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Jahrgang 2008 Nummer 21

Vor 75 Jahren traf der erste Urlaubersonderzug ein

Pfingsten 1933 begann der Aufstieg Ruhpoldings zum bekannten Tourismusort

Ankunft der Gäste in Ruhpolding: Mit Blasmusik wurden die »Fremden« am Bahnhof empfangen und die Vermieter warteten mit  allen m

Ankunft der Gäste in Ruhpolding: Mit Blasmusik wurden die »Fremden« am Bahnhof empfangen und die Vermieter warteten mit allen möglichen Transportmitteln, um das Gepäck in die meist noch bescheidene Unterkunft zu befördern.
Auch damals schon durfte die Werbung nicht zu kurz kommen: Der »Führer von Ruhpolding« aus dem Jahr 1935.

Auch damals schon durfte die Werbung nicht zu kurz kommen: Der »Führer von Ruhpolding« aus dem Jahr 1935.
Unvergesslich bleiben in Ruhpolding die »Touropa-Sonderzüge«, wie hier beim 25-jährigen  Jubiläum der »Dr. C. Degener Ferienzüge

Unvergesslich bleiben in Ruhpolding die »Touropa-Sonderzüge«, wie hier beim 25-jährigen Jubiläum der »Dr. C. Degener Ferienzüge nach Ruhpolding« im Jahr 1958.
Der Aufstieg Ruhpoldings an die Spitze der Fremdenverkehrsgemeinden in Oberbayern hat eine lange und interessante Geschichte, bei dem aber auch mancher Zufall, sowie der Mut und die Weitsicht vieler verantwortlicher Ruhpoldinger eine Rolle spielen. Richtig los ging es aber am Pfingstsonntag 1933, als eben der Zufall es wollte, dass der erste Urlaubersonderzug aus Berlin in den damals verträumten Ort im Tal der Weißen Traun rollt.

Betrachtet man aber die geschichtliche Entwicklung des Fremdenverkehrs in Ruhpolding darf man nicht übersehen, dass eigentlich die ersten Gäste im Miesenbacher Tal die bayerischen Herzöge waren. Sicherlich haben sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts nicht nur die wildreichen Jagdgründe bewegt, erst ein, dann noch ein zweites Jagdschloss hier zu bauen, sondern auch die landschaftlich reizvolle Lage des Ortes – also eben auch zur »Sommerfrische«. Im »neuen« Jagdschloss von Herzog Wilhelm V. von Bayern, das im Jahr 1587 fertig gestellt wurde, ist heute das Heimatmuseum untergebracht und dient für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über den Fremdenverkehr in Ruhpolding sind in einer Eingabe an die »Königliche Generaldirektion der Verkehrsanstalten um Errichtung einer Carriolpostverbindung zu der Bahnstation Traunstein« vom 8. November 1861 zu finden. In der Begründung ist zu finden: »Der Fremdenbesuch mehrt sich von Jahr zu Jahr«, ein Indiz dafür, dass Ruhpolding bei den »Sommerfrischlern« schon beliebt war. Einen weiteren Aufschwung erlebte dann Ruhpolding, als es 1895 mit einer Nebenstrecke an die schon 35 Jahre bestehende Kaiserin-Elisabeth-Bahn zwischen München, Salzburg und Wien angeschlossen wurde. Aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist überliefert, dass Gesellschaftsreisen, ja sogar erste »Wintersportfahrten« in das Miesenbacher Tal durchgeführt wurden. Außerdem weiß Hermann Weigand in seinen »Chiemgauer Kalendergeschichten« zu berichten »Wie Ruhpolding Badeort wurde«. Findige Wirte »insbesondere die Postwirte Doppler und Rechl, sowie der Gillitzer Anton vom Hotel Stockmeier zusammen mit dem Mostwirt Josef Zeller von Maiergschwendt« zogen im Ort einen geordneten Badebetrieb auf.

Doch es kamen auch schwere Zeiten auf den Tourismus zu. Zwar konnte Ruhpolding trotz der schlechten Gesamtwirtschaftslage im Jahr 1931 mit 38 000 Übernachtungen im Vergleich zu anderen gleichgroßen Fremdenverkehrsorten noch einen guten Besuch verbuchen. Da aber der Fremdenverkehr – damals wie heute – wie kein anderer Erwerbszweig von der Wirtschaftslage abhängig ist, brachte trotz aller Anstrengungen der Fremdenverkehr nicht den gewünschten Erfolg. 1932 kam es dann zu rückläufigen Übernachtungszahlen. Für den Rückschlag in unserem Gebiet waren aber nicht nur die allgemein schlechten Wirtschaftsverhältnisse verantwortlich, sondern vor allem die sich in zunehmendem Maße bemerkbar machende Konkurrenz Österreichs – und der für Urlauber günstige Umrechnungskurs zwischen Mark und Schilling tat sein Übriges.

Um den bayerischen Kurorten Entlastung zu bringen und um Österreich wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, hat dann im Frühjahr 1933 die nationalsozialistische Reichsregierung drastische Reisebeschränkungen erlassen. Jeder Deutsche hatte beim Grenzübertritt in das Nachbarland eintausend Reichsmark in die Staatskasse zu zahlen. Die »1000 - Marksperre« war in Kraft getreten«. Die Gruppenfahrten des Reisebüros Dr. Carl Degener in Berlin zählten zu den meistgekauften in Deutschland. Allein nach Golling im Salzburger Land brachte das Unternehmen 1932 fünftausend Gäste. Doch bereits im Frühjahr 1933 gingen Gerüchte über eine bevorstehende Grenzsperre um. Vorsorglich hielt darum Dr. Degener nach einem Ausweichort in Bayern Ausschau. Während einer Rückfahrt von Golling kam der Reisebüroinhaber in Landshut mit dem dortigen Bahnhofswirt Josef Lumberger, ein gebürtiger Ruhpoldinger, ins Gespräch und wurde von diesem auf die reizvolle Lage seines Heimatortes aufmerksam gemacht. »Wenn Du mal einen schönen Urlaub machen willst, dann fahr’ nach Ruhpolding«, soll der Wirt gesagt haben. Dieses Gespräch hatte für Ruhpolding ungeahnte Folgen. Und hier beginnt die eigentliche Erfolgsgeschichte von Ruhpolding, erinnert sich auch der frühere Kurdirektor Alf Gall.

Am 22. Mai 1933, wenige Tage vor Pfingsten, läutete im Wohnungsbüro beim Goldschmiedemeister Josef Kögl das Telefon. Am Apparat war Carl Degener. Er wollte wissen, ob das Dorf in der Lage sei, kurzfristig 500 Gäste aufzunehmen, ob es im Ort eine Blaskapelle gäbe und ob ein Heimatabend mit Schuhplattlerdarbietung möglich wäre. Zudem die Frage, ob man in Ruhpolding gewillt sei, laufend größere Reisegesellschaften aufzunehmen. »Die Anfrage von Degener hat damals einen Schock ausgelöst«, weiß Gall weiter zu berichten. Die Vorstandschaft des Verkehrsvereins unter Vorsitz von Sanitätsrat Dr. Peter Schiffer trat sofort zu einer Besprechung zusammen, zu der auch die Wirte einbestellt waren. Man ist sich bald einig und wenige Stunden später geht ein Telegramm mit den beiden denkwürdigen Worten nach Berlin: »Ruhpolding einverstanden«. In einem Artikel des Traunsteiner Wochenblattes vom 23. Mai 1953 anlässlich der 20. Wiederkehr der Ankunft des ersten Sonderzuges ist zu lesen: »Der Vorsitzende des Verkehrsvereins Dr. Schiffer begann mit einer fieberhaften Arbeit: Vermieter feststellen, Kofferträger finden. Musikkapelle her«. Am Pfingstsonntag 1933 kam der erste Sonderzug aus Berlin mit fast 400 Gästen, zusammen mit Dr. Degener, unter den Klängen der Musikkappelle auf dem Ruhpoldinger Bahnhof an. Nach alten Unterlagen im Privatarchiv des Altbürgermeisters und Hobbyhistorikers Herbert Ohl muss dies am 27. Mai gewesen sein. Mit Handkarren, Leiterwägen und angeblich sogar Schubkarren warteten die Vermieter auf die »Fremden«, um sie in Empfang zu nehmen und das Gepäck in die Quartiere zu transportieren.

Doch so einfach war der Massenansturm an Gästen dann doch nicht. Zwar gab es schon recht gute Privatzimmer, aber die hygienischen Zustände waren manchmal nicht das, was die Reisegäste erwarteten. Dr. Degener erhielt darum auch nicht wenige Beschwerden seiner Kunden. Auch die Männer des Verkehrsvereins erkannten die Mängel. Deshalb sollen sie nach einer Überlieferung den Reisebürobesitzer am Pfingstmontag in den Gasthof »Fritz am Sand« entführt haben, wo gerade das traditionelle Waldfest des Rauschberger Trachtenvereins stattfand. Die Schönheit der Landschaft, die urwüchsige Fröhlichkeit und die Aufgeschlossenheit der Bevölkerung überzeugten letztendlich Dr. Degener und die Gäste.

Doch in dem Zeitungsartikel ist weiter zu lesen: »Der Erfolg war für Dr. Degener Anlass, Ruhpolding ganz groß zu starten. Leipzig und Berlin, das waren die Brennpunkte der gewaltig einsetzenden Werbung. Allmählich spielte sich die Sache ein, die Sonderzüge kamen Sonntag für Sonntag, die Organisation wurde immer reibungsloser. 1934 baute man das Kurhaus. Aber für die wachsende Menge der Gäste wurde auch dieses im ersten Jahre zu klein und man musste es im gleichen Jahre noch umbauen und erweitern«. Nicht unwesentlich am Aufschwung und der zunehmenden Beliebtheit des Chiemgauortes trugen die von Dr. Degener durchgeführten Werbefahrten der Ruhpoldinger bei. Gleich die erste Fahrt nach Leipzig und Berlin im Herbst 1934 wurde ein Riesenerfolg. »A Hetz’ und a Gaudi« soll es gewesen sein, als die Ruhpoldinger vor 7000 begeisterten Berlinern in den »Zoosälen« einen Heimatabend durchführten, schrieb eine Berliner Zeitung. Nach dem Krieg traf im Mai 1949 wieder der erste Sonderzug ein. Es begannen die goldenen Jahre. Wieder kam der Antrieb von Dr. Carl Degener, der sich mit Hapag-Lloyd und dem Deutschen Reisebüro geschäftlich zusammen tat. Aus dieser Verbindung entstand später der erste große Reiseveranstalter »Touropa«.

Die Zeit der Sonderzüge ist in Ruhpolding vorüber. Heute kommen die Gäste meistens mit ihrem eigenen Auto. Die Erinnerung an die »Dr. Degener Ferienzüge« und die blauen Wagons des »Touropa – Ferien – Express« bleibt dennoch erhalten.

Hannes Burghartswieser

Quellennachweis:
- Ruhpoldinger Heimatbuch 3. Auflage 1998
- Bayerisches Staatsarchiv München
- »Chiemgauer Kalendergeschichten 2008« ISBN 978-3-927957-95-4
- Privatarchiv Altbürgermeister Herbert Ohl



21/2008