Jahrgang 2001 Nummer 6

Vor 600 Jahren wurde Nikolaus von Kues geboren

Er gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker und Philosophen des 15. Jahrhunderts

Nikolaus von Kues

Nikolaus von Kues
»Nikolaus Cusanus war die gewaltigste Erscheinung des sterbenden Mittelalters. Weder zu seinen Lebzeiten noch nach ihm hat es einen Denker von den geistigen Ausmaßen und der weltbildgestaltenden Kraft des großen Kardinals mehr hervorgebracht.« So schreibt der Historiker Willy Andreas in seinem bekannten Buch »Deutschland vor der Reformation. Eine Zeitenwende«. In der Tat machte er eine beispiellose Kariere im Spätmittelalter. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Mathematiker und Philosophen des 15. Jahrhunderts.

Vor 600 Jahren, 1401, wurde Nikolaus von Kues im Winzerdorf Kues an der Mosel, dem heutigen Bernkastel-Kues, als Sohn des Schiffers, Fischers und Kaufmanns Johann Cryffts und seiner Frau Katharina geboren. Er besuchte in jungen Jahren die bedeutende Fraterherren-Schule von Deventer in Holland, dem Mittelpunkt der geistlichen Reformbewegung »Devotio moderna«, in der Lehrer und Schüler in christlich geprägter, humanistischer Weltoffenheit eine Gemeinschaft bildeten. Nikolaus von Kues verfügte über vielfältige Begabungen, die er während langer Studienzeiten vertiefte. Zunächst studierte er 1416/1417 (im Alter von erst 15 Jahren) Philosophie in Heidelberg, absolvierte dann von 1417 bis 1423 ein Rechts- und Mathematikstudium in Padua, das er als Doktor decretorum abschloß und begann 1425 ein Studium der Philosophie und Theologie an der Universität Köln. Nach seiner Studienzeit stieg er schnell als Priester und Wissenschaftler in die höchsten Ränge des öffentlichen Lebens auf.: Im Jahr 1427 wurde er Stiftsdekan in Koblenz, 1435 Probst von Münstermainfeld, 1448 Kardinal und 1450 Fürstbischof von Brixen. 1458 wurde er Generalvikar in Rom.

Nikolaus von Kues bemühte sich sehr um die Reform von Kirche und Reich. So wirkte er ab 1432 bis 1437 als Bevollmächtigter des Trierer Erzbischofs auf dem Basler Konzil, wo er für großes Aufsehen sorgte, als er von der Konzilpartei, einer von Rom unabhängigeren deutschen Kirche, zur päpstlichen Partei umschwenkte, weil er die Einheit der Kirche gefährdet sah. Er beteiligte sich 1439 am Unionskonzil von Florenz sowie an den Verhandlungen zum Wiener Konkordat 1448, bei denen es Nikolaus von Kues gelang, die Einheit der Kirche zu retten. Zwischen 1450 und 1452 bemühte er sich in ausgedehnten Reisen um eine Reform des Ordenlebens in Deutschland und bereitete als Generalvikar durch ein umfassendes Gutachten (»Reformatio generalis«) die Reform des römischen Klerus vor. In seiner theologisch-humanistischen Lehre formulierte er Anschauungen von Gott, Welt und Mensch, die neuzeitlichem Denken entsprechen. Er sah die Welt als »Ausfaltung« (explicatio) des »Wesens« Gottes, in das alle Dinge »eingefaltet« sind (complicatio), wirkte damit auf den Pantheismus der Renaissance ein und beeinflußte u. a. Giordano Bruno.

Nikolaus von Kues war nicht nur als Kirchenrechtler, sondern auch als Naturwissenschaftler, Mathematiker und Philosoph, besonders auf dem Gebiet der Metaphysik, tätig. Als Philosoph vertrat er die Ansicht der Unerkennbarkeit Gottes und verband als einer der ersten mathematische Verfahren und Begriffe mit der Philosophie. Andererseits begründete er mathematisch-naturwissenschaftliche Zusammenhänge durch die Philosophie. Er lehrte als erster die Unendlichkeit der Welt und leitete damit zur mathematischen Wissenschaft der Neuzeit über. Sein philosophisches Hauptwerk (»De docta ignorantia« – »Gelehrtes Nichtwissen«), das er am 12. Februar 1440 in seinem Geburtshaus in Kues vollendete, steht wie ein Grenzstein zwischen Mittelalter und Neuzeit. Er löste damit die mittelalterliche Theologie und ihr geozentrischens Weltbild durch eine Deutung des Weltbaues ab, die nicht nur Kopernikus, Keppler und Galilei vorauseilte, sondern sich auch im Lichte der modernen Astrophysik eines Albert Einstein dem Grunde nach als richtig erwies. Dies war ein wichtiger Grundstein für unsere moderne Denkweise, und ist heute der Kern unserer abendländischen Kultur und Technik. Nikolaus von Kues regte die von Papst Gregor XIII. durchgeführte Kalenderreform an, und leistete Erstaunliches auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. Als einer der ersten deutschen Humanisten befaßte sich Nikolaus von Kues mit der historisch-philologischen Untersuchung antiker Handschriften. Als Mathematiker beschäftigte er sich besonders mit der Quadratur des Kreises (1450 »De circuli quadratura«), wobei er gegenüber Archimedes einen verbesserten Näherungswert angab.

In seinem Geburtsort errichtete Nikolaus von Kues mittels einer Stiftung ein Hospital. Der Stiftungsbrief trägt das Datum vom 2. Dezember 1458. Bereits im März 1457 schriebt der Kardinal aus Brixen einen Brief an die Schöffen von Bernkastel und Kues »...und lassen euch wissen, so wie wir zu Lebzeiten unseres Vaters, des seligen Crifftzhennes von Cusa, vorgehabt haben, zu Ehren des allmächtigen Gottes, unter dem Titel Sankt Nikolaus, des hl. Bischofs, ein Hospital zu errichten.«. Die Baukosten betrugen 20 000 Goldgulden. Nikolaus von Kues verwendete dazu sein eigenes und das Vermögen seiner beiden Geschwister Johann, Pfarrer von Bernkastel, und Clara, Ehefrau des Bürgermeisters von Trier. Als Altersheim für 33 arme Männer (älter als 50 Jahre) aus allen Ständen besteht das Hospital seit 1466 bis heute. Nikolaus von Kues blieb auch der »Devotio moderna«, die er in seiner Jugend kennengelernt hatte, zeitlebens verbunden. In Deventer, wo er die Fraterherren-Schule besuchte, errichtete er 1461 die Studienstiftung »Bursa Cusana« für 20 .

Am 11. August 1464 starb Nikolaus von Kues auf einer Reise in seine deutsche Heimat, wo er sich um seine sechs Jahre zuvor gegründete Stiftung kümmern wollte, in Todi in Umbrien. Begraben wurde er in St. Pietro in Vincoli in Rom, sein Herz ruht im St.-Nikolaus-Hospital in Kues. Seine bedeutende Bibliothek, in der sich heute ca. 3000 Titel befinden, vermachte er dem von ihm gestifteten St.-Nikolaus-Hospital. Der Kern dieser Bibliothek ist auch heute noch die private Sammlung des Stifters, etwa 270 Handschriften aus dem 9. bis 15. Jahrhundert. Nikolaus von Kues hat sie auf seinen Reisen erworben, abschreiben lassen oder als Geschenke erhalten. Neben seinen eigenen Werken (z.B. »De docta ignorantia«, »De coniecturis«, »De pace fidei«) sind es solche aus der Theologie, Jurisprudenz, Philosophie, den Naturwissenschaften und der Mathematik.

TM



6/2001