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Jahrgang 2001 Nummer 17

Walpurgisnacht – Brauchtum und Touristenspektakel

In der letzten Aprilnacht sind noch immer die Hexen los

In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, der Walpurgisnacht, werden an vielen Orten die Hexen losgelassen, vor allem im Harz, wo in 37 Orten gefeiert wird. Ein »Walpurgiskalender« weist den Touristen den Weg. Hochburg des nächtlichen Treibens ist die schon in Goethes Walpurgisnacht genannte »Gegend von Schierke und Elend«. Dort reiten die hässlichen, zerzausten Geschöpfe nicht nur auf Besenstielen, Mistgabeln oder Ziegenböcken durch die Gegend, sondern sie schweben neuerdings auch per Fallschirm vom Himmel herab. Sie treiben ihr Unwesen, ziehen mit dem Teufel zu den Hexentanzplätzen oder auf den Brocken, wo sie das »walpurgische Volk« überall in Angst und Schrecken versetzen. Dazu schrille Töne, Hexenballett, Satansschmaus, Höllentrank und Höllenfeuer. Um Mitternacht schließlich Einzug der Maikönigin und Tanz in den Frühling. Auch andernorts, im Berliner Umland, in Oberwesel am Rhein, auf Burgen und in Schlössern in der Eifel und an der Bergstraße gibt es zünftige Walpurgispartys, wo es locker zugeht und nette Partygirls als Hexen im alten Gemäuer unterwegs sind. Ein folkloristisches Touristenspektakel, das die Kassen der Hotels und Gaststätten zum Klingen bringt.

Das lockere Vergnügen hat seine Wurzeln natürlich im alten Volksglauben unserer Vorfahren. Da bäumten sich in der letzten Aprilnacht die Mächte der Finsternis noch einmal voll auf. So trieben es die Hexen ganz besonders wild und setzten alles daran, den Einzug der Frühlingsgöttin in ihr vom Blühen, Wachsen und Gedeihen gekennzeichnetes Reich zu verderben und den Menschen Schaden zuzufügen. Um Mitternacht verschwanden die Unwesen aber wieder und der Maianfang wurde durch Freudenfeuer, Spiele und Tänze ausgiebig gefeiert, so wie es in Schweden noch heute geschieht. Als besonderer Höhepunkt galt der Einzug des »Vegetationspaars«, der Maikönigin und des Maigrafen bzw. der Maibraut und des Maibräutigams, was nicht nur die wiederergrünte Natur symbolisieren sollte, sondern auch als Fruchtbarkeitsritual der Vereinigung von Mann und Frau galt.

Daß die Hexen so gefürchtet und verhaßt waren, hatte vor allem damit zu tun, daß die Kirche im frühen Mittelalter noch immer einiges tun mußte, um die mehr oder weniger bekehrten Heiden von ihren alten Göttern und Kultbräuchen abzubringen. So wurde aus dem heidnischen Frühlingsfest ein »Hexensabbat«. Einst weise Frauen, Hain-Priesterinnen, Seherinnen und Wahrsagerinnen – nun böse Hexen, die über magisch-schädigende Kräfte verfügten und mit dem Teufel paktierten! Es entstand der Hexenglaube, der später zu den schlimmen Hexenverfolgungen und Hexenverbrennungen führte. Eine besonders verheerende Wirkung hatte die Schrift »Der Hexenhammer« (1489), in der eine Anleitung zum Auffinden und Foltern der vermeintlichen Hexen gegeben wurde. Unzählige Frauen wurden so im Laufe der Jahrhunderte gequält und getötet.

Nach altem Volksglauben konnten sich die Hexen eine Zaubersalbe bereiten, mit der sie sich einrieben, bevor sie in die Lüfte stiegen und dahinritten. Vielleicht sind wirklich viele, die dem alten Glauben nicht abschwören wollten, an geheimen Plätzen zusammengekommen, um eine Feier nach heidnischem Brauch abzuhalten. Einen gewissen Ruf als alte Kultstätten hatten neben abgelegenen Wiesen, Waldplätzen und anderen verschwiegenen Stellen vor allem einsame Anhöhen und Berggipfel überall im Land. Gern werden in diesem Zusammenhang der Ringberg am Tegernsee sowie das Walberla bei Forchheim am Rande der Fränkischen Schweiz genannt. Früher befanden sich auf manchen Bergplateaus Befestigungen oder Siedlungen, zum Beispiel keltische Oppida, wo sicherlich auch kultische Feiern abgehalten wurden. Die Tatsache, daß auf vielen dieser Berge Kapellen errichtet worden sind, deutet darauf hin, daß die alten Kultplätze häufig in christliche Andachtsstätten umgewandelt wurden.

Daß die Hexennacht noch immer lebendig ist und gefeiert wird, hängt natürlich auch mit der Wirkung der Walpurgisnacht in Goethes »Faust« zusammen. So nimmt die literarische Welt auch heute noch an dem mythisch-magischen Geschehen Anteil:

Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
Dort sammelt sich der große Hauf,
Herr Urian sitzt oben auf.

Die Namenspatronin der Walpurgisnacht, die heilige Walpurga, auch Walburga oder Waldburga (710-779), hat allerdings kaum etwas mit der nach ihr benannten Nacht zu tun. Sie war die Tochter eines angelsächsischen Edelmanns, wurde von Bonifatius nach Deutschland geholt und wirkte als Äbtissin des Klosters Heidenheim bei Eichstätt. An einem 1. Mai wurde sie für ihr segensreiches Wirken heiliggesprochen. So kam es, daß die Helferin bei Husten, Tollwut, Augenleiden und Beschützerin der Feldfrüchte ihren Namen für die wilde Nacht vom 30. April zum 1. Mai herleihen mußte. Ein tieferer Zusammenhang ist nicht belegt – es sei denn der, daß sie oft auch als Schutzheilige gegen Zauberei und Hexerei gesehen wird.

Hans Feist



17/2001