie in Freiberg/Sachsen ausgebildet worden war. Als er – nach Jahren in Turkestan und Berlin – in Wien anlangte und Freundschaft mit Karl Kraus schloss, war er obendrein als Schauspieler tätig. Legendär wurden später seine Selbst-Inszenierungen bei Lesungen aus seinen Glossen und Plaudereien, Essays und – zum Beispiel – Gogol-Übertragungen. 1931 war Sigismund von Radecki, beeinflusst und beeindruckt von den Schriften John Henry Newmans, zum Katholizismus konvertiert.

Aus seinen »aphoristischen Kurzgeschichten«, für die er über viele Jahre hinweg auf seinen Reisen sammelte, sollen hier, zum Andenken an den wunderbar Talentierten der Feder, ein paar herausgegriffen werden, dem Autor wie dem Alphabet folgend.

A wie Aberglaube

Bei den alten Römern galt das Stolpern als schlechte Vorbedeutung. Als während der Französischen Revolution einmal ein Trupp Aristokraten auf dem Weg zur Guillotine geführt wurde, geschah es, dass ein Marquis auf dem Pflaster stolperte. »Ein Römer wäre umgekehrt«, flüsterte er seinem Nachbarn zu.

E wie Ehestand

»Also, Sie geben zu, in jener Felsenhöhle Ihrer Gattin eine Ohrfeige gegeben zu haben.« – »Jawohl, Herr Kommissar, ich gebe es zu.« – »Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung anzuführen?« – »Ah! Mein Herr – es war dort an der Stelle ein so herrliches Echo!«

K wie Kinder

»Henry«, sagte die Mutter des kleinen Jungen, »geh leise nach oben und sieh nach, ob Papa schläft.« Henry kam sehr bald auf den Zehenspitzen zurück und flüsterte: »Ja, Mama, er schläft ganz und gar, außer seiner Nase.«

N wie Nahrung

Die kleine Ada ist vier Jahre alt und hat soeben (mit offenen Augen und Lippen) die Geschichte angehört, wie Lots Weib zu einer Salzsäule verwandelt wurde. Bange Pause. Endlich wendet sie sich zu Mama: »Wird … wird alles Salz aus Damen gemacht?«

P wie Presse

Kürze ist die Seele aller Meldungen. Aber vielleicht ging jener Journalist doch zu weit, als er einen Unglücksfall wie folgt seiner Zeitung meldete: »John Dixon entzündete ein Streichholz, um nachzusehen, ob noch Benzin in seinem Tank sei. Benzin war vorhanden. Alter 56 Jahre.«

R wie Rauchen

Oscar Wilde lässt eine zukünftige Schwiegermutter den Bräutigam examinieren: »Rauchen Sie?« – »Jawohl, ich kann es nicht leugnen…« – »Das ist gut. Männer sollten immer eine Beschäftigung haben.«

T wie Theater

Der Schauspieler händigte dem Direktor einen Empfehlungsbrief ein. Überbringer war darin als großartiger Schauspieler gerühmt. Der Brief schloss mit den Worten: »Er spielt Macbeth, Hamlet, Shylock und Billard. Billard am besten.«

Z wie Zaubern

Bei einer Galavorstellung an Bord eines Ozeandampfers absolvierte ein dressierter Papagei seine Nummer und schaute nun neugierig zu, wie ein brillanter Zauberkünstler sich nach ihm produzierte. Zuerst ließ dieser einen Goldfisch verschwinden, sodann seine appetitliche blonde Assistentin, und endlich einen ganzen Überseekoffer mit drei Matrosen. In diesem Augenblick lief das Schiff auf eine Mine. Der Papagei fand sich plötzlich allein auf dem Atlantischen Ozean, wobei er auf einem Stück Treibholz zu balancieren versuchte. »Erstaunlich!«, murmelte er, »was wird der Mann nächstens verschwinden lassen?«

Dass Sigismund von Radecki die letzte aus seinem »Abc des Lachens« ausgewählte witzige Geschichte mit »Der Zauberkünstler« überschrieb, ist einleuchtend. Zu welchen der anderen hier gebrachten Texte aber passen die Überschriften »Außer das«, »Der Empfehlungsbrief«, »Der Feinschmecker«, »Vielleicht – ?«, »Moderne Kürze«, »Das alte Frankreich«? Sie haben es gemerkt? Zur Raucher-Geschichte gab der Autor keine Überschrift.

Übrigens: In Bayern scheint Sigismund von Radecki nicht gewesen zu sein. Woraus das zu schließen ist? Unter dem Buchstaben »V« bringt er Anekdoten und Witze zu den Bereichen »Verlobung«, »Verstand« und »Vorfahren«. Voraus schickt er aber 13 Kurztexte unter der Überschrift »Carl Vallentin«. An einer Stelle macht er einen Schreibfehler wieder gut und setzt »Karl« statt »Carl«. Doch bleibt er stur bei »Vallentin«. Also: Da kann der Sigismund dafür…! Fehlerlos schreibt er die Namen seines Komiker-Kollegen Otto Reutter (dem er in Kissingen begegnete) und seiner langjährigen Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt. Immerhin.


Dr. Hans Gärtner

Quelle:
Sigismund von Radecki: »Das Abc des Lachens«, Originalausgabe der erweiterten Fassung von »Die Rose und der Ziegelstein«, Hamburg: Rowohlt 1953.



25/2008