Jahrgang 2001 Nummer 47

Vor 100 Jahren starb Joseph Rheinberger

Seine Werke erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit

Joseph Gabriel von Rheinberger war nie vollständig vergessen, Platten- und CD-Einspielungen gediegener Art belegen das, aber im Bewußtsein des Publikums, besonders des kirchlich-frommen, blieben nur die großen geistlichen Werke lebendig. Dazu zählt etwa das gefühlvoll schöne Oratorium »Der Stern von Betlehem« aus dem Jahr 1890. Zunehmend aber wird derzeit die ganze kompositorische Bandbreite Rheinbergers, dessen reichhaltigen musikalischen Nachlaß die Bayerische Staatsbibliothek birgt, für die gegenwärtige Musikpflege erschlossen. Das heurige Jubiläumsjahr war ein Indiz dafür. Gerade im heurigen »Musiksommer zwischen Inn und Salzach« kamen zahlreiche seiner Werke in häufig geglückten Aufführungen zu Gehör.

Rheinbergers Leben

Rheinberger war ein gebürtiger Liechtensteiner. Am 17. März 1839 wurde er in Vaduz geboren. Obschon er in einem eher kunstfernen Milieu heranwuchs – sein Vater war Rentmeister – bahnte er sich rasch und zielsicher den Weg zur (Kirchen-)Musik. Im Alter von sieben Jahren soll er – so die Fama – das Organistenamt im Heimatort ausgeübt haben. Als Zwölfjähriger wanderte Rheinberger nach München – zu Fuß selbstverständlich – mutig-entschlossen, dort seine Ausbildung zu perfektionieren.

Seine Lehrer sind – mit Ausnahme von Franz Lachner (1803-1890) – heute vergessen, die hervorragenden Talente des Jünglings wußten sie aber zu schätzen und zu fördern. Sie bewunderten »...seine frühe Tüchtigkeit im Orgelspiel, in Kontrapunkt und Fuge (...) und in der Beherrschung der Kirchentonarten...« (Anton Würz).

In den ersten Münchner Jahren frettete er sich durch Stundengeben und mit aushilfsweisem Orgelspiel an verschiedenen Kirchen der Landeshauptstadt durch. Daneben komponierte der junge Eleve mit unermüdetem jugendlichen Elan. Vom Frühwerk hat sich jedoch fast nichts erhalten, Rheinberger hat sich schnell davon distanziert.

1859 schließlich wurde Rheinberger an die Musikschule als Klavier-, später auch als Theorielehrer berufen. 1860 bis 1866 amtete er als Organist an der St. Michaels-Hofkirche.

1867 empfing er die Ernennung zum Professor für Orgel und Kontrapunkt an der Königlichen Musikschule. Hier auch entfaltete er seine frappierenden pädagogischen Fähigkeiten und vermittelte seinen zahlreichen Schülern – von überall her – ein gediegenes handwerkliches Konzept und solides musikhistorisches Wissen. Der sachkundige Poet Herbert Rosendorfer notiert dazu: »Berühmt oder sogar berüchtigt als ‘Fugenseppl’ war er unmittelbar oder mittelbar Lehrer einer ganzen Komponistengeneration. Und in der Fachsprache der MGG (»Musik in Geschichte und Gegenwart«) liest sich das so: »Die Klarheit, der Ernst, die Strenge seiner Lehre werden von allen Schülern ebenso gerühmt wie die Vornehmheit seiner Gesinnung, die sich auch im Verzicht auf eine unmittelbare Beeinflussung der künstlerischen Meinungen und Wunschziele äußerte«.

Zu seinen Schülern zählten etwa Engelbert Humperdinck (1854-1921), der Komponist von »Hänsel und Gretel« (1893) war immerhin jahrelang in Bayreuth Richard Wagners Assistent, ferner der Deutsch-Italiener Ermanno Wolf-Ferrari (1876-1948) sowie der Bozener Ludwig Thuille (1861-1907). Der Neuromantiker und Verfasser einer »Harmonielehre« übernahm Rheinbergers Nachfolge an der Königlichen Musikschule.

Als Komponist suchte Rheinberger Abstand zu wahren zu den Protagonisten einer neuen Musik, hier unter anderem zu Richard Wagner, auch in der sakralen Tonsprache distanzierte er sich entschieden vom Cäcilianismus (mit all seinen Schattierungen).

Joseph Rheinberger erhielt 1894 den Personaladel, 1899 die Ehrendoktorwürde der Münchner Universität. Von 1867 bis zu ihrem Tod 1892 lebte der Tonsetzer in glücklicher Ehe mit Franziska von Hoffnaass. Die hochgebildete, künstlerisch sensible Frau, eine Generalswitwe, lieferte emsig die Libretti seiner Vokalwerke, die allerdings nicht eben zu den Gipfeln lyrischen (und dramatischen) Schaffens zählen. Rheinberger starb am 25. November 1901 in München. Er liegt in Vaduz begraben. Einen stattlichen Teil seines beträchtlichen Vermögens hinterließ er wohltätigen Stiftungen.

Hinweise zum Werk

Wie erwähnt, blieb Rheinbergers Kirchenmusik stets lebendig, populär und in Sakralräumen oft aufgeführt. Allerdings darf man den Tonsetzer nicht als genuinen Komponisten geistlicher Musik ansehen. Er schrieb mehrere Opern, darunter das dreiaktige Werk »Die sieben Raben«, 1869 uraufgeführt. Bülow urteilte darüber: »Musik sehr respektabel, stilvoll, nobel und reich«. Aber es fehlte die dramatische Kraft und Wucht.

Die großen Orgelkonzerte und -sonaten waren nie für kirchliche Zwecke bestimmt. Rheinberger schrieb sie vor allem für die großen Konzerte im Münchner »Odeon« (mit seiner berühmten Orgel).

Das Orgelkonzert in g-Moll opus 177 etwa ist ein wichtiges , leider ziemlich selten gespieltes Spätwerk von 1894 mit einer besonders interessanten Instrumentation (Streicher, 2 Trompeten, 2 Hörner und Pauken). Es mag hier klar werden, wie stark Rheinberger die Münchner Orgeltradition weitergeführt und geprägt hat.

Rheinbergers Chorwerke erfreuen sich heute einer zunehmenden und anwachsenden Beliebtheit. Er greift dabei auf die Vokalpolyphonie ebenso zurück wie auf die barocke Kontrapunktik und auf die Frühromantik. Geprägt sind die Stücke von einer innigen, mag sein auch mal von einer gefühligen Frömmigkeit, die jedoch der Emotionalität schönen Raum gewährt.

Besondere Popularität genießt das Abendlied »Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt«. »Pathos« und Schmelz dieses Stückes, sein inniges Sentiment machen es zu einer beliebten Zugabe, auch heute noch.

Christoph Bauer



47/2001