Jahrgang 2001 Nummer 4

Vor 100 Jahren starb der italienische Komponist Giuseppe Verdi

Er komponierte Weltbestseller wie Aida und hinterließ ein Jahrhundertwerk

Der italienische Komponist Giuseppe Verdi in einer zeitgenössischen Darstellung. Er starb Vor 100 Jahren, am 27. Januar 1901.

Der italienische Komponist Giuseppe Verdi in einer zeitgenössischen Darstellung. Er starb Vor 100 Jahren, am 27. Januar 1901.
Der vor 100 Jahren verstorbene italienische Komponist Guiseppe Verdi, der Vater der italienischen Monumentaloper, hinterließ meh

Der vor 100 Jahren verstorbene italienische Komponist Guiseppe Verdi, der Vater der italienischen Monumentaloper, hinterließ mehr als 30 Opern. Das Archivbild zeigt die Verdi-Oper Aida vor dem rund 3400 Jahre alten Tempel der Pharaonin Hatschepsut bei Luxor. Die historische Kulisse nahe der Originalschauplätze wurde bei der Inszenierung des Dramas um die Liebe zwischen dem altägyptischen Feldherrn Ramades und der äthiopischen Sklavin Aida mit einbezogen.
Als Giuseppe Verdi in Mailand zu Grabe getragen wurde, folgten zehntausende Menschen seinem Sarg. Unter der Leitung von Arturo Toscanini spielte das Orchester des Opernhauses La Scala; aus 900 Kehlen erscholl »Va pensiero« – der berühmte Chor aus »Nabucco«. Vor 100 Jahren, am 27. Januar 1901, starb der Vater der italienischen Monumentaloper.

Wie sein deutscher Zeitgenosse Richard Wagner hinterließ der Italiener ein Jahrhundertwerk – mit mehr als 30 Opern und überarbeiteten Fassungen. Er komponierte Welt-Bestseller wie »Aida« und Evergreens der E-Musik wie »La donna e mobile« aus »Rigoletto«. »Verdi ist ein Gigant der italienischen Oper, und er wird es immer bleiben«, sagt der blinde italienische Startenor Andrea Bocelli: »Seine Arien überwinden Grenzen.«

Den Durchbruch schaffte Verdi als Endzwanziger mit »Nabucco«; der Premierenerfolg 1842 an der Mailänder Scala öffnete ihm alle Pforten in Europa. Dabei wollte er diese Oper nie komponieren. Denn um 1840 steckte Verdi in seiner tiefsten Lebenskrise: Kurz hintereinander waren seine beiden kleinen Kinder und seine Frau Margherita gestorben. »Es waren die schrecklichsten Schicksalsschläge meines Lebens«, erinnert er sich später in einem Brief.

In jenen Tagen drückte der Scala-Impresario Bartolomeo Merelli dem jungen Künstler ein Libretto-Manuskript in die Hand, das Verdi zu Hause wütend auf den Tisch schleuderte. Zufällig fiel sein Blick auf die Zeile »Va pensiero, sull' ali dorate« (Flieg' Gedanke, auf goldenen Schwingen). »Ich war so tief bewegt. ... Ich las das Poem nicht ein, sondern zwei, drei Mal, so oft, daß es mir am nächsten Morgen vom Anfang bis zum Ende im Herzen eingebrannt war.«

»Va pensiero« wurde zur Fanfare der Einheitsbewegung Risorgimento im 19. Jahrhundert und zur heimlichen Nationalhymne Italiens. »Viva Verdi«, riefen die Menschen, wollten damit aber nicht dem Komponisten huldigen, sondern ein Bekenntnis zur Einheit des Landes ablegen. Kurzzeitig war Verdi, eine Symbolfigur des italienischen Patriotismus, auch Mitglied des Parlamentes.

Nach »Nabucco« wurde er mit Aufträgen überhäuft. Er schuf Monumentalwerke mit gewaltigen Chorszenen, gastierte in London und Paris, Kairo und Sankt Petersburg. »Galeerenjahre« nannte er die 40er Jahre mit großen Triumphen und manch spektakulärem Reinfall. So notierte er: »'Die Lombarden' (1843) waren ein grandioses Fiasko« und »sie (die Besucher) haben gelacht.«

»Rigoletto«, »Troubadour« und »La Traviata« begründeten in den 50er Jahren seinen Weltruhm. »Aida« (1871) gilt als die Meisterleistung seines Lebens. 1874 vollendete er nach dem Tod seines Dichterfreundes Alessandro Manzoni das »Requiem« mit dem Flüstergesang.

Experten wie Star-Dirigent Riccardo Muti sehen in ihm einen Erneuerer, den es noch zu entdecken gilt. »Bombastisch und sentimental«, nennen andere sein Bühnenwerk. Aus heutiger Sicht hatte Verdi die Breitenwirkung eines Popstars. Seine Musik geht den Menschen ans Herz. Oft schrieb er Opern um. Sein Credo: Auch ein Mißerfolg kann nützlich sein. Giuseppe Fortunino Francesco Verdi wurde am 10. Oktober 1813 in Roncole di Busseto nahe Parma geboren. Seine Eltern waren einfache Gastwirtsleute. Doch ihm lag die Musik im Blut. Schon mit sieben Jahren half er dem Dorf-Organisten; später förderte ihn der Kaufmann und Musikfreund Antonio Barezzi, dessen Tochter Margherita Verdis Ehefrau wurde. Nach deren frühem Tod begegnete er 1841 der Sängerin Giuseppina Strepponi, der Liebe seines Lebens.

Mit »Peppina« bezog Verdi um 1850 das Landgut Sant'Agata nahe seinem Geburtsort. Fast zehn Jahre lebte das Paar unverheiratet zusammen – »ein Skandal«, wie manche urteilen. »Ich brauche meine Handlungsfreiheit, weil alle Menschen ein Recht darauf haben und weil meine rebellische Natur es mir verbietet, mich von anderen bestimmen zu lassen«, schrieb Verdi.

Zeitgenossen beschreiben ihn als scheuen Charakter mit einer Neigung zur Griesgrämigkeit. Seinen imposanten Bart habe er sich wachsen lassen, um das Image des Gutsherrn zu pflegen, der trotz mangelnder Kultur allein durch sein Genie zur Musik gekommen sei. In Mailand ließ er ein Altersheim für Musiker errichten.

Verdi reiste viel, Giuseppina begleitete ihn. Voller Poesie sind ihre Briefe in den Zeiten der Trennung: »Ich wünsche Dir eine ruhige Nacht und einen blauen Himmel morgen früh.« 1897 starb Giuseppina; ihr Sarg wurde 1901 mit dem Verdis zur gemeinsamen letzten Ruhestätte gebracht.


Stimmen zu Verdi:

Anläßlich des 100. Todestages des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi äußerten sich Opernintendanten, Regisseure und Dirigenten zur Bedeutung des italienischen Komponisten:

Heinz Fricke, Musikdirektor der Washingtoner Oper:
»Das Bild Giuseppe Verdis tritt in der neueren Musikgeschichte immer bedeutender hervor. In der Revision der Aufführungspraxis seiner Opern, lange Zeit als pompöse Stimmparaden angesehen, entdeckte man die Kraft eines dramaturgischen Genies, wie es seit Shakespeare nicht wieder entstanden war. Lange Zeit wurde der wahre musikdramatische Gehalt der Opern, die nationale Kraft, verkannt. Verdi war immer bemüht, seiner Musik, ob schön oder nicht-schön, einen Charakter zu geben. Bei ihm sind Mensch und Menschlichkeit stets im Mittelpunkt. Unter den Theatermusikern wurde er der Dramatiker schlechthin.«

Zubin Mehta, Bayerischer Generalmusikdirektor:
»Ohne Giuseppe Verdi kann man nicht aufwachsen, man muß Verdis Platz in der Musikgeschichte kennen: Was für einen unglaublichen Bogen er mit seinem Werk durchschritten hat, eine fantastische Entwicklung - und mit welchen Stationen. Und in jedem Werk spürt man die große Liebe zu seinen Charakteren – die Musik verrät das genau.«

Ioan Holender, Direktor der Wiener Staatsoper:
»Verdi ist bestimmt der wichtigste Opernkomponist aller Zeiten, ohne ihn wäre die Entwicklung der menschlichen Stimme und wäre auch nicht die Musik da, wo sie heute ist. Singulär und bahnbrechend ist Verdis Kompositionsweise, die den Sänger in den Mittelpunkt rückt. Nirgendwo interessiert so sehr, wer singt, wie hier. Davon zeugt auch die Herausbildung des Verdi-Baritons und des Verdi-Soprans als eigene Stimmfächer. Er hat ideal für die menschliche Stimme komponiert.«

Sir Peter Jonas, Intendant der Bayerischen Staatsoper:
»Im Zentrum unserer Verdi-Festwochen an der Bayerischen Staatsoper steht die Neuinszenierung von Falstaff. Ich halte dieses Werk für den Höhepunkt des gesamten Opernschaffens des 19. Jahrhunderts. Und zugleich darf es als das Werk angesehen werden, das am stärksten auf das 20. Jahrhundert vorausgewiesen hat. Man muß als Zuschauer alle Sinne schärfen, um die Früchte von Verdis großem Werk genießen zu können. Erst dann kann man die Virtuosität, die Weisheit und die Zartheit dieses Meisterwerks erkennen. «

Jutta Lauterbach



4/2001