Jahrgang 2009 Nummer 7

Vor neunzig Jahren – Revolution in Bayern 1918/19

Kriegsende, Sturz der Monarchie, Rätebewegung: Traunstein in bewegter Zeit

Volkswehr Chiemgau 1919. (Fotos: Aus Gerd Evers: »Ich habe doch nichts als meine Pflicht getan«)

Volkswehr Chiemgau 1919. (Fotos: Aus Gerd Evers: »Ich habe doch nichts als meine Pflicht getan«)
Plakat vom 7. April 1919

Plakat vom 7. April 1919
Die rote Fahne am Rathaus

Die rote Fahne am Rathaus
Das neue Jahr ist ein Jahr der Erinnerung. Im Zehn-Jahre-Rhythmus fanden im letzten Jahrhundert schwerwiegende geschichtliche Ereignisse statt, deren weitreichende Folgen bis heute spürbar sind.

1919 konstituierte sich nach dem Sturz der Monarchie am Ende des Krieges die erste deutsche parlamentarische Demokratie durch allgemeine Wahlen und eine auf Grundrechten basierende Verfassung.

Zehn Jahre später beendete die Weltwirtschaftskrise die ökonomische und politische Stabilisierung der Weimarer Republik und leitete den Übergang des demokratischen Systems in den Totalitarismus ein.

1939 entfachte die nationalsozialistische Aggressionspolitik den zweiten Weltkrieg und schuf zugleich nach und nach die strukturellen Voraussetzungen für die rassistische Vernichtung der Juden.

Im Jahre 1949 entstanden auf dem Boden des ehemaligen deutschen Reiches mit der Bundesrepublik und der DDR zwei ideologisch gegensätzliche deutsche Staaten, die die Spaltung Europas und der Welt in der Zeit des Kalten Krieges veranschaulichten.

Die Jahre 1959 und 1969 brachten einschneidende Ereignisse für die innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik. Das Godesberger Programm bedeutete die Abwendung der SPD vom sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell und die Entwicklung zur Volkspartei. Die SPD wurde zunehmend auch für die bürgerliche Mittelschicht wählbar und damit mehrheitsfähig. 1969 löste die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt die Ära der CDU-geführten Regierungen ab. Vor allem in der Ostpolitik zeigte sich danach die Bedeutung dieses Regierungswechsels.

Das Jahr 1989 brachte bekanntlich die Wende der Internationalen Beziehungen und das Ende des Kalten Krieges. Die Berliner Mauer fiel und mit ihr zerbrach die Führungsrolle der SED im ostdeutschen Staat. Die Voraussetzungen waren damit geschaffen für die deutsche Wiedervereinigung.

Es gibt also hinreichend Grund, sich der historischen Entwicklungen zu erinnern, die der politisch Interessierte gerne zum Vergleich mit heutigen Ereignissen heranzieht: Wirtschaftskrise, politischer Extremismus, Kriegsgefahr und Friedenssicherung, Verfassungs- und Parteiengeschichte.


Herbst 1918: Das Ende kam schnell und in dieser Form unerwartet. Noch standen die deutschen Truppen jenseits der Reichsgrenzen in Feindesland. »Im Felde unbesiegt« hieß es später. Und dennoch hatte die Oberste Heeresleitung der Regierung klar gemacht, dass ein unverzüglicher Waffenstillstand erforderlich war. Eine neue Regierung unter Prinz Max von Baden wurde gebildet, die sich auf die Parlamentsmehrheit von Zentrum, SPD und Fortschrittspartei stützte. Der Weg zur parlamentarischen Monarchie war damit eingeleitet, Ende Oktober wurde die Mitbestimmung des Reichstages auch verfassungsrechtlich verankert. Die längst überfälligen Reformen kamen jedoch zu spät. Denn gegen die Fortsetzung des Krieges wehrten sich Arbeiter und Soldaten und schufen in den Arbeiter- und Soldatenräten ihre eigenen Machtorgane. Am 9. November 1918 gab Prinz Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers bekannt und überließ die Regierungsgeschäfte dem Führer der gemäßigten Sozialdemokratie Friedrich Ebert. Die neue provisorische Regierung aus rechten und linken Sozialdemokraten nannte sich »Rat der Volksbeauftragten« und machte sich daran, die Folgen der Niederlage in den Griff zu kriegen: Kapitulationsverhandlungen, Volksernährung, Rückführung der Soldaten. Und natürlich sollte Ordnung geschaffen werden in der chaotischen Gemengelage von alten und neuen Machtorganen. Unklar war jedoch, wohin die verfassungsrechtliche Reise gehen sollte: Rätesystem oder Parlamentarische Demokratie? Nur eines war überraschend schnell geklärt: die Monarchie hatte abgedankt, nicht nur gegen den Willen des Kaisers, sondern auch zum Unwillen mancher gemäßigter Sozialdemokraten. Kaiser Wilhelm II. war ins Exil vertrieben, die Republik wurde ausgerufen, und das sogar zweimal: zuerst verkündete Philipp Scheidemann die Geburt der deutschen Republik und nur Stunden später proklamierte Karl Liebknecht die sozialistische Republik.

Die Rivalität der Systeme zog sich einige Zeit hin, wurde innerhalb der Regierung und im Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte ausgetragen, verschärfte sich schließlich im Spartakus-Aufstand zum gewaltsamen Konflikt, bis der Volksbeauftragte und spätere Reichswehrminister Gustav Noske den »Bluthund« spielte und die aufständischen Spartakisten mit Hilfe der Reichswehr und von Freikorps in ihre Grenzen verwies, »Kollateralschäden« inbegriffen wie die Ermordung der Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Das Volk gab bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 den Segen zur Absage an linke Räteexperimente und zur Etablierung einer repräsentativen Demokratie, die auf jegliche radikale Abrechnung mit den traditionellen gesellschaftlichen Strukturen verzichtete und sich machtpolitisch auf einen Militärsektor stützte, der sich der demokratischen Idee verweigerte und sich nur nach eigener Entscheidung einer vagen Staatsidee verpflichtet fühlte.

In Bayern hatte Ludwig III. schon am 8. November auf den Thron verzichtet. Der Freistaat Bayern wurde ausgerufen und eine revolutionäre Regierung unter dem Unabhängigen Sozialisten Kurt Eisner installiert, gestützt von den beiden sozialdemokratischen Parteien und dem Bauernbund. Die Wahlen zum verfassungsgebenden bayerischen Landtag am 12. Januar 1919 brachten der gemäßigten Sozialdemokratie und den bürgerlichen Parteien eine klare Mehrheit.

Wie auf der Reichsebene schien damit auch im Freistaat Bayern der Weg in einen parlamentarischen Staatsaufbau geebnet. Doch die Ermordung Kurt Eisners und das nachfolgende Attentat auf den Vorsitzenden der bayerischen SPD Erhard Auer führten zur Radikalisierung der revolutionären Kräfte und zur Doppelherrschaft des von Ernst Niekisch geleiteten Zentralrates und der vom Landtag gewählten Koalitionsregierung unter dem SPD-Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann. Mit der Ausrufung der ersten bayerischen Räterepublik am 7. April 1919 trat der Konflikt zwischen den konkurrierenden Systemen in die entscheidende Phase. Das Rätesystem vertritt unter dem Slogan »Alle Macht den Räten« das Prinzip der Gewalteneinheit sowie den Grundsatz der umfassenden Verantwortlichkeit der vom Volk gewählten Räte, die daher jederzeit wieder abberufen werden können. Dagegen stützte sich die Regierung Hoffmann auf den Rückhalt der Parlamentsmehrheit, ihre Legitimation bezog sie also aus dem Repräsentativprinzip, ihre Machtstellung unterlag den Grenzen der Gewaltenteilung.

Von Bamberg aus organisierte die Regierung Hoffmann den Widerstand gegen die Münchner Räterepublik, in der schon nach wenigen Tagen die Kommunisten unter Eugen Levine und Max Levien die Macht übernommen hatten. Die geschmähte »Scheinräterepublik« war durch die kommunistische Räterepublik abgelöst.

In einem blutigen Bürgerkrieg standen sich nun Regierungstruppen und Freikorps auf der einen Seite und die »Rote Armee« unter ihrem Kommandanten Egelhofer(1) auf der anderen Seite gegenüber. Am 2. Mai wurde die Räteherrschaft in München gewaltsam beendet, ihre Vorkämpfer wurden inhaftiert bzw. hingerichtet, Bayern entwickelte sich zur »Ordnungszelle«.

Wie aber erlebte die bayerische Provinz außerhalb Münchens den Umsturz der Monarchie und die Revolutionszeit bis zur Niederschlagung der Räterepublik durch die »Weißen Truppen« im Mai 1919? Was geschah in Traunstein und Umgebung während der revolutionären Ereignisse?

Die Nachrichten über die Ereignisse in München im November 1918 hatten vor allem Unsicherheit erzeugt. Man befürchtete Unruhen, sogar Bürgerkrieg; die Versorgung der Traunsteiner städtischen Bevölkerung war ungesichert; eine Neuordnung des Militärwesens war unvermeidlich. Dass König Ludwig III. nach seinem Sturz angesichts der gegebenen Lage alle Beamten, Offiziere und Soldaten vom Treueid entband, ermöglichte es den städtischen Behörden, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen und in die Ereignisse einzugreifen. Im Bewusstsein, dass die revolutionäre Umwälzung von der Monarchie zur Volksherrschaft unumkehrbar war, erklärte der Stadtmagistrat seine Bereitschaft, die neue revolutionäre Regierung Eisner zu unterstützen, und half am 11. November 1918 bei der Konstituierung des Arbeiterrates, dessen Vorsitz der Sozialdemokrat Franz Kattan übernahm. Am gleichen Tage wurde endgültig auch im Gefangenenlager und Grenzschutzbataillon ein Soldatenrat gewählt, wenige Tage später ein Bauernrat.

Die neuen Organe wurden vom Stadtmagistrat eingebunden in einen gemeinsamen innerstädtischen Sicherheitsausschuss, dessen Aufgabe es war, Sicherheit, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten und den Schutz des Eigentums zu gewährleisten. Die Beteiligung des Traunsteiner Grund- und Hausbesitzervereins in diesem Ausschuss verdeutlicht die latenten Befürchtungen des bürgerlichen Mittelstandes.

Verbreitet war die Überzeugung, dass das Nebeneinander der traditionellen und revolutionären Gewalten nur einen Übergangszustand darstellen konnte und dass die endgültige verfassungsmäßige Ordnung des neuen Volksstaates durch eine Nationalversammlung bestimmt werden müsste:

»Wir akzeptieren den gegenwärtigen Zustand nur unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass es sich um einen kurzen Übergangszustand bis zur baldigsten Einberufung einer deutschen Nationalversammlung handelt. Die jetzige Regierung ist nur provisorisch, darf nur provisorisch sein und hat die Aufgabe, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, Frieden zu schließen, die Volksernährung zu sichern und die Demobilmachung so gut als eben möglich durchzuführen....... Von den Wahlen wird dann auch die Zusammensetzung der künftigen deutschen Regierung abhängen. Sie, nicht die Arbeiter- und Soldatenräte, wird es sein, welche die Grundlagen des neuen Deutschland verfassungsmäßig unter der Mitarbeit aller Klassen, Schichten und Parteien des deutschen Volkes aufzurichten haben wird. Für eine Klassenherrschaft darf nirgends weniger Platz sein als in einem freien Volksstaate und wir wollen der Diktatur von oben nicht entkommen sein, um einer Diktatur von unten anheim zu fallen.«(2)

Bei den Landtags- und Reichstagswahlen im Januar 1919, bei denen zum ersten Male auch die Frauen ihr neu erworbenes Wahlrecht ausübten, konnte die Bayerische Volkspartei (BVP) im Stadtbereich und im Landkreis Traunstein die meisten Stimmen gewinnen, in der Stadt knapp vor der SPD, im Kreis vor dem Bayerischen Bauernbund. Eindeutig war die Ablehnung jeglicher extremistischer Position und die Unterstützung der bürgerlichen Parteien und der gemäßigten Sozialdemokraten.(3)

Die Ermordung Eisners und das Attentat gegen Auer versetzten die Stadt in helle Aufregung und brachten erneut Verwirrung unter den politischen Kräften. Die einen befürchteten den Ausbruch einer Gegenrevolution, die anderen eine Radikalisierung der Revolution. Das Traunsteiner Wochenblatt richtete einen Appell an die in der Stadt stationierten Soldaten: »Ruhig Blut! Gewalt darf niemals vor Recht gehen. Darum verabscheuen wir den Meuchelmord unter allen Umständen, an Eisner ganz besonders. Wer nur sein Bild betrachtet (in unserem Schaufenster ist es zu sehen), musste zur Überzeugung kommen, dass er kein Abenteurer war und dieses Ende nicht verdient hat. Wir sind auch unter allen Umständen gegen jeden Versuch einer Gegenrevolution. Wir hoffen, dass eine Einheitsfront in Bayern auf sozialistischer Grundlage zustande kommt. Nur jetzt keine Missverständnisse! Keine Politik auf eigene Faust! Keine Gewalttätigkeiten! Vertraut dem Arm der Gerechtigkeit! Halt vor dem Abgrund des Bürgerkrieges! Wartet ab, was der Landtag beschließt! Lasst die neue Regierung reden!«(4)

Bürgermeister Dr. Vonficht bemühte sich um Aufklärung und Verständigung. Die Rote Fahne wurde am Rathaus gehisst zum Zeichen, dass keine monarchistischen und reaktionären Bestrebungen im Gange waren, und auf Plakaten wurde erneut zur Besonnenheit und Ruhe aufgerufen. Der Soldatenrat verpflichtete sich schließlich erneut zum Schutz der Stadt und zur Neutralität gegenüber Zentralrat und Regierung. Auch in dieser zweiten Phase der Revolution blieb die Einflussnahme der Räte auf das Informations- und Vorschlagsrecht beschränkt, die exekutiven Entscheidungen und Maßnahmen wurden weiterhin innerhalb der Stadt von den städtischen Kollegien getroffen. Das Misstrauen zwischen den politischen Kräften aber blieb bestehen und steigerte sich noch nach der Ausrufung der bayerischen Räterepublik, der sich unter anderem Rosenheim umgehend anschloss.

Schon vor dem Attentat auf Eisner hatte Bürgermeister Dr. Vonficht ehemalige Feldzugsteilnehmer zum Beitritt in eine staatliche Volkswehr aufgefordert. Anfang April stimmten der Traunsteiner Magistrat und der Arbeiterrat der Bildung einer örtlichen Bürgerwehr zu und gaben den Auftrag zur Beschaffung von Waffen und Munition. Der spätere Erinnerungsbericht einiger Mitglieder der Traunsteiner Einwohnerwehr erzählt von der geheimen Operation, in der 500 Gewehre, 4 Maschinengewehre, 5 Pistolen mit jeweilig zugehöriger Munition und eine Kiste Handgranaten von Straubing nach Traunstein geschafft wurden: Die Waffen wurden »in einen Waggon verladen, der plombiert als Ladung ‘landwirtschaftliche Maschinen’ zum Bahnhof rangiert wurde. Zur Sicherung wurden uns zwei geladene Pistolen ausgehändigt. Bei unserer Ankunft auf dem Bahnhof Straubing waren bereits der Bahnhofvorsteher und der Fahrdienstleiter unterrichtet. Der Wagen wurde an den fahrplanmäßigen Personenzug Richtung Garching-Trostberg angehängt.«

In Trostberg versuchten Arbeiter der Stickstoffwerke, die gerüchteweise von dem Waffentransport gehört hatten, den Zug am Bahnhof zu stoppen. Der Bericht fährt fort: »Der Lokomotivführer und der Heizer wollten nicht mehr und vom Bahnhof her kamen schreiende Menschen. Nach einer kurzen unmissverständlichen Haltung unsererseits blieb den beiden nichts anderes übrig als weiterzufahren. Die Menschenmenge stob auseinander und wir verschwanden in der Dunkelheit. ... Alles ging dann lautlos und schnell. Der Waggon wurde (der Verf.: in Traunstein) abgehängt und von einer Lokomotive auf das Gleis der Kreiller Lagerhalle rangiert. Dort warteten schon unsere Freunde in der Dunkelheit. Die Waffen wurden auf einen Bauernwagen geladen und auf der Fahrt nach Haslach unauffällig gesichert. In einer Stunde war der ganze Spuk vorüber. Am nächsten Tag gingen wir wieder unserer gewohnten Arbeit nach.«

Den entscheidenden Anlass, aktiv zu werden, gab die Befürchtung, dass sich die Traunsteiner Garnison – getrieben und unterstützt von Rosenheimer radikalen Revolutionären, die bereits einen Transportzug bereit hielten – der Räterepublik anschließen könnte. Der gemäßigte und mit den städtischen Behörden kooperierende Bataillonsleiter Voll war von radikalen Soldatenräten abgesetzt worden und sollte dem Revolutionstribunal in München überstellt werden. Zudem hatte eine Delegation des Traunsteiner Soldatenrates aus München einen Befehl Egelhofers, des Oberkommandierenden der Roten Armee, mitgebracht, demzufolge das Bataillon sämtliche Macht in Traunstein an sich reißen und aus den Reihen der Bürger Geiseln nehmen solle.

Diese Gefährdung der eigenen Sicherheit zwang die Mitglieder der Einwohnerwehr zum Einschreiten. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1919 überwältigten und entwaffneten sie den Grenzschutz, nahmen einzelne verdächtige Spartakisten in Haft und beendeten somit am Tag der Eroberung Münchens durch Reichswehr und Freikorps die Phase der unvollendeten Revolution in Traunstein.

Der Zeitzeugenbericht schildert die Ereignisse folgendermaßen: »Am 2. Mai früh 2 Uhr versammelten wir uns im Angerbauerhof. Nachdem die bewaffneten Bauern vom Hochberg, Haslach, Vachendorf und Erlstätt zu uns gestoßen waren, legten wir den Rütlischwur ab und marschierten in geschlossener Formation Richtung Stadt. Unterwegs zweigten die einzelnen Trupps ab, während der Haupttrupp nach der Au zu weitermarschierte. Am Marktplatz unter der Laterne etablierte sich ein Arzt mit Verbandszeug und der Klebetruppe. Die Aktion wickelte sich wie am Schnürchen ab. Um 5 Uhr früh waren die Verhafteten unter Bewachung auf dem Wege nach Straubing, die Wache und das Wachhaus besetzt und der Grenzschutz im Salinengebäude entwaffnet. Der bereitstehende Arzt brauchte nur einen Schuss in den Oberschenkel eines Soldaten verbinden. Als die ersten Kirchgänger früh um 6 Uhr auf dem Wege zur Stadtpfarrkirche waren, prangten bereits die Plakate an den Hauswänden. Um dem Aufruf an die Bevölkerung den nötigen Druck zu verleihen, marschierte die Heimwehr, aufgeteilt in mehrere Trupps, durch die Straßen der Stadt.«

Der Kommentar des Traunsteiner Wochenblattes zu den nächtlichen Ereignissen endet mit einem programmatischen Bekenntnis zu einer bürgerlich demokratischen Gesellschaftsordnung: »Nun aber fort mit der Diktatur des Proletariats auch in München! Wir kennen nur noch gleichberechtigte Staatsbürger, Mitglieder der bürgerlichen demokratischen Weltordnung, oder, wenn man lieber will, freie Arbeiter der Hand und des Kopfes im freien Staat. Für Kommunisten aber ist kein Platz, soweit die deutsche Zunge klingt.
Willkommen, deutscher Mai!«

Gerd Evers

Literatur:
Alfred Staller: »Die Einwohnerwehren von Traunstein und der Umgebung« in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau, 2006, S. 45 ff.
Gerd Evers: »Traunstein 1918 bis 1945«, ein Beitrag zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Traunstein, Grabenstätt 1991. »Ich habe doch nichts als meine Pflicht getan«, eine Dokumentation zur politischen Geschichte Traunsteins 1918 bis 1949, Ising 2008.
Haus der bayer. Geschichte: »Revolution! Bayern 1918/19« in: Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur 37, München 2008.
Anmerkungen:
1 In manchen Dokumenten erscheint die Schreibweise Eglhofer
2 Traunsteiner Wochenblatt vom 16. November 1918
3 Eine genaue Übersicht über die Wahlergebnisse findet sich in »Traunstein 1918-1945«, 1991, S. 18 ff.
4 Traunsteiner Wochenblatt vom 22. Februar 1919



7/2009