Jahrgang 2003 Nummer 38

Wann das »Letzte Alte Bier« fließt ...

Wissenswertes über das Bayerische Bier-Brauchtum

Biertraditionen findet man in bayerischen Wirtshäusern und Biergärten, im Dorfleben, im Alltag und an Festtagen. Stets serviert man zum Kulturgut Bier die traditionellen bayerischen Gerichte: eine herzhafte Brotzeit, ein zünftiges Festessen – oder einfach eine frische, »resche« (knusprige) Breze. Doch die Traditionen drehen sich nicht nur um den Biergenuss, sondern auch um die Herstellung. Mancherorts werden Einheimische und Gäste noch daran erinnert, dass früher nahezu jeder Haushalt sein eigenes Bier braute ...

Flinderer und Zoiglstern

Im Fränkischen pflegt man den Brauch des Flinderns, der bis ins Jahr 1728 zurückreicht. Damals verfügte der Magistrat von Pegnitz, dass von April bis September jede Woche jeweils nur drei Bürger im Kommunbrauhaus Bier produzieren durften. Wer sich mit dem Bierausschank ein Zubrot verdienen wollte, musste sich bewerben; anschließend entschied das Los über die Vergabe des Braurechts. Die Nachbarn erledigten in dieser Zeit die Feldarbeiten der »Flinderer« mit. So konnten alle Bürger pünktlich ihre Ernte einbringen und trotzdem war stets für eine Erfrischung gesorgt. Heute erinnern rund 15 Gaststätten in und um Pegnitz während der Sommermonate mit Bier- und Schlachtfesten an die alte Tradition des »Flinderertreibens«. Ihr Erkennungszeichen: der »Flinderer«, ein Büschel aus grünen Zweigen, das neben der Eingangstür hängt.

Einen ähnlichen Brauch gibt es in der nördlichen Oberpfalz. Hier weist der Zoiglstern den Weg zum Bier, ein sechseckiges, sternförmiges Schild. Zoigl, ein dunkleres, untergäriges Lagerbier mit geringem Kohlensäuregehalt, wird in privaten Hausbrauereien und in Kommunbrauhäusern ausgeschenkt. Manche Anbieter laden die Durstigen bis heute in die Wohnstube oder die »Kuchel«; oft schließt sich jedoch inzwischen eine Zoiglstube an, eine urgemütliche kleine Schänke.

»Altes Bier«, frisch eingeschenkt

Zum »Letzten Altern Bier« bitten die Wirte im Bayerischen Wald und in Niederbayern von September bis Ende Oktober. Der Brauch stammt aus der Zeit vor der Erfindung der Kältemaschine. Damals konnten die Brauer nur in der kalten Jahreszeit Bier herstellen, zuletzt Ende März. Dieses »Märzenbier« wurde etwas stärker eingebraut, damit es den ganzen Sommer über frisch blieb. Nach der Hopfen- und Getreideernte im Herbst produzierten die Brauer dann frisches Winterbier und die Wirte mussten in ihren Lagerkellern eiligst Platz schaffen. Also veranstalteten sie ein Fest, tischten herzhafte Gerichte auf und sorgten so dafür, dass das »Letzte Alte Bier« dankbare Abnehmer fand. Noch heute servieren viel Wirte »Altes Bier« zu traditionellen Gerichten – eine Kombination, die für viele Kenner heute einen schönen Anlass für einen Wirtshausbesuch bietet.

Ins Wirtshaus zum Bierschmaus

Wirtshaus- und Bierkultur sind in Bayern nicht zu trennen. Mancherorts findet man noch Traditionswirtshäuser, in denen die Krüge der Stammgäste an hölzernen Haken verwahrt werden, bis ihre Besitzer täglich – ganz im Sinne der modernen Gesundheitsforschung, die Männern einen und Freauen einen halben Liter Bier pro Tag durchaus empfiehlt!

Wirtshausbier wurde fürher nicht nur im Wirtshaus getrunken. Oft schickten die Väter ihre Kinder über die Gasse, um beim Wirt einen Krug Bier zu holen. Auch diese Tradition führen Wirte – in veränderter Form – weiter. Immer mehr Brauwirtschaften bieten heute z. B. große Bügelflaschen an, die ihre Gäste immer wieder auffüllen lassen können: eine originelle Partyidee und ein schönes Souvenir aus Bayern!

Bierfeste den ganzen Herbst hindurch

Im Herbst beginnt in Bayern die Zeit der Bierfeste. Ursprünglich trafen sich die Bauern nach dem Erntedank-Gottesdienst zum Festschmaus. Heute feiern Einheimische und Gäste in vielen bayerischen Gemeinden und Städten Erntedank und Kirchweih mit großen und kleinen Volksfesten. Im Mittelpunkt stehen immer die bayerischen Festbiere: Goldgelb schimmern sie in den Maßkrügen, erfrischen an den letzten warmen Tagen des Jahres und schmecken hervorragend zu den Festschmankerln.

Das berühmteste Bierfest der Welt ist das Münchener Oktoberfest. Es geht zurück auf das Jahr 1810, als Ludwig von bayern und Prinzessin Therese von Hildburghausen Hochzeit feierten. Höhepunkt der Festtage war ein spektakuläres Pferderennen auf der nach der Braut benannten Theresienwiese. Heute sieht man auf der »Wiens« keine Rennpferde mehr, sondern stolze Breuereirösser – und Gäste aus aller Welt, die sich Bier und Brotzeit schmecken lassen (in diesem Jahr von 20. September bis 5. Oktober).

»Silvester« im September

Am 30. September feiern die Brauer dne »Brauersilvester«. An diesem Tag endet noch heute das Wirtschaftsjahr vieler Brauereibetriebe. Im September waren früher die Bierlager leer, die Hopfen- und die Breugerstenernte eingebracht: also die beste Zeit, um vor Beginn der Winterbierproduktion Bilanz zu ziehen. Heute wird natürlich das ganze Jahr über gebraut; doch viele Brauer pflegen weiter den Brauch und feiern ihren Jahresabschluss – der 2003 nach dem Super(Biergarten-)Sommer durchaus erfreulich ausfallen dürfte ...

Manche Bräuche verändern sich im Laufe der Jahrhunderte. Ganz gewiss unverändert hält die bayerische Brauwirtschaft bis heute konsequent an einem fest: dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516. Seit 500 Jahren ist es Gesetz und gute Sitte; und auch wenn das EU-Recht inzwischen vershciedne Zuisätze zulässt, braut man in Bayern weiterhin wie seit Jahrhunderten ausschließlich mit Wasser, Malz, Hopfen und Hefe. Eine Tradition, die alle Verbraucher zu schätzen wissen ...

Dem Bier-Brauchtum haben sich auch Bayerns Bier- und Rohstoffmuseen verschrieben. Sie stellen sorgfältig aufbereitetes Anschauungsmaterial über die bayerische Bierkultur aus: ein guter Tipp für Bierliebhaber, Wissensdurstige und geshcichtlich Interessierte!



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