Jahrgang 2003 Nummer 17

Vor 50 Jahren starb Olga Herzogin von Leuchtenberg

Sie lebte nach dem Sturz von Zar Nikolaus II. bis zu ihrem Tod am 27.4.1953 in Seeon

Olga Herzogin von Leuchtenberg um 1900

Olga Herzogin von Leuchtenberg um 1900
Die königliche Familie von Leuchtenberg wahrscheinlich um 1905/10 in Seeon: Herzog Georg (Bildmitte), vor ihm Herzogin Olga, rec

Die königliche Familie von Leuchtenberg wahrscheinlich um 1905/10 in Seeon: Herzog Georg (Bildmitte), vor ihm Herzogin Olga, rechts zwei ihrer Kinder, links vermutlich Herzog Nikolaus mit Gemahlin, im Hintergrund Bedienstete
Olga Herzogin von Leuchtenberg vor ihrem Haus um 1950.

Olga Herzogin von Leuchtenberg vor ihrem Haus um 1950.
Auf dem kleinen idyllischen Friedhof um die Kirche St. Walburg am Seeoner See befinden sich mehrere Gräber und an der Friedhofsmauer einige Gedenksteine, die das russischorthodoxe Kreuz tragen. Sie alle verweisen auf eine kurze Epoche aus der großen Geschichte Seeons, in der die Familie der Herzöge von Leuchtenberg zwischen 1852 und 1934 im Besitz der ehemaligen Klostergebäude war, die nun Schloss Seeon genannt wurden.

Die letzten Besitzer Georg Herzog von Leuchtenberg (geb. 10.12.1872 in Rom, gest. 9.8.1929 in Seeon, begraben im Friedhof St. Walburg) und dessen Gemahlin Herzogin Olga Prinzessin Repnin (geb. 9.8.1872, gest. 27.4.1953 in Seeon) lebten nach dem Sturz des russischen Zaren Nikolaus II. (regierte 1894-1917) in ihrem Schloss Seeon. Die seit 1929 verwitwete Herzogin Olga ist vor genau 50 Jahren in Seeon verstorben und auf dem Friedhof St. Walburg beerdigt worden. Ihrem Gedenken ist dieser Beitrag gewidmet. Eine Reihe Bediensteter hatten sich um die alltäglichen Arbeiten im Schloss zu kümmern. An sie soll in diesem Beitrag nach den Erinnerungen von Zeitzeugen ebenfalls erinnert werden.

Die letzte Herzogsfamilie in Seeon und ihre Bediensteten

Nach dem Tod ihrer Eltern Nikolaus Fürst von Romanowsky Herzog von Leuchtenberg (geb. 1841, gest. 1891) und Nadeshda geborene Annenkow (geb. 1839, gest. 1891) übernahmen die Brüder Nikolaus (geb. 1868 in Genf, gest. 1928) und Georg geb. 10.12.1872 in Rom, gest. 9.8.1929 in Seeon) ihre Besitzungen im Chiemgau, wozu bis 1892 auch Schloss Stein an der Traun zählte. Während Herzog Nikolaus seinen Wohnsitz in Südfrankreich nahm, blieb Herzog Georg in Seeon.

Herzog Georg heiratete am 23. April 1895 in St. Petersburg Olga Fürstin Repnin. Ihre erste Tochter Elena wurde am 2. Juni 1896 geboren, Sohn Dimitri am 18. April 1898, Tochter Natalie am 16. Mai 1900, Tochter Tamara am 1. Dezember 1901, Sohn Andrej am 25. Juli 1903 und Sohn Constantin am 6. Mai 1905. Eine große Zahl Angestellter kümmerten sich um die Pflege und Erziehung der Kinder, um das Hauswesen und vieles mehr.

Die herzogliche Familie pflegte die Einbindung der Seeoner Gemeindebürger in das Leben im Schloss besonders bei festlichen Anlässen. Dazu gehörte auch die Gründung einer Schützengesellschaft mit der Bezeichnung »Klosterschützen Seeon« am 29. Oktober 1910 und die Veranstaltung von Jagdgesellschaften um den Höhenberg. Als herzoglicher Jäger war Josef Kaiser angestellt, dem es 1910 gelang, den letzten Hirsch bei Scheitzenberg zu erlegen.

Zuschüsse an die Gemeindekasse und finanzielle Hilfen an Bedürftige zeigten den Seeonern, dass sich die herzogliche Familie mit den Seeonern verbunden fühlte. Die Seeoner erinnerten sich später gerne an den festlich beleuchteten Schlosssaal, in den sie von Herzog Georg und dessen Sohn Dimitri zu Schützenfesten, Theatervorführungen und Faschingsveranstaltungen geladen waren.

Das sorglose Leben kurz vor dem Ersten Weltkrieg stellen einige Fotos dar. Ein Bild zeigt drei Mädchen in prächtiger russischer Tracht, Herzogin Olgas Töchter Elena (1896-1977), Tamara (1901-1978) und Natalie (1900-1962). Andere Bilder zeigen die Töchter zum Beispiel als zwei weiß gekleidete junge Damen mit weiten Hüten bzw. als Reiterin auf einem braunen Pferd mit hellem Stirnflecken; das letztgenannte Foto ist mit dem 12. Mai 1912 datiert.

Nach der Kriegserklärung des Deutschen Reichs an Russland am 1. August 1914 ging die Familie Leuchtenberg in patriotischer Gesinnung nach Russland. Nur der Verwalter Wünsche lebte alleine im Schloss Seeon bis die herzogliche Familie 1920 wieder zurückkehrte. Nach der Revolution in Russland zu Beginn des Jahres 1917, der Zar dankte am 1. März 1917 ab, und dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Ukraine versuchte Herzog Georg als kaiserlich-russischer Oberst im Einvernehmen mit der deutschen Heeresleitung in Kiew eine russische Nationalmiliz, die »weißen Truppen« bezeichnet, gegen die Bolschewisten aufzustellen. Über seine Tätigkeit in der Ukraine hat der Herzog in den »Archiven der russischen Revolution« (Band VII) unter dem Titel »Wie die Südarmee entstand« berichtet. Herzog Georg verfasste auch ein 250 Seiten starkes Werk über »Russlands letzte Helden«, in dem die Tragödie der Wrangell-Armee nach knapp dreijährigem Bürgerkrieg dargestellt wird. Sein ältester Sohn, Herzog Dimitri, wurde 1917 in der Peter-Pauls-Festung zu St. Petersburg gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung hatte er als Freiwilliger unter General Wrangell gegen die Bolschewiken gekämpft, war gefangen genommen worden und glücklich durch Flucht entkommen.

Zur Zeit des Friedensschlusses zwischen Russland und Deutschland am 3. März 1918 kontrollierten die Bolschewiki beinahe ganz Russland. Nur am Don behauptete sich die Wrangell-Armee, die aus dem Ausland unterstützt wurde. Im Verlauf des Jahres 1920 konnten die Bolschewisten Wrangell nach Süden drängen und Anfang November auf der Krim besiegen. Die »Weißen« waren zur Flucht über das Schwarze Meer gezwungen. Nach der Niederlage der Wrangell-Armee mussten auch die Herzoge von Leuchtenberg Russland verlassen.

Nur Georgs Sohn, der junge Herzog Andrej, war nicht mehr nach Seeon heimgekommen; der 15jährige ist in Narwa, Estland, am 25. Februar 1919 an Typhus gestorben.

Das Schloss Seeon erfüllte sich wieder mit regem Leben. Ein Foto eines reich gedeckten Ostertisches im Speisesaal zeigt Herzogin Olga mit ihren Söhnen Dimitri (1898-1972) und Konstantin (1905-1983) und zwei Bediensteten.

Nacheinander heirateten jetzt die Kinder von Georg und Olga von Leuchtenberg. Elena versprach sich am 6. Juni 1920 in Zagreb mit Arkadi Konstantinowitsch Ugritschist-Trebinsky. Sie lebten zuletzt in Frankreich in Asnieres im Departement Seine, wo 1977 Elena und 1982 Arkadi verstorben sind. Die 1925 geborene Nina war ihre einzige Tochter.

Am 13. Mai 1921 heirateten Dimitri Herzog von Leuchtenberg (geb. 30.4.1898, gest. 25.12.1972) und Katharina geborene Arapow (geb. 4.1.1900, gest. 8.8.1991), die Witwe des von den Bolschewisten ermordeten Prinzen Tschawtschawadse. Katharina brachte die kleine Irina in die Ehe mit. Dimitri und Katharina lebten zuletzt in Saint Sauveur des Montagnes (Provinz Quebec, Kanada) und hatten zwei Kinder: Elena, am 30.5.1922 in München geboren, nach 1963 Nonne in Frankreich in Maison des Soeurs, Bussy-en-Othe Migennes, Dep. Yonne, und Georg, am 11.1.1927 in München geboren und am 21.1.1963 in Saint Sauveur des Montagnes, Kanada, verstorben. Im Friedhof St. Walburg wurden Tafeln mit den Namen von Dimitri und Katharina sowie ihres Sohnes Georg, dem letzten männlichen Spross der Herzöge von Leuchtenberg, an der Friedhofmauer angebracht.

Dimitris Schwester Natalie ehelichte am 15. Oktober 1924 in Seeon Wladimir Baron Meller-Sakowelsky. Sie lebten später in den USA.

Constantin Herzog von Leuchtenberg (geb. 6.5.1905 in St. Petersburg, gest. 16.12.1983 in Ottawa, Kanada) heiratete am 20. September 1929 in Seeon Daria Fürstin Obolensky (geb. 12.7.1903 in Kaluga, gest. 7.7.1982 in Ottawa). Ihrer Ehe entsprangen zwei Töchter: Xenia (geb. 20.6.1930 in Traunstein) und Olga (geb. 24.4.1932 in Seeon). Auch diesem Ehepaar ist im Friedhof St. Walburg eine Gedenktafel gewidmet.

Herzogin Daria wird von Zeitzeugen als eine zierliche Frau beschrieben. Bis 1937 hatte diese Familie im Haus der Witwe Olga gewohnt. Das Samerhaus am Weinberg (alte Hausnummer 59) diente den herzoglichen Familienmitgliedern tagsüber als Aufenthalt. Die Lehrerin der beiden Mädchen Xenia und Olga konnte fünf Sprachen, was sicherlich die Seeoner etwas beeindruckt hatte. Da Herzog Constantin Bergbauingenieur war, ging er 1938 nach Südafrika, um in einer Goldmine zu arbeiten.

Constantins Schwester Tamara heiratete erst am 15. Februar 1933 in Toulon in Frankreich den Constantin Georgiewitsch Karanfilow. Sie hatten stets in Frankreich gelebt.

Gruppenbilder der herzoglichen Familie Georg und Olga mit ihren Söhnen, Schwiegertöchtern und Enkeln bezeugen eine glückliche Zeit in Seeon. Fotos aus der Zeit von 1930 zeigen aber auch immer wieder die Angestellten im Schloss Seeon. Eine zu Ostern 1929 fotografierte Gruppe zeigt von links den Gärtner Sepp Hager aus Pittenhart, den Gärtnerlehrling Sepp Linseisen (geb. 1913, gest. 2001), der später in Chieming lebte, die Hausmeistereheleute Stephan und Anna Maier, Berta Stadler (vom Lenzen am Weinberg), sie begleitete 1933 die herzogliche Familie ins Ausland, und zwei mittlerweile unbekannte Zimmermädchen.

In Seeon sammelten sich russische Persönlichkeiten, die einst am Zarenhof lebten, dem Zaren gedient hatten und nun vor einer ungewissen Zukunft standen. Kronprinz Rupprecht von Bayern besuchte seine entfernten Verwandten mehrmals in Seeon. Zu seinem ersten Besuch war der Kronprinz nach einer langen Fahrt mit offenem Wagen im Winter recht ausgefroren in Seeon angekommen. Am Schlosstor wurde er von der Familie empfangen, ein Diener reichte das Tablett mit dem Wodka. Sein Adjudant, Baron Franz Redwitz, musste wie er mit jedem Familienmitglied anstoßen und leerte ein Glas nach dem anderen. Als man dann so vorgewärmt in das Schloss und die von Kachelöfen gemütlich erwärmten Räume kam, erschienen mehr und mehr russische Verwandte der Familie, die in Seeon aufgenommen worden waren. Jeder einzelne wurde mit einem Glas Wodka vorgestellt. Baron Redwitz wollte nicht unhöflich sein, so erzählte er später, und leerte jedes Glas. Als man sich zu Tisch begab war er sich plötzlich darüber im Klaren, dass er, zur Linken der Herzogin sitzend, nicht mehr in der Lage war, ein vernünftiges Wort zu sprechen. Hatte er doch mehr als ein Dutzend Gläser Wodka getrunken. Kronprinz Rupprecht befreite ihn von dieser peinlichen Situation, indem er während des Essens die Konversation alleine bestritt.

Chauffeur des Herzogs Georg

Herzog Georgs Chauffeur Wendelin Hailer (senior) kam 1924 aus Türkheim im Allgäu nach Seeon. Er heiratete Marianne Kaiser, Tochter des herzoglichen Jägers Josef Kaiser, der mit seiner Frau Katharina während der zwanziger Jahre auch Schlosswirt in Seeon war. Die Familie Hailer wohnte über der Schlossküche im zweiten Stock des ehemaligen Prälaturstocks.

Mehrere Fotos von 1925/30 zeigen Wendelin Hailer senior mit den eindrucksvollen Autos des Herzogs Georg von Leuchtenberg. Ein Lancia wurde vom Herzog der Seeoner Feuerwehr geschenkt. Mit dem Horch fuhr Wendelin Hailer beim Hochbergrennen (Gemeinde Traunstein) mit und gewann einen Pokal.

Mit den Töchtern von Constantin und Daria, den kleinen Prinzessinnen Xenia (geb. 1930) und Olga (geb. 1932) haben der Wendelin Hailer (junior) und andere Seeoner Kinder viele Stunden gespielt. Diese Familie hat in der Herzogsvilla am Weinberg bis ihrem Wegzug im Jahre 1938 gelebt.

Der zweite Chauffeur neben Wendelin Hailer senior, Max Denk, wohnte mit seiner Familie in der rechten, westlichen Schlossseite im ersten Stock. Max Denk (geb. 8.10.1887) machte sich 1929 selbstständig und eröffnete eine mechanische Werkstätte mit Tankstelle in Strass. Sein Abschied vom Schloss Seeon dürfte gleich nach dem Tod von Herzog Georg von Leuchtenberg geschehen sein. Max Denk starb 42jährig am 7. März 1930 nach einem schweren Unfall in seiner Werkstatt. Seine verwitwete Frau Rosa Denk (geb. 11.5.1892, gest. 27.12.1964) eröffnete dann einen Kramerladen. Beide Eheleute sind am Friedhof St. Walburg beerdigt worden.

Ihre Tochter Rosina Denk war als Haushälterin und Erzieherin rund fünf Jahre (circa 1929 bis 1934) lang bei Familie Herzogin Elena geborene von Leuchtenberg und Ehemann Arkadi Ugritschist Trebinsky in Paris angestellt. Rosina Denk hatte sich um die Tochter der Familie Trebinsky, Nina, zu kümmern. Ein Foto von circa 1935 zeigt Fräulein Rosina Denk in Paris gemeinsam mit dem Koch und »Gaudiburschen« Gabriel Janoff.

Auch das von 1929 bis 1933 im Schloss Seeon angestellte Ehepaar Stephan und Anna Maier darf hier nicht vergessen werden. Anna Maier kümmerte sich um das Hauswesen, zum Beispiel an den so genannten Putztagen. Anna Stammhammer, geborene Maier (geb. 13.9.1922), hatte als kleines Mädl die Veränderungen im Schloss Seeon um 1929/33 miterlebt. Von 1934 bis Februar 1950 lebte die Familie Maier beim Alteneder in Baderpoint, dann bei Frau Fischbacher in Niederseeon und zuletzt beim Jodl in Ischl.

1932 wurde die Straße von Seeon nach Obing ausgebaut. Fotos dieses Straßenbaus unweit des Paulngütls zu Neubichl, Gemeinde Seeon, fotografiert, zeigen auch Stephan Maier, der während der Bautätigkeiten mitgewirkt hatte.

Anna Maier war in Seeon während des Zweiten Weltkriegs Leichenfrau und Krankenpflegerin. Dr. Karl Holzapfel (geb. 12.11.1868, gest. 23.6.1954) gab ihr die notwendigen Anweisungen, wenn sie die Kranken zu Hause pflegen durfte. Sie starb 1963 in Fremdling und ist im Friedhof Pittenhart beerdigt. Stephan Maier starb 1964 in Ischl.

Die Witwe Herzogin Olga

Georg Herzog von Leuchtenberg verstarb nach längerer Krankheit am 9. August 1929. Eine beeindruckende, überbaute Grabstätte mit kräfigen Stützsäulen wurde an der östlichen Seite des Friedhofs St. Walburg errichtet. Die Schauseite mit der Inschrifttafel und dem Leuchtenberg-Wappen ziert ein Georgsbildnis, das von floraler Ornamentik und einem Schriftband mit kyrillischen Zeichen umrahmt wird.

In den Wohnräumen des Schlosses hatten viele Erinnerungsstücke und Kunstschätze des russischen Kaiserhauses existiert. Besonders sehenswert war die Bildergalerie mit Schlachtenbildern, die von den Kämpfen der vereinigten Franzosen und Italiener im Jahre 1809 gegen die Österreicher in den Alpen unter Führung des damaligen Vizekönigs von Italien, Prinz Eugen de Beauharnis (geb. 1781, gest. 1824), späteren Herzogs von Leuchtenberg, erzählten. Besonders wertvoll war das Leuchtenbergsche Archiv mit 6000 Briefen und Dokumenten von Staatsmännern und Generälen Frankreichs und 22 800 Schriftstücke aus der Zeit, als Eugen Beauharnais Vizekönig in Italien war, darunter auch zehn Originalbriefe Napoleons.

Olgas Söhne Dimitri und Constantin versuchten nach dem Tod ihres verehrten Vaters den Besitz in Seeon zu erhalten, mussten aber letztendlich doch verkaufen. Es kam am 30. Januar 1934 zur öffentlichen Versteigerung der herzoglichen Güter im Chiemgau und ihrer Kunstschätze. Der zur Versteigerung ausgeschriebene Besitz umfasste das Schloss Seeon, bestehend aus drei Hauptflügel mit Wohnungen, der ehemaligen Badelokalitäten, des Gasthauses, des Gartens, des Klostersees, der Fischereirechte, der Kapelle St. Walburg, der Braulokalitäten der ehemaligen Klosterbrauerei und vielen Grundstücken. Das Schloss Seeon ging dabei in den Besitz der Bank über, die ihre auf den Liegenschaften lastenden Hypotheken einsteigerte.

Das umfangreiche Archiv wurde in London versteigert, wobei der Bestand er 28 800 Briefe und Dokumente einen Erlös von 1520 Pfund erbrachte. Die Bibliothek, die auch Pergamentblätter aus dem 15. und 16. Jahrhundert umfasst hatte, war schon im April 1929 bei Graupe in Berlin versteigert worden.

Herzoginwitwe Olga zog Ende 1933 in das Esterbauer-Häuschen (alte Hausnummer 158) um, in dem sich heute die Herzogstuben befinden. Herzogin Olga hatte sich schon immer gerne selbst um ihre Gartenanlagen beim Schloss Seeon gekümmert. Als Kronprinz Rupprecht von Wittelsbach die Herzogin einmal besuchte, traf er sie vor dem Schloss bei der Gartenarbeit an; sie hat ihn dabei mit ihren schmutzigen Händen begrüßt. Seit 1934 musste sie sich aus dem Garten neben ihrem Häuschen ernähren. Sie baute viel Gemüse an. Wenn die Austermayertochter Lilli, Kramertochter in Strass, von der Volksschule heimging, gab ihr Herzogin Olga immer ihre Einkaufswünsche mit. Am folgenden Morgen brachte die Kramertochter der Herzogin die Lebensmittel ins Haus. Vor dem zweiten Weltkrieg war Maria Kleinhuber, später verheiratete Reindl, Hausmädchen bei Herzogin Olga.

Herzog Dimitri fand nach dem Verkauf Seeons mit seiner Familie zunächst Unterkunft auf dem Berghof Zuhausen über Siegsdorf bei seinem Freund Willi von Mallinckrodt und entschloss sich 1939 zur Auswanderung nach Kanada in die Provinz Quebec in einen kleinen Ort in den Bergen bei Montreal.

Nach der Versteigerung des Schlosses musste die Familie Hailer 1934 in das links vor der Pfarr- und Klosterkirche befindliche Kramerhaus umziehen (heutiger Besitzer Hirschfeld). Wendelin Hailer senior machte sich nun selbstständig, fuhr kurze Zeit in Trostberg beim Zimmerer Omnibus und erwarb 1936 einen eigenen Omnibus, einen Opel-Blitz mit 32 Sitzplätzen. Kurze Zeit später erwarb er schon einen zweiten Omnibus und stellte einen Chauffeur ein. Beide Fahrzeuge wurden 1939 von der Deutschen Wehrmacht für Truppentransporte eingezogen. In Niederseeon hatten Wendelins Schwiegereltern Josef und Katharina Kaiser schon 1912 ein Haus mit dem Hausnamen Amtmann oder Straßberger (alte Hausnummer 43) erworben, in das sie nun 1934 einzogen. Wendelin Hailer folgte 1937 mit seiner Familie seinen Schwiegereltern nach.

Ein Foto ungefähr aus dem Jahr 1950 zeigt die alte Herzogin Olga von Leuchtenberg vor ihrem kleinen Häuschen. Herzogin Olga hatte bis zuletzt eine gute Garderobe. Trotzdem lebte sie zuletzt von der Sozialhilfe. 1952 gratulierte ihr das Trostberger Tagblatt mit einem Beitrag zu ihrem achtzigsten Geburtstag.

Am 27. April 1953 starb Herzogin Olga im 81. Lebensjahr. Hohe Kerzen standen neben dem Sarg der aufgebahrten Verstorbenen. Angeblich soll Herzog Georg testamentarisch festgelegt haben, dass seine Frau nicht in seinem Grab beerdigt werden dürfe. Deshalb wurde Herzogin Olga an der Ostseite der Kirche St. Walburg bestattet. Mit ihrem Tod endet ein bedeutendes Kapitel aus der Geschichte Seeons. Die Kirche St. Walburg mit dem kleinen Friedhof wurde im Juli 1969 der Gemeinde Seeon gestiftet.

Die biographischen Angaben dieses Beitrags wurden dem Buch »Kloster Seeon. Beiträge zu Geschichte, Kunst und Kultur der ehemaligen Benediktinerabtei« entnommen, das der Bezirk Oberbayern 1993 herausgegeben hat. Außerdem wurde der 1943 im Traunsteiner Wochenblatt veröffentlichte Zeitungsartikel »Die Herzöge von Leuchtenberg« von August Sieghardt verwendet. Der Autor bedankt sich besonders bei seinen Mitarbeitern Anna Stammhammer, Lilli Wessollek, Maria Widur, Frau Ziereis, Michael Berger, Wendelin Hailer, Fritz Linner und Justin Mörner für die Bereitstellung vieler Fotos und der Mitteilung interessanter Erinnerungen und Erzählungen.

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