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Jahrgang 2008 Nummer 17

Walpurgis, die unheimliche Nacht der Hexen und Dämonen

Die Walpurgisnacht erinnert an die Hexenverfolgung

Zum Hexenmahl bitten die Teufel zu Tisch und servieren

Zum Hexenmahl bitten die Teufel zu Tisch und servieren
Zum Tanz mit dem Teufel spielt ein Geiger in der Baumkrone auf

Zum Tanz mit dem Teufel spielt ein Geiger in der Baumkrone auf
Die Hexe reibt sich mit einer Salbe ein und fährt auf dem Besenstiel durch den Kamin.

Die Hexe reibt sich mit einer Salbe ein und fährt auf dem Besenstiel durch den Kamin.
Die Nacht vom 30. April zum 1. Mai ist nach dem Volksglauben die Walpurgisnacht. In dieser Nacht, so glaubte man, versammeln sich die Hexen an bestimmten Orten und feiern mit dem Teufel den Hexensabbat. Hier durften sie alles tun, was ihnen im bürgerlichen Leben und vor allem von der Kirche verboten worden war. Bei Schwarzen Messen wurde der Bund mit dem Teufel vollzogen. Für die Fahrt zum Hexensabbat bereitete sich die Hexe durch Einreiben mit einer Salbe vor. Die erhaltenen Rezepte lassen es heute noch nachvollziehbar erscheinen, dass dadurch halluzinatorische Wirkungen mit Flugvorstellungen hervorgerufen werden konnten.

Der bekannteste Treffpunkt der Hexen mit dem Teufel war der Blocksberg im Harz. Daneben gab es noch viele andere, als Hexen-Hausberge bekannte Orte, wie das Walberla bei Forchheim, die Scharnitzer Klause bei Mittenwald und der Ringberg am Tegernsee. Im Chiemgau ist an den Hexentanzplatz auf der Kampenwand und an die Hexeneiche bei Otterkring nahe Prien zu denken.

Wenn von Hexen und dem Teufel die Rede ist, denkt man zunächst an Märchen und Sagen, in denen der Teufel und die ihm ergebenen Hexen die Menschen traktieren. In einer Chiemgauer Sage kämpft der Teufel am Petersberg bei Flintsbach mit dem auf Erden weilenden hl. Petrus. Als Petrus den Teufel mit Gottes Hilfe besiegt hatte, legte er den Grundstein für die Kapelle auf dem Petersberg. Märchen und Sagen sind Zeichen dafür, dass die Erinnerung an die böse Zeit der Hexenverfolgung noch heute im »Gedächtnis« des Volkes erhalten geblieben ist.

Seltsame Bräuche der Walpurgisnacht erinnern daran, wie sich die Menschen früher vor den in dieser Nacht herumgeisternden Hexen zu schützen wussten. So ist das an der Stalltür des Bauernhofs angebrachte Hufeisen aus dem Trudenfuß entstanden. Der verkehrt an der Stalltür angelehnte Besen sollte die Tiere vor den Hexen schützen. Im Fränkischen gab es noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Brauch, dass die Burschen in der Walpurgisnacht mit Peitschen auf die Felder zogen, um die Hexen zu vertreiben.

Sagen und Brauchtum sind Zeugnisse dafür, dass die böse Zeit der Hexenverfolgung noch nicht vergessen ist. Die Hinrichtung von unschuldigen Menschen als Hexen oder Zauberer ist durchaus nicht nur dem finsteren Mittelalter zuzurechnen. 1775, also vor gut 200 Jahren, als Goethe und Schiller ihre Werke verfassten, wurde in Kempten die letzte Frau als Hexe verurteilt und verbrannt. Wie in anderen Ländern Europas sind auch in Deutschland Tausende unschuldiger Menschen dem Hexenwahn zum Opfer gefallen. So ist die Walpurgisnacht ein sinnvoller Anlass nach den historischen Hintergründen der Hexenverfolgung zu fragen.

Der Ursprung des Hexenwahns

Der Hexenwahn hatte seinen Ursprung in der Verfolgung der Katharer, einer in Südeuropa im 12. Jahrhundert verbreiteten Sekte. Sie strebte die Überwindung des Bösen durch Askese an und lehnten Papsttum, Hostienverehrung und die Taufe ab. So beschloss die Kirche ihre Ausrottung. Die »Ketzer« wurden mit Prozessen überzogen, in denen ihnen durch die Folter Geständnisse abgepresst wurden. Den Überführten erwartete der Feuertod auf dem Scheiterhaufen.

Das bei der Verfolgung der Katharer praktizierte Verfahren kam später auch bei der Hexenverfolgung zur Anwendung. Aus dem Jahre 1275 gibt es eine Aufzeichnung über einen von den Dominikanern geführten Hexenprozess. Eine 56-jährige, anscheinend geistesgestörte Frau gestand, im Umgang mit dem Teufel ein Monstrum empfangen zu haben, oben Wolf unten Schlange, zu dessen Fütterung sie kleine, auf nächtlichen Streifzügen gefangene Kinder benutzt habe. Sie wurde als Hexe verurteilt und verbrannt.

Hexenbulle des Papstes Innozenz

Papst Innozenz VIII. hat in seiner Bulle vom 5. Dezember 1484 die Verfolgung der vom Teufel Besessenen legalisiert. Die Inquisitoren Heinrich Institoris und Jakob Sprenger, beide Dominikaner-Mönche, hatten den Papst auf die unhaltbaren Zustände der Verhexung vieler Menschen in Deutschland hingewiesen. Sie waren damit die eigentlichen Initiatoren der verhängnisvollen Bulle, in der sie mit der Vollmacht autorisiert wurden, das Volk zu belehren und gegen die Hexerei vorzugehen.

Die päpstliche Bulle von 1484 war nun Grundlage unzähliger Verfolgungen. Nachdem die erste Welle um 1500 abgeklungen war, kam es um 1600 in Süddeutschland zu einem Höhepunkt der Verfolgung. Das Ende des 15. Jahrhunderts, das als Ende des Mittelalters gilt, ist eine Zeit des Umbruchs im geistigen und im sozialen Bereich. Als Eckdaten stehen hierfür die Entdeckung Amerikas 1492, die Verbreitung der Buchdruckerkunst um 1500, der Thesenanschlag Luthers 1517 in Wittenberg und der Einzug des Humanismus in Deutschland mit Hutten und Melanchthon. Die durch den Umbruch ausgelöste Unsicherheit förderte den Aberglauben und erwies sich als idealer Nährboden für den Hexenwahn.

Der Hexenhammer, das Teufelswerk der Dominikaner

Auf Grund ihrer päpstlichen Vollmacht verfassten die beiden Dominikaner den Malleus maleficarum, der Hexenhammer. Das Buch umfasst drei Teile. Im ersten Teil wird der Bund des Teufels mit den Hexen beschrieben. Vorangestellt wird der Lehrsatz, dass die größte Ketzerei die Leugnung von Hexen und Teufel sei. Dann folgt die Lehre vom Bund der Hexen mit dem Teufel, aus dem immer wieder neue Ungeheuer und Dämonen hervorgehen würden. Der Macht des Teufels sind nach Ansicht der Verfasser vor allem die Frauen ausgeliefert.

Im zweiten Teil werden die Arten von Schadenszauber beschrieben, wie Hagel, Unwetter und Krankheit herbeigezaubert werden. Dann gehen die Verfasser auf die kirchlichen Heilmittel gegen die Zauberei ein, wobei sie wieder ihre eigenen Erfahrungen beim Aufspüren von Teufelsbuhlschaft und Hexerei herausstellen. Der dritte Teil behandelt das gerichtliche Verfahren. Im Gegensatz zum bisher geltenden Akkusationsverfahren, in dem von der Anklage der Nachweis für die Verdächtigung zu erbringen war, gilt nun die Inquisition. Der Denunziant beschwört die Wahrheit der eigenen Aussage. Er selbst bleibt in der Regel anonym. Selbst wenn sich seine Aussage als falsch erweisen sollte, wird er nicht weiter belangt.

War nun der Hexenhammer eine auf kirchlichem Recht beruhende Grundlage, so bedurfte es zur öffentlichen Rechtfertigung auch noch eines weltlichen Gesetzes. Das war die Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507, die den Tatbestand der Ketzerei und der Zauberei und die dafür vorgesehenen Strafen festlegte. Verfasser war Johann Freiherr von Schwarzenberg, der Hofmeister des Bamberger Bischofs. Bamberg hatte durch die Vollstreckung außerordentlich vieler Hexenurteile eine traurige Berühmtheit erlangt. Die Bamberger Bischöfe hatten als Hexenbrenner einen verheerenden Ruf. Schwarzenberg ging nun daran, für die Untaten des Herrn eine rechtliche Grundlage zu schaffen. Ihr folgte gerade 25 Jahre später die peinliche Gerichtsordnung Karls V., die wesentliche Texte des Bamberger Gesetzes übernahm. 1532 wurde sie auf dem Reichstag in Regensburg sanktioniert und war seither als Reichsrecht allgemein gültig.

Die Frau als geborene Hexe

Der Bund des Teufels mit der Hexe steht im Hexenhammer im Vordergrund. Die Frau trägt die Eigenschaften einer Hexe in sich. Das lateinische Wort femina lässt nach der Ansicht der Verfasser die Auslegung fides minima, also weniger Glaube, zu. Damit wurden auf die Frau als prädestinierter Hexe alle Untaten projiziert, die die männliche Phantasie einer Frau zuzuschreiben wusste. Als Autoritäten für diese Annahme gelten die Kirchenlehrer Augustinus und Thomas von Aquin, die den Pakt der Menschen mit den Dämonen geprägt haben. Von der Hexenverfolgung waren die Frauen mit einem Anteil von 80 % am stärksten betroffen.

Dem sich so austobenden männlichen Hass lag die Vorstellung zu Grunde, dass die Erbsünde durch Eva in die Welt gekommen ist. Die Frau ist schon in der Genesis die große Verführerin. Sie ist nach der heiligen Schrift dem Manne untergeordnet und führt damit im patriarchalischen Mittelalter hinter dem Mann ein zweitrangiges Leben. Sie hatte keinen Zugang zu den Universitäten und war allgemein auf Berufe beschränkt, die in der Männerwelt von Haus aus als suspekt galten. Die Kräuterfrau und die Hebamme waren Trägerinnen von geheimem Wissen über Geburtenkontrolle und über Randbereiche der Heilkunst, so dass oft der Neid der Ärzte herausgefordert wurde.

Die Inquisition, ein Werk der Verleumdung

Die Inquisition, das von der Kirche organisierte Ketzergericht, wurde im 16. Jahrhundert als weltliches Gerichtsverfahren auf der Grundlage der Carolina und der Halsgerichtsordnung durchgeführt. Die Hexe wurde durch Ordensleute aufgespürt, die bald eine ausgereifte Praxis entwickelten, wo ein Verdacht bestand, dass Schadenszauber durch Hexen verursacht sein könnte. Einmal waren es Katastrophen wie Unwetter, Missernten oder Seuchen, die den Ruf nach der Hexe laut werden ließen oder es fanden sich Neider, die nur einen Grund suchten, dem Nachbarn eines auszuwischen. Und Gründe mag es genug gegeben haben.

Die Verurteilung der Hexen wurde auch durch wissenschaftliche Gutachten untermauert. Die Gedankengänge dieser Gutachten lassen sich, freilich unter Hintansetzung logischer Grundsätze, wie folgt rekonstruieren: Für unerklärliche Naturereignisse suchte man zunächst eine Erklärung, die nach Möglichkeit im menschlichen Einflussbereich lag. Missernten mussten in den Sünden der Menschen ihre Ursachen haben. Für die Sünden bestrafte Gott die Menschen und gab dem Teufel die Erlaubnis, diese Strafe zu vollstrecken. Der liebe Gott sollte für die Bestrafung nicht direkt verantwortlich gemacht werden.
Der Teufel als der Urheber des Bösen

Der Teufel suchte dafür ein geeignetes Objekt, eben die Hexe, die er verführt und sich hörig machte. Sie wird in seinem Namen durch ihre Zauberei den Schaden stiftete. Der Schadenszauber ist also nicht allein als eigenverantwortliche Tat der Hexe anzusehen. Der Teufel hat von der Hexe körperlich Besitz ergriffen. Sie wird damit zum Dreh- und Angelpunkt des Geflechtes von Schuld und Sühne. Der Schluss liegt nahe, dass allein an diesem Punkt das Übel zu kurieren ist. Die Hexe muss brennen, dann ist die Verstrickung von Schuld und Sühne gelöst.
Wenn nun die Hexe aufgespürt ist, wird sie, nach ihrer Täterschaft im Pakt mit dem Teufel befragt, diese leugnen. An ihrem Leugnen ist der Teufel beteiligt. Mit der Folter muss also auch der Widerstand des Teufels, der von der Hexe körperlich Besitz ergriffen hat, überwunden werden. Das Leugnen der Hexe erscheint daher ebenso erklärlich wie die Notwendigkeit der Folter zum Brechen des vom Teufel diktierten Widerstandes.

Verfolgungen erfolgten zeitlich nicht ohne Unterbrechungen. Untersuchungen haben aber einen zeitlichen Zusammenhang zwischen Naturkatastrophen wie Ernteausfällen und Epidemien und Verfolgungen eindeutig nachgewiesen. Die Initiative zur Einleitung von Hexenprozessen ging dabei entweder von den Einwohnern einer Gemeinde oder von der Obrigkeit aus. So schlug 1601 der Hofrat von München, veranlasst durch eine Missernte und eine dadurch ausgelöste Hungersnot, die Abhaltung einer Hexenverfolgung vor.

Das durch die Folter erpresste Geständnis

Die in verschiedenen Museen, u. a. in der Burg von Burghausen, ausgestellten Folterwerkzeuge lassen uns auch heute mit Schaudern auf das blicken, was abgrundtiefe, sadistische Phantasie sich ausgedacht hat, um Menschen Leid zuzufügen. Hier seien nur einige dieser Instrumente vorgestellt: Auf einem, mit stumpfen Stacheln versehenen, Stuhl wurde die Hexe festgebunden. Am Zug wurden dem Beschuldigten die Hände auf den Rücken gebunden und an einem Seil befestigt. Das Seil wurde dann über eine Kurbel mit dem frei in der Luft Schwebenden hochgezogen. Die Vorrichtung erlaubte es auch, den Gemarterten mehrmals zu Boden schnellen zu lassen, um ihn dann gemächlich wieder nach oben zu ziehen.

Um die Wirkung der Folter noch zu verstärken, konnten Gewichte oder Steine an den Füßen angehängt werden, um die Glieder noch qualvoller auseinander zu ziehen. Nach Berichten mussten Menschen diese Qualen eine Stunde und noch länger aushalten. Eine dem Zug ähnliche Vorrichtung war die Streckbank. Hier wurden dem Gemarterten die Glieder im Liegen auseinander gezogen. All diese Streckinstrumente boten die Möglichkeit, den Gefolterten in dieser schmerzpeinigenden Haltung längere Zeit verharren zu lassen.

Die Verbrechen der Hexen

Welcher Art waren nun die Verbrechen, die den Hexen zur Last gelegt wurden und deren Geständnis durch die Folter erpresst wurden? Als typische Beschuldigung einer Hexe galt deren Auffahrt zum Blocksberg, auf dem vornehmlich in der Walpurgisnacht der Hexensabbat gehalten wurde. Dafür bereitete sich die Hexe durch Einreiben mit einer Salbe vor. Das erhaltene Rezept lässt es heute noch nachvollziehen, dass halluzinatorische Wirkungen mit Flugvorstellungen dadurch hervorgerufen werden konnten. Am Blocksberg fand also eine vom Teufel inszenierte Party statt, bei der die, aus vielen Orten, angeflogenen Hexen all das tun durften, was ihnen in ihrer bürgerlichen Existenz vor allem durch die Kirche verboten war. Es wurden Schwarze Messen gefeiert, bei denen der Bund mit dem Teufel rituell vollzogen wurde. Das verkehrte Kreuz bringt Fluch statt Segen. Der Kessel, in dem sonst Nahrung bereitet wird, wird zum Giftkessel.

Der Teufel erscheint in der Vorstellung der Menschen im Mittelalter in konkreter menschlicher Gestalt. Dem Gott, der nach christlichem Glauben in dieser Welt real gegenwärtig ist, steht der personifizierte Teufel gegenüber. Das eigentliche Anliegen der Hexenverfolgung war der Kampf gegen den Teufel, der sich der Hexe als Werkzeug bemächtigt hatte.

Die Aufklärung, das Ende der bösen Geschichte

Das Ende der bösen Geschichte war erst der Aufklärung zu verdanken. Im 18. Jahrhundert kam die Ansicht zum Durchbruch, dass die Vernunft die Gestaltung eines menschenwürdigen Lebens fördere. Dabei fanden sich mutige Männer, die der Vollstreckung der auf reinen Wahnvorstellungen beruhenden Todesurteile entgegentraten. Zu ihnen gehörte der Arzt und Schriftsteller Johann Weyer ebenso wie der bedeutendste Widerstandskämpfer gegen die Hexenverfolgung, der Jesuit Friedrich Spee. Er war von seinem Orden als Beichtvater verurteilter Hexen eingesetzt worden. Die unmittelbare Erfahrung des persönlichen Leides unschuldiger Menschen ließ ihn nicht mehr ruhen. 1631 schrieb er ein Buch »Prozesse gegen die Hexen«, das er anonym veröffentlichte.

Mit dem von Friedrich dem Großen erlassenen Mandat vom 13.01.1714 zeichnete sich das Ende der Hexenverfolgung ab. Auch noch danach gab es vereinzelt Hexenbrände in Deutschland. Der letzte war der von Kempten 1775, dem Anna Maria Schwägelin zum Opfer fiel. Damit wurde ein Schlussstrich unter das Leid von Tausenden von unschuldigen Opfern eines Wahns gezogen, der als größte Massenvernichtung von Menschen aus religiösen Gründen außerhalb von Kriegen gilt. Dafür dass der Teufel auch heute noch nicht ausgetrieben ist, gibt es viele aktuelle Beispiele. So ist ein Nachdenken über die Walpurgisnacht und ihre Ursprünge auch heute noch zeitgemäß.

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur: Paul Ernst Rattelmüller »Bayerisches Brauchtum im Jahreslauf« Süddeutscher Verlag; Schinzel-Penth »Sagen um Chiemgau und Rupertigau« Ambro Lacus Verlag.



17/2008