Jahrgang 2010 Nummer 40

Vor 575 Jahren starb Isabeau de Baviere

Elisabeth – Herzogstochter von Bayern-Ingolstadt und Königin von Frankreich

Porträt von Isabella von Bayern (1370 - 1435) Königin von Frankreich, Gemahlin König Karls VI.

Porträt von Isabella von Bayern (1370 - 1435) Königin von Frankreich, Gemahlin König Karls VI.
Das Goldene Rössl, ein Kunstwerk mit historischem Hintergrund.

Das Goldene Rössl, ein Kunstwerk mit historischem Hintergrund.
Grabmal von König Karl VI. von Frankreich und Isabeau von Bayern in der Kirche St. Denis bei Paris.

Grabmal von König Karl VI. von Frankreich und Isabeau von Bayern in der Kirche St. Denis bei Paris.
Heute haben wir uns einen Ausflug nach Altötting vorgenommen, wo wir uns im Wallfahrtsmuseum das Goldene Rössel anschauen und über die mit dieser Figur verbundene Geschichte nachdenken wollen. Altötting ist der älteste und bekannteste Wallfahrtsort und mit seiner Gnadenkapelle das Herz des religiösen Lebens in Bayern. Am Altar der Schwarzen Madonna ließen die meisten Regenten aus dem Hause Wittelsbach ihre Herzen bestatten.

Das Goldene Rössel, ein Kunstwerk mit historischem Hintergrund

Im Wallfahrtsmuseum finden wir neben vielen sakralen Kostbarkeiten auch das 62 cm hohe Altärchen, das Elisabeth, Königin von Frankreich, 1405 ihrem königlichen Gemahl Karl VI. geschenkt hat. Wir stehen vor einem zweistufig aufgebauten Altar, in dem die Gottesmutter mit dem Jesuskind in einer Laube vom französischen König Karl VI. angebetet wird.

Die Figuren sind mit weiß glänzendem Email überzogen und heben sich von dem Goldgrund ebenso ab wie von den prachtvollen mit Blüten und Blättern verzierten Wänden der Laube. Das um 1404 von Pariser Goldschmieden gefertigte Kunstwerk ist nicht nur von außerordentlicher ästhetischer Schönheit; es ist auch als Erinnerung an die mit König Karl VI. verheiratete bayerische Königin Elisabeth von historischem Interesse.

Betrachten wir das Kunstwerk etwas genauer: Unter dem Altar mit »Maria im Rosen-haag« blicken wir in ein Gewölbe, in dem ein Schimmel auf seinen Herrn wartet. Das königliche Pferd trägt eine vergoldete Satteldecke, nach der das Goldene Rössel seinen Namen erhalten hat. 1734 wurde das Goldene Rössel von der Kirche als Reliquiar anerkannt, weil sich angeblich unter dem Hohlraum der Decke über dem Rössel textile Reste befinden, die ein »Heiltumb von dem Mantel unserer lieben Frau« enthalten sollen.

Darüber kniet auf einem Betschemel vor dem Altar König Karl VI., der seine Krone dem neben ihm knienden Hofmarschall anvertraut hat. Die weltliche Macht des Kö-nigs huldigt der göttlichen Macht der Himmelskönigin. Vor Maria knien die hl. Katha-rina und die beiden Heiligen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist, Heilige, die vom König vorzüglich verehrt wurden.

Es ist kaum anzunehmen, dass das Exposé für das Kunstwerk dem Goldschmied allein überlassen war. Vielmehr könnte damit eine Vorstellung verbunden sein, die Elisabeth ihrem königlichen Gemahl mitgeben wollte. Seine Herrschaft ist auf die Gnade Gottes angewiesen, die der König von Maria erbittet. Gleich unter dem Altar steht das gesattelte Pferd bereit, mit dem der König zu seinem Schloss reiten wird, um mit Gottes Gnaden zu regieren. So könnte sich Elisabeth die Regentschaft ihres Gemahls vorgestellt haben, auch wenn dieser infolge einer geistigen Erkrankung nicht mehr in der Lage war, diese voll auszuüben. Das Kunstwerk kam nach dem Tode Elisabeths, wahrscheinlich als Pfand für angefallene Schulden, in den Schatz der Liebfrauenkirche von Ingolstadt. Nach dem Aussterben der Ingolstädter Linie fielen die Kleinodien dem Landshuter Herzog. zu, der sie 1509 dem Stift Altötting übereignete.

Die bayerische Herzogstochter heiratet den König von Frankreich.

Das Goldene Rössel erinnert an die am 29. September 1435, also vor 575 Jahren verstorbene Elisabeth von Bayern. Elisabeth wurde 1371 als Tochter von Herzog Stephan III. am herzoglichen Hof in München geboren. In München regierten damals die Brüder Stephan, Friedrich und Johann das wittelsbachische Erbe nach Kaiser Ludwig dem Bayern noch gemeinsam. 1392 kam es zur Teilung des Herzogtums. Neben Bayern-München und Bayern-Landshut wurde das Herzogtum Bayern-Ingolstadt abgetrennt, das Herzog Stephan III. erhielt. Nach dessen Tod 1413 wurde sein Sohn Ludwig im Bart Regent des Herzogtums Ingolstadt. Seine Schwester Elisabeth hatte schon seit ihrer Jugendzeit in München zu ihrem Bruder ein inniges Verhältnis.

Herzog Friedrich, der Onkel Elisabeths, erhielt bei einem Besuch in Frankreich vom königlichen Hof den diskreten Hinweis, dass Frankreich ein Interesse an einer ehelichen Verbindung mit dem bayerischen Herzogtum habe. Es spricht für das Ansehen des Herzogtums Bayern, dass für die unversorgte Tochter des bayerischen Herzogs eine Ehe mit dem mächtigen König von Frankreich in Aussicht genommen wurde.

Da Stephan III. zunächst gegen die Vermählung seiner erst 14 jährigen Tochter Eli-sabeth Bedenken hatte, dachte sich der Onkel eine List aus. Karl und Elisabeth wurden 1385 zu einer damals üblichen Wallfahrt nach Amiens eingeladen, wo sie sich zum ersten Mal begegneten. Die Legende berichtet, dass Karl VI., damals 16 Jahre alt, von der Schönheit Elisabeths so sehr angetan war, dass er auf der Stelle mit der Hochzeit einverstanden war. Angeblich habe er mit der Bemerkung, dass Elisabeth ihrer Schönheit wegen keiner Aussteuer bedürfe, diese dem Vater wieder zurückgegeben. In Paris wurde 1385 eine glanzvolle Hochzeitsfeier veranstaltet. Vier Jahre später 1389 wurde Elisabeth in der Saint Chapell zur Königin von Frankreich gekrönt. Elisabeths Gemahl war bereits als zwölfjähriger Knabe seinem Vater Karl V. auf dem Thron gefolgt.

Die glücklichen Ehejahre finden mit der Erkrankung des Königs ein jähes Ende.

In Paris sonnte sich Elisabeth im Glanz der prächtigen königlichen Hofhaltung. Bald gewöhnte sie sich an eine luxuriöse und verschwenderische Lebenshaltung, die durch Anhebung der Steuern finanziert werden musste. Dass dies im Volk auf Unmut stieß, liegt auf der Hand. 1393 ließ sie ihren Bruder Ludwig aus Ingolstadt nachkommen, der die Freizügigkeit des höfischen Lebens zu nutzen wusste und am Hof einflussreiche Ämter erhielt. Ein eigens für Elisabeth bestellter Hofstaat sorgte für Zeitvertreib und allerlei Lustbarkeiten. Daneben zeigte sich Elisabeth willig, Sprache und Hofzeremoniell zu erlernen, um so ihrer Rolle als Königin gerecht zu werden. In zeitgenössischen Quellen wird sie so beschrieben: »Auffällig waren ihre glühenden Augen. Ihr dunkler Teint passte zu ihrem tiefschwarzen Haar. Obgleich klein von Gestalt, war sie stolz auf ihre aufrechte Haltung und ihren Busen.«

Die ersten glücklichen Ehejahre am französischen Königshof fanden schon sieben Jahre nach der Hochzeit durch die 1392 ausgebrochene geistige Erkrankung ihres Gatten ein jähes und unerwartetes Ende. Karl VI. ritt mit seinem Gefolge auf dem Weg nach Le Mans durch einen dunklen Wald. Plötzlich trat ein Mann aus dem Unterholz hervor, ergriff die Zügel des königlichen Pferdes und redete hastig auf den König ein: »Kehr um, mein König. Du bist verraten und sollst Deinen Feinden ausgeliefert werden.« Darauf verschwand der Fremde. Auf dem Weiterweg wurde Karl plötzlich von einem Anfall geistiger Umnachtung heimgesucht. Er schlug mit seinem Schwert wild um sich und tötete einige Männer aus seinem Gefolge.

Die geistige Erkrankung des Königs war offenkundig. Elisabeth glaubte, dem Zeit-geist folgend, dass ihr Gatte verhext worden sei. Erst sechs Monate nach dem Anfall gelang es den Ärzten, die Gesundheit Karls soweit wieder herzustellen, dass er wenigstens zeitweilig die Regierungsgeschäfte aufnehmen konnte. Zeiten völliger geistiger Umnachtung wechselten mit Wachzuständen, in denen der König auch Regierungsgeschäfte wahrnehmen konnte. Für Elisabeth bedeutete dies eine entscheidende Wende in ihrem Leben.

Am Hof wurde 1404 mit Zustimmung des Königs für die Zeit seiner Erkrankung ein Regentschaftsrat bestellt, dem die bedeutendsten Herzöge des Reiches angehörten. Elisabeth war vorerst von der Regentschaft ausgeschlossen. Im Ganzen stellte sich die Situation für Elisabeth als nicht gerade einfach dar. Die nach Macht gierigen Herzöge legten es darauf an, sich gegenseitig zu bekämpfen, um möglichst allein die Regentschaft auszuüben. Zunächst gelang es dem Bruder des kranken Königs, Ludwig von Orleans, die Zügel der Macht an sich zu reißen und nach seinem erkrankten Bruder seinen Anspruch auf den Thron geltend zu machen. Elisabeth genoss an seiner Seite das Leben, während das Volk unter dem Folgen des 100jährigen Krieges mit England zu leiden hatte.

Der Machtkampf Ludwigs von Orleans gegen Johann ohne Furcht

Lange konnte sich Ludwig von Orleans nicht an seiner uneingeschränkten Macht erfreuen; da erwuchs ihm im Herzog von Burgund, Johann ohne Furcht, ein ernst zu nehmender Rivale, der ebenfalls die alleinige Regentschaft im Reich anstrebte. Als ein Bild seiner Gattin in den Gemächern des Herzogs von Orleans gefunden wurde, war auch noch der Stachel der Eifersucht ein Grund für Johann ohne Furcht gegen Ludwig vorzugehen. Im November 1407 fiel der Herzog von Orleans einem Attentat zum Opfer, für das Johann ohne Furcht vor dem Volk die Urheberschaft eingestand und später auch Anerkennung fand. Elisabeth ergriff nach der Ermordung Ludwigs die Flucht, kehrte aber bald darauf nach Paris zurück und arrangierte sich mit dem neuen Machthaber Johann ohne Furcht. Öffentlich ließ sie verbreiten, dass sie dies ihrer Kinder wegen getan habe, was ihr vom Volk allerdings nicht abgenommen wurde.

Der Sohn des ermordeten Ludwig von Orleans Karl sann auf Rache und fand im Grafen Bernhard von Armagnac einen Verbündeten, der Söldner um sich scharte und zum Kampf gegen die Mörder Ludwigs von Orleans aufrief. Im Oktober 1411 kam es zu einer Schlacht, in der Herzog Johann ohne Furcht an der Spitze eines Heeres von 50 000 Soldaten die mit den Armagnacs verbündeten Herzöge besiegte und, vom Volk umjubelt, als Sieger in Paris einzog. Drei Tage später folgt ihm Elisabeth, die sich glücklich über den Empfang zeigt.

Zu den Problemen im Inneren des Reiches kam noch die Bedrohung durch den Feind von außen. Der englische König Heinrich V., der erbrechtliche Ansprüche auf den französischen Thron geltend machte, fiel im Oktober 1415 in der Normandie ein und schickte sich an, sich das ihm angeblich zustehenden Erbe zu unterwerfen. Am 25. Oktober 1415 kam es zur Entscheidungsschlacht von Azincourt, in der Frankreich eine bittere Niederlage einstecken musste. 10 000 Kämpfer, die Blüte der französischen Ritterschaft, blieben auf dem Schlachtfeld.

Trotz dieser Niederlage hielt Johann ohne Furcht die Zügel der Regentschaft noch fest in der Hand. Elisabeth konnte sich an seiner Seite sicher fühlen. Nachdem Jo-hann seinen Rivalen aus dem Weg geschafft hatte, erwuchs ihm in Karl, dem 1403 geborenen und prädestinierten Nachfolger auf den Königsthron, ein neuer, gefährli-cher Gegner. Die gesellschaftlichen Spielregeln dieser Zeit sahen den Mord als pro-bates Mittel, sich einen Rivalen vom Halse zu schaffen.

Die Ermordung von Johann ohne Furcht

Mit seiner Mutter Elisabeth hatte sich der Dauphin überworfen, wofür das Verhältnis Elisabeths mit Johann ohne Furcht den Ausschlag gegeben hatte. Längst war Elisabeth im Volk als Ehebrecherin verfemt. Die Gerüchte gingen soweit, dass man bezweifelte, dass der nur zeitweise regierungsfähige Karl VI. der Vater des Dauphins war. Natürlich kamen diese Gerüchte auch dem Dauphin zu Ohren, was ihn zweifellos seelisch zusetzte.

Im Jahre 1417 kam dem Dauphin eine seine Mutter belastende Affäre mit einem Be-diensteten der Königin namens Bosredon gerade Recht. Der Dauphin begegnete den aus dem Palast der Königin fliehenden Bosredon. Unter der Folter gestand dieser ein ehebrecherisches Verhältnis mit der Königin. Er wurde zum Tode verurteilt und in einem Sack eingenäht in der Seine ertränkt.

Im gleichen Jahr lud der Dauphin Johann ohne Furcht zu einem Gespräch in seiner Burg bei Montereau ein, bei dem beiderseitige Missverständnisse ausgeräumt werden sollten. Auf der zum Schloss führenden Brücke war ein Holzhaus errichtet worden, das auf beiden Seiten über voneinander getrennte Räume verfügte. Später wird man von einer Mausefalle sprechen, die dem ahnungslosen Johann zum Verhängnis wurde. Der Dauphin empfing seinen Gast. Es kam zu einem hitzigen Wortgefecht, in das sich Männer aus der Gefolgschaft des Dauphins mischten. Einer von ihnen zog eine Axt aus seinem Mantel und spaltete damit den Schädel Johanns. Der Dauphin verstand es, sich zunächst offiziell aus dem Mordkomplott herauszuhalten.

Der Pakt mit England beendet den Hundertjährigen Krieg.
Nun war das Tischtuch zwischen Elisabeth und ihrem Sohn endgültig zerschnitten. Elisabeth konnte nun wieder die Zügel der Regentschaft alleine in die Hand nehmen. Das nächst liegende Ziel war nun für sie, den Krieg mit England zu beenden. Elisabeth sah die einzige Möglichkeit, dem Königreich einen dauerhaften Frieden zu bringen, indem sie sich mit dem englischen König arrangierte. So kam es 1420 zum Vertrag von Troyes, dem zufolge nach dem Tode von Karl VI. England und Frankreich unter König Heinrich V. zu einem Königreich vereinigt werden sollte. Der Vertrag trägt im Übrigen auch die Unterschrift des Königs Karl VI. Im Juni 1422 ehelichte die Tochter Elisabeths Katharina den englischen König Heinrich V., um die Verbindung der beiden Königreiche auch dynastisch zu besiegeln. Der Dauphin Karl wurde in diesem Vertrag von der Erbfolge ausgeschlossen.

Die Ehe mit Katharina stand unter keinem glücklichen Stern. Im August 1422 ver-starb Heinrich V. Sein Bruder Johann von Bedford übernahm die Regentschaft, kam aber mit den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen in Frankreich nicht zurecht. Die Pariser, die sich mit der Regentschaft Heinrichs V. noch abfinden konnten, misstrauten dem Bruder und sahen in ihm nur den feindlichen Eroberer. Ende Oktober 1422 stirbt Karl VI. Er ist 53 Jahre alt geworden und hat 30 Jahre lang das Schicksal zeitweiliger geistiger Umnachtung zu tragen gehabt. Elisabeth war am Ende ihres Lebens von der Gicht gezeichnet, die sie in ihrer Beweglichkeit stark einschränkte. Soweit sie im Schloss nicht den Rollstuhl benutzen konnte, ließ sie sich in einer Sänfte tragen. Am 29. September 1435 ist auch das bewegte Leben der Königin von Frankreich zu Ende gegangen. In der Gruft der französischen Könige in St. Denis bei Paris fand sie an der Seite ihres Gemahls ihre letzte Ruhe.

Ein zwiespältiges Urteil der Geschichte
Bleibt am Ende der Versuch eines Resümees und durchaus nicht eines Urteils. Der bayerischen Herzogstochter Elisabeth, von den Franzosen mit einem Unterton von Verachtung »Isabeau de Baviere« genannt, war eine schwere Last aufgebürdet worden. An der Seite eines nur zeitweilig zur freien Willensbildung fähigen Königs war sie von einer Schar Herzöge umgeben, die in ihrer Gier nach der Macht auch vor Mord nicht zurückschreckten. Von zwölf Kindern hat sie acht durch den Tod verloren. Von ihrem zum Nachfolger auf dem Königsthron berufenem Sohn, dem späteren Karl VII. trennte sie Hass und Verachtung.

Der Friedensschluss mit dem König von England, dem sie ihre Lieblingstochter zur Gattin gab, setzte Elisabeth dem Verdacht des Verrates von Frankreich aus. Das Volk hat ihr zugejubelt und sie als Verschwenderin des königlichen Vermögens, als Ehebrecherin und als Verräterin gebrandmarkt. Elisabeth, die Tochter des Ingolstädter Herzogs Stephan III., ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie sehr die Beurteilung einer historischen Gestalt vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängt. Dies hat schon Goethe erkannt, wenn er seinen Faust sagen lässt: »Was ihr den Geist der Zeiten heißt, ist im Grunde nur der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.«


Dieter Dörfler



40/2010