weather-image
Jahrgang 2015 Nummer 17

Von Hutzenau nach Berlin

Zum 70. Todestag des Bauernbundpolitikers Georg Eisenberger

Georg Eisenberger
Georg Eisenberger in Berlin
Georg Eisenberger an seinem Todestag, dem 1. Mai 1945.

Unsere Volksvertreter im Deutschen Bundestag lassen vielleicht an Kleidung und sonstigem Habitus noch in etwa ihre politische Richtung erkennen, aber sicher nicht mehr, aus welchem Teil Deutschlands sie herkommen. Eine Ausnahme in der parlamentarischen Geschichte Deutschlands ist aber nicht nur in dieser Hinsicht der Reichstagsabgeordnete Georg Eisenberger. Im Bundesarchiv gibt es von ihm ein schönes Schwarz-Weiß-Foto, das auch in seinem Wikipedia-Eintrag zu sehen ist. Eisenberger geht in Tracht und Gamsbarthut durch Berlin, den Blick auf den Boden gerichtet. Eine auffällige Erscheinung. Hinter ihm eher großstädtisch gekleidete Menschen. Die Dame hinter ihm scheint sich zu fragen, wer diese auffällige Gestalt vor ihr ist.

Im Vergleich dazu wirken viele Volksvertreter heutzutage eher unauffällig, denn wer sitzt im Jahr 2015 noch im Trachtenanzug im Parlament? Die Tracht ist im politischen Raum für Bierzelte gut genug und für den Bundestag dagegen nicht. Bei Eisenberger wirkt sie authentisch. Wäre das Foto mit Stresemann statt Tracht retuschiert, fiele dies auf. Scheint nicht uninteressant zu sein, dieser Mann – aber wer war er?

Der Eintrag im Reichstags-Handbuch der 5. Reichstags-Wahlperiode von 1930 bis Mitte 1932, seiner letzten, lässt auf eine interessante Persönlichkeit und ein ausgefülltes, politisches Leben schließen. Die biographischen Angaben in diesem Handbuch und seine Wortmeldungen in den Protokollen der Reichstagssitzungen eröffnen zusammen mit den Lebenserinnerungen von Georg Eisenberger, die 2011 vom Institut für Bayerische Geschichte mit Erläuterungen von Dr. Johann Kirchinger herausgegeben worden sind, das Bild eines überzeugten und couragierten Vertreters der Interessen der kleineren und mittleren Landwirte, des Handwerks, des Mittelstandes und seiner bayerischen Heimat. »Eisenberger, Georg; Bauer in Hutzenau, Eisenbahnstation Ruhpolding, Wahlkr. 24 (Oberbayern-Schwaben). - Bayerischer Bauern- und Mittelstandsbund.« steht da im Handbuch. Es folgen die Rahmenkoordinaten seines Lebens. »Geboren am 28. März 1863 in Hutzenau, Gemeinde Ruhpolding, katholisch.« Dann kommen der Besuch der Volksschule (7 Jahre) und der Feiertagsschule (3 Jahre), die Tätigkeit im landwirtschaftlichen Anwesen seiner Eltern und als Holzarbeiter bei den Staatsforsten. 1892 übernahm Eisenberger das elterliche Anwesen. Das Handbuch vermeldet dazu die Erläuterung »kleiner Mittelbetrieb«. Das ist für Eisenberger wohl ein wichtiges Detail und beileibe kein populistischer Zusatz. Denn Eisenberger stammte aus einer sozialen Schicht, die damals mehrheitlich das Zentrum wählte. Das Zentrum war eine Partei, die tief im katholischen Milieu verankert gewesen ist und als beständige politische Kraft bei den Reichstagswahlen im Kaiserreich im Durchschnitt mit einem Fünftel der Stimmen auf ein Viertel der Mandate kam. Dies wurde durch die Einteilung der Wahlkreise begünstigt, die im Gegensatz zur heutigen Zeit nicht regelmäßig an Bevölkerungsentwicklung angepasst wurde. Die Wanderung in die wachsenden Großstädte führte also dazu, dass eine Stimme auf dem Land im Lauf der Zeit mehr Gewicht bekam.

Mit dem Zentrum waren die renitenteren Teile der oberbayerischen Bauernschaft aber in den 1890er Jahren nicht mehr zufrieden. Das hatte seine Gründe von innen und außen. Wir reden heutzutage viel von »Neoliberalismus « und »Globalisierung«. Damals standen vergleichbare Entwicklungen für die Gründung landwirtschaftlicher Interessensvereinigungen Pate. Bismarcks Nachfolger als Reichskanzler, Leo von Caprivi, betrieb eine Politik der Öffnung für ausländische Produkte, die der einheimischen Landwirtschaft etliche Nachteile brachte. Weil sich die bayerische Bauernschaft ihren norddeutschen Kollegen vor allem wegen deren großagrarischen Strukturen nicht anschließen wollte, führte dies im Königreich Bayern zur separaten Gründung bayerischer Verbände. Diese waren zunächst regionaler Natur und schlossen sich nach etlichen Auseinandersetzungen erst 1895 bzw. 1897 zu einem gesamtbayerischen Interessensverband zusammen. Das Programm des Bayerischen Bauernbundes vom 2. März 1895 sah die Kündigung der Meistbegünstigungsverträge allen Ländern gegenüber vor, »deren landwirtschaftliche Erzeugnisse den heimischen Produkten gefährliche Konkurrenz machen«. Von innen heraus motivierte insbesondere die Unzufriedenheit mit der Obrigkeit, die sich beispielsweise an althergebrachte Forstrechte nicht sonderlich gehalten zu haben scheint, die Bauern zur Gründung eines Interessensverbands. Zum Drama wurde dieser Interessensgegensatz bei der »Fuchsmühler Holzschlacht« in der Nähe von Tirschenreuth in der Oberpfalz Ende Oktober 1894, die Eisenberger in seinen Erinnerungen hervorhebt. Als die örtlichen Bauern nach jahrelangem Rechtsstreit mit dem örtlichen Gutsherrn Ludwig von Zoller zur Selbsthilfe griffen und im Wald Holz sammelten, rückte das Militär an. Zwei Tote, viele Verletzte und Verurteilungen wegen Landfriedensbruchs und Forstfrevel waren die Folge. Zwar amnestierte der Prinzregent Luitpold die Verurteilten, aber wir dürfen nicht unbesehen glauben, dass die sogenannte »gute alte Zeit« zu Jedermanns Vorteil war. Eisenberger fuhr ein halbes Jahr nach der Amnestierung als Versammlungsteilnehmer nach Fuchsmühl. Trotz Störungen durch Zentrumsanhänger und der Obrigkeit konnte die Zusammenkunft durchgeführt werden. In Eisenbergers Heimat hatte sich die Unzufriedenheit der Bauern bereits im Mai 1893 in der Gründung des Waldbauernbundes in Traunstein niedergeschlagen. Das »Traunsteiner Wochenblatt« wurde zum Verkündungsorgan der neu gegründeten Interessensvereinigung bestimmt.

Deren Gründung muss auf die etablierten Aktivisten des Zentrums eine alarmierende Wirkung gehabt haben. Eisenberger beschreibt sehr anschaulich eine Versammlung in Waging am See im Juni 1893, bei der der örtliche Pfarrer vergeblich versucht hat, die Versammlung zu beeinflussen. Die Zentrumspartei war auf dem Land an feste Mehrheiten gewohnt. Das Auftreten einer Konkurrenz, die an ihrer Stammwählerschaft naschte, führte zu teilweise erbitterten Auseinandersetzungen.

Eisenbergers erstes politisches Mandat war die Wahl in den Ruhpoldinger Gemeindeausschuss, 1899 gefolgt vom Amt des 2. Bürgermeisters und der Wahl zum Ersten Bürgermeister 1905. Dieses Amt übte Eisenberger bis 1919 aus und bekam für 25 Jahre im Gemeindeamt die Ehrenbürgerschaft. Das Reichstagshandbuch verzeichnet als weitere politische Stationen die Mitgliedschaft im Traunsteiner Distriktrat (dem heutigen Kreistag vergleichbar) von 1899 bis 1919.

Eisenberger wurde schon während seiner Zeit im Ruhpoldinger Gemeinderat überregional aktiv. Politische Heimat war der Bayerische Bauernbund, der sich ab 1922 Bayerischer Bauern- und Mittelstandsbund nannte und dessen Erster Vorsitzender er von 1911 bis 1930 gewesen ist. Zuvor hatte Eisenberger seit 1900 diese Interessensvereinigung gemeinsam mit anderen geführt. Als weitere öffentliche Ämter sind der »Pinzgauer Verband« und der »Pferdezuchtverein Traunstein« und der Vorsitz des Bayerischen Waldbauernbundes ab 1905 genannt. In diesem Jahr wurde Eisenberger Landtagsabgeordneter, dem er bis 1919 angehörte. Dann vollzog Eisenberger eine Zäsur in seinem politischen Leben, nämlich den Sprung auf die Reichsebene. Erste Versuche hatte er schon im Kaiserreich unternommen, wie im Sommer 1913 bei der Nachwahl im Wahlkreis Weilheim, die wegen des Todes des Zentrums-Abgeordneten von Thünefeld notwendig geworden war. Er scheiterte aber am Mehrheitswahlrecht. Die Umstellung auf das Verhältniswahlrecht in der Weimarer Zeit begünstigte seinen Einzug in die Volksvertretungen auf Reichsebene. Er war zunächst Mitglied der verfassunggebenden Nationalversammlung und dann Mitglied des Reichstags in dessen erster, dritter, vierter und fünfter Wahlperiode.

Seine Biographie erklärt das Wirken Eisenbergers für die Interessen der kleineren und mittleren Landwirtschaft, seine kritische Haltung zur Vormachtstellung Preußens im Deutschen Reich und als Folge sein konsequentes Eintreten für den Föderalismus und bei aller Neutralität in schulischen Belangen auch für sein katholisches Bekenntnis. Ein Blick auf die Redebeiträge Eisenbergers lohnt sich in mancherlei Hinsicht: die Stellung Bayerns und religiöser Bekenntnisse in der Weimarer Republik oder das aufgeheizte, politische Klima mit den extremen Positionen von rechts und links.

Eisenberger tritt erstmals in der Reichstagssitzung am 10. März 1919 in Erscheinung. Schwerpunkt seiner kurzen Rede, die er »als kleiner Gebirgsbauer« hält und wie weitere Wortmeldungen im Reichstag mit der knappen Anrede »Frauen und Männer!« eröffnet, ist die kritische Versorgungslage nach vier Monaten Waffenstillstand. Er schließt zwar mit einem Appell an das »Zusammenhalten«, übt aber deutliche Kritik am Verhalten der Großgrundbesitzer, die während des Ersten Weltkriegs Grund und Boden für den »Jagdsport« verwendet hätten. Sozialisierung sei in der Landwirtschaft schwierig, aber der Großgrundbesitz habe bisher wenig im Interesse der Bevölkerung geleistet und müsse aufgeteilt werden. Dafür bekommt Eisenberger »lebhaften Beifall« und Lob des vom SPD-Kollegen Sollmann für seine »vorzügliche Rede«. Im weiteren Verlauf seiner parlamentarischen Tätigkeit wird er noch mehrmals die Note »Sehr richtig!« von den Sozialdemokraten bekommen. Zwischen dem Bauern- und Mittelstandsbund und der SPD gab es nämlich durchaus Gemeinsamkeiten. Der linke Flügel des Bauernbundes hatte 1918 auch die Münchner Revolutionäre unterstützt.

Eisenbergers Haltung zum Großgrundbesitz setzt sich in der Reichstagssitzung am 26. Juli 1919 fort. Diese fand im aufgeheizten politischen Klima vier Wochen nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages statt. Einen Tag zuvor wurde eine äußerst aggressive Debatte über die Umstände geführt, die zum Waffenstillstand vom 11. November 1919 geführt hatten. Dabei tat sich besonders ein deutsch-nationaler Abgeordneter namens von Graefe mit persönlichen Angriffen gegen den Finanzminister Erzberger hervor. Eisenberger ging Graefe, einen Großgrundbesitzer aus der Nähe von Wismar, mit bayerischem Hintersinn an. Sein Beitrag macht seine ablehnende Haltung zur politischen Rechten, zum Militarismus und zur Monarchie deutlich. Der Inhalt seiner Aussage lässt an Deutlichkeit wenig vermissen. Schon vor 20 Jahren habe er darauf hingewiesen, dass der preußische Militarismus und der preußische Junkergeist Deutschland noch in eine große Gefahr bringen würden. Seine Bewegung, der Bayerische Bauernbund, habe damals schon nach internationalen Schiedsgerichten zur Austragung internationaler Streitigkeiten verlangt. Im Programm des Bayerischen Bauernbunds von 1920 war dieser Punkt als Teil der »Staatspolitik« dann auch ausdrücklich enthalten. Eisenberger setzte noch einen drauf: ohne den »Bürgerkrieg«, den Preußen 1866 geführt habe und der weder aus Notwehr noch wegen der Volksmeinung »entsprungen« oder »hervorgerufen« sei, hätte es weder den Krieg von 1870 noch den Ersten Weltkrieg gegeben. Das Protokoll vermeldet »Lachen rechts«. Man kann sich vorstellen, wie sich die gut gekleideten, feinen Herren von der Rechten hochnäsig über diesen älteren Mann amüsieren, der aus ihrer Sicht weder eine hohe Bildung noch ausreichend Kapital hat und dazu noch in dieser lächerlichen Tracht auftritt.

Eisenberger ließ sich davon nicht entmutigen und setzte seine Argumentation gegen die Rechten unerschrocken fort. Nicht die Revolution vom November 1918 sei an der Zermürbung des Heeres und am Zusammenbruch schuld, wie vom Kollege von Graefe behauptet. Eine Ursache seien die »Ungerechtigkeiten zwischen dem gemeinen Mann und dem Offizier«, die sich in unterschiedlicher Verpflegung gezeigt habe. Seine Partei habe dies bereits 1915 im Bayerischen Landtag moniert, was aber bei den Gesinnungsgenossen des Herrn von Graefe auf Ablehnung gestoßen sei. Und, laut Protokoll »nach rechts« gewandt: wenn von Graefe davon spreche, dass die Errungenschaften der Revolution noch nicht nachgewiesen seien, dann sei es schon eine »große Errungenschaft«, wenn die Herren »wieder aus ihren Mauslöchern herausgehen« könnten. Eisenberger machte im Anschluss deutlich, dass »wir und die Sozialdemokraten in den schlimmsten Zeiten recht waren, um die Ordnung aufrecht zu erhalten«. Die zivilcouragierte Levitenlesung setzt sich fort mit »Da haben Sie sich versteckt. Jetzt aber fühlen Sie sich wieder etwas wohler.«

Eisenberger war kein Feind des Militärs, aber des Militarismus. Das hat er mehrfach deutlich gesagt und 1927 den Bau der seinerzeit umstrittenen Panzerschiffe der Deutschland-Klasse konsequent abgelehnt. Als Vertreter des Bayerischen Bauern- und Mittelstandes könne er es nicht verantworten, diese »vielen überflüssigen Millionen« zu bewilligen, wenn man an die Not der Landwirtschaft und des Mittelstandes denke. Man wolle kein Geld »für die überflüssigen Offiziere bei der Marine« ausgeben und lehne deshalb den Bau der Panzerkreuzer ab. Eisenberger wies auf die hohen Gewinne der führenden deutschen Reedereien hin und dass die Zeiten des Seeräubertums »ja vorüber seien« und zog daraus die Folgerung, der Handel solle sich selber schützen. Wichtiger sei ohnehin die Stärkung der Landstreitkräfte, zum Beispiel gegen einen polnischen Angriff. Eisenberger rechnet an diesem 27. März 1928 anhand eines Zeitungsartikels auch vor, dass in der Verwaltung der Reichsmarine im Vergleich zu 1914 viereinhalb Mal so viele höhere Beamte beschäftigt seien. Die Kaiserliche Marine von 1914 war aber ungleich größer.

An diesem Vergleich ist die Parallele zum sogenannten »Parkinson´schen Gesetz« frappierend. Der britische Wissenschaftler Cyril Northcote Parkinson zeigte in etwa zur selben Zeit dasselbe Phänomen bei einer Untersuchung der britischen Royal Navy auf. Auch wenn diese nach dem Ersten Weltkrieg und den Washingtoner Flottenrüstungsabkommen etwas reduziert worden war und immer noch die stärkste Marine der Welt war, stand der Personalzuwachs im umgekehrten Verhältnis zur abnehmenden Flottenstärke. Ein Beweis, wie Verwaltung sich als selbst ausdehnendes Universum manifestiert. Das soll auch heutzutage noch ein Problem sein, wie auch die Reedereien wieder um staatlichen Schutz vor dem Piratentum ersuchen. Eisenberger liefert mit diesem Redebeitrag einen Beweis seines anschaulichen bayerischen Humors: bis die ersten Schiffe nach vier oder fünf Jahren fertig seien, wären sie schon veraltet. Zudem seien sie auf 10 000 Tonnen limitiert, während das Ausland Schiffe von 20 000 Tonnen bauen dürfe. Wagen mit 20 Ochsen könnten aber mehr Mist ziehen als solche mit 10.

Interessant sind auch die Gemeinsamkeiten mit den katholischen Kollegen von Zentrum und Bayerischer Volkspartei, denn in der Darstellung des Bauernbundes werden sonst eher die Unterschiede betont. Die Stammwählerschaft hatte ja großteils denselben Ursprung. Für Eisenberger war die Landwirtschaft der »Hauptfaktor der gesamten Volkswirtschaft«, im Bauernbundprogramm von 1920 ist sie schlichtweg das »Fundament der Volkswirtschaft«. Der BVP-Kollege Dirnreiter, der in der Sitzung vom 11. März 1924 direkt vor ihm sprach, bezeichnete sie als »Grundpfeiler jeden Staatswesens«. Auch in religiöser Hinsicht zeigen sich Gemeinsamkeiten. Das Bauernbundprogramm sah zwar die »Sicherung gegen die Wiedereinführung der geistlichen Schulaufsicht« im Schulgesetze vor, forderte aber auch die Übereinstimmung der staatlichen Gesetzgebung mit den sittlichen Grundsätzen des Christentums. Diesen Grundsätzen folgend, ging Eisenberger den Weltkriegs-General Ludendorff an, der während des Hochverrats-Prozesses gegen die Putschisten vom 9. November 1923 den Vatikan und die Kirche angegriffen hatte. Als »katholischer Bauer« erlaube er sich, »im Namen unserer Partei gegen die Verunglimpfungen Ludendorffs gegen den Vatikan und gegen den Katholizismus von dieser Stelle aus aufs Energischste zu protestieren«. Im Kampf gegen die katholische Kirche seien schon anderen Leuten mit viel eiserner Faust und mehr staatsmännischen Gedanken im Hirnkasten die »viel steiferen Hörner« abgebrochen. Gemeint ist wohl Bismarck und sein letztlich erfolgloser Kampf gegen das Zentrum, dessen bayerische Schwester in der Weimarer Zeit die BVP gewesen ist. Protestanten und Katholiken sollten zusammengehen. Dieser Wunsch wurde ihm erst nach den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges posthum erfüllt.

Den klassischen Interessensvertreter gibt Eisenberger am Nikolaustag 1930. In dieser Zeit ist das bereits erwähnte Foto entstanden und Eisenberger hatte sich nach 33 Jahren aus der Führung des Bauernbundes zurückgezogen. Er wendet sich gegen die Einfuhr billigen Holzes aus dem Ausland, namentlich der Sowjetunion oder der USA, die der einheimischen Holzwirtschaft viel Schaden zugefügt habe. Die wirtschaftliche Lage auf dem deutschen Holzmarkt sei sehr beängstigend. Wenn man Millionen von Festmetern für hunderte Millionen aus dem Ausland einschleppe, solle man auch für den einigermaßen rentablen Verkauf des deutschen Holzes sorgen. Das deutsche Holzwesen beschäftige vier Millionen Menschen und habe einen Kapitalwert von zehn Milliarden Reichsmark. Der deutliche Hinweis auf die Benachteiligung Bayerns bei den Reichsaufträgen bleibt natürlich nicht aus. Das Protokoll vermeldet an einigen Stellen »Heiterkeit« und zum Schluss von Eisenbergers Beitrag »lebhaften Beifall und Händeklatschen«. Man kann hier eine durchaus konsequente Linie konstatieren, denn siebeneinhalb Jahre zuvor hatte Eisenberger unmissverständlich klargestellt, dass er zwar mit Wirtschaftspolitik im nationalen Sinne einverstanden sei, nicht aber mit Wirtschaftspolitik im deutschvölkischen oder nationalsozialistischen Sinne.

Was bleibt von Georg Eisenberger für uns Menschen des aufgeklärten 21. Jahrhunderts? In unsere politischen Zuordnungskategorien, die immer noch von Links – Mitte – Rechts geprägt sind, lässt er sich schwer einstufen. Ein deutscher Patriot, der aber nach dem Motto »Bayern first!« verfährt? Ein bayerischer Katholik, der trotz der Distanz seiner Partei zu Zentrum und kirchlicher Schulaufsicht Papst und Kirche gegen Angriffe verteidigt? Ein bauernschlauer Lobbyist? Ein Traditionalist, der gegen die »saudumme neue Mode« hetzt, die »von der Stadt ins Land hinauskommt«, deren Träger »unsere ganze Naturschönheit verschandeln und verhunzen?« Ein überzeugter Gegner aufgeblähter Bürokratie, der den Einfluss der Juristen kritisiert (das Bauernbundprogramm von 1920 sah die Beseitigung des Anwaltszwanges vor, der noch heute für viele Gerichtsverfahren vorgeschrieben ist!) und der einerseits statt eines Ministerialrats oder eines Regierungsdirektors in den Kreisregierungen (den jetzigen Bezirksregierungen) als »altem Verschleppungsinstitut« und »reaktionärer Behörde« lieber »fünf oder sechs kleine Beamte mit ihren Familien« erhalten möchte? Einen Politakteur, der dringend Nachhilfe in Sachen Gender Mainstreaming braucht, weil er in schönem patriarchalischen Duktus trotz der Aussage, dass »Frauen mehr ins Wirtschaftsleben gehören«, moniert, dass man in einem bayerischen Finanzamt Kriegsinvaliden entlassen, aber die »Tippfräulein« behalten hat? Ein Populist oder ein leidenschaftlicher Verantwortungspolitiker nach dem Gusto von Max Weber, für den Volksnähe wichtiger ist als ideologisch frisch gestrichene Wunschvorstellungen in einem zeitgeistkompatiblem Parteiprogramm?

Wohl eher ein liberaler Demokrat mit konservativen Wurzeln, die seine politische Morphologie gleichermaßen prägen und der sich in unseren Zeiten in einer Parlamentspartei nur schwerlich wiederfinden und als Quergeist von denselbigen auch nicht aufgestellt werden würde. Der Schwerpunkt seines politischen Wirkens lag zwar auf der Klientel von Bauern und Mittelstand, aber seine Redebeiträge zeigen, dass er mehr war als nur ein bloßer Vertreter von Interessen seines Wählerklientels (wobei die eigentlich immer noch evidente Bedeutung von Handwerk und Landwirtschaft in Relation zu für medial gewandte Akteure relevanteren Themen wie Konzertsälen nach wie vor medial unterbelichtet scheint). Und im Gegensatz zu vielen gebildeteren Reichstags-Kollegen war er ein überzeugter Demokrat. Antisemitische Äußerungen waren aber auch ihm nicht fern. Am 11. März 1924 sagte er zur Besteuerung sinngemäß, dass man bei den »jüdischen Warenhäusern« weniger in die Substanz eingreife als beim Mittelstand. Dafür gab es ein »Sehr wahr!« von den Deutschvölkischen. Ein damals wie heute anrüchiges Lob.

Trotz dieser Aussage hätte die Weimarer Republik mehr Akteure wie Eisenberger gebraucht, nämlich Menschen, die bodenständigen Pragmatismus dem überhitzten, ideologiebeladenen, politischen Klima vorzogen. Der Vergleich der Eckdaten Eisenbergers mit den Angaben zur KPD-Abgeordneten Clara Zetkin veranschaulicht beispielhaft nicht nur die damalige politische Bandbreite im Reichstag. Er zeigt auch, dass ein noch so tiefes Fundament an der Basis im Gedächtnis der Nachwelt weniger haften bleiben kann als eine vergleichsweise eher ideologisch durchwirkte politische Vita. Bei Clara Zetkin erscheint nämlich kein kommunales Mandat im Reichstagshandbuch, sondern die Tätigkeit als Lehrerin, Dozentin und Verfasserin von Schriften zur Frauenfrage oder über Lenin. Nach Clara Zetkin sind aber im Gegensatz zu Eisenberger einige Straßen oder Schulen benannt. Dabei sind kommunalpolitische Erfahrungen ungeachtet der politischen Einstellung gerade heutzutage für eine Tätigkeit im Bundestag oder im Europaparlament ein wertvoller Grundstein. Menschen, die direkt vom Hörin den Plenarsaal wechseln, haben zumindest nicht das Fundament, das die Kommunalpolitik bietet. Ideologien mit ihren einfachen Weltsichten und sonstige Erscheinungsformen symbolverklebter Politik wirken indes mitunter attraktiver als das mühsame pragmatische Streben nach einem Bebauungsplan, der allen tangierten Interessen gerecht wird.

Eisenberger legte 1930 den Parteivorsitz nieder und kandidierte 1932 nicht mehr für den Reichstag. Damals war er 69 Jahre alt. Eisenbergers Partei, die sich in den späteren Weimarer Jahren mit anderen Gruppierungen zur »Deutschen Bauernpartei« zusammengeschlossen hatte, löste sich im April 1933 selbst auf. Zuvor hatten die beiden Abgeordneten, der Schwabe Fritz Kling und der Weihenstephaner Professor Anton Fehr wie alle anderen noch verbliebenen Abgeordneten mit Ausnahme der Sozialdemokraten für das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Fehr verlor seine Professur und wurde nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet. Beide waren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr politisch aktiv. Andere Abgeordnete des Bauernbundes in der Weimarer Republik gingen für die CSU in den Bayerischen Landtag, wie Josef Piechl, der auch Landrat des damaligen Landkreises Mainburg wurde, oder der Oberpfälzer Johann Eder.

Georg Eisenberger, der schon ein halbes Jahr vor dem Hitlerputsch in der Reichstagssitzung am 24. März 1923 vor der »Phrasendrescherei der Hitlerbuben, deren Bewegung leider in ihrer Bedeutung von unserer Regierung unterschätzt worden ist« und die »das Wirtschafts- und Ernährungsproblem, scheint´s, in der Weise lösen wolle, dass man alle Juden aufhängt«, gewarnt und das »monarchistische Gewinsel und deutschvölkische Geplärr« treffend vernichtend als untauglich zum Füllen der »hungrigen Mägen des deutschen Volkes« kritisiert hatte, zog sich in seine Heimat zurück. Dort ist er 82-jährig am 1. Mai 1945 gestorben. Tags zuvor hatte Hitler sich durch Selbstmord seiner Verantwortung für die beispiellosen Verbrechen seiner Gewaltherrschaft entzogen. Die Amerikaner hatten zu diesem Zeitpunkt München befreit und rückten gegen die Alpen vor und am 5. Mai in Ruhpolding ein. Eine Woche nach Eisenbergers Tod war der Krieg in Europa endlich zu Ende. Sein politisches Wirken zeigt, dass damals wie heute eine selbstbewusste Verankerung in Herkunft und Tradition und eine demokratische Handlungsweise ein gutes Fundament sein können. Denn wir bewerten die Menschen zwar aus der Sicht unserer Tage. Verstehen können wir sie aber am besten
in ihrer Zeit.


Rainer Schmid


17/2015