Jahrgang 2001 Nummer 26

Vor 50 Jahren gab es drei Primizen in Traunstein

Damals wurden Rupert Berger und die Brüder Georg und Joseph Ratzinger zu Priestern geweiht

Primiziant Joseph Ratzinger

Primiziant Joseph Ratzinger
Primiziant Georg Ratzinger

Primiziant Georg Ratzinger
Primiziant Rupert Berger

Primiziant Rupert Berger
Zehn- bis zwanzigtausend Einwohner zählende Stadtpfarrgemeinden gibt es im altbayerischen Raum eine ganze Anzahl. Aber eine, wo es im Sommer vor fünfzig Jahren gleich solche Anlässe zum Feiern gab? Meines Erinnerns war das schon einmalig! Und das war in Traunstein, das heißt in der Stadpfarrei Traunstein. Im diesbezüglichen geschichtlichen Rückblick muß hierzu auch noch daran erinnert werden, daß es damals auch nur eine Stadtpfarrei gab, nämlich die Pfarrei St. Oswald. Es gab noch keine Pfarrei Hl. Kreuz, ganz zu schweigen von der Kirche zu Haslach. Haslach war noch eine selbständige Landgemeinde vor den Toren Traunsteins.

Doch nun zur Stadtpfarrei Traunstein und den einmaligen Gründen zum Feiern. Am 26. April 1851, heuer also vor 150 Jahren, war der große Stadtbrand, dem die Häuser um den Stadtplatz und die Kirche zum Opfer fielen. In diesem Zusammenhang muß an den Umstand erinnert werden, daß damals Traunstein Pfarrkirche in Haslach war. Erst mit dem Brand 1851 wurde Traunstein Stadtpfarrei, bekam rechtlich eine Stadtpfarrkirche und auf den heutigen Maxplatz wurde für den Pfarrer ein Stadtpfarrhof gebaut. Also Grund genug, um vor 50 Jahren entsprechend zu feiern. Die älteren Traunsteiner können sich vielleicht noch daran erinnern. Im Traunsteiner Wochenblatt von damals hieß es:

»Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich das Pontifikalamt als Abschluß des Triduums zum hundertjährigen Bestehen der Pfarrei St. Oswald. S. Exzellenz H.H. Weihbischof Scharnagl zelebrierte unter Assistenz von H.H. Dekan Els. Fast der gesamte Stadtrat, Fahnenabordnungen der Vereine und die Bannerträger der kath. Jugend wohnten dem Gottesdienst bei.« Unter dem damaligen Dirigenten Dr. Hogger führten Chor und Orchester die Nelson-Messe Haydn auf. »Auch schwierigste Partieen wurden ausgezeichnet gemeistert.«

In einer Juniausgabe kann man eine wohl noch einmaligere Nachricht entdecken: Es gibt im Jahr 1951 im Chiemgau sechs Primizianten, wovon die Hälfte in Traunstein ihre erste Primiz feiern darf, nämlich in St. Oswald. Das Traunsteiner Wochenblatt berichtet: »Am 1. Juli wird als erster Primiziant Rupert Berger, der Sohn von Traunsteins Oberbürgermeister sein Erstlingsopfer in der heimatlichen Pfarrkirche feiern. Zur Doppelprimiz stehen acht Tage später die Brüder Georg und Joseph Ratzinger ebenfalls in Traunstein am Altar, um das Primizopfer darzubringen.« Allerdings muß hierzu noch etwas richtiggestellt werden: Bei den Gebrüdern Ratzinger handelt es sich zwar um zwei zur Pfarrei St. Oswald gehörende Primizianten, aber beide wohnten damals in Hufschlag, und dieser Ort gehört politisch zur Gemeinde Surberg, pfarrlich jedoch zu Stadtpfarrei Traunstein.

Am ersten Julisonntag 1951 fand mit Rupert Berger die erste der drei Primizen statt. Reicher Häuserschmuck und eine eindrucksvolle Illumination des Maxplatzes am Vorabend wiesen auf das Ereignis hin. Ältere kennen sicher noch das in Bayern weithin bekannte Wort: »Zur Teilnahme an einer Primiz darf man sich ein Paar Schuhsohlen durchlaufen!« Da war es auch nicht verwunderlich, daß viele Leute an dieser Feier teilnehmen wollten und auch von weither nach Traunstein kamen. Im Traunsteiner Wochenblatt ist dazu folgendes zu lesen: »Eindrucksvoll allein schon der Kirchenzug, der den jungen Gottesmann zur St. Oswaldkirche geleitete. Angeführt von der Stadtkapelle, den Fahnen der Vereine, denen sich die Hohe Geistlichkeit anschloß, danach schritt H.H. Primiziant Rupert Berger, assiestiert von seinen Mitbrüdern, den H.H. Diakonen Joseph und Georg Ratzinger, im feierlichen Zuge, gefolgt von den Eltern und Gästen der Familie, an deren Spitze Landtagspräsident Dr. Hundhammer. Der Kirchenzug war eingesäumt von Firmkindern mit Girlanden. Die Festpredigt hielt der frühere Stadtpfarrprediger Gruber.« Da die Stadtpfarrkirche vorausschauend nicht alle Mitfeiernden aufnehmen konnte, hatte man auf dem Stadtplatz Lautsprecher aufgestellt, »so daß die wartende Menge die heilige Handlung mitverfolgen konnte.« Dazu sind auch noch die Zeilen zu entdecken: »Der Kirchenchor brachte dem Neupriester am Samstagabend an der Wohnungstür ein Ständchen. Am Sonntagmorgen entbot die Stadtkapelle den ersten musikalischen Gruß.«

Eine Woche später folgten dann die Primizen der Gebrüder Ratzinger. Bereits der Vorabend brachte eine außergewöhnliche Feierstunde, allerdings nicht in Traunstein, sondern in Hufschlag, vor dem Elternhaus. Der mündlichen Überlieferung nach strömten an die Tausend Leute dorthin. Unter dem Traunsteiner Chorregenten Dr. Hogger sangen Jugendliche Kanons und mehrstimmige Chorlieder und Stadtpfarrer Dekan Els hielt eine Ansprache. In der Heimatzeitung war zu lesen: »Er hob besonders die Verbundenheit der Kirche mit dem Volke hervor, die schon allein dadurch demonstriert werde, daß ausgerechnet im kleinsten Häuschen, das in Hufschlag steht, die jungen Priester herangewachsen seien.«

Der Sonntag brachte dann die Primizen. Über die festlich geschmückte Scheibenstraße herein erwartete man die beiden Neupriester. Nicht uninteressant ist der Beginn der ersten Primiz, die Joseph Ratzinger feierte. Sie war nämlich bereits um 7 Uhr früh, und zwar unter der ausdrücklichen Mitfeier der Jugend und als Gemeinschaftsmesse und mit Jugendkommunion. In diesem Zusammenhang muß heute an den Umstand erinnert werden, daß erst das Konzil anfangs der 60er Jahre die liturgische Neugestaltung der Meßfeier brachte.

Um 9.30 Uhr war die zweite Primiz. Die brüderlichen Neupriester wurden von ihrer elterlichen Wohnung feierlich im großen Kirchenzug durch die Scheibenstraße über den Kniebos auf den Stadtplatz geleitet, wo sie von der Geistlichkeit empfangen und begrüßt wurden. In der überfüllten Stadtpfarrkirche hielt der Neupriester H.H. Georg Ratzinger das levitierte Hochamt, wobei sein Bruder als Diakon und Neupriester Berger als Subdiakon dienten. Der frühere Religionslehrer Studienrat Pöhlein hielt die Primizpredigt. Den festlichen musikalischen Rahmen gab die Aufführung der Nelson-Messe von Haydn ab. Danach traf man sich im Sailerkeller zum festlichen Mittagsmahl und nochmals in der Kirche.

Nicht uninteressant ist 50 Jahre später der Schlußsatz in einem Zeitungsbericht von damals: »Im Gegensatz zur sonstigen Uebung, bei den Primizianten die kommenden Aufgaben der Neupriester bekanntgegeben zu wissen, verlautet über deren Berufung vorerst noch nichts.« Heute wissen wir das natürlich bestens. Der heute im Ruhestand wieder in Traunstein wohnende Dr. Berger verfaßte in seiner aktiven Zeit Bücher, hielt Vorträge und war viele Jahre Stadtpfarrer in Bad Tölz. Georg Ratzinger verschlug es nach Regensburg, um jahrzehnte lang den weltberühmten Chor der Domspatzen zu leiten und Joseph Ratzinger landete über den Umweg als Kardinal in München, Berlin und in Rom.

Wo gibt es in Altbayern noch eine Stadtpfarrei mit drei Primizianten in einem Jahr, die später so berühmt wurden? Möge es Gott allen Dreien geben, daß sie noch lange Jahre als Priester wirken können!

Josef Metz



26/2001