Jahrgang 2001 Nummer 32

Vor 100 Jahren gelang der erste Motorflug

Am 14. August 1901 startete Gustav Weißkopf zum ersten motorbetriebenen Flug der Welt

Ein Nachbau der Flugmaschine »Nr. 21«. So sah das Original aus.

Ein Nachbau der Flugmaschine »Nr. 21«. So sah das Original aus.
Das dem Flugpionier Gustav Weißkopf gewidmete Denkmal in Leutershausen zeigt die legendäre Flugmaschine »Nr. 21«.

Das dem Flugpionier Gustav Weißkopf gewidmete Denkmal in Leutershausen zeigt die legendäre Flugmaschine »Nr. 21«.
Gustav Albin Weißkopf alias Gustave Whitehead.

Gustav Albin Weißkopf alias Gustave Whitehead.
So mancher Leser wird sich verwundert fragen, ob nicht die Gebrüder Wright die ersten waren, die mit einem Motorflugzeug aufstiegen.

Nach Erkenntnissen, die lange Zeit als unantastbar galten, erfanden und flogen die amerikanischen Brüder Orville und Wilbur Wright das erste brauchbare Motorflugzeug. Ihr erster Motorflug gelang ihnen am 17. Dezember 1903 bei Kitty Hawk in North Carolina/USA. Dieser Flug dauerte zwölf Sekunden und die Flugstrecke betrug 36 m.

Spätere Forschungsergebnisse bewiesen aber dann, daß der aus Franken stammende Deutsche Gustav Albin Weißkopf bereits am 14. August 1901, also rund zwei Jahre früher, mit seinem selbst gebauten Eindecker »Nr.21« in Fairfield bei Bridgeport/USA den ersten motorbetriebenen Flug der Luftfahrtgeschichte durchführte. Dieser Flug dauerte zehn Minuten und erstreckte sich über rund 800 m.

Gustav Albin Weißkopf kam am 1. Januar 1874 in dem Altmühlstädtchen Leutershausen bei Ansbach zur Welt. Bereits als Schulbub war er ein besessener Tüftler, der sich aber auch sehr für den Flug der Vögel interessierte und deshalb von seinen Freunden der »Flieger« genannt wurde. Mit dreizehn Jahren verlor er seine Eltern und kam zu seinem Großvater nach Ansbach. Dort begann er eine Lehre als Schlosser und dabei konnte er sich Kenntnisse in Theorie und Praxis des Motorenbaus aneignen. Diese Lehre beendete er aber nicht, sondern ging bereits 1888, also mit vierzehn Jahren, nach Hamburg. In einer Hamburger Hafenspelunke wurde er von Matrosen betrunken gemacht und anschließend auf einen australischen Segler verschleppt, er wurde also gewaltsam angeheuert. Das war eine damals weit verbreitete Methode, um Schiffsmannschaften zu verstärken. Während seiner Zeit zur See erlernte er die englische Sprache und erwarb sich seemännische Kenntnisse. Außerdem konnte er die Seevögel beobachten und deren Flugbewegungen ausgiebig studieren.

1889 kam Weißkopf nach Deutschland zurück, wanderte aber später nach Brasilien aus. Er lebte dort in Pernambuco, dem heutigen Recife. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich bei deutschen Einwanderern durch Gelegenheitsarbeiten. Dort baute er in seiner freien Zeit sein erstes Segelflugzeug, das aber trotz aller aufgewandten Sorgfalt und Mühe flugunfähig war. Als Weißkopf 1893 erfuhr, daß Otto Lilienthal in Berlin das Problem des Segelfluges gelöst hatte, kehrte er umgehend nach Deutschland zurück, um sich mit Lilienthal zu treffen. Dieser war beeindruckt von dem wissbegierigen Besucher mit der Folge, daß Weißkopf nahezu ein Jahr lang als Schüler und Assistent bei Lilienthal blieb. Aber dann hielt es ihn nicht mehr länger. 1895 wanderte er in die USA aus, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er hoffte, dort die besten Chancen für seine flugtechnischen Arbeiten zu finden.

Zuerst lebte er in Boston. Dort baute er das Segelflugzeug Lilienthals nach und damit gelangen ihm auch kleinere »Hopser«. Später zog Weißkopf dann nach New York und arbeitete dort in einer Sportartikel- und Spielwarenfabrik. Eines Tages sagte er zu einem Freund: »Ich baue in den Segler einen Motor ein, dann bin ich völlig unabhängig vom Wind.« Es ist erwähnenswert, daß Weißkopf sich nie zu den USA bekannte. Er blieb deutscher Staatsbürger, änderte aber seinen Namen in Gustave Whitehead. Von New York City aus zog er nach Buffalo/NY und heiratete dort die Deutsch-Ungarin Louise Tuba. Wenig später ging das Ehepaar zuerst nach Baltimor und dann Pittsburgh/Pensylvania, wo Weißkopf Arbeit in einem Kohlebergwerk fand. Wirtschaftlich ging es der Familie nicht gut. Erst nach einem weiteren Umzug, diesmal nach Bridgeport/Connecticut, fand er eine gut bezahlte Arbeit als Nachtwächter. In seiner Freizeit beschäftigte er sich mit dem Bau und der Weiterentwicklung seiner Flugmaschine »Nr.21«. Als Werkstatt stand ihm ein Schuppen hinter dem Wohnhaus im Stadtteil Fairfield zur Verfügung. Weißkopf fand in Bridgeport sogar Leute, die dem »verrückten Bayer« Geld für seine Experimente liehen.

Die Flugmaschine Nr.21 kann man etwa so beschreiben: Der Rumpf war 4,88 m lang. Die breiteste Stelle maß 76 cm und die Höhe 91 cm. Die hölzernen Rippen waren mit Segeltuch überzogen und das ganze Gestell war mit Stahldrähten verspannt. Mit vier Rädern, deren Durchmesser 30 cm, konnte die Maschine rollen. Die Tragflächen und das Höhenleitwerk hatten insgesamt eine tragende Fläche von etwa 42 qm. Die Spannweite der Tragflächen war 11 m. Das Höhenleitwerk konnte vom Sitz des Piloten aus betätigt werden. Ein Seitenleitwerk war nicht vorhanden, denn die Seitensteuerung sollte durch unterschiedliche Drehzahlen der beiden Propeller erzielt werden. Ein Mast und eine waagerecht nach vorne über den Bug hinaus reichende Stange (Bugspriet) ermöglichten die exakte Fixierung aller Teile. Interessant ist auch die Motorisierung. In die Maschine waren zwei Acetylenmotoren eingebaut. Das benötigte Acetylen (C2H2) wurde damals durch die Einwirkung von Wasser auf Calciumcarbid gewonnen. Die Acetylenmotoren waren eine Eigenentwicklung Weißkopfs. Die für die damalige Zeit im Verhältnis zum Gewicht der Motoren hohe Energie entwickelte sich durch eine rasche Folge von Acetylenexplosionen. Das Gas wurde in einen Zylinder gepresst und durch Kontakt mit einem chemischen Präparat gezündet. Dies erzeugte einen starken, gleichmäßigen Kolbendruck. Die Zusammensetzung der Chemikalie kannte nur Weißkopf; sie ist bis heute unbekannt geblieben. Amerikanische Chemiker bezeichneten das Präparat als eine »queer mixture«, eine verrückte Mixtur. Der untere Motor, der am Rumpfboden angebracht war, hatte zehn PS und wog 10 Kilogramm. Dieser Motor hatte die Aufgabe, durch Antrieb der beiden vorderen Räder beim Start die erforderliche Beschleunigung zu erreichen. Die beiden hinteren Räder konnten vom Piloten gesteuert werden. Vor den Tragflächen und quer zum Rumpf war ein doppelter Verbundmotor mit einer Leistung von 20 PS montiert, der die beiden Propeller in gegenläufiger Drehrichtung antrieb. Dieser Motor wog 20 Kilogramm. Die Propeller hatten eine Länge von 182 cm. Die Flugmaschine wog insgesamt 62 Kilogramm.

Am 8. Juni 1901 brachte die Zeitschrift SCIENTIFIC AMERICAN eine genaue Beschreibung der Flugmaschine »Nr.21«. Dies beweist, daß zumindest zu diesem Zeitpunkt das Gerät fertiggestellt war. In den frühen Morgenstunden am 14. August 1901 war es dann soweit. Gustav Weißkopf, seine beiden Mitarbeiter Andrew Cellie und James Dikie, sowie ein Reporter des BRIDGEPORT SUNDAY HERALD brachten die Flugmaschine aus Fairfield hinaus zu einem großen Feld. Nach sorgfältigster Überprüfung bestieg Weißkopf das Cockpit und startete die Motoren. Die Maschine rollte an, wurde immer schneller und erhob sich dann wie ein Vogel in die Luft. Eine Baumgruppe in der Fluglinie konnte Weißkopf dadurch umfliegen, dass er durch eine Verlagerung seines Körpergewichtes die Maschine in eine Kurve zwang. Er flog zum Ausgangspunkt zurück und landete problemlos. Die Maschine war zehn Minuten in der Luft und hatte in einer Höhe zwischen 12 und 15 m eine Strecke von etwa 800 m geschafft; Gustav Albin Weißkopf war der erste Motorflug der Weltgeschichte gelungen.

Im BRIDGEPORT SUNDAY HERALD erschien am 18. August 1901 eine besonders ausführliche Schilderung des gelungenen Fluges. Auch der NEW YORK HERALD vom 19. August 1901 brachte einen entsprechenden Bericht. Die nationale und auch die internationale Anerkennung blieb allerdings aus. Dies war wohl überwiegend auf das persönliche Verhalten von Weißkopf zurückzuführen. Weißkopf war ein hochbegabter Techniker, alle Umstände deuten aber darauf hin, dass er kein guter Geschäftsmann war. Er hatte seinen Flug nicht groß angekündigt, im Gegenteil, er wollte die Versuche still und von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt starten. Er hatte Angst vor schreckhaften Nachbarn und vor der Polizei. Schon als er noch in Pittsburgh lebte und viele Versuche mit Dampfmaschinen und Explosionsmotoren durchführte, hatte er ständig Ärger mit den Nachbarn. Diese waren durch seine nächtliche Experimentierlust ziemlich verängstigt, denn immer wieder gab es Explosionen, die sogar Fensterscheiben zerbrachen. Als dann im Mai 1899 beim ersten Flugversuch das mit einer Dampfmaschine angetriebene Flugzeug in ein dreistöckiges Wohnhaus krachte, war es mit der Geduld der Nachbarn vorbei; sie holten die Polizei und Weißkopf wurde aus Pittsburgh ausgewiesen.

In Bridgeport hatte er natürlich auch wieder Bedenken wegen der Nachbarn. Deshalb fanden die Flugvorbereitungen nachts und der Flug selbst dann in der Morgendämmerung statt. Dies wiederum hatte zur Folge, dass der anwesende Reporter des BRIDGEPORT SUNDAY HERALD keine Fotos machen konnte. Aber für die Anerkennung wäre ein Foto notwendig gewesen, das eindeutig die Maschine im Flug gezeigt hätte. Die Zeugenaussagen reichten damals als Beweis nicht aus.

Die Nichtanerkennung seiner einzigartigen Pionierleistung war zwar für Weißkopf ein schwerer Schlag, aber er gab nicht auf. Noch im Spätherbst des Jahres 1901 gründete er in Bridgeport die erste Flugzeugfabrik der Welt. Das Startkapital von 10.000 Dollar erhielt er von seinem New Yorker Geldgeber. In dieser Fabrik arbeiteten 15 Mechaniker und zwei Ingenieure. Es ist nicht überliefert, wie viele Flugzeuge in dieser Fabrik tatsächlich gebaut wurden. Bekannt ist aber, daß Weißkopf noch im Herbst 1901 begann, die Flugmaschine »Nr.22« zu bauen. Nach vier Monaten Bauzeit war es geschafft. Die Konstruktionsweise war ähnlich der »Nr.21«, die Azetylenmotoren waren aber durch einen 54 Kilogramm schweren Fünfzylinder-Dieselmotor mit 40 PS ersetzt worden. Eine weitere Besonderheit war der wasserdicht gearbeitete Rumpf, der Start und Landung im Wasser ermöglichte. Weißkopf hatte das erste Flugboot der Welt gebaut. Die Baukosten betrugen 1.700 Dollar und wurden durch ein Darlehen aufgebracht.

Im Januar 1902 startete Weißkopf die »Nr.22« zu zwei Flügen. Beim ersten Flug erzielte er eine Flugstrecke von rund 3 km; beim zweiten Flug waren es 60 m Höhe und 11 km Flugstrecke. Später ging die Flugmaschine »Nr.22« bei einer Wasserlandung verloren. Nun war Weißkopf ruiniert. Aus Geldmangel war er gezwungen, seine Experimente vorübergehend einzustellen. Er schrieb nun Artikel für Fachzeitschriften über seine Arbeiten. Als er sich finanziell wieder einigermaßen erholt hatte, begann er neu zu experimentieren. Er entwickelte Motoren bis zu 250 PS. Charles Wittmann, der erste Händler für zivile Flugzeuge in den USA, kaufte von Weißkopf, den er als das größte Genie des Landes bezeichnete, zahlreiche Motoren. Einmal bekam Weißkopf an einem Tag 50 schriftliche Bestellungen für Flugzeugmotoren. Da Weißkopf aber, wie bereits erwähnt, kein guter Geschäftsmann war, führte er nur Aufträge in dem Umfang aus, als er Geld zum Lebensunterhalt und zum Experimentieren brauchte.

Es gäbe über Weißkopf noch viel zu berichten, doch reicht der Rahmen dieser Veröffentlichung hierzu nicht aus. Am 10. Oktober 1927 starb Gustav Albin Weißkopf an einem Herzinfarkt. Er wurde auf Staatskosten auf dem Armenfriedhof von Bridgeport beerdigt. Seiner Witwe hinterließ er acht Dollar. Sein Grab erhielt nur einen Pflock mit der Nummer 42. Die Welt hatte den Pionier vergessen, dem der erste Motorflug der Weltgeschichte gelang.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich der Major der US-Luftwaffe William O’Dwyer und die amerikanische Schriftstellerin Stella Randolph mit den Ereignissen um Gustav Weißkopf eingehend befasst und so den wahren Sachverhalt ermittelt. 1973 begann dann auch in Deutschland eine intensive Weißkopf-Forschung durch die Flughistorische Forschungsgesellschaft Gustav Weißkopf (FFGW) in Leutershausen. Diese Forschungen bewiesen nun, dass Gustav Albin Weißkopf tatsächlich der erste Motorflug der Weltgeschichte gelang und die nachträgliche Anerkennung blieb nicht aus. So kann man zum Beispiel in der zwanzigbändigen Brockhaus-Enzyklopädie nachlesen:

Weißkopf, Gustav, Flugpionier, *Leutershausen (Franken) 1.1.1873, Fairfield (Conn.) 10.10.1927, wanderte 1895 nach den Verein. Staaten aus,wo er sich Gustave Whitehead nannte, und arbeitete in Bridgeport (Conn.) als Schlosser und Mechaniker. Mit einem selbstgebauten, den Gleitern O. LILIENTHALS nachgebauten Eindecker, angetrieben durch einen selbstkonstruierten Azetylen-Motor, flog er am 14.8.1901 etwa 2700 m weit in 10 - 15 m Höhe. Dies war der erste Motorflug. W. gab später seine Versuche aus Geldmangel auf; sie gerieten schnell in Vergessenheit.

Quellenverzeichnis:

»Ich flog vor den Wrights«, Eine Zusammenfassung von Ergebnissen der Weißkopf-Forschung von Albert Wüst, Verlag Fritz Majer & Sohn, Leutershausen, 1999. Leuscher Peter, Gustav Weißkopf, der erste Motorflieger der Weltgeschichte, in: anno domini, Verlag J. Pinsker & Sohn, Mainburg 1976. Die Chronik Bayerns, Chronik-Verlag, Gütersloh/München 1994. Bildkalender 192 der Versicherungskammer Bayern.

Alfred Staller



32/2001