Jahrgang 2001 Nummer 4

Vor 100 Jahren starb Königin Viktoria

Sie galt als sexhungrig und sehr romantisch

Königin Viktoria auf einem undatieten Bild. Vor 100 Jahren, am 22. Januar 1901, starb die Königin von Großbritannien und Kaiseri

Königin Viktoria auf einem undatieten Bild. Vor 100 Jahren, am 22. Januar 1901, starb die Königin von Großbritannien und Kaiserin von Indien auf der Insel Wight. Von ihren fast 82 Lebensjahren regierte sie 64 Jahre lang.
Ihr Name ist der Inbegriff der Prüderie, doch in Wahrheit war sie als sexhungrig bekannt. Es heißt, von Politik habe sie nichts verstanden, aber der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck schwärmte: »Was für eine Frau! Mit der könnte man arbeiten.« Ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Massenelend der britischen Arbeiter gilt als Beleg für ihre Hartherzigkeit, und doch klebte sie zeitlebens Fotos gefallener Soldaten in Traueralben. Das Bild, das sich die Welt von Viktoria gemacht hat, entspricht nur zum Teil den historischen Tatsachen. Als die Königin von Großbritannien und Kaiserin von Indien am 22. Januar 1901, vor 100 Jahren, auf der Insel Wight starb, hatte die Legendenbildung schon lange begonnen.

Die kleine dicke Frau, die in einen 150 Zentimeter langen Sarg paßte, hatte von ihren fast 82 Lebensjahren 64 Jahre regiert. Als sie 1837 den Thron bestieg, war der Hafen von London noch voller Segelschiffe, und auf den Straßen fuhren Kutschen. Als sie starb, dampften Luxusliner über die Meere, und ganz Großbritannien wurde von einem dichten Schienennetz durchzogen. So ziemlich alles hatte sich in dieser Zeit der Industrialisierung verändert – nur die Frau auf dem Thron war dieselbe geblieben. Die schwarz gekleidete Witwe mit Spitzenhäubchen, die sich in ihren letzten 30 Lebensjahren äußerlich kaum noch veränderte, verkörperte die Stabilität des Britischen Empire. »Wir haben unseren Zenit als Nation erreicht«, schrieb der »Spectator« zu ihrem Tod, »Jetzt beginnt der Niedergang.«

Vor dem Buckingham-Palast huldigen ihr noch heute die Völker der Welt: Ehrfürchtig stehen Vertreter aller Kontinente im brausenden Autoverkehr um die Marmor-Matrone mit den charakteriatischen Pausbacken und der spitzen Nase herum. Doch wer wissen will, was für ein Mensch Viktoria war, der muß sich nicht dieses neun Jahre nach ihrem Tod errichtete Victoria Memorial anschauen, sondern das von ihr selbst in Auftrag gegebene Albert Memorial im Hyde Park: Damit wollte sie ihren vergötterten Ehemann Albert von Sachsen-Coburg Gotha unsterblich machen. Unter einem riesigen Baldachin erhebt sich der deutsche Prinzgemahl überlebensgroß – und ganz in Gold. Nach einer mehrjährigen Restaurierung funkelt er jetzt wieder im Nachmittagslicht. Kitschig, aber rührend.

Albert war Viktorias große Liebe. Die Beziehung war so leidenschaftlich, daß sie heute noch die Gemüter bewegt: Eine BBC-Spielfilmreihe mit dem Titel »Victoria und Albert« führte wegen der freizügigen Bettszenen schon vor der Ausstrahlung im Frühjahr zu Protesten. Donald Foreman, der Sekretär der Monarchistenliga, meint: »Es stimmt zwar, daß Königin Viktoria großen Spaß am Sex hatte, aber man fühlt sich ein bißchen so, wie wenn das Intimleben der eigenen Großmutter ausgebreitet würde.« Fest steht, daß Albert viel »viktorianischer« war als seine zunächst recht freizügig denkende Ehefrau, die nächtliches Kartenspiel liebte und bei Tisch viel zu laut lachte. Ihre strengen Moralvorstellungen und tadellosen Manieren übernahm sie erst nach und nach von dem deutschen Provinzfürsten. Als »der perfekte Albert« 1861 mit nur 42 Jahren starb, war sie so untröstlich, daß sie jahrelang nicht mehr in der Öffentlichkeit erschien. Vierzig Jahre schlief sie nur mit seinem Schlafanzug neben sich ein. Und bevor sie wichtige Verträge unterzeichnete, fragte sie sein Porträt um Rat. Viktoria war eben hoffnungslos romantisch.

Ihre Schwäche für Deutsche pflegte sie weiter. Ihr Lieblingsenkel war »Willy aus Preußen«, Kaiser Wilhelm II., dem sie wie jede gute Oma bei Besuchen Berge von Süßigkeiten mitbrachte und in dessen Armen sie schließlich starb. Daß sie gleichzeitig vor seiner »gefährlichen Überheblichkeit« warnte, ist ein Beleg für ihre hin und wieder verblüffende Weitsicht, mit der sie auch einen Konflikt mit Deutschland und das Ende des russischen Zarenreiches voraussah. Die britische Monarchie dagegen, die bei ihrer Thronbesteigung nach einer Serie von unfähigen Vorgängern wankte, war bei ihrem Tod so fest gefügt, daß man sich die Königin von England seitdem so wenig wegdenken kann wie die Königin im Kartenspiel.

Christoph Driessen



4/2001