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Jahrgang 2007 Nummer 48

Von Traditionspflege bis zu reinem Kommerz

Der Brauch der Perchtenläufe in den Alpenregionen und seine Herkunft

Der Brauch der Perchtenläufe ist einer der bekanntesten Winterbräuche im Salzburger Land sowie im Süden Bayerns. Gleichzeitig gehört er aber zu den schwierigsten und vielfältigsten Kapiteln der Volkskultur. Die Wissenschaft ist sich über den Perchtenbrauch bzw. deren Ursprung nicht einig. Ich beziehe mich im Folgenden hauptsächlich auf die Ausführungen von Franziska Hager und Hans Heyn in ihrem Buch »Drudenhax und Allelujawasser – Volksbrauch im Jahresverlauf«. Die Perchtenläufer treten in Gruppen, Passen genannt, in den Raunächten in Erscheinung – ursprünglich, um die »Percht«, eine bayerisch-österreichische Sagengestalt, zu verjagen. Als Raunächte bezeichnet man die zwölf Nächte vom 25. Dezember bis 6. Januar – nicht zu verwechseln mit den Rauchnächten.

Die »Zwölfen«, die Zeit zwischen den Jahren, galt als friedfertigste Zeit, es ruhte jeder Streit, es durfte kein Gericht gehalten werden; wer an die Tür klopfte, dem wurde geöffnet. Im Volksglauben weilten an diesen Tagen die Himmlischen unter den Irdischen. Durch die Nacht stürmte am Himmel »'s wuide Gjaid«. Dieser Glaube war heidnisch und stammte aus vorchristlicher Zeit. Das »wuide Gjaid« wurde von einem Schimmel angeführt, den Wotan ritt; gefolgt vom Heer der Toten und einem Tross von Unholden und Nachtgeistern. Die jagenden Wolkenfetzen, wallenden Nebel und heulenden Winde deuteten die Menschen als jene Gespenster. Mit dabei auch die Frau Percht, vielfach als Wotans Frau gedeutet. In ihrem Gefolge befanden sich die ungetauft verstorbenen Kinder. »Die Zwölfen« erfüllten die Menschen mit Angst, zugleich verbanden sie damit aber Hoffnung. Denn die Flur, über die das Geisterheer hinweggefegt war, sollte im neuen Jahr reiche Ernte bringen.

Die »Zwölfen« gehen bis zum Dreikönigstag, dem Neujahrstag im Bauernkalender. Am Abend vorher hatten die Geister zum letzten Mal im Jahr Gewalt über Haus und Hof, Land und Leute. Mit verschiedenen Bräuchen und Ritualen sollten bis Dreikönig alle bösen Geister und Hexen aus Haus und Hof vertrieben werden, unter anderem durch das »Ausräuchern« – daher der Begriff Rauchnächte, der fälschlicherweise immer mit den Raunächten gleichgesetzt oder verwechselt wird. Wer vergaß, die Percht auszujagen, den schikanierte sie laut Sage das ganze Jahr. Die Nacht von 5. auf 6. Januar gilt daher ursprünglich als »Perchtennacht«.

Frau Percht, auch Perscht oder Behrt genannt, existiert als doppelgesichtige Gestalt. Sie ist Seelenbegleiterin und Schicksalsfrau. Sie übt soziale Kontrolle aus und schaut auf häusliche Ordnung. Sie straft einerseits, belohnt andererseits.

Manchenorts wird die Percht bei den Umzügen deshalb mit einer doppelseitigen Maske dargestellt. Andernorts gibt es dafür die »Schönperchten« und die »Schiachperchten« – eine Auslegung des Brauchs, die nicht dem Ursprünglichen entspricht. Im Volksglauben sind Perchten nämlich die in den Raunächten umherziehenden Geister der Toten. Beim Perchtenlauf sollen vermummte und in grauslige Masken verhüllte Gestalten diese Geister/Perchten vertreiben.

Galt die Percht in ihren Ursprüngen in der Antike als Schicksalsfrau und als Seelenbegleiterin, wurde sie mit der zunehmenden Christianisierung im Alpenraum zu Beginn des Mitteralters zur Gestalt der »domina Berchta«, eine Allegorie der »Luxuria«. Sie verkörperte die Trägheit und Verschwendungssucht. Besonders im 14. Jahrhundert wird sie in kirchlichen Schriften als abschreckendes Beispiel und als Mahnung hingestellt, um die Menschen vor der Sünde zu bewahren. Dazu setzte die Kirche auch die Teufel ein, die nun vermehrt auftreten. Ab dem 16. Jahrhundert wurde der Name Perchta auf die sie begleitenden Dämonen und Geister übertragen. Deren wildes Treiben wollte die Katholische Kirche in den folgenden Jahrhunderten als unchristlichen Aberglaube unterbinden. Mit der Säkularisation und einer sich ändernden Einstellung zur Volkskultur erlebte die Perchtenkultur im 19. Jahrhundert aber eine Renaissance.

Heute präsentiert sich der Perchten-Brauch in vielerlei Gestalt – von Traditionspflege bis zu reinem Kommerz. Auch werden immer mehr die Kramperl mit den Schiachperchten vermischt, wobei es sich um zwei verschiedene Gestalten aus völlig unterschiedlichen Bräuchen handelt, die ursprünglich auch ganz verschieden aussahen. Dennoch stehen sich heute Krampuspassen und Perchtenpassen bei Veranstaltungen gegenüber. Perchten tauchen an Nikolaus auf und Kramperl an Dreikönig. Während Wissenschaftler zum einen über Art und Größe der Masken und Kostüme diskutieren, versuchen sich die verschiedenen Gruppen und Passen auf der anderen Seite jährlich durch neue Masken und Symbole gegenseitig auszustechen. Vor allem im österreichischen Pongau gibt es jedoch noch viele traditionelle Passen und auch die Läufe dort haben noch strengere Regeln. In anderen Gegenden hat sich der Brauch aber zwischenzeitlich zu reinen Touristenattraktionen entwickelt. So haben sich auch beim Brauch des Perchtenlaufens unabhängig vom historischen Wissen neue Formen und Ausdeutungen entwickelt, die zum Teil ältere Formen ersetzen – vor allem aber neuen Bedürfnissen Raum und Form geben.

Der große »Pongauer Perchtenlauf« findet abwechselnd in St. Johann, Bischofshofen, Gastein und in Altenmarkt im Pongau statt. Mehr als 400 Perchten kommen aus der gesamten Region zusammen; in diesem Jahr am 30. Dezember in Bischofs-hofen.

Weitere Umzüge und Läufe sind am 1. Dezember in Gnigl und in Pfarrwerfen, am 2. Dezember in Laufen und Hallein, am 21. Dezember auf dem Salzburger Christkindlmarkt ab 17.30 Uhr, am 4. Januar in Mühlbach am Hochkönig sowie am 5. Januar in Golling und in Nonn bei Reichenhall (Perchtenlauf auf die Padinger Alm). Zum ersten Mal wird außerdem im heimischen Altenmarkt an der Alz ein »Perchtenlauf« stattfinden, initiiert von dem neuen Verein »Alztaler Perchten Pass«. Viele Passen – auch aus den Nachbarländern – haben ihr Kommen zugesagt. Die Perchten werden am 15. Dezember ab 18 Uhr durch die Altenmarkter Bahnhofstraße ziehen.

Kathrin Augustin



48/2007