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Jahrgang 2004 Nummer 38

War Armin wirklich der Erretter Deutschlands?

Eine geschichtliche Betrachtung

Armin – Gaufürst der Cherusker

Armin – Gaufürst der Cherusker
»Zweifellos war er Deutschlands Erretter«, schrieb Tacitus, der römische Historiker, über Armin, einem der Gaufürsten der Cherusker. Dieses Ausspruchs hat man sich in der deutschen Geschichtsschreibung und vornehmlich in den Lesebüchern des Zweiten und Dritten Reiches gerne bemächtigt. Doch hält diese gefühlsbeladene Behauptung auch sachlicher Beurteilung stand?

Außer Frage steht, dass es Armin, dem jugendlichen Helden, im Jahre neun nach Christus gelang, über die Truppen des römischen Feldherrn Varus einen triumphalen Sieg zu erringen. In einen Hinterhalt des Teutoburger Waldes gelockt, verbluteten dessen drei Legionen unter den Hieben der germanischen Krieger. Der Cherusker vermochte dabei, durch einen Überraschungsangriff in dafür idealem Gelände, die mangelhaftere Ausbildung und Bewaffnung seines Heeres auszugleichen und es so dennoch zum Siege zu führen. Man fragt sich: »Was wollte Armin damit bewirken?« Als Paukenschlag eines großgermanischen Freiheitskampfes, dürfte er diesen Aufstand – angesichts seiner völlig unzureichenden Machtmittel hierzu – wohl kaum verstanden haben. Folglich konnte es ihm nur darum gegangen sein, den Römern, bezüglich künftiger Aggressionen, eine abschreckend warnende Lehre zu erteilen. Nur eine »Abwehrstrategie« bot nach Lage der Dinge: Überlebensmöglichkeit. Marbod, König der Markomannen, demonstrierte dies schon einige Jahre früher sehr überzeugend. Land und Heer hätte Armin allerdings mit allen Mitteln verteidigungsbereit machen müssen, um der zu erwartenden Kriegswalze des Imperiums Paroli bieten zu können. Doch er hatte die Chance nicht genutzt, in den fünf Jahren, die der Kriegsgott ihm dazu gewährte. Auftakt und Verlauf des römischen Rachekrieges, der im Jahre 14 nach Christus mit aller Wucht anhebt, beweist dies sehr drastisch. Schon der erste Vorstoß des Germanicus, des neuen exzellenten Befehlshabers der Rheinlegionen, traf die Marsen – einen Bündnisstamm Armins – voll ins Herz. Im Schlafe überraschte er diesen Gegner! Nicht Schlacht, Schlachtfest wurde es somit für ihn, denn getreu seiner Devise: »Die Germanen sind alle auszurotten!«, ließ dieser Bluthund Roms, Mann, Weib und Kind im Umkreis von 50 Meilen gnadenlos niedermetzeln. Nicht nur dieses eine Mal, mehrmals gelang ihm eine Überrumpelung, mit für die Überfallenen ähnlich verheerenden Folgen.

Die drei offenen Feldschlachten, in denen der Cherusker den Legionen sich zu stellen vermochte, fielen für ihn zwar weniger katastrophal aus, doch rächten sich auch hier seine Unterlassungssünden einschneidend genug. Vorhand und Gesetz des Handelns waren den Römern nicht mehr zu entreißen. Da geschieht Armin ein »Wunder« in dieser Not! Nach zwei, an Niederlagen reichen Jahren, verebben seines Gegners Angriffe, die Legionen setzen sich ab, Germanicus wird von Tiberius nach Rom beordert.

Man rätselt seit eh und je über des Kaisers so widersinnig anmutende Maßnahme. Was konnte ihn dazu bewogen haben, seinen Feldherrn kalt zu stellen vor einem sich abzeichnenden Endsieg? Neid auf Ruhm seines Neffen wurde ins Feld geführt: mögliche Rücksichtnahme gegenüber den Germanen; vornehmlich jedoch mögliche Bedenken vor untragbar ansteigenden Verlusten.

Doch keiner dieser Gründe vermag zu überzeugen. Tiberius, lorbeerbekränzter Feldherr und bewunderter Staatsmann, sollte seines Neffen Ziel, Germanien Rom zu unterwerfen – das ja auch seines wie des Reiches höchstes Ziel war –, um Neides willen verhindern? Undenkbar! Ebenso absurd erscheint es, er könnte aus Rücksicht gegenüber den verhassten »Barbaren« so gehandelt haben. Und Blutopfer – fremde wie eigene – hatte Rom noch nie gescheut, wenn das Ziel des Einsatzes wert erschien. Der eines Oberbefehlshabers gewichtigste Grund musste ihn also bewogen haben zu diesem einsamen Entschluss: Er glaubte nicht an den Endsieg seines Feldherrn! Doch daran konnte Armin, der schwer Angeschlagene, nicht schuld sein. Eine bedrohlichere Macht musste er im Auge haben, wovor der Stratege in ihm erbebte: Das Markomannenreich kam nur dafür infrage. Nur dieses verfügte über Furchteinflößendes, was Armins Stämmebündnis fehlte: Befestigtes, von einem Meldenetz überspanntes Land, beschützt von einem mächtigen stehenden Heer, regiert und befehligt von dem Feldherrn und König Marbod.

Tiberius kannte diese, im römischen Reglement gedrillte, germanische Streitmacht, durch eigene bittere Erfahrung nur zu gut. Als Augustus einst zur Vernichtung dieses Machtblocks aufrief, waren Saturnius und er selbst nämlich zu »Vollstreckern« auserkoren. Siegestrunken rückten sie aus mit zwölf Legionen, im Frühjahr sechs nach Christus um diesen Block in einer »Zange« zu zermalmen. Und noch ehe das Jahr zu Ende ging, waren sie ernüchtert wieder heimgejagt. So ein Trauma vergisst ein Feldherr nicht. Und das nur konnte der Grund gewesen sein, warum der Kaiser seinen Zerberus zurück pfiff aus dem schönsten Siegestaumel: Den markomannischen Leu sollte er nicht aufschrecken aus seiner Ruhelage. »Was schadete das Rom, die Germanenfürsten waren doch verfeindet?«, mag man fragen. Das ist wahr, doch die Situation hätte sich grundlegend geändert durch eine Totalniederlage des Cheruskers. Das Gewicht des Imperiums lastete dann voll auf den Grenzen Marbods, und um Sein oder Nichtsein wäre es dann auch für ihn gegangen. Versöhnung mit Armin und sofortiges Eingreifen auf seiner Seite, hätte sich als lebensnotwendig für ihn erwiesen. Durch so ein »Notzweckbündnis« der Stämme wäre dann den Legionen durchaus die Gefahr erwachsen, der Tiberius durch die vorbeugende Zurücknahme seiner Streitkräfte, entgegenzuwirken vermochte. Doch nicht nur eine Bündelung germanischer Macht verhinderte er dadurch, sondern es scheint ihm darüber hinaus das Meisterwerk gelungen, die Hauptfeinde Roms gegeneinander zu hetzen, um sie der Selbstzerfleischung anheim zu geben. Jedenfalls spricht dafür, dass kurz nach Abzug des Germanicus, Armin der Cherusker die Markomannen in einen jahrelangen Krieg verwickelte.

Nie hätte Armin, die sprungbereiten Legionen im Rücken, es wagen können, diesen Bruderkrieg zu entfachen, ohne Neutralitätszusage des Kaisers in der Tasche. Selbst sein Ehrgeiz, Germaniens erster Mann zu werden, der ja die Beseitigung Marbods bedingte, machte diese Wahnsinnstat – ohne einen Rückhalt Roms dabei anzunehmen – undenkbar. Das Imperium hat demzufolge Armins Flanke frei gehalten um die Markomannen zu vernichten, ohne eigenen Blutzoll dabei zu leisten.

Nur weil der Cherusker sieglos blieb, ist dies nicht gelungen. Doch dieses Krieges Folge war, dass Marbod – der genialste Kontrahent Roms – einer Palastrevolution zum Opfer fiel und Armin – das ehemalige Fanal des germanischen Widerstandes – durch Mörderhand aus der eigenen Sippe endete. Das unbedachte Handeln des Varus-Besiegers bewirkte, dass der Weltmacht gefährlichste Gegenspieler ausgelöscht waren, ohne selbst einen Mann dabei zu opfern. Durch den Bruderkrieg, seiner ewig uneinigen Feinde, hatte des Tiberius List für Rom erneut üppige Frucht getragen. Kann gemessen an diesen Tatbeständen dem Cheruskerfürsten der Ehrentitel »Erretter Deutschlands« zu sein, noch zuerkannt bleiben?

Die Vernichtung der Varus-Legionen war für sich betrachtet eine geschichtswürdige Tat. Im Hinblick auf die Folgen war sie eine Katastrophe. Vollends unentschuldbar war sein Angriff auf die Markomannen, denn dadurch gefährdete er den Abwehrkampf gegen das Imperium. Hätte er dabei gesiegt und Marbods Damm gegen die römische Flut zerbrochen, wäre unser Land darin versunken. Folglich trägt Armin diesen Titel zu Unrecht. Zu Recht trüge ihn vielmehr der Mann, der dieses Markomannenreich so unerschütterbar erbaute, dass nicht nur Römer und andere Aggressoren seiner Zeit daran zerschellten, sondern es weit darüber hinaus gestaltend auf Deutschlands Zukunft wirkte.

Noch anderthalb Jahrhunderte später erbebte Roms Donaugrenze, ja Rom selbst, unter den Schlägen dieses Stammes und nach wenigen weiteren Generationen zertrümmerten sie diese vollends. Die Okkupanten mussten aus ihren Nordprovinzen weichen und die Markomannen nahmen dieses wohlverdiente Erbe, unter dem Namen ihrer Herkunft, in Besitz. Bajuwaren – die Leute, die aus Böhmen kamen – wurden sie nun genannt. Aus ihrer Hände Fleiß erwuchs das Land der Baiern und die Ostmark Österreich. Ihr Geisteswirken schuf jene unverwechselbare Kultur, die Deutschland wie Europa mit prägte bis in unsere Tage. Dieses Zukunftsgestalten im volksbewahrenden Sinne ist der großen Geschichtspersönlichkeiten unverzichtbares Merkmal. Marbods Lebenswerk hebt sich deshalb grundlegend ab von der jäh aufflammenden, wie jäh verglühenden Leistung Armins. Neue Maßstäbe werden deshalb anzulegen sein an diese herausragenden Männer unserer Geschichte. »Als Fackelträger des Widerstandes« wäre der Varus-Besieger und tragische Held Armin demgemäß zu bezeichnen; König Marbod, der Bewahrer Germaniens vor römischer Unterwerfung, folglich als »Fundament-Begründer der Deutschen Nation«.

HS



38/2004